Aus: "Motteck. Hammer Stattzeitung", Nr. 2, Februar 1979

Erich Mühsam: Sich fügen heißt Lügen

Zum 100. Geburtstag von Erich Mühsam!

Erich Mühsam schrieb über sich selber: "Geboren 1878 in Berlin; Kindheit, Jugend, Gymnasialbesuch in Lübeck; unverständige Lehrer. Niemand, der die Besonderheit des Kindes erkannt hätte, infolgedessen: Widerspenstigkeit, Faulheit, Beschäftigung mit fremden Dingen.

Erich MühsamFrühzeitige Dichtversuche‚ die weder in der Schule noch im Elternhaus Förderung finden, im Gegenteil als Ablenkung von der Pflicht betrachtet werden und deshalb im geheimen geübt werden müssen. Dumme Jungenstreiche, zuletzt - als Untersekundaner - geheime Berichte über Schulinterna an die sozialdemokratische Zeitung; daher wegen 'sozialistischer Umtriebe' Relegation. Ein Jahr Obersekunda in Parchim (Mecklenbg.)‚ dann Apothekerlehrling in Lübeck; 1900 Apothekergehilfe an verschiedenen Orten, zuletzt in Berlin."

Von 1901 an lebte Mühsam als freier Schriftsteller in Berlin. Er gehörte bald zur Autorengruppe "Die neue Gemeinschaft", wo er auch Gustav Landauer kennenlernte‚ der grossen Einfluß auf ihn hatte und von dem er später schrieb: "Die Klärung meiner Ansichten verdanke ich meinem Freunde Gustav Landauer; er war mein Lehrer, bis ihn die weissen Garden ermordeten, die eine sozialdemokratische Regierung zur Niederzwingung der Revolution nach Bayern gerufen hatte."

Mühsam schrieb für verschiedene anarchistische Zeitschriften. Es erschien der Gedichtband "Die Wüste", ein Kinderbuch und verschiedene Theaterstücke. Er schrieb Kabaretttexte und trat auch selbst auf. 1908 übersiedelte er nach München und gründete die Zeitschrift "Kain. Zeitschrift für Menschlickeit". Er war gleichzig Herausgeber, Verleger und Autor. "Kain" erschien bis zum Ausbruch des Krieges und später noch einmal während der bayrischen Revolution vom November 1918 bis April 1919.

 

Erich Mühsam, Zeichnung von Eduard BaudrexelMühsam kam bereits 1906 in Konflikt mit Staat und Polizei: Er wurde zu einer Geldstrafe von 500 Mark verurteilt, weil er ein Flugblatt verteilt hatte, welches zum Generalstreik aufforderte. 1910 stand er vor Gericht‚ weil er das "Lumpenproletariat" aufwiegelte. Anfang 1918 weigerte er sich, eine Arbeit im "vaterländischen Hilfsdienst" anzunehmen und wurde bis zum Ende des Krieges ins Gefängnis gesteckt.

Über sein Verhältnis zum Staat schreibt er: "Im Staat erkannte ich früh das Instrument zur Konservierung all der Kräfte, aus denen die Unbilligkeit der gesellschaftlichen Einrichtungen erwachsen ist. Die Bekämpfung des Staates in seinen wesentlichen Erscheinungsformen: Kapitalismus, Imperialismus‚ Militarismus‚ Klassenherrschaft‚ Zweckjustiz und Unterdrückung in jeder Gestalt war und ist der Impuls meines öffentlichen Wirkens."

Nach dem Krieg beteiligte sich Mühsam aktiv an der bayrischen Revolution und an der Ausrufung der ersten Räterepublik. Bereits am 15. April 1919 wurde er anläßlich eines sozialdemokratischen Putsches verhaftet und ins Gefängnis gebracht. In einem Hochverratsprozeß wurde er zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt, welche er in der Festung "Niederschönenfeld" absitzen mußte, wo die meisten Sozialisten, die sich an der Räterepublik beteiligt hatten, inhaftiert waren. 1924 kam er auf Grund einer Amnestie frei. Gleichzeitig wurden auch Hitler und andere Nazis entlassen. Mühsam: "Während man uns in der Festung Niederschönenfeld wie Zuchthäusler behandelte, konnten die NS-Putschisten in der Festung Landsberg Parteisitzungen abhalten ..."

 

"Kain", von Mühsam herausgegebene ZeitungIn den folgenden Jahren hielt er Vorträge über Klassenjustiz auf Veranstaltungen der "Roten Hilfe" (Gefangenenhilfsorganisation der KPD), obwohl ihn einige Anarchisten und Syndikalisten kritisierten, weil die "Rote Hilfe" sich nicht für inhaftierte Anarchisten in Russland einsetzte. In Rußland wurden unter Lenin‚ Trotzki und Stalin zehntausende von Anarchisten und Sozialrevolutionären sogar ermordet. Mühsam arbeitete trozdem weiter, erklärte aber: "Das Verlangen nach der Freilassung politischer Gefangener darf nicht vor den Grenzen Rußlands verstummen." Als sich die Rote Hilfe 1929 ganz auf die stalinistische Parteilinie festlegte, trat Mühsam aus.

Schon 1927 kritisierte er in seinem Aufsatz "Bismarckmarxismus" die Marxisten in SPD und KPD: "Bismarck praktizierte den Obrigkeitsstaat (...) ‚ Marx kopierte in Partei und Gewerkschaft die Disziplin und den Drill, die Subordination und Schnauzerei des Kasernenstaates und übernahm von der katholischen Kirche die Unfehlbarkeit des Papstes ..."

In jenen Jahren erschienen 59 Ausgaben seiner Zeitung "Fanal"‚ die Broschüre "Gerechtigkeit für Max Hoelz", das Theaterstück "Staatsräson" (über Sacco und Vanzetti)‚ sowie weitere meist politische Gedichte.

 

"Fanal" von Mühsam herausgegebene Zeitschrift1933 wurde Mühsam von den Nazis verhaftet und 17 Monate durch Gefängnisse und Lager geschleppt. Man hatte es auf ihn besonders abgesehen: er war Jude und Anarchist und er hatte sich an der Räterepublik beteiligt. Am 9. Juli 1934 wurde er umgebracht. Seine Frau Zenzl‚ die Hitlers Schergen entkommen war‚ ging entgegen Mühsams Wünschen und den Warnungen ihrer Freunde nach Rußland‚ wo man ihr die Herausgabe seines umfangreichen Nachlasses versprach. Zenzl Mühsam wurde in Rußland verhaftet und verbrachte 15 Jahre in stalinistischen Lagern und Gefängnissen. 1955 konnte sie in die DDR ausreisen‚ wo sie 1962 starb.

Der Nachlaß von Erich Mühsam wurde nicht veröffentlicht und befindet sich immer noch im Moskauer Gorki-Institut. Erich Mühsam ist für bürgerliche Demokraten und Staatssozialisten immer noch suspekt; er ist ein undogmatischer und unprovinzieller Provokateur‚ ein glühender Polemiker und - ein Anarchist.

 

 

Erich Mühsam: "Der Revoluzzer" (1907)

Der deutschen Sozialdemokratie gewidmet

Erich MühsamWar einmal ein Revoluzzer,

im Zivilstand Lampenputzer;

ging im Revoluzzerschritt

mit den Revoluzzern mit.

 

Und er schrie: 'Ich revolüzze!'

Und die Revoluzzermütze

schob er auf das linke Ohr,

kam sich höchst gefährlich vor.

 

Doch die Revoluzzer schritten

mitten in der Straßen Mitten,

wo er sonst unverdutzt

alle Gaslaternen putzt.

 

Sie vom Boden zu entfernen,

rupft man die Gaslaternen

aus dem Straßenpflaster aus,

zwecks des Barrikadenbaus.

 

Aber unser Revoluzzer schrie:

'Ich bin der Lampenputzer

dieses guten Leuchtelichts.

Bitte, bitte, tut ihm nichts!

 

Wenn wir ihn' das Licht ausdrehen,

kann kein Bürger nichts mehr sehen,

laßt die Lampen stehen, ich bitt!

Denn sonst spiel ich nicht mehr mit!'

 

Doch die Revoluzzer lachten,

und die Gaslaternen krachten,

und der Lampenputzer schlich

fort und weinte bitterlich.

 

Dann ist er zu Haus geblieben

und hat dort ein Buch geschrieben:

nämlich wie man revoluzzt

und dabei noch Lampen putzt.

 

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