Aus: "Sauerland-Zeitung", Oktober/November 1976

Atomkraft – einseitiger "Bürgerdialog"

Herr Matthöfer behauptet, dass in der BRD* Initiativen begünstigt und nicht erstickt würden. Wurden die Initiativen der Bürger in Wyhl, die sich gegen das geplante lebensbedrohende Atomkraftwerk durch Platzbesetzung wehrten, begünstigt? Wurde da nicht versucht, die Initiative von tausenden Menschen durch brutale Polizeieinsätze zu ersticken? Und doch, letzten Endes hat sich die Bevölkerung am Kaiserstuhl durchgesetzt: Das Atomkraftwerk wird – zumindest vorläufig – nicht gebaut!

Anti-Atomplakat aus dem Jahr 1976 aus HammUnd jetzt versuchen es Atomkraftwerkbetreiber und das Forschungsministerium anders: Um die Bürgerinitiativen besser bekämpfen zu können, ist im Auftrage der Bundesregierung von dem Battelle-Institut eine Untersuchung über "Bürgerinitiativen im Bereich von Kernkraftwerken" fertiggestellt worden. Kosten: ca. eine Million DM. Die Auftraggeber (Matthöfer gehört dazu) wollen die Schwächen der Bürgerinitiativen herausfinden und dann ausnutzen. Dafür sollen die Battelle-Forscher die günstigsten Ansatzpunkte herausfinden.

Der beste Ansatzpunkt scheint der "Bürgerdialog Kernenergie" zu sein: Die Bürgerinitiativen sollen in langwierige Diskussionen mit dem Forschungsministerium verwickelt und von ihrer eigentlichen Arbeit, den Bau von Atomkraftwerken im aktiven gewaltfreien Kampf zu verhindern, abgelenkt werden.

Die sieben Bürgerinitiativen gegen die Atomkraftwerke bei Hamm werden sich nicht durch noch so schöne Worte des Herrn Matthöfer von dem Kampf gegen Atomkraftwerke abhalten lassen. Wer sich über die Gründe informieren will, warum sich so viele Bürger gegen Atomkraftwerke zur Wehr setzen, schreibe bitte an Horst Blume, Hamm.

* Anmerkung der Red.: Die Redaktion pflegt diese meist im Osten verwendete Abkürzung nicht zu benutzen. In Leserbriefen kann sie natürlich nicht abgeändert werden.

Anmerkung

BRD, "diese meist im Osten verwendete Abkürzung"! – Diese Anmerkung konnte sich die Redaktion der "Sauerland-Zeitung" beim Abdruck meines Leserbriefes nicht verkneifen. So waren die politischen Zustände im Jahr 1976.

Das Bundesforschungsministerium mit ihrem Minister Hans Hermann Matthöfer (SPD) hat von 1975 bis 1978 in allen größeren Tageszeitungen und auch in der "Sauerland-Zeitung" eine teure Anzeigenkampagne für einen angeblichen "Bürgerdialog Kernenergie" geworben. Dieser Dialog war allerdings nicht auf Augenhöhe angelegt und auch nicht ergebnisoffen, sondern ein Propagandainstrument der Atomindustrie.

In der Zwischenbilanz des "Bürgerdialogs Kernenergie" hieß es am 27. 8. 1976 in einer Werbeanzeige im "Westfälischen Anzeiger": "Trotz all dieser Anstrengungen können wir nicht darauf verzichten, die Chanchen der Kernenergie zu nutzen". Der Minister hatte also gar nicht die Absicht, nach dem "Dialog" etwas zu ändern.

Wikipedia zum "Bürgerdialog Kernenergie":

https://de.wikipedia.org/wiki/B%C3%BCrgerdialog_Kernenergie

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