Aus: "Mahlzeit!", Juli 1992

(Nicht nur) Geschichten aus Backstube und Bauernhaus

Eine Literaturbesprechung ausgerechnet in der "Mahlzeit!"‚ wo es doch hier um Naturkost, Naturwaren und gesunde Ernährung geht? - Dies ist nur im ersten Moment verwunderlich. Oskar Maria Graf wurde 1894 als Sohn eines Bäckermeisters und einer Bauerntochter in Bayern geboren.

Aus seiner Herkunft ergeben sich auch die Themen, die er in seinen Kurzgeschichten und Romanen hauptsächlich anspricht und die auch in der "Mahlzeit!" eine Rolle spielen: Das Leben auf dem Lande, die Beziehung zwischen Provinz und Großstadt, die Nöte der Bauern.

Oskar Maria GrafSchon als kleiner Junge mußte er in der elterlichen Bäckerei mithelfen. Sein Vater war Hoflieferant des legendären König Ludwig ll. von Bayern, was in einigen seiner Geschichten erwähnt wird. Die harte Arbeit und das Herumkommandieren in der Bäckerei hatte Oskar bald satt und ging mit 17 Jahren nach München, wo er Schriftsteller werden wollte. Nach einigen Mißerfolgen wurden seine deftigen Dorfgeschichten und erotischen Schwänke gedruckt. Eine Sammlung erschien später in dem Buch "Das bayrische Dekameron".

Von nun an wurde er in der Münchner Gesellschaft als bayrischer Naturbursche und Original herumgereicht. Grafs Auftritte als trinkfester Provinzler in Lederhosen haben viele dazu verleitet, in ihm nur das "Urvieh aus Bayern" zu sehen. Doch dies war nur ein Teil der Wahrheit. Seine hemdsärmelige bierkrugsstemmende Deftigkeit war Ausdruck einer bäuerlichen Respektlosigkeit gegenüber der Welt der lntelektuellen und scheinbar Gebildeten und sollte provozieren! Graf kam ohne komplizierte Erzähltechniken aus und lehnte modische Experimente mit literarischen Formen ab.

Mit seiner 1927erschienen Autobiographie "Wir sind Gefangene", in der er die Zerschlagung der bayrischen Räterepublik beschreibt, schafft er international den Durchbruch als Schriftsteller.

Veranstaltungsheft zum 100. Geburtstag von OMGEr erweist sich als sorgfältiger Beobachter des Dorflebens und Chronist von Familienschicksalen; zum Beispiel in "Die Chronik von Flechting". Urwüchsig und naturverbunden spielt bei ihm das einfache Volk die Hauptrolle. ln "Der harte Handel" flechtet Graf politische Geschehnisse und ökonomische Umbrüche, die das Leben in der Provinz verändern, geschickt in die Handlung ein. Die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise machten den Bauern zu schaffen. Da zündet in seiner Not ein Landwirt seinen alten Hof an, um die Brandversicherung zu kassieren, wird erwischt und landet im Gefängnis ...

Die ehemalige Lebendigkeit des Dorfes und die Fülle an originellen Gestalten geht mit der Zeit verloren. Die Geldwirtschaft durchdringt die Landwirtschaft. Menschen werden zunehmend habgieriger und egoistischer. In seinen Romanen und Geschichten vermittelt er mit seinen enormen sozialpsychologischen Kenntnissen ein ungeschöntes Bild von der Wirklichkeit. Genüßlich werden die Autoritäten bloßgestellt.

In seinem großartigen Dorfroman "Unruhe um einen Friedfertigen" hält sich ein zugereister Schuster während der Weimarer Republik jahrelang aus allen möglichen Konflikten heraus, um seine jüdische Herkunft zu verbergen und Unannehmlichkeiten zu vermeiden. Seine Anpassung und sein Versteckspiel helfen ihm nicht. Eine unerwartete Erbschaft lenkt die Aufmerksamkeit auf ihn. Seine wahre Identität wird entdeckt und der arme Schuster wird von den Nazis getötet. Hier zeigt Graf, wie das in Tradition verwurzelte Volk auf dem Lande in den Strudel machtpolitischer Auseinandersetzungen gerissen wird, sich polarisieren läßt, abstruse Feindbilder entstehen. Am Beispiel des jüdischen Schusters wird deutlich, daß Anpassung keine Lösung des Problems sein kann. Wer nicht zum Widerstand fähig ist, wird Opfer.

 

Der ewige KalenderAls antifaschistischer Schriftsteller muß Graf aus Deutschland fliehen und verbringt nach verschiedenen Zwischenstationen den Rest seines Lebens in New York. Unter dem Eindruck der Schrecken des 2. Weltkrieges schreibt er seinen utopischen Roman "Die Erben des Untergangs". Nach der weitgehenden Zerstörung der Erde durch einen Atomkrieg versuchen Teile der Überlebenden eine humane Gesellschaft aufzubauen. Die Gruppe der "Stillen" ändert jedoch nicht durch autoritäre Krisenlösungen von oben die Welt, sondern durch ihr vorbildliches gewaltfreies Handeln. In seiner Aufsatzsammlung "An manchen Tagen" wird ebenfalls Grafs pazifistische Grundeinstellung deutlich, indem er auf das Wirken von Tolstoi und Gandhi hinweist.

Bis zu seinem Tod 1967 bleibt er im New Yorker Exil. Mehrmals besuchte er für einige Wochen Deutschland. Er verachtete jedoch die engstirnige materielle Protzerei des bundesdeutschen Wohlstandbürgers und zog es vor, in den USA zu bleiben. Der Süddeutsche Verlag/List Gruppe hat seit den 70er Jahren diesen bedeutenden Volksschriftsteller einem größeren LeserInnenkreis bekanntgemacht. Zum 25. Todestag Grafs am 28. Juni 1992 legte er eine preis- und lesenswerte zehnbändige Werkausgabe vor, die jedermensch empfohlen werden kann.

Zehnbändige Werkausgabe zum Preis von 148 DM bis zum 31. 12. 1992, danach für 198 DM; Süddeutscher Verlag/List Gruppe: An manchen Tagen, Das Bayrische Dekameron, Die Chronik von Flechting, Die Erben des Untergangs, Die Flucht ins Mittelmäßige, Die gezählten Jahre, Der harte Handel, Jedermanns Geschichten, Unruhe um einen Friedfertigen, Wir sind Gefangene.

Anmerkung

"Mahlzeit!" war eine "Kundenzeitschrift im Naturkostfachhandel". Sie wurde in Krefeld herausgegeben und erschien in einer Auflage von 35.000 Exemplaren.

Insgesamt habe ich fünf Artikel über Oskar Maria Graf geschrieben. Hier sind die vier Anderen einzusehen:

"Schuhplattler auf dem Vulkan. Oskar Maria Graf und die Sowjetunion" (Aus: "Graswurzelrevolution", Nr. 181, Oktober 1993):

http://www.machtvonunten.de/literatur-und-politik.html?view=article&id=87:schuhplattler-auf-dem-vulkan&catid=13:literatur-und-politik

 

"Oskar Maria Graf zum 100. Geburtstag" (Aus: "Naturfreunde", Nr. 4, 1994):

http://www.machtvonunten.de/literatur-und-politik.html?view=article&id=24:oskar-maria-graf-zum-100-geburtstag&catid=13:literatur-und-politik

 

"Oskar Maria Graf: Der Lackl vom Land" (Aus: "Bauernstimme", Januar 1992):

http://www.machtvonunten.de/literatur-und-politik.html?view=article&id=91:oskar-maria-graf-der-lackl-vom-land&catid=13:literatur-und-politik

 

"Der ewige Kalender" von Oskar Maria Graf. (Aus: "Unabhängige Bauernstimme", Januar 1994):
http://www.machtvonunten.de/literatur-und-politik.html?view=article&id=98:der-ewige-kalender-von-oskar-maria-graf&catid=13:literatur-und-politik

 

Und zusätzlich noch der Leserbrief: "Oskar Maria Grafs Roman 'Der Abgrund'" vom 22. 9. 2000 in "junge Welt":

http://www.machtvonunten.de/leserbriefe.html?view=article&id=261:oskar-maria-grafs-roman-der-abgrund&catid=24:leserbriefe

 

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