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zum Originalbeitrag vom August 2020

Hamm: Rechtsextremist bei der Polizei unter Terrorverdacht

Polizist und mutmaßlicher Unterstützer der Gruppe S. lobte Homepage der Hammer Polizeihistoriensammlung mit: "wirklich gut gelungen"

Sechs Tage vor dem rechtsextremistischen Terroranschlag in Hanau fanden am 13. Februar 2020 in Hamm und in anderen Städten Hausdurchsuchungen bei den Mitgliedern der seit fünf Monaten observierten rechtsterroristischen "Gruppe S." statt.

Polizeimitarbeiter Thorsten Wollschläger aus Hamm gehörte zu dieser Gruppe und befindet sich seitdem in Untersuchungshaft. Die Hammer Polizei ist von dieser Aktion vorher nicht informiert worden und war dementsprechend überrascht. Die "Gruppe S." hat sich innerhalb weniger Monate bewaffnet, soll Schießübungen abgehalten und Mordanschläge auf Muslime und Moscheen sowie auf prominente Politiker und Antifaschisten geplant haben (1).

Im ersten Teil dieses Artikels zeichne ich die aktuelle Entwicklung in Hamm nach und weise auf einige in der Öffentlichkeit bisher wenig beachtete Aspekte hin. Im zweiten Teil beleuchte ich den von bestimmten Hammer Akteuren bereiteten ideologischen Nährboden, auf dem der Rechtsextremismus so gut gedeihen konnte. Und im dritten Teil gehe ich der Frage nach, inwieweit die Hammer Polizeihistorienseite, die von dem Polizisten Thorsten Wollschläger im Gästebuch gelobt worden ist, unter Umständen seinem ideologischen Weltbild in einigen Aspekten durchaus entgegengekommen ist, in einigen Aspekten bestätigt haben könnte oder ihm nicht allzuviel energisch entgegenzusetzen hat.

Polizeipräsidium in Hamm, Bockum-Hövel, Foto: Horst Blume

I. Polizei erkennt keinen rechtsradikalen Polizisten

Thorsten Wollschläger war Unterstützer der "Gruppe S." und wollte 5.000 Euro für den Kauf von Waffen bereitstellen (2). Wikipedia schreibt: "Nach SWR-Recherchen teilte er im März 2018 eine Zitattafel mit dem Bild einer Pistole und dem Text: 'Lieber Polizist, das da ist deine Dienstwaffe! Die ist nicht nur zum Angucken da, die soll uns und dich beschützen und deshalb benutze sie auch endlich! Wenn du das nicht willst und kannst, gib sie uns, wir werden sie mit Sicherheit gegen jedes Gesindel einsetzen! Schönen Gruß, dein Volk und Dienstherr!' Im Oktober 2019 teilte er folgendes Zitat: „Wir müssen von Zeit zu Zeit Terroranschläge verüben, bei denen unbeteiligte Menschen sterben. Dadurch lässt sich der gesamte Staat und die gesamte Bevölkerung lenken. Das primäre Ziel eines solchen Anschlags sind nicht die Toten, sondern die Überlebenden, denn die gilt es zu lenken und zu beeinflussen. (3)"

Arbeitsbereich: Waffenscheine

2013 und 2014 arbeitete Thorsten Wollschläger in dem Bereich "Waffenrechtliche Erlaubnisse" (Waffenscheinausstellung) im Hammer Polizeipräsidium. Der "Westfälische Anzeiger"" schrieb dazu: "Dabei hätte der Hammer Verwaltungsbeamte mit entsprechender krimineller Energie auf seiner Dienststelle, der Polizeiwache in Bockum-Hövel, möglicherweise doch an die dort im Tresor lagernden Maschinenpistolen und hunderten Schuss Munition gelangen können. Jedenfalls wurde diese Version in den letzten Tagen auch in Hammer Polizeikreisen diskutiert. Die Wache ist schließlich nachts nur mit einer Person besetzt, mit dem dort vorhandenen Arsenal hätte ein Massaker veranstaltet werden können... Das Ganze ist offenbar nur graue Theorie. Anlass, an den Wachstrukturen etwas zu ändern, sehe man nicht, sagte eine Behördensprecherin auf WA-Anfrage" (4).

Noch am 2. Februar 2020 postete der Polizist Thorsten Wollschläger auf Facebook: "Man kann sich nur in Grund und Boden schämen in was für einem Drecksland wir leben. Ich hoffe, es wachen mal endlich mehr Menschen hier im Land auf und erkennen, in was für einer linksradikalen Stasidiktatur wir leben, die wahre Demokratie mit Füßen tritt. Wenn dieses linke Gesindel seinen Willen nicht kriegt, werden sie unsachlich, beleidigend und gewalttätig über ihre dämlichen Schlägertruppen (5)".Screeshot von der Homepage der Antifa Hamm: https://aah.noblogs.org/?cat=1

Vom Mittelalter-Fan zum Rechten

Nach Recherchen von "Westfälischer Anzeiger" galt der Polizist bei seinen Kollegen "wegen seines Mittelalter-Hobbys als 'Spinner', mehr aber auch nicht. Zigfach zeigte sich der 50jährige auf seinem Facebook-Account im Lederwams und posierte mit Schwertern und Dolchen. (...) Dass der Ritter-Freak, der im Westen der Stadt wohnt und im Verkehrskommissariat in Bockum-Hövel seinen Dienst schob, vom Generalbundesanwalt verdächtigt wird, eine rechte Terrorzelle unterstützt zu haben, hat im Hammer Kommissariat eine Mischung aus Verblüffung und blanken Entsetzen ausgelöst" (6).

Aus den letzten zehn Jahren geriet erst jetzt eine ganze Reihe von Verhaltensauffälligkeiten von Wollschläger an die Öffentlichkeit, ohne dass es zu Einträgen in die Personalakte oder Disziplinarmaßnahmen gekommen ist.

Die Süddeutsche Zeitung schrieb: "Hätten sie bei der Polizei in Hamm früher auf ihren Kollegen Thorsten W. aufmerksam werden können? Ist es normal, dass sich ein langjähriger Verwaltungsmitarbeiter der NRW-Polizei 2018 Reichskriegsflaggen auf den Balkon montiert? Ist es Privatsache, dass er zum Dienst in Kleidung kommt, die in der rechten Szene beliebt ist? Und ist es unverdächtig, seinen Namen in deutscher Kurrentschrift auf den Briefkasten zu schreiben und den Hinweis "Keine Lügenpresse einwerfen" ans Klingelschild zu kleben?" (7)

Desweiteren wird übereinstimmend in verschiedenen Medien geschildert, dass Wollschläger an seinem Dienstort die rechte Wochenzeitung "Junge Freiheit" (8) las, die eine wichtige ideologische Scharnierfunktion zwischen Rechten und Rechtsradikalen ausübt. Neben diesem Grauzonenbereich berichtete der WA von noch eindeutigeren und detailverliebteren plakativen Zeichen rechtsradikaler Gesinnung: „Thorsten W. hatte neben der Reichskriegsflagge auch die so genannte Wirmer- oder Pegidaflagge aufgezogen, 2018/2019 das Europasymbol auf seinem KFZ-Kennzeichen mit einem "X" überklebt und hinter der Windschutzscheibe ein Flugblatt, auf dem der Bundeskanzlerin 'verbrecherisches Handeln' vorgeworfen wurde, hängen" (9).

Das "Westfalenblatt" berichtete, dass bereits im Jahr 2018 bei Wollschläger von den Ermittlern konsequent weggeschaut wurde: "Kripobeamte machten Fotos von den Flaggen und vom Klingelschild ihres Kollegen. Seinen Namen hatte W. in einer Art Sütterlin geschrieben, und an seinem Briefkasten wies er darauf hin, dass er 'keine Lügenpresse' und 'keinen Flüchtlingsbericht der Stadt Hamm' haben wolle. Die Kriminalbeamten kamen zu dem Schluss, dass sich Thorsten W. nicht strafbar gemacht hatte – und unternahmen nichts. Sie sollen nicht einmal ein Gespräch mit ihrem Kollegen geführt haben. Der Vorgang soll auch nicht schriftlich festgehalten worden sein" (10).

Polizeipräsidium Hamm, Bockum-Hövel, Foto: Horst Blume

Herbert Reul, NRW-Innenminister sagte zu diesem Versagen der Hammer Polizei: "Das geht so nicht. Es ist für mich einfach nicht nachvollziehbar, dass über sehr, sehr viele Jahre hinweg Anzeichen für die rechtsextreme Gesinnung eines Verwaltungsangestellten unserer Polizei vorhanden waren und diese auch den diversen Vorgesetzten und Kollegen bekannt waren. Trotzdem wurde nicht konsequent eingeschritten" (11).

Rechte Aktivitäten in den neuen Medien

Thorsten Wollschläger war sehr aktiv im Netz. Sein Facebook-Auftritt ist inzwischen nicht mehr einsehbar. Hier fand seine durchaus eitle und für dieses Medium nicht ungewöhnliche Selbstinszenierung statt. Mittelalterliche Kleidung und allerlei Mordutensilien aus dieser Zeit stellte er zur Schau und lies sich bewundern. Wie er in dieser Mittelalter-Szene aufgenommen wurde, ob er dort Rückhalt hatte und ob Teile von ihr seine Ansichten teilten, ist bisher nicht hinterfragt worden.

Seine Betätigung dort ist ein regressiver Rückzug in eine vermeintlich einfachere, unkomplizierte Welt, wo sich jeder sein eigenes "Reich" selbst zusammenbasteln konnte und es als tapferer nordisch-germanischer Krieger gegen die barbarischen fremden Eindringlinge verteidigte. Hier manifestiert sich ein einfältiges und schlichtes Weltbild, das mit der vielschichtigen Realität heute nichts zu tun hat.

Durch technischen Schnickschnack versuchte er seine Scheinwelt in die Moderne hinüberzutransferieren als er 2017 unter seinem Pseudonym Thor-Tjark bei You Tube ein Filmchen über einen Lichtschwerttanz ins Netz stellte (12). Nicht ganz unbescheiden bedeutet der Name Tjark "Volksherrscher" und Thor stellt eine nordische Göttergestalt dar ...

Identitäre, ein ehemaliger FAZ-Journalist und die neurechte Zeitschrift "Junge Freiheit"

Unter dem Pseudonym Thor-Tjark drückte er mit „super Aktion“ 2019 bei You Tube (13) seine Bewunderung für eine Aktion der rechtsradikalen Identitären Bewegung auf dem Dach des Brandenburger Tors aus, wo mit Pyrotechnik und einem großen Transparent "Stoppt den grossen Austausch" gegen die verhassten "Gutmenschen" demonstriert wurde, die sich unten während einer Demonstration für Flüchtlinge engagierten.

Im Oktober 2016 postete Thor-Tjark auf einer Seite des bekannten FAZ-Journalisten Udo Ulfkotte (14), der sich über eine Demonstration für (!) eine Moschee im Westerwald empörte, unter anderem Folgendes: "... aber Du lebst doch in Mitteldeutschland. Ich bewundere euch. Ihr seid knallhart und geht auf die Straße mit sofort vielen Leuten. Im Westen mußt Du erst mal hinter vorgehaltener Hand nachfragen, wer wohl Interesse hat und wie man das machen kann" (15).

Der mittlerweile verstorbene Ulfkotte hatte 14 Jahre als FAZ-Journalist gearbeitet und vertrat rechtspopulistische und verschwörungstheoretische Ansichten, die er in Buchform in dem für dieses Segment besonders erfolgreichen Kopp-Verlag (16) publizierte. An gleicher Stelle lies Thor-Tjark seinen antidemokratischen Aggressionen folgendermaßen freien Lauf: "Die Wut wird bald umschlagen. Dann wird diese nichtsnutzige täterfreundliche Justiz nicht mehr gebraucht".

Ein ähnliches Motiv tauchte sieben Jahre früher in einem Forum-Leserbrief an die rechte Wochenzeitschrift "Junge Freiheit" auf, wo er am 13. Januar 2009 diesmal unter seinem echten Namen Wollschläger schreibt: "Es ist schon traurig, daß bei solchen Tatbekanntgaben die Nationalität der Täter bewußt unterschlagen wird. Darauf sollte mal die Polizei bzw. die Gewerkschaften pochen und es durchsetzen, daß die Bürger klare Sachverhalte geschildert bekommen, die auch einer wirklichen Aufklärung dienen. Wenn man Meldungen von Taten liest und dann die dazugehörigen Täterbeschreibungen, kann man nie mit einer Aufklärung rechnen. Wichtige Details werden aufgrund politischer Korrektheit verschwiegen" (17).

Rassismus entsteht nicht im luftleeren Raum

Professor Tobias Singelnstein von der Ruhruniversität Bochum, der den weiterbildenden Masterstudiengang Krimologie, Kriminalistig und Polizeiwissenschaft leitet, erklärt rechte Tendenzen bei der Polizei in dem Buch "Extreme Sicherheit" unter anderem folgendermaßen:Buch: "Extreme Sicherheit", Matthias Meisner/Heike Kleffner (HG.)

"Rassistische Einstellungen entwickeln sich bei der Polizei nicht im luftleeren Raum, sondern im Kontext des gesellschaftlichen Diskurses. Wenn sich die anderen Parteien von der AfD durch die Verknüpfung von 'innerer Sicherheit' mit Stimmungsmache gegen Geflüchtete in den eigenen Wahlkampagnen beeinflussen lassen, dann muss man sich nicht wundern, dass das Muster sind, die sich auch in der Polizei wiederfinden. Dann wird die sogenannte Ausländerkriminalität als besonders bedrohlich wahrgenommen, während andere Kriminalitätsphänomene viel weniger thematisiert werden.

Eigentlich hat die AfD ein zentrales Problem schon erreicht: Im gesellschaftlichen Diskurs sind Kriminalität und Migration miteinander verknüpft – obwohl vollkommen klar ist, dass Kriminalität mit der Herkunft eines Menschen ursächlich nichts zu tun hat. Wenn ein Innenminister sich ständig öffenlichkeitswirksam hinstellt und sagt: „unsere oberste Priorität ist jetzt die Bekämpfung der „Clan-Kriminalität“, entsteht dadurch ein institutionelles Handeln, das von den einzelnen Beamten nicht nur umgesetzt wird, sondern auch deren Perspektive prägt" (18).

Thorsten Wollschläger hat seine rechtsradikalen Ansichten auf den Foren bekannter Zeitschriften (Junge Freiheit) und Journalisten (FAZ) in aller Öffentlichkeit ausgebreitet. Sie sind, wenn man nur ein bischen sucht, heute immer noch zugänglich. Wenn NRW-Innenminister Reul heute wortradikal mit dem Finger auf Verfehlungen der Hammer Polizei zeigt, sollte nicht vergessen werden, dass sein Ministerium und seine Partei bisher wenig bis nichts getan hat, um den rechtsradikalen Sumpf trockenzulegen.

Begann Radikalisierung bereits Anfang der 90er Jahre?

Ein möglicherweise sehr frühes Kapitel in der rechtsradikalen Karriere Thorsten Wollschlägers schlägt die Antifa Hamm auf. Sie hat herausgefunden, dass er womöglich bereits Anfang der 1990er Jahre Kontakt zur "Nationalistischen Front" (NF) gehabt hatte, weil er dort Material bestellt hatte.

1992 ist diese Organisation als "rechtsterroristische Vereinigung" vom Innenministerium verboten worden. Bei Hausdurchsuchungen wurden damals Schusswaffen und Molotow-Cocktails gefunden. Angesichts der aktuellen NSU 2.0 -Drohmails gegen antifaschistische Politiker und Künstler ist folgender Aspekt ebenfalls nicht unwichtig: "Vor allem müsse geklärt werden, inwiefern Thorsten Wollschläger seinen Zugriff auf polizeiliche und andere behördliche Informationssysteme nutzte, um Daten von möglichen Anschlagszielen, etwa Politiker*innen oder politischer Gegner*innen, zu recherchieren" (19).

Zum vorläufigen Abschluss dieses Kapitels bleibt noch anzumerken, dass Thorsten Wollschläger inzwischen weitere Straftaten der etwas anderen Art zur Last gelegt werden. Wie "Der Spiegel" am 3. Juli 2020 in dem Artikel "Bekiffter Krieger" berichtete, wurden bei ihm 170 Gramm Mariuhana und 17 Joints gefunden. Und sicherlich noch gravierender: "Auf W.s Handy fanden Beamte zudem bizarre Videos aus seinem Badezimmer, in dem der Mann seine Ehefrau und deren erwachsene Tochter offenbar heimlich gefilmt hatte. Die Kamera war in einem Radiowecker versteckt. Ermittelt wird gegen W. nun auch wegen des Verdachts der Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen" (20).

II. Exkurs: Andere rechte Polizisten in Hamm und ein "General"

Mit rechter Gesinnung und rechten Parolen wurde in Hamm schon seit Jahrzehnten Stimmung gemacht. Und zwar auch aus der politischen Mitte und aus gesellschaftlich anerkannten Positionen heraus. Das war nicht das ausschließliche Betätigungsfeld extrem rechter Parteien wie NPD oder "Die Rechte".

Plakatwand in Hamm, Foto: Horst BlumeDer in Hamm lebende ehemalige Generalsekretär der CDU und Bundestagsabgeordnete Laurenz Meyer (21) ist hierfür nur ein Beispiel. Er war nicht nur VEW-Lobbyist, sondern tat sich durch ein markiges Interview mit der rechtspopulistischen Wochenzeitung "Junge Freiheit" hervor, die Thorsten Wollschläger so gerne las. Die von Meyer für notwendig erachtete "deutsche Leitkultur", seine Polemik gegen das "rotgrüne Chaos", die Wiedergabe von Stammtischparolen und sein Bekenntnis "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein" sprechen eine deutliche Sprache (22).

Thorsten Schulte war Laurenz Meyers Wahlkampfmanger im Jahre 1994 für die Oberbürgermeisterwahl in Hamm. Ende der 90er Jahre war Schulte CDU-Bezirksvertreter in Bockum-Hövel und trat 2015 aus der CDU aus. Der „Westfälische Anzeiger" schrieb 2017:

"Sein Video 'Merkels Rechtsbruch? Unglaubliches zur Grenzöffnung und zur Migrationswelle' hat auf You Tube mehr als 1,2 Millionen Aufrufe' (23). Und weiter zu seinem Buch „Kontrollverlust. Wer uns bedroht und wie wir uns schützen':

"Erschienen ist das Buch im Kopp-Verlag. Zu den Neuheiten im August dort zählen neben Schultes Buch unter anderem auch Titel wie 'Beuteland – die systematische Plünderung Deutschlands seit 1945', 'Was in Syrien tatsächlich geschieht – Augenzeugen widersprechen den westlichen Medienlügen vom syrischen Bürgerkrieg' bis hin zu 'Die Wahrheit über Krebs' und 'Haarausfall ist heilbar'. Kritiker sehen im Kopp-Verlag ein Sammelbecken für Ufologen, Rechtsextreme und Verschwörungstheoretiker'.

Es ist der gleiche Kopp-Verlag, bei dem der oben genannte ehemalige FAZ-Journalist Ulfkotte publizierte und auf dessen Seite Thorsten Wollschläger unter seinem Pseudonym Thor-Tjark seine menschenverachtenden Kommentare postete.

Laurenz Meyer, Zeichnung: Siegbert KünzelThorsten Schulte veröffentlichte in diesem Jahr sein Buch "Fremdbestimmt. 120 Jahre Lügen und Täuschung". Hier ein Auszug aus dem Werbetext: "Thorsten Schulte demaskiert in diesem Buch die Geschichtsschreibung der Sieger, deckt Unwahrheiten, Halbwahrheiten und das Weglassen wichtiger Fakten in unseren Medien auf. Er entlarvt das verzerrte Geschichtsbild, das immer noch zu einem Schuldkomplex der Deutschen mit verheerenden Folgen führt".

Am 4. Juli 2020 trat Schulte mit diesem Buch und einer langen Rede in Dortmund vor der Reinoldikirche auf einer Kundgebung der rechten, verschwörungstheoretisch ausgerichteten Leugnern der Coronagefahren auf (24).

Mehrere rechte Polizisten in Hamm

Die rechte Meinungsmache findet auch in der Hammer Polizei ihren Resonanzboden. Im Jahr 2016 wurde ein Verfahren gegen einen inzwischen pensionierten Polizisten angestrengt, der der Reichsbürgerszene zugerechnet wurde. Der WA schrieb dazu 2019:

"Drei Jahre sind seitdem vergangen, mehrere Gerichtsentscheide ergangen, und das Disziplinarverfahren ist noch immer nicht abgeschlossen. Im Februar 2017 wurde das Haus des Beamten durchsucht, und dessen Jagdwaffen wurden beschlagnahmt. Spezialeinsatzkräfte der Polizei waren damals an dem Einsatz beteiligt. Der Einzug der Waffen und der jagdrechtlichen Erlaubnis sei rechtens gewesen, entschied später das Arnsberger Verwaltungsgericht. Zug um Zug wurde der ehemalige Rauschgiftsachbearbeiter im Februar 2017 sogleich vom Dienst suspendiert. Diese Maßnahme wiederum wurde im folgenden Herbst vom Verwaltungsgericht Münster wieder aufgehoben. Offenbar wurden die Verfehlungen des Beamten – welche das sein sollen, wurde nie bekannt gemacht – nicht als so gravierend eingestuft, dass am Ende ein Verlust des Beamtenstatus’ als wahrscheinlich anzusehen war" (25) .

Am 22. Februar 2020, also wenige Tage nachdem Thorsten Wollschläger verhaftet wurde, berichtete der WA in dem Artikel "AfD hat 53 Mitglieder", dass der Polizeibeamte Julius Hermülheim Mitglied im neuen Kreisvorstand der AfD sei. Am 26. Februar 2020 erschienen drei Leserbriefe im WA, die sich kritisch mit diesem Sachverhalt auseinandersetzten. Seine Rolle als Polizist und exponiertes AfD-Mitglied hat offensichtlich so hohe Wellen geschlagen, dass der WA bereits am 5. März meldete: "Polizist in AfD tritt zurück".

Offensichtlich gibt es noch mehr Fälle von rechter Gesinnung bei Hammer Polizisten. Der "Westfälische Anzeiger" schrieb dazu: "Innerhalb des Hammer Präsidiums hatte der 50-Jährige anscheinend den einen oder anderen Gesinnungsgenossen. Zwei weitere Prüffälle mit einer möglicherweise rechtsgerichteten Gesinnung im Polizeipräsidium Hamm sind mittlerweile bekannt geworden. Das teilte die Polizei gestern nach entsprechenden WA-Nachfragen mit. Ein Zusammenhang zu den Ermittlungen des Generalbundesanwalts gegen Thorsten W. und die "Gruppe S." bestehe nicht" (26).

Am 23. Mai 2020 wurden die Angaben etwas konkreter. Neben dem oben erwähnten AfD-Mitglied wird gegen einen weiteren Polizeibeamten ermittelt: "Auch gegen den zweiten Prüffall wurde jetzt ein Disziplinarverfahren mit dem Ziel der Entlassung eröffnet. Dem Mann, zu dem auf WA-Anfrage keine weiteren persönlichen Angaben gemacht wurden, wurden Chat-Verläufe zum Verhängnis, die den 'dringenden Verdacht von Dienstpflichtverletzungen und erhebliche Zweifel an der Eignung zur Ausübung des Polizeiberufs des betreffenden Polizeibeamten' begründeten, heißt es in der Pressemitteilung. Das laufende Disziplinarverfahren wird beim Landesamt für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten der Polizei (LAFP) als höhere Disziplinarbehörde geführt" (27).

III: Hamm: Eine ganz besondere Polizeigeschichtschreibung

Bei meinen Recherchen zu Thorsten Wollschläger und der Gruppe S. stieß ich auf seinen Eintrag im Gästebuch der Homepage der "Polizeihistorischen Sammlung Paul". Dort schrieb Thorsten Wollschläger am 23. November 2001: "wirklich gut gelungen" (28). Das weckte mein Interesse. Was war nach Ansicht des damals angehenden Rechtsradikalen und Unterstützer von Rechtsterroristen gut gelungen? Was gefiel ihm, was bestärkte ihn in seinen Ansichten, was fehlte womöglich, um sein rechtes Weltbild eventuell ins Wanken zu bringen?

Screenshot der Homepage http://polizeihistorischesammlung-paul.de/gaestebuch/index.html mit Thorsten Wollschlägers Eintrag im Gästebuch

Wollschläger trat im Jahr 1989 als neunzehnjähriger in den Polizeidienst ein und war seit 1995 beim Land NRW eingestellt. Zum Zeitpunkt des Gästebucheintrages war der heute 50jährige also 31 Jahre alt. Zwei Jahre später legte er sich einen Waffenschein zu (29), der ihm auch nach seinen rechten Eskapaden in den letzten Jahren nicht entzogen wurde.

Die Homepage wurde von dem seit 2002 pensionionierten Hammer Polizeihauptkommissar a. D. Siegfried Paul erstellt. Es ist keine offizielle Homepage der Polizei. Aber Paul schreibt zur Sammlung: "Dass diese Sammlung heute weit über die Grenzen der Stadt Hamm hinaus bekannt ist, verdankt sie auch der Unterstützung des Polizeipräsidenten Herrn Hans-Eduard Kießler, der Polizeipräsidentin Frau Helga Fahlberg und des Polizeipräsidenten Herrn Erich Sievert".

Siegfried Paul war unter anderem als Personenschützer des in Hamm wohnenden ehemaligen Ministers für Arbeit, Gesundheit und Soziales, Herrn Werner Figgen eingesetzt, erhielt das Bundesverdienstkreuz und betreut ehrenamtlich bis heute die umfängliche Sammlung von Fotos und Ausrüstungsgegenständen aus den Jahren 1921 bis heute. Auf der Homepage befindet sich eine Vielzahl von Artikeln, Dokumenten und Bildern, die in unterschiedlichen Menuepunkten wie Polizeisport, Polizei und Musik, Puppenbühne, das erste Auto in Hamm oder Polizeiärztlicher Dienst gegliedert sind.

Bei der Durchsicht der einzelnen Artikel bin ich auf etliche meiner Meinung nach problematische Beiträge gestoßen. Ich nenne ein paar Beispiele.

Billiger Antikommunismus

In dem Artikel über den Stadtteil Heessen schreibt der Autor Siegfried Paul über die dortige Situation ab 1948: "Diese Siedlung erhielt auf Antrag der KPD im Rat der Gemeinde Heessen den Namen 'Karl-Liebknecht-Siedlung'. Übrigens wurde auch die Lütticher Str. in Heessen auf Antrag der KPD in Heessen in 'Rosa-Luxemburg-Str.' umbenannt. Die Bewohner wurden nicht befragt, demokratische Spielregeln waren noch nicht geläufig" (30).

Als ehemaliger Bezirksvertreter der kommunalen Wählergemeinschaft Grün-Alternative Liste (GAL) in Hamm-Uentrop habe ich in den 80er Jahren selbst miterlebt, wie es in Hamm zur Benennung von Straßennamen gekommen ist.

Die CDU und ich hatten in Hamm-Werries jeweils unterschiedliche Vorschläge für Straßennamen eines neuen Baugebiets der Bezirksvertretung Uentrop vorgelegt und anschließend wurde darüber debattiert. Ich machte unter anderem den Vorschlag, eine Straße nach dem ersten jüdischen Ratsherrn von Hamm, Moritz Bacherach, zu benennen. Die CDU unterstützte diesen Vorschlag und die Moritz-Bacherach-Straße wurde mit großer Mehrheit in der Bezirksvertretung beschlossen (31). So sind seit dem 2. Weltkrieg in der BRD die demokratischen Spielregeln in der Kommunalpolitik:

Die gewählten Abgeordneten beschließen im Kommunalparlament die Straßennamen. Der damaligen KPD die Verletzung demokratischer Spielregeln vorzuwerfen, weil sie sich bei einer Abstimmung in einem Parlament ausnahmsweise einmal durchgesetzt hat, ist billiger Antikommunismus, den Rechte wie Wollschläger begierig aufgreifen.

Kontextlose Darstellung der Hammer Polizei bei Auslandseinsätzen

Wirklich ärgerlich wird es bei der Darstellung von "Auslandseinsätzen" der Polizei zur Zeit des Faschismus. Unter der Rubrik „Wissenswertes“ schreibt und dokumentiert der Autor über den Einsatz der Polizeibataillone 1938 im okkupierten Sudetenland:

"Diesmal war die Polizei beauftragt, die Wahlen im Sudetenland vorzubereiten und zu begleiten. Ein umfangreicher Einsatz, von dem ich noch eine ganze Reihe Einsatzberichte habe. Damit der Leser sich einen Eindruck von diesem Einsatz und der damaligen Zeit machen kann, habe ich bewusst zusammenfassende Einsatzberichte, die von den teilnehmenden jungen Polizeibeamten verfasst wurden, hier eingestellt. Nach meiner Ansicht kann man die 1938 herrschende Denkweise nicht besser wiedergeben" (32).

Diese herrschende Denkweise drückte sich in distanzlosen euphorisch-triumphalistischen Einsatzberichten vom Einmarsch in das Sudetenland aus, die im Stil drittklassiger Landserschundhefte verfasst worden sind. Kommt es ausnahmweise zu minimalen Andeutungen von inhaltlichen Aussagen über die damalige politische Situation, dann folgendermaßen:

"Ich führte selbst den ersten Streifenwagen und konnte feststellen, dass der Bürgermeister des kleinen Ortes völlig die Nerven verloren hatte. Wohl hatten dunkle Elemente in der Schule des Ortes eine verbotene Versammlung abgehalten, die jedoch keinerlei Erfolg hatte. Der Ort ist völlig deutsch, die Haussuchungen unseres Überfallkommandos verliefen ohne jede Störung, gefunden wurde nichts. (...)

Das Batl. erhielt eine rein militärische Aufgabe: die Besetzung der sogenannten 'Brodeker- Sprachinsel', die im Zuge der Berliner Besprechungen und der endgültigen Grenzziehung zum Reiche kam. Zufolge der diplomatischen Besprechungen ist das Gebiet 9,00 Uhr von den Tschechen zu räumen, Schlag 10,00 Uhr erfolgt der Einmarsch der deutschen Truppen (Polizei). Die Truppe hat sofort den Grenzsicherungsdienst zu übernehmen und dem Zoll die Grenze zu übergeben, der eine Stunde später folgt. Gegen 9,00 Uhr ist die Demarkationslinie erreicht und die Lange Wagenkolonne des Batl. wartet die zehnte Stunde ab. Bereits 9,30 Uhr gehen auf dem etwa 800 – 1000 m entfernte Dorfe Markt Türna Hakenkreuzflaggen hoch, aus allen Richtungen strömen Schaulustige der Grenze zu. Schlag 10 Uhr fahren wir in neuem deutschen Gebiet ein, Glocken läuten und die Menschen jubeln und zu wie in den ersten Tagen der Befreiung im Oktober."

Es stellt sich für mich die Frage, wie wirken die diese völlig kontextlos aneinandergereihte Zusammenstellungen hurrapatriotischer Ergüsse auf Menschen, die nur rudimentäre oder keine Geschichtskenntnisse haben oder gar mit einer rechtsradikal geprägten Geisteshaltung an diesen Text herangehen wie im Fall Wollschläger? Sie können diese Texte nur als Bestätigung ihres bisherigen Weltbildes wahrnehmen.

"Die Benes-Dekrete" von Beppo BeyerlWas hätte also in diesem Zusammenhang zumindest kurz erwähnt werden müssen? Die Annektion und Okkupation des Sudetenlandes durch das faschistische Deutschland war unrechtmäßig. Hunderttausende Menschen mussten vor den braunen Mörderbanden, denn um nichts anderes handelte es sich bei den Einrückenden, fliehen:

"Nach der Annexion der sudetendeutschen Gebiete wurden im Sinn einer ethnischen Flurbereinigung etwa 200.000 Menschen in die 'Resttschechei' vertrieben. In der Mehrzahl natürlich Tschechen, etwa 150.000. Dazu kamen noch 15.000 Juden, 13.000 sudetendeutsche Antifaschisten und 5.000 vor den Nationalsozialisten geflüchtete Deutsche. Gleichzeitig wurden mehr als 10.000 sudetendeutsche Sozialdemokraten und Kommunisten verhaftet. (...) Zu Kriegsende waren von 350.000 tschechoslowakischen Juden 200.000 bis 217.000 nicht mehr am Leben" (33).

Die unkommentierten und nicht eingeordneten Texte über den Einmarsch im Sudetenland markieren den Beginn von unfassbaren Morden und Raubzügen, die mit der fabrikmässigen Ermordung von vielen Millionen Juden zu einem bisher einzigartigen Zivilisationsbruch führten, an dessen Ende zusätzlich bis 1945 durch Kriegshandlungen weltweit über 60 Millionen Menschen getötet wurden.

Täter versuchen sich herauszureden

Der Einsatz Hammer Polizisten in den Niederlanden bei der Verfolgung und anschliessenden Ermordung von Juden im Jahr 1942 ist sehr bezeichnend. Hier der ungenierte Bericht eines Täters, der auf dieser Homepage veröffentlicht wurde: "Im Herbst 1942 wurden wir nach Amsterdam verlegt. Jetzt gehörte ich zum 3. Polizeiregiment Köln, dem 256. Polizei Reserve Bataillon, der 3 Kompanie, dem 3. Zug an und war Gruppenführer der 9. Gruppe. (...)

Später wurden wir auch eingesetzt, um Juden zu 'Arbeitseinsätzen' zu holen. So hatte man es uns gesagt. Andere Kompanien hatten vorher auch so genannte Arbeitskarten an die Juden verteilen müssen. Darauf wurden die Juden aufgefordert, sich zu Arbeitseinsätzen zu melden. Viele sind dann auch gekommen. Später, wie bereits gesagt, musste wir die Juden zu diesen 'Arbeitseinsätzen' holen. Wir waren tatsächlich so naiv und haben an diese Einsätze geglaubt. Erst sehr viel später hörten wir, das diese 'Arbeitseinsätze' in Auschwitz endeten. Viele von uns 'grünen Polizisten' haben in der Anfangzeit ein Auge zugedrückt. Ich hatte einmal eine junge Jüdin, die gerade eine Geburt hinter sich gebracht hatte. Sie, ihre Mutter und ihr Mann blieben in der Wohnung. Andere Juden musste ich allerdings aus der Wohnung holen. (...) Am Schlimmsten war die 'schwarze Polizei'. Das waren holländische Polizisten, die von uns nur 'Nazipolizei' genannt wurden. Und diesen Hohn musst du dir einmal überlegen. Wir aus dem Nazideutschland nannten die 'Nazipolizisten'. Das zeigt wohl, was das für Leute waren. (...)

Ich glaube, die wussten auch genau, dass wir nicht in Gräuel um die Judenverfolgung verwickelt waren" (34).

In dieser Selbstdarstellung kommen eine ganze Reihe von Lügen und Entschuldigungen zusammen, wie sie von den beteiligten Tätern mit mangelndem Unrechtsbewusstsein bisher tausendfach verbreitet wurden:

- Wir wussten gar nicht, dass die Juden ermordet werden sollten (obwohl die Faschisten bei jeder sich bietenden Gelegenheit betonten, was sie vorhatten!)

- Ich habe einmal ein Auge zugedrückt. Im Grunde war ich deswegen eher ein Widerstandskämpfer.

- Die Anderen waren viel schlimmer, in diesem Fall die niederländischen Polizisten.

- Wir selbst hatten mit dem Judenmord nichts zu tun.

Wir sollten uns vergegenwärtigen, wie diese Tätergeschichten heute auf jüdische Überlebende wirken, die einen Großteil ihrer Verwandten und Freunde verloren haben!

Diese Darstellung der Tätergeneration lebt nicht nur auf dieser Polizeihomepage fort, sondern auch in den Erzählungen innerhalb der Familien und erweist sich als ein gravierendes Problem bei der Bekämpfung des heutigen Antisemitismus. Ich habe hierauf in dem Kapitel "Gefühlserbschaften in der Familie" in meinem Artikel "Antisemitismus in Deutschland 74 Jahre nach der Shoa" (35) hingewiesen.

 

Eine bemerkenswerte Gedenktafel

Screenshot von der Hammer Polizeihistorienseite: http://polizeihistorischesammlung-paul.de/Gedenktafel/gefallene.htmEine weitere bemerkenswerte Peinlichkeit auf der Polizeihomepage ist die "Gedenktafel" für die "in Erfüllung ihres Dienstes" gefallenen Polizisten im zweiten Weltkrieg (36). Hier findet eine Täter/Opfer- Umkehr statt: "Wie insgesamt die deutsche Bevölkerung, so musste auch die Hammer Polizei einen erheblichen Blutzoll während des II. Weltkrieges zahlen". Es fällt auf, dass von den 52 aufgelisteten gestorbenen Polizisten nur ein Teil in Hamm und Umgebung etwa beim Bombenentschärfen zu Tode kam. Ein großer Teil der Aufgeführten fiel in Rußland oder Polen.

Während der eifrige Polizeihauptkommissar a. D. hingebungsvoll auch den letzten Bombentrichter in Hamm samt zugehörigem US-amerikanischen Bomberpiloten aufspürt und die hierbei entstandene Konversation bis ins letzte Detail auf der Homepage veröffentlicht, interessiert er sich nicht dafür, was die gestorbenen Polizisten in Osteuropa gemacht haben. Immerhin musste die Sowjetunion als Hauptträger des militärischen Widerstands mit etwa 20 Millionen Toten den "Haupt-Bluttzoll", um bei der Sprache dieser Polizeihomepage zu bleiben, bei der Niederringung des Faschismus bezahlen.

Nun ist es mittlerweile kein Geheimnis mehr, was deutsche Polizisten in den "besetzten Gebieten" getan haben. Es gibt Ausstellungen, Bücher und Berichte, dass die Polizisten in diesen Gebieten zu Massenmördern und Kriegsverbrechern wurden. Es wäre doch eine interessante Aufgabe zu recherchieren, was eine Polizeieinheit beispielsweise in Rowno/Rowni (damals Polen, heute Ukraine) bis zu dem Zeitpunkt gemacht hat, als der Hammer Polizist XY nach Angaben der Homepage gefallen war. Vielleicht war er sogar in die NS-Tötungsmaschinerie involviert?

Um bei diesem Beispiel zu bleiben, in Rowno lebten etwa 30.000 Einwohner jüdischen Glaubens. 23.000 von ihnen wurden nach Zeitzeugen am 8. und 9. November 1941 in einem Wald bei Sosenki erschossen. Die 5000 übrigen Juden wurden in ein Ghetto gesperrt und im Juli 1942 nach Kostopil deportiert, wo man sie von Einsatzgruppen ermorden lies (37). Zu den Einsatzgruppen gehörten auch Polizeieinheiten. Da es in der folgenden Zeit in der Umgebung von Rowno zu verschiedenen Widerstandshandlungen gegen die deutsche Mordmaschinerie kam, hatte die Polizei viel zu tun. Über diese Sachverhalte hätte es sich gelohnt, mehr zu recherchieren. Aber es unterblieb.

Die Vorläufer der heutigen Rechtsterroristen werden als rechtschaffene Ordnungshüter dargestellt

Bei der Begründung für seine Unterstützung rechtsradikaler Terroristen kann Wollschläger auf die hanebüchene verharmlosende Darstellung des Freikorps-Terrors nach dem ersten Weltkrieg auf der Polizeihistorienseite zurückgreifen. Dort kann man lesen: "Viele der noch jungen Soldaten meldeten sich, in dem nun einsetzenden Chaos im Deutschen Reich, zu den sich bildenden 'Freikorps'. Dies geschah nicht nur aus Gründen der Versorgung. Viele der jungen Soldaten wollten Deutschland wieder aufbauen und eine sichere Zukunft mitgestalten" (38).

Chaos verhindern, Sicherheit und Ordnung schaffen. Der Klassiker, um rechtsradikale und autoritäre Krisenlösung zu begründen. Um sich über die Freikorps und die von ihnen bekämpften Unterstützer sozialer und demokratischer Bestrebungen zu informieren, sollte Paul sich die offizielle Gedenkstele der Stadt Hamm genauer ansehen:

"Der Erste Weltkrieg endete für Deutschland mit einer militärischen Niederlage, sozialer Not für große Teile der arbeitenden Bevölkerung und mit dem Ende des Kaiserreiches durch die Novemberrevolution. 1920 putschten rechte Kreise gegen die junge Weimarer Republik (Kapp-Lüttwitz-Putsch), unterstützt durch Freikorps und geduldet von der Reichswehr" (39).

Vielleicht sollte Paul zusätzlich ins (virtuelle) Deutsche Museum in Berlin gehen, um sich weiterzubilden:

"In diesen Freiwilligenverbänden sammelten sich monarchistische und rechtskonservative Kräfte, die durch Kriegsende und revolutionären Umbruch keine Perspektive und gesicherte Zukunft mehr sahen. Die etwa 400.000 Mitglieder der rund 120 namentlich nachweisbaren Freikorps hatten vor allem aber antirevolutionäre und antidemokratische Ansichten" (40).

Oder sich informieren, in wessen Auftrag diese Freikorps handelten und wer sie bezahlte. Bei Wikipedia steht dazu: "Die Finanzierung der Freikorps erfolgte aus den Mitteln des Antibolschewistenfonds der deutschen Wirtschaft, der am 10. Januar 1919 in Berlin mit nominal 500 Millionen Reichsmark gegründet und einem 50 Millionen Sofort-Bankkredit ausgestattet wurde. Neben der Finanzierung der militärischen Zerschlagung der deutschen Räterepubliken flossen auch viele Gelder in die antibolschewistisch-nationalistische Propaganda sowie Einwohnerwehren und nationalistisch-sozialistischen Arbeiterparteien. Das Freikorps bildete ein Sammelbecken für Soldaten und Offiziere, die nach der Demomilisierung nicht mehr in das zivile Leben zurückfanden und die der neugegründeten Weimarer Republik ablehnend gegenüberstanden" (41).

Screenshot von der Hammer Polizeihistorienseite: http://polizeihistorischesammlung-paul.de/wissenswertes/polizeiknueppel/polizeiknueppel01.htm

Viele verschiedene Polizeiknüppel!

Während die gesellschaftspolitischen Reflexionen und Inhalte auf der Polizeihistorienseite deutliche Defizite und mangelndes Einordnungvermögen historischer Zusammenhänge sehr deutlich offenbaren, werden hierarchisierende Dienstgradabzeichen, Polizeistern und nicht zu vergessen das polizeilich eingesetzte "Handwerkszeug" als Insignien staatlicher Macht wie Fetische bis in allerfeinste Verästelungen geradezu kultiviert (42).

Die Homepage präsentiert insgesamt 26 Anhänge für Dienstgradkunde und 21 Anhänge zum Polizeiknüppel! Thorsten Wollschläger, der sich selbst gerne mittelalterlich und rechtsradikal gestylt mit Wappen, Flaggen, Schildern, Abzeichen, Symbolen, Schwertern, Dolchen und Lanzen zeigte, wird es gefallen haben.

Kritische Polizisten

Genug des grausamen Spiels und zu der Frage, ob es nicht in der jüngeren Vergangenheit auch positive, demokratisch-diskursive Bestrebungen und Ansätze bei der Polizei in Hamm gegeben hat, die es Wert gewesen wären, auf der Polizeihistorienseite zumindest erwähnt zu werden. Der 68er-Aufbruch und die Friedens- und Ökologiebewegung sind doch hoffentlich nicht ganz spurlos an den Hammer Polizisten vorbeigegangen?

Als Mitglied der Bürgerinitiative Umweltschutz Hamm, die sich seit 1976 gegen den Thorium-Hochtemperaturreaktor (THTR) in Uentrop engagiert, haben wir öfters gewaltfreie, direkte Aktionen durchgeführt, die eine direkte Ansprache der Polizei notwendig machte, um ihr unsere Intentionen zu erklären und sie letztendlich für unser Anliegen zu gewinnen. Wir sind unter anderem nach Südfrankreich zur "Arche" nach Lanza del Vasto gereist, der ein Jahr in Indien mit Gandhi zusammengelebt hat, um mehr über Gewaltfreie Aktionen und den Umgang mit Polizisten zu erfahren. Die Bürgerinitiative hat anschliessend bei ihren Aktionen auf Gandhis Erfahrungen zurückgegriffen, sogar spezielle Flugblätter für Polizisten verteilt und auf einen höflichen Umgang mit der Polizei geachtet.

Das hat sich zwar nicht auf den Inhalt der Polizeihistorienseite ausgewirkt, aber durchaus auf die einzelnen Polizisten und auf ihr Verhalten bei den Polizeieinsätzen während unserer Aktionen und Blockaden der Zufahrten des THTR ab 1986. Wir haben auf diese Weise mit dazu beigetragen, dass eine kritische Sicht auf Atomkraftwerke seit mehr als zwei Jahrzehnten zur Mainstream-Haltung in der Gesellschaft wurde.

In den 80er Jahren traten die "Kritischen Polizisten" von der "Bundesarbeitsgemeinschaft kritischer Polizistinnen und Polizisten" in Hamm öffentlich in Erscheinung. Sie gehören ebenfalls zur Hammer Polizeigeschichte. Innerhalb der Polizei sorgten sie für kontroverse Diskussionen und für eine differenziertere Sichtweise auf uns als Demonstranten und gewaltfreie Akteure.

Zu erwähnen ist hier der aus Hamm stammende "Kritische Polizist", Buchautor und "Gustav-Heinemann-Bürgerpreisträger" Manfred Such (43) und seine Frau Berit Such, ebenfalls eine engagierte kritische Polizistin in Hamm. Wir hatten als BI gerade in turbulenten Zeiten in ihnen immer Ansprechpartner, die unser Anliegen respektierten. Wenige hundert Meter von unserem Hauptaktionsort THTR gelegen, war Manfred Such Erster Kriminalhauptkommissar im benachbarten Kreis Soest. Ab 1989 war Manfred Such für Bündnis90/Die Grünen im Bundestag, 2002 trat er der PDS bei und legte bei seinen öffentlichen Äußerungen zu brisanten Polizeithemen den Finger in die Wunde (44). Es gab und es gibt also Alternativen, über die bei einem historischen Rückblick berichtet werden könnte. Aber ein Hinweis auf diesen wichtigen und ermutigenden Aspekt fehlt auf der Polizeihistorienseite.

Mit der Aufdeckung von rechtsradikalen Umtrieben in der Polizei ist kein völlig neues und überraschendes Kapitel in der Geschichte aufgeschlagen worden, sondern eine alte, über hundertjährige unselige Geschichte wird fortgesetzt. Es wird höchste Zeit, dass sich dies in Zukunft ändert!

Anmerkungen

1) https://de.wikipedia.org/wiki/Gruppe_S.

2) "Westfälischer Anzeiger", 23. Mai 2020

3) Siehe unter 1)

4) https://www.wa.de/nordrhein-westfalen/hamm-rolle-thorsten-finanzier-rechten-terrorzelle-zr-13552068.html

5) https://www.wa.de/deutschland-welt/hamm-nrw-polizei-terrorverdacht-rechte-terrorzelle-harte-kern-zr-13544759.html?fbclid=IwAR3pkqRRmRXmvi0KwPKsYz0BFHJhDRyg9BewJfybsRFitRL2nrL5SD-oRy4

6) "Westfälischer Anzeiger", 18. Februar 2020

7) "Süddeutsche Zeitung" vom 21. 2. 2020: https://www.sueddeutsche.de/politik/nrw-polizei-terrorismus-rechtsextremismus-gruppe-s-1.4809938

8) Zu "Junge Freiheit": https://www.machtvonunten.de/nationalisten-rechte-neoliberale/136-altbekannte-junge-frechheit.html

9) "Westfälischer Anzeiger" vom 6. 3. 2020

10) "Westfalenblatt" vom 21. 2. 2020: https://www.westfalen-blatt.de/OWL/Kreis-Minden-Luebbecke/Minden/4142880-Hinweise-auf-eigenen-Kollegen-nicht-beachtet-Mindener-wollte-Waffe-Terrorverdacht-schwere-Pannen-bei-der-Polizei-in-Hamm

11) "Westfälischer Anzeiger" vom 6. 3. 2020

12) https://www.youtube.com/watch?v=a63EaaQjzAA

13) https://www.youtube.com/watch?v=-vr_saXhT4E&list=PLKRPOnewH1mRwog9S_u5uSYAprzgdR0RO

14) https://de.wikipedia.org/wiki/Udo_Ulfkotte

15) 22. Oktober 2016: https://vk.com/wall352403622_8658

16) Zum Kopp-Verlag bei Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Kopp_Verlag

17) "Junge Freiheit": http://wgvdl.com/forum2/index.php?id=51656

18) Matthias Meisner/Heike Kleffner (HG), "Extreme Sicherheit. Rechtsradikale in Polizei, Verfassungsschutz, Bundeswehr und Justiz", Herder Verlag 2019, Seite 123

19) Antifa Hamm: https://aah.noblogs.org/?cat=1

20) Der Spiegel: https://www.spiegel.de/panorama/reichsbuerger-thorsten-w-bekiffter-krieger-a-00000000-0002-0001-0000-000171875091?utm_source=dlvr.it&utm_medium=%5Bfacebook%5D&utm_campaign=%5Bspontop%5D#ref=rss

21) https://www.machtvonunten.de/lokales-hamm/91-cdu-leithammel-laurenz.html

22) https://www.machtvonunten.de/nationalisten-rechte-neoliberale/229-laurenz-stolzdeutsch-meyer.html

23) https://www.wa.de/hamm/thorsten-schulte-ehemaliges-mitglied-hamm-landet-buch-kontrollverlust-spiegel-bestsellerliste-8625636.html

24) https://clausstille.blog/tag/thorsten-schulte/

25) https://www.wa.de/hamm/polizist-hamm-soll-reichsbuerger-sein-problem-justiz-polizei-beamter-auch-afd-vorstand-13276907.html

26) https://www.wa.de/nordrhein-westfalen/hamm-rolle-thorsten-finanzier-rechten-terrorzelle-zr-13552068.html

27) https://www.wa.de/hamm/polizei-hamm-rechtsextreme-chat-volksverhetzung-terror-torsten-w-13773055.html

28) http://polizeihistorischesammlung-paul.de/gaestebuch/index.html

29) "Westfälischer Anzeiger" vom 22. Februar 2020

30) http://polizeihistorischesammlung-paul.de/heessen/heessen.htm

31) https://www.machtvonunten.de/lokales-hamm/318-zur-moritz-bacharach-strasse.html

32) http://polizeihistorischesammlung-paul.de/wissenswertes/sudetenland/seite1.htm

33) Beppo Beyerl "Die Benes-Dekrete", Promedia, Wien, 2002, Seite 35 und 42

34) http://polizeihistorischesammlung-paul.de/Reichskristallnacht/folge_2.htm

35) https://www.machtvonunten.de/nationalisten-rechte-neoliberale/353-antisemitismus-in-deutschland-74-jahre-nach-der-shoa.html

36) http://polizeihistorischesammlung-paul.de/Gedenktafel/gefallene.htm

37) https://de.wikipedia.org/wiki/Riwne und http://www.tenhumbergreinhard.de/1933-1945-lager-1/1933-1945-lager-r/rowno.html

38) http://www.polizeihistorischesammlung-paul.de/aerztlicher%20dienst/polizeiaerztlicher_dienst.htm

39) https://web.hamm.de/fileadmin/user_upload/Medienarchiv/Kultur/Dokumente/Stadtarchiv/stele_pelkum_ruhrkampf.pdf

40) https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/revolution-191819/freikorps.html

41) https://de.wikipedia.org/wiki/Freikorps_L%C3%BCtzow

42) http://polizeihistorischesammlung-paul.de/wissenswertes/polizeiknueppel/polizeiknueppel01.htm

und http://polizeihistorischesammlung-paul.de/wissenswertes/abzeichen/abzeichen01.htm

43) https://de.wikipedia.org/wiki/Manfred_Such

44) https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13529431.html

 

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Updates

 


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6. September 2020

 tagesschau.de"WDR-Investigativ" hat auf der Internetseite von "tagesschau.de" neue Informationen über Thorsten Wollschläger und die Gruppe S. veröffentlicht. Offensichtlich hat auch Wollschläger den Dienstkomputer der Polizei genutzt, um an bestimmte Informationen zu kommen:

"Für die nordrhein-westfälischen Behörden ist der Fall dramatisch: Denn wie Recherchen von WDR und SZ zeigen, könnte W. seine Position sogar genutzt haben, um dienstliche Erkenntnisse über die Reichsbürgerszene zu sammeln, mit der er wohl selbst sympathisierte. So soll er auf ein vertrauliches Lagebild der Polizei "Auswertungsschwerpunkt Reichsbürger" zugegriffen und es sich an seine private E-Mail-Adresse geschickt haben.

Außerdem soll er sich mit gleichgesinnten Kollegen vernetzt haben. Durch die Ermittlungen gegen ihn stehen nun auch zwei weitere Mitarbeiter der Polizei Hamm unter Rechtsextremismusverdacht, ein Polizeihauptkommissar und ein Angestellter der Verwaltung. In einer der Chatgruppen sollen sich W. und sein Chatpartner mehrere tausend Nachrichten geschickt haben, darunter NS-Propaganda, SS-Verherrlichungen und rassistische Sprüche. Die Männer sollen sich in dem Chat mit "Heil" gegrüßt und sich Hakenkreuz-Emojis geschickt, außerdem Witze darüber gemacht haben, Ausländer erschießen zu wollen. (...)

Auch gegen Thorsten W. ist das Polizeipräsidium Hamm jetzt weiter vorgegangen: Die Behörde widerrief die Waffenbesitzkarte, die sie ihm 2003 ausgestellt hatte und sprach ein Waffenverbot gegen W. aus. Gegen beide Entscheidungen klagt W. bereits vor dem Verwaltungsgericht. (...)

Als nach seiner Festnahme erstmals das Büro von Thorsten W. in der Polizeiwache Bockum/Hövel durchsucht wurde, stießen die Ermittler schnell auf Einschlägiges: Stapelweise lagerte W. rechte Zeitungen in seinem Büro, darunter die vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestufte Zeitung "Unabhängige Nachrichten". Auf dem Schreibtisch stand eine Tasse der rechten Zeitung "Junge Freiheit", Exemplare der Wochenzeitschrift soll er in der Dokumentenablage und im Aktenbock gelagert haben."

Quelle: https://www.tagesschau.de/investigativ/wdr/gruppe-s-109.html

                                                            *

1. September 2020 (Antikriegstag)

ND - neues deutschlandAuf der Hammer Polizeihistorienseite wird unter anderem derjenigen Hammer Polizisten mit einer Gedenktafel gedacht, die bei der Unterstützung, Absicherung und Durchführung der NS-Massenmorde in Osteuropa selbst zu Tode kamen. Und auf Bundesebene gibt es bisher keinen würdigen Gedenkort für die Opfer des NS-Vernichtungskrieges im Osten. Was auf lokaler Ebene schiefläuft, findet im Bund seine Entsprechung. Jan Korte findet in der Tageszeitung "ND. Der Tag" in dem Artikel "Umkämpftes Gebiet" hierfür deutliche Worte:

"Der Krieg gegen die Sowjetunion war ein entgrenzter Vernichtungskrieg, wie ihn die Welt noch nicht erlebt hatte: 27 Millionen tote Sowjetbürger, davon 14 Millionen Zivilisten. Fast jede Familie in der UdSSR hatte Opfer zu beklagen. (...) Bis heute weitgehend aus dem kollektiven Gedächtnis der Deutschen gelöscht sind die ungeheuren Verbrechen an den Völkern Ost- und Südosteuropas im Rahmen des NS-Raub- und Vernichtungskrieges und der Ideologie vom »Lebensraum im Osten« sowie an vielen Menschen in den anderen im Krieg besetzten Staaten.

Als sich die Linke im November letzten Jahres danach erkundigte, in welcher Form Deutschland das Gedenken an den 75. Jahrestag der Befreiung und des Sieges über die Naziherrschaft in Deutschland und Europa begehen werde, antwortete die Regierung, sie werde »zu gegebener Zeit« informieren. Immerhin gab sie zu, dass Staatsministerin Monika Grütters außer einer kleinen Sonderausstellung in Karlshorst keine Pläne hege und Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer keine »speziellen Veranstaltungen« in den Kasernen der Bundeswehr vorsehe. Beim Lesen der Antwort entstand fast der Eindruck, es wäre ihr neu, dass Deutschland als Anstifter des Zweiten Weltkriegs mehr als 18 Millionen deutsche Männer mobilisiert hatte, die zerstörend über Europa hergefallen waren, und dass ihr gar nicht in den Sinn kam, dass daraus vielleicht so etwas wie eine Verantwortung für ein würdiges Gedenken erwächst."

Quelle: https://www.neues-deutschland.de/artikel/1141151.orte-der-erinnerung-umkaempftes-gebiet.html

                                                                  *

8. August 2020

DER SPIEGEL Nr. 33 2020: "Die dunkle Seite der Staatsmacht""Der Spiegel" Nr. 33 vom 8. August 2020 befasst sich in dem Artikel "Der Feind im Innern" unter anderem mit Thorsten Wollschläger und den Vorkommnissen bei der Polizei in Hamm:

"Der Fall ist erschreckend, ähnlich erschreckend ist das Verhalten des Polizeipräsidiums Hamm.

Die verantwortlichen Beamten mussten einräumen, dass sie schon früher gegen den Mann hätten vorgehen können. Unter Kollegen soll seine politische Haltung lange bekannt gewesen sein. Auf der Arbeit las er die neurechte 'Junge Freiheit', vom Balkon seiner Wohnung hing eine Flagge aus dem deutschen Kaiserreich.

Auch im Internet hatte der Polizeimitarbeiter keinen Hehl aus seinen radikalen Ansichten gemacht. In einem sozialen Netzwerk teilte er eine Bildmontage der Kanzlerin in Zwangsjacke, dazu den Satz 'Die Klapse ruft.' Mal posierte er im Stil eines germanischen Kriegers, mal trug er eine Tarnjacke aus der NS-Zeit. Über den Staat, dem er eigentlich dienen sollte, schrieb er: 'Ich hoffe, es wachen mal endlich mehr Menschen hier im Land auf und erkennen, in was für einer linksradikalen Stasi-Diktatur wir leben.'

Viele wussten es, keiner unternahm was – so ist es offenbar in vielen Fällen.“

*

3. August 2020

Thorsten Schulte, der im obigen Text erwähnte ehemalige Wahlkampfmanager von Laurenz Meyer, kandidiert bei der nächsten Kommunalwahl am 13. September 2020 im Bezirk 22 in Hamm, Bockum-Hövel für die AfD.

Am 3. August 2020 berichtet die "Junge Welt" über seinen Auftritt bei der Coronaleugner-Demonstration in Berlin am Samstag, den 1. August 2020:

"Doch an der Anwesenheit der Faschisten, die in diesem durch Irrationalismus und Wissenschaftsfeindlichkeit geprägten Milieu von Coronaleugnern, Esoterikern und Impfgegnern wie Fische im Wasser schwimmen konnten, störte sich kaum einer der übrigen Demonstranten. Letztere behaupteten, »für die Freiheit« auf die Straße zu gehen. So wurde auf der Schlusskundgebung der Unternehmensberater und geschichtsrevisionistische Buchautor Thorsten Schulte, der sonst auf Pegida- und AfD-Veranstaltungen auftritt, auch von Demonstrationsteilnehmern bejubelt, die äußerlich einer Alternativszene zuzuordnen waren."

Quelle:

https://www.jungewelt.de/artikel/383443.ein-k%C3%A4fig-voller-narren-preu%C3%9Fenadler-und-regenbogen.html

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20. Juli 2020

Antifaschistisches Infoblatt (AIB), Nr. 127Das "Antifaschistische Infoblatt" (AIB) berichtete am 20. Juli 2020 in dem Artikel "Bürgerwehren als Mobilisierungsort für den Bürgerkrieg: Gruppe S." über die Verbindung der rechtsterroristischen Gruppe S. zu den sogenannten "Freikorps", die sich in der ideologischen Kontinuität der antidemokratischen Freikorps nach dem ersten Weltkrieg sehen:

"Auffällig ist die Verbindung zu sogenannten Bürgerwehren. So gehörten Steffen B. und Stefan K. aus Sachsen-Anhalt zu den regionalen Anführern der 'Vikings Security Germania', einer Abspaltung der 'Soldiers of Odin'. Frank H. zählt zu einem der führenden Köpfe der 'Wodans Erben Germanien' in Bayern. Auch Thomas N. soll Teil dieser Gruppe gewesen sein. Tony E. war Administrator der Facebook-Gruppe 'Freikorps Heimatschutz'.

Auch ein Germanen- und Wikingerkult fällt auf. Besonders sticht dabei ein Profil mit dem Namen des verhafteten Verwaltungsbeamten Thorsten W. der Polizei Nordrhein-Westfalen heraus, der mittlerweile vom Dienst suspendiert wurde. Er postet Bilder von sich, verkleidet als germanischer Krieger mit Schwert und Schild. Auf Facebook findet sich unter seinem Klarnamen auch sein germanischer Name. Unter diesem Namen mit demselben Gesicht als Profilbild gibt es auch ein Profil auf VKontakte. Dort teilt der Account Holocaustleugnungen, Hakenkreuze und Beiträge der 'Waffen SS'."

Quelle:

https://www.antifainfoblatt.de/artikel/b%C3%BCrgerwehren-als-mobilisierungsort-f%C3%BCr-den-b%C3%BCrgerkrieg-gruppe-s

-

Auf der Polizeihistorienseite konnte Wollschläger sich in der Ansicht bestätigt fühlen, dass die Mordbuben von den historischen "Freikorps" an sich nichts anrüchiges gemacht haben und anschließend zur staatlichen Sicherheitspolizei wechselten:

"Auch Friederich Bobe trat einem Freikorps bei. Der größte Teil seiner Einheit meldete sich dann zu den neugegründeten Sicherheitswehren, die Vorläufer der Sicherheitspolizei (Sipo) wurden. Bobe meldete sich in Münster zur Sicherheitswehr. Nachdem aus der Sipo dann letztendlich die Schutzpolizei hervorgegangen war, meldete sich Bobe mit seiner Einheit zur Schupo, und zwar in Friederichsfeld bei Wesel.

Mit seiner Schutzpolizeieinheit hatte Bobe schon einige schwere Einsätze erlebt, bevor er nach Hamm kam. So war er z.B. eingesetzt, bei:

1. den Kämpfen um Dinslaken im März 1920

2. der Säuberung und Entwaffnung des Ruhrgebietes 1920 (...)"

Quelle:

http://www.polizeihistorischesammlung-paul.de/aerztlicher%20dienst/polizeiaerztlicher_dienst.htm

 

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