Originalbeitrag vom Januar 2019

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist "Märchenonkel" im Land?

"Aber es stand doch im Spiegel, hast Du das etwa nicht gelesen?" musste ich mir oft genug von Hochwohlinformierten anhören. – Nein, das hatte ich nicht gelesen. Ich bevorzuge jede Menge kleinerer Alternativblättchen aus recht unterschiedlichen Richtungen. In den letzten vier Jahrzehnten kaufte ich mir insgesamt allerhöchstens fünf Ausgaben des Spiegels. Wenn es gar nicht anders ging, machte ich mir im Nachhinein ein paar Kopien. Das funktionierte auch. Die elitäre Wichtigtuerei des Spiegels ging mir auf die Nerven. Willy Brandt sagte 1974 seine Meinung sehr direkt: "Scheißblatt"!

Die aktuellen Irritationen über die Lügen von Spiegel-Reporter Claas Relotius blenden aus, dass bei den herrschenden Medien schon seit längerer Zeit der Weg vom unterhaltsamen Storytelling über die inszenierte Reportage zum "Märchenonkel" recht kurz war. Insgesamt fünfhundert Journalistenpreise winken denjenigen, die so eine Inszenierung perfekt beherrschen. Hier geht es um Aufstiegschanchen, Geltungssucht, Kampf um Marktanteile und darum, wer die größte Aufmerksamkeit erhält. Selbst die Aufdeckung der Lügengeschichten von Relotius wird vom Spiegel im bisher praktizierten Duktus des ertappten Sünders "erzählt".

Straßenkreuzung in Berlin: Springer, Dutschke. Foto: Horst BlumeSeit der Spiegelaffäre und dem Vorwurf des Landesverrats im Jahre 1962 zehrt der Spiegel bei vielen Menschen von dem Ruf, ein außergewöhnliches kritisches Medium zu sein, ohne dem man in der links-alternativen politischen Debatte nicht auskommen könne. Dabei hat dieses Blatt mit uns und unseren Intentionen rein gar nichts zutun. Wir wissen, dass dieses Magazin schon in seinen Anfängen in den 50er Jahren das journalistische Betätigungsfeld zahlreicher ehemaliger Nazi-Größen war. Antisemitische Ausfälle finden bis heute in diesem Blatt statt. - Kleinigkeit am Rande: Spiegel-Gründer Rudolf Augstein und der Gründer des noch rechteren Konkurrenzblattes Focus, Helmut Markwort, waren beide Mitglied der FDP, der widerlichsten Partei vor der Entstehung der AfD.

Angesichts der Dominanz rechter Medien sollte man meinen, dass linke und ökologisch orientierte Menschen alternative Medien verstärkt unterstützen und abonnieren würden. Doch weit gefehlt! Fast überall befinden sich alternative Printmedien in einem zermürbenden Existenzkampf. Wie weit diese erschreckende Tendenz geht, zeigt sich beispielsweise in Hamm, wo ein früheres "alternatives" Buchladenprojekt in der Fußgängerzone vor dem Geschäft seit einigen Monaten jeden Tag eine Doppelstelltafel mit Werbung für die Bild-Zeitung aufstellt! – Es passieren Dinge, die hätte man bis vor wenigen Jahren nicht für möglich gehalten.

THTR-Rundbrief Nr. 51/52: "Westfälischer Anzeiger - Die sanfte Verblödung?"Natürlich verändert sich durch die Digitalisierung das Konsumverhalten der Leser. Kleineren alternativen und linken Medienprojekten fällt es oft schwerer, sich unter diesen Bedingungen auf dem Markt zu behaupten. Was leider oft fehlt, ist die Wertschätzung bei den Lesern und die Unterstützung durch die Leser.

Selbstverständlich können in links-alternativen Zeitschriften auch mal schlechte oder ärgerliche Artikel stehen. Aber es sind unsere Medien, in denen wir nach unseren Bedürfnissen und Fragestellungen Informationen weitergeben und aufbereiten. Und in den meisten Fällen basisdemokratisch entscheiden. Hier haben wir selbst direkt Einfluss durch unsere Beteiligung an inhaltlichen Diskussionen und können korrigierend eingreifen. Das ist ein fundamentaler Unterschied zur kapitalorientierten, interessengeleiteten "Mainstreampresse".

In der horizontalen Navigationsleiste ganz oben empfehle ich unter der Rubrik "Links" eine ganze Reihe interessanter, hervorragender Zeitschriften. Ich bitte um Beachtung:

https://www.machtvonunten.de/links.html

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