Aus:"Graswurzelrevolution" Beilage "Libertäre Buchseiten" Nr. 478, April 2023

Krise, Katastrophe, Kollaps – Hoffnung?

"Nun lass dich mal nicht von den Kollapsologen verrückt machen, der Weltuntergang wird so schnell nun auch wieder nicht kommen", sagte mir ein Freund, der vor Kurzem selbst noch einen längeren Artikel über die bedenkliche Lage am Amazonas geschrieben hatte. Als ich ihm von dem Buch "Wie alles zusammen brechen kann" erzählte, war er offensichtlich besorgt, dass ich in einer Überreaktion womöglich beginnen würde, Unmengen von Konservendosen zu horten oder politisch zu resignieren.

Pablo Servigne, Raphaël Stevens: „Wie alles zusammenbrechen kann. Handbuch der Kollapsologie“Beim Lesen des 2015 in Frankreich erschienenen und jetzt von Lou Marin (1) übersetzten Buches wird schnell klar, dass die beiden Autoren Pablo Servigne und Rahaël Stevens keinen unabänderlichen Pessimismus verbreiten, sondern es ihnen um eine realistische Einschätzung der Lage geht, um vorausschauend handeln zu können. Sie tragen vielmehr das Wissen über mögliche Kollapse auf der Grundlage fundierter Erkenntnisse zusammen.

Es sprechen alle Anzeichen dafür, dass folgenschwere Unglücksereignisse viel schneller und heftiger eintreten werden, als es sich die meisten Menschen bisher vorgestellt haben. Dabei handelt es sich nicht nur um die Klimakatastrophe im engeren Sinn, sondern auch um damit einhergehende geopolitische Spannungen, Verteilungskämpfe, Kriege und eine Fülle von ernsten Umwelt- und Energieproblemen, Lebensmittelkrisen, Hungersnöte, Pandemien, Artensterben, Zusammenbrüche von Finanzsystemen. Fakten und Szenarien werden in dem Buch ausführlich dargestellt und in mehreren Vor- und Nachworten auf den neusten Stand gebracht.

All diese Krisen stehen miteinander im Zusammenhang, beeinflussen und verstärken sich gegenseitig. Die oft von SpezialistInnen voneinander isoliert betrachteten einzelnen Aspekte suggerieren eine allzu einfache begrenzte "Lösung" eines separaten Problems und führen zu einer zu optimistischen Verzerrung der Sichtweise. Die reale Welt ist jedoch keine Ansammlung voneinander getrennter Risiken.

Die Autoren betonen, dass sich die bisherigen Vorhersagen der KlimaforscherInnen als erschreckend zuverlässig herausstellten und schon für dieses Jahrzehnt die Überschreitung der 1,5 Grad-Grenze voraussagen. Hinzu kommt, dass jenseits der Zwei-Grad-Grenze Kipppunkte überschritten werden können, die nicht wiedergutzumachende Brüche in den Ökosystemen bewirken. Die Folge können gigantische Dominoeffekte sein, die sich in kurzer Zeit kaskadenhaft aufschaukeln und zu massiven Zusammenbrüchen der industriellen Zivilisation führen werden. Die fragilen Systeme brauchen immer länger, um sich zu erholen, sodass es keine Rückkehr zu einem ersehnten "Normalzustand" mehr gibt, sondern dass die Gesamtsituation in eine schnelle Abfolge von extremen Notsituationen mündet.

Foto: Horst BlumeDas Zeitfenster für noch verbleibende Möglichkeiten, diese Entwicklung aufzuhalten, verschließt sich gerade in Windeseile. Die Vorstellung, dass wir nur mit etwas mehr Alternativenergie, Energiesparen und neuen Technologien die Probleme in den Griff bekommen könnten, ist nach Ansicht der Autoren illusionär. Selbst wenn theoretisch von heute auf morgen alle CO2-Emissionen und umweltschädlichen Prozesse vollständig gestoppt würden, werden sie ihre zerstörerische Kraft noch jahrzehntelang beibehalten. Es ist offensichtlich, dass selbst die ökonomische Verlangsamung des Wirtschaftslebens durch den pandemiebedingten Lockdown längst nicht für die notwendige Reduktion der Treibhausgase ausreichend war.

Notwendig wäre eine radikale Wirtschaftsschrumpfung und ein völliger Umbau des bisherigen Wirtschaftens. Denn selbst "alternative" und "nachhaltige" Produkte würden Energie und Ressourcen verbrauchen. Weil es keinerlei Anzeichen gibt, dass dies in der erforderlichen Konsequenz geschieht, ist es nach Ansicht der Autoren inzwischen unmöglich geworden, dass die Katastrophen nicht stattfinden.

Foto: Horst BlumeEin zusätzliches Problem haben Servigne und Stevens zwar mehrmals kurz erwähnt, aber in ihrer ganzen Tragweite nicht ausreichend erfasst. Das Buch wurde vor dem Ukrainekrieg geschrieben, sodass sie die Kämpfe an den Atomkraftstandorten Tschernobyl und Saporischschja nicht auswerten konnten. Neben dieser extremen unmittelbaren Gefahr müssten Verseuchung und Verstrahlung in unzähligen Uranabbaugebieten, Forschungsreaktoren, Tausenden von maroden stillgelegten und in Betrieb befindlichen Kraftwerksblöcken, Atommülllagerstätten, Atom-U-Boten und Atombomben noch stärker beachtet werden.

Die beiden Autoren beschreiben anschaulich, dass es in den letzten Jahrzehnten weltweit immer Wichtigeres zu tun gab, als effektive Klimaschutzmaßnahmen in die Wege zu leiten. Im US-Bundesstaat North Carolina war es sogar noch vor Kurzem unter Strafe gestellt, öffentlich über die Anhebung des Meeresspiegels zu diskutieren! Reale Bedrohungen wurden nicht nur nicht ernst genommen, sondern die Verbreitung von wichtigen Informationen verhindert.

Auf der anderen Seite wird in dem Buch beschrieben, wie schwierig es ist, mit den gewonnenen Erkenntnissen umzugehen, wirksame Strategien gegen die Klimakatastrophe zu entwickeln und sich selbst darauf einzustellen. Ohnmachtsgefühle, dass die Welt auf ein schreckliches Ende zusteuert und das Auftauchen von egoistischen Preppern, die sich mit Waffen, Bunkern und gehorteten Lebensmitteln vorbereiten sind Phänomene, die allerdings nicht weiterhelfen.

Auf ihren Veranstaltungen bemerkten die beiden Autoren neben Betroffenheit und Sorge gleichzeitig aber auch eine gewisse Erleichterung, dass nun klar ist, was uns erwartet und damit naheliegende Aktivitäten vorgezeichnet sind. Sie räumen mit dem Vorurteil auf, dass bei schlimmen Katastrophen ein Kampf Jeder gegen Jeden vorprogrammiert sei. Vielmehr hat sich gezeigt, dass bei oder nach solchen Ereignissen die Bereitschaft zur gegenseitigen Hilfe erfahrungsgemäß groß ist. Aktuelles Beispiel ist in der BRD die Hilfsbereitschaft mit den Betroffenen der Flutkatastrophe im Ahrtal.

Foto: Horst BlumeUm von verletzlichen Großsystemen unabhängig zu sein und die kommenden Schockereignisse besser zu überstehen, wäre es sinnvoll, sich auf allen möglichen Ebenen in kleineren regionalen Einheiten selbst zu organisieren und zu versorgen und in basisdemokratischen Netzwerken kleine Systeme der Resilienz auf lokaler Ebene aufzubauen. Es muss versucht werden, die Zerstörungen und das ausufernde industrielle Wachstum zu verlangsamen, um die Klimaerwärmung abzuschwächen und Zeit zu gewinnen, sich an die veränderten Lebensbedingungen anzupassen.

Es gilt, hier und jetzt gemeinsam eine neue Welt zu erfinden und kreativ auszugestalten und dabei an die libertär-sozialistische Utopie des Ökoanarchismus anzuknüpfen. Diese Herangehensweise ist das Gegenteil von Fatalismus, Passivität und Pessimismus. Gleichwohl sollte realistischerweise klar sein, dass es ein großes Glück wäre, wenn es nicht ganz so schnell, wie zu befürchten ist, zu unumkehrbaren Ereignissen kommen würde, sodass der menschlichen Zivilisation ein bescheidener "langsamer Niedergang" mit Überlebensperspektive möglich wäre.

Gut, dass Servigne und Stevens dies in ihrem Buch so klar und eindringlich gesagt haben!

Pablo Servigne, Raphaël Stevens: "Wie alles zusammenbrechen kann. Handbuch der Kollapsologie". Übersetzt von Lou Marin, Mandelbaum Verlag, Wien 2022, 22 Euro, 316 Seiten, ISBN 978385476-920-0

Anmerkung:

1) Siehe auch Lou Marins Artikel in "Graswurzelrevolution" Nr. 461:

https://www.graswurzel.net/gwr/2021/09/erscheinungen-des-weltweiten-zusammenbruchs/

 

Buchvorstellung im Mandelbaumverlag:

https://www.mandelbaum.at/buecher/pablo-servigne-raphael-stevens/wie-alles-zusammenbrechen-kann/

 

Weitere Infos:

Pablo Servigne, Raphaël Stevens haben auch in dem philosophischen Wirtschaftsmagazin "agora 42" (01/2023) den fünfseitigen Artikel "Warum man sich mit dem Zusammenbruch auseinandersetzen muss" geschrieben. Die gesamte Ausgabe beschäftigt sich mit dem Thema "Zusammenbruch":

https://agora42.de/shop/1-2023-zusammenbruch/

Siehe auch Artikel von Horst Blume in "THTR-Rundbrief" Nr. 155:

https://www.reaktorpleite.de/?view=article&id=1329:thtr-rundbrief-nr-155-dezember-2022&catid=76:rundbriefe-2022#Thema1

Hier eine kritische Betrachtung in "Moins! Zeitschrift für politische Ökologie" (Schweiz): "Menschliche Zivilisation vor dem Aus?"

https://www.inprekorr.de/574-kollaps.htm

Östermanns Blog: "Kipppunkte, Kollaps und die Ethik der Vorausschau"

https://oestermann.wordpress.com/2021/01/11/sensoren-22-kipppunkte-kollaps-und-die-ethik-der-vorausschau/

Französisches Wikipedia zur Kollapsologie:

https://de.frwiki.wiki/wiki/Collapsologie

Deutsches Wikipedia zum Buchautor Pablo Servigne:

https://de.wikipedia.org/wiki/Pablo_Servigne

 

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