Originalbeitrag vom März 2019

Antisemitismus: Das Echo aus der Vergangenheit wird lauter

Als ich vor einiger Zeit die jüdische Gemeinde in Unna besuchte, fragte ich dort, warum sie keine Veranstaltungstermine in der wöchendlich erscheinenden Jüdischen Allgemeinen bekanntgibt. Die Antwort versetzte mich in Erstaunen. Unter anderem wegen der Nähe zu Dortmund mit seiner aggressiven rechtsradikalen Szene könne die Polizei einen Schutz der Versammlungen nicht gewährleisten. Deswegen wird auf eine öffentliche Werbung für Veranstaltungen verzichtet, allenfalls im Nachhinein berichtet.

 Stilisierte Torarolle auf dem Gelände des Jüdischen Gemeindehauses Berlin Antisemitische Angriffe im öffentlichen Raum und in Gesprächen haben im Vergleich zur restlichen EU besonders in Deutschland in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Die EU-Grundrechteagentur FRA hat im letzten Jahr bei einer Umfrage festgestellt, das 52 Prozent der jüdischen Befragten in der BRD Belästigungen und Angriffen ausgesetzt waren. 41 Prozent der Befragten gaben an, im letzten Jahr mindestens einmal eine antisemitische Erfahrung gemacht zu haben (1). Dreiviertel aller Juden trauen sich in der BRD nicht mehr ihre Religionszugehörigkeit offen zu zeigen.

Alarmierende Vorkommnisse auch in den Schulen. Hier werden jüdische Kinder und Jugendliche immer öfter beschimpft und angegriffen. Sogar von Lehrern geht Antisemitismus aus; Vorfälle werden von den Schulleitungen bagatellisiert und verharmlost (2). Gerade in Schulen müsste angesetzt werden, um geschichtliches Grundlagenwissen zu vermitteln. Und zwar nicht nur über den Holocaust, sondern auch über seine Vorgeschichte, über jahrhundertelanges jüdisches Leben in Deutschland und den Nahostkonflikt.

Heute wissen 40 Prozent der jungen Deutschen kaum etwas vom Holocaust (3). Selbst in Universitäten und Hochschulen werden in Geschichte und Politikwissenschaften nur wenige tiefergehende Veranstaltungen über den Holocaust angeboten. Zum Rechtsextremismus gibt es keine einzige Professur.

Gedenktafel in BerlinVor der Zeit des Faschismus hat es ein sehr lebendiges facettenreiches jüdisches Leben in Deutschland gegeben. Die liberalen und modernen Juden waren in die Mehrheitsgesellschaft integriert und prägten sie in vielerlei Hinsicht mit. Das Wissen über diese herausragende Kulturleistung ist heute größtenteils verschüttet, das reichhaltige jüdische Erbe wird größtenteils ignoriert. Es gibt noch viel zu entdecken.

Wohin man auch hinsieht, herrscht heute gegenüber dem Judentum und der jüdischen Religion Ahnungslosigkeit und Unverständnis, obwohl sie jahrhundertelang ein wichtiger Bestandteil des deutschen Geisteslebens waren. Andererseits beschäftigen sich seit vielen Jahren ganze Heerscharen von Sinnsuchenden mit asiatischen Religionen und Sekten, Meditationspraktiken, Yoga und Heilslehren aller Art, die ideengeschichtlich weit von dem mitteleuropäischen Erfahrungshintergrund entfernt sind. Die Veranstaltungsbroschüren der Volkshochschulen quellen über mit diesen Angeboten; der Zeitschriftenmarkt für die Esoterikszene boomt. - Mit den allereinfachsten jüdischen Begriffen wie Schabbat, Chanukka oder Tora kann hier hingegen kaum jemand etwas anfangen, obwohl sie millionenfach in der vorfaschistischen Zeit präsent waren. Immerhin leben in Deutschland inzwischen wieder über 200.000 Jüdinnen und Juden.

Mit der Wochenzeitschrift "Jüdische Allgemeine" steht in der BRD ein sehr gut aufgemachtes, pluralistisches und preiswertes Printmedium zur Verfügung, um sich umfassend über alle jüdischen Themen zu informieren. Verkaufte Auflage: 6.182 Exemplare. Poste ich einen Artikel aus dieser Zeitung bei Facebook, reagieren meine paar hundert "Freunde" daraufhin auffallend zurückhaltend, nur ganz selten gibt es "Likes". Man hält sich auf Distanz. Um die Sicherheit von Juden ist es in Deutschland wieder schlecht bestellt. Sie werden unabhängig davon angegriffen, wie sie sich verhalten oder ob sie religiös, säkular oder religionskritisch sind oder wie sie sich zur Lage im Nahen Osten positionieren. In den letzten Monaten wurden von staatlicher Seite in fast allen Bundesländern Antisemitismusbeauftragte eingesetzt. Hier werden unter anderem Forschungsprojekte initiiert und auch Meldestellen für antisemitische Vorfälle eingerichtet. Inzwischen hat sich ein Bundesverband "Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus" (RIAS) gebildet, der schon seit 2015 für Berlin existiert. Er hat allein in Berlin seitdem 2581 antisemitische Vorfälle mit zum Teil strafrechtlichem Hintergrund registriert (4).

Gedenkwand mit den Namen von 22 Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslagern auf dem Gelände vor dem Jüdischen Gemeindehaus Berlin Angesichts der Tatsache, dass es mittlerweile immer weniger überlebende Zeitzeugen gibt, die über den Holocaust berichten können, gibt es einen bemerkenswerten Versuch, "Zweitzeugen" auszubilden, damit in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen die Erinnerungskultur verjüngt werden kann (5).

Diese sinnvollen Projekte können nicht darüber hinwegtäuschen, dass man dem Antisemitismus nicht nur mit pädagogischen Maßnahmen bekämpfen kann. Neben dem zivilgesellschaftlichen Engagement wird es auch notwendig sein, dass Exekutive und Judikative eingesetzt werden. Da aber auch hier teilweise autoritäre Weltbilder und rechtsradikale Netzwerke anzutreffen sind, können wir uns nicht auf diese staatlichen Stellen verlassen. Das sind keine guten Aussichten und deswegen müssen wir unsere Aktivitäten gegen Antisemiten und Rechtsradikale deutlich verstärken.

Synagoge Rykestraße in Berlin. Foto: Horst BlumeAnmerkungen

1. Jüdische Allgemeine, 13. 12. 2018, "Die Angst geht um"

2. Jüdische Allgemeine, 13. 12. 2018, "Tatort Klassenzimmer"

3. taz, 30. 1. 2019, "Das Beschweigen schadet nur"

4. Jüdische Allgemeine, 20. 12. 2018, "Vertrauen ist wichtig"

5. Neues Deutschland, 1. 2. 2019, "Die Erinnerungskultur verjüngt sich"

 

Weitere Anmerkung

Einen langen Artikel zum Thema Antisemitismus habe ich in der "Graswurzelrevolution" Nr. 440, Sommer 2019 geschrieben:

"Antisemitismus in Deutschland 74 Jahre nach der Shoa"

https://www.machtvonunten.de/nationalisten-rechte-neoliberale/353-antisemitismus-in-deutschland-74-jahre-nach-der-shoa.html

 

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