Aus: "Graswurzelrevolution" Nr. 426, Februar 2018

Was tun gegen die Neue Rechte?

In dem Buch "Die Angstmacher" zeigt Thomas Wagner sehr anschaulich die ideengeschichtlichen Hintergründe und persönlichen Beweggründe der Neuen Rechten und Identitären auf. Jens Kastner bemängelt in seiner kritischen Besprechung des Buches, dass sein Autor "entschieden zuviel Verständnis" für die intellektuelle Rechte aufbringen würde.

Die AngstmacherDie wirklich wichtige Frage, die sich mir im Spannungsfeld dieser Auseinandersetzung stellt, ist diejenige, wie unser spezifisch gewaltfrei-libertärer Ansatz im Kampf gegen die neue Rechte aussehen könnte. Sich in die Gedankenwelt und Motive unserer Gegner hineinzuversetzen, um ihr Handeln zu verstehen, ist aus gandhianischer Sicht eine wichtige Vorarbeit für den Erfolg gewaltfreier Strategien, die Thomas Wagner meiner Meinung nach mit seinem Buch gut gelungen ist. Aber es bleibt unser aller Problem, dass es noch relativ unklar ist, welche sinnvollen konkreten Vorschläge wir für die praktische Auseinandersetzung mit diesen Rechten anzubieten hätten.

In dem Fernsehfilm "Die rechte Wende" wird unter anderem der Konflikt zwischen dem identitären Antaios Verlag von Kubitschek und antifaschistischen DemonstrantInnen auf der Frankfurter Buchmesse an Hand von Originalbildern gezeigt: Nasenspitze an Nasenspitze geiferten sich aus allernächster Nähe die KontrahentInnen an. Es folgten Rangeleien, Sprechchöre der verschiedenen Lager versuchten sich gegenseitig mit Parolen zu übertönen. War das eine sinnvolle Form der politischen Auseinandersetzung? Was denken unbeteiligte Menschen, wenn sie das sehen? Haben AntifaschistInnen durch diesen Auftritt für ihr Anliegen wirklich geworben? Bereits in wenigen Wochen stellt sich auf der Buchmesse in Leipzig genau das gleiche Problem wieder.

Wenn sich ein paar Neue Rechte an einem öffentlichen Ort aufhalten, spult sich ganz oft der gleiche Film ab: Verärgerte antifaschistische BürgerInnen stellen sich ihnen zu Recht aufgebracht in den Weg und die Rechten gefallen sich in ihrer "Opferrolle". – Auf der anderen Seite werden AFD-Promis auf zahlreichen Talkshows im Fernsehen hofiert. Auch durch die Lektüre von Wagners Buch wissen wir, dass Kubitschek seine extrem flüchtlingsfeindliche Haltung sogar noch als "maßvoll" darzustellen versucht. Genau dieses von ihm gewollte Bild gilt es in der Öffentlichkeit zu korrigieren und zu zeigen, was seine Worte wirklich bedeuten.

Zum Beispiel könnten gewaltfreie Akteure bei kommenden Konfrontationen ruhig, aber bestimmt große Plakate hochhalten, auf denen die Folgen von seinen Forderungen in Form von Bildern mit ertrunkenen oder verzweifelten Flüchtlingen zu sehen sind. Auch provokative Aktionen wie die Stelen vor Höckes Haus könnten in ihrer Grundform sinnvoll sein. In die Anti-Atom- und die Friedensbewegung haben GraswurzlerInnen ihre Vorstellungen von gewaltfreien Aktionen in den letzten Jahrzehnten mehrmals recht erfolgreich eingebracht. Es wäre an der Zeit, dies im Kampf gegen die Neue Rechte ebenfalls zu versuchen.

In unserer Zeitung wurde mehrmals darüber berichtet, dass ein türkischer Kriegsdienstverweigerer im Knast durch Überzeugungsarbeit und gutes Beispiel ein Mitglied der faschistischen Grauen Wölfe zu einem "anderen Menschen" gemacht habe. - Wenn das mehr als eine idealisierende Erzählung aus einem fernen Land sein soll, dann müsste auch darüber nachgedacht und diskutiert werden, was in welcher Form hier möglich wäre oder was unrealistisch ist.

Schließlich hatte auch Gandhi die Debatte mit wirklich üblen Kontrahenten nicht gescheut. Bei rechtsradikalen Führungsfiguren mag dieses Unterfangen heute wenig Sinn machen und würde von ihnen instrumentalisiert werden. Aber bei rechten Mitläufern könnte es bei einem Dialog auf persönlicher Ebene anders aussehen. An diesen Frage- und Problemstellungen müssen wir meiner Meinung nach angesichts des verstärkten Rechtsruckes in dieser Gesellschaft zukünftig viel konzentrierter und intensiver arbeiten.

Anmerkungen:

Jens Kastner begründet in seiner ausführlichen Besprechung des Buches "Die Angstmacher. 1968 und die Neuen Rechten" von Thomas Wagner in der Zeitschrift "Graswurzelrevolution" Nr. 424 (Dezember 2017) unter anderem, warum der "Feminismus" von Ellen Kositza nichts als heiße Luft ist und weist daraufhin, dass der Aufbruch der linken 68er Bewegung auch mit den internationalen antikolonialen Kämpfen im Zusammenhang zu sehen ist und rechten Denkweisen diametral entgegensteht. Hier ist die Besprechung einzusehen:

http://www.graswurzel.net/424/wagner.php

Hier sind die Verlagsinformationen und 28 Seiten Leseprobe vom "Aufbau Verlag" zu dem Buch "Die Angstmacher" einzusehen:

http://www.aufbau-verlag.de/index.php/die-angstmacher.html

"Schwarzer Faden" (Anarchistische Vierteljahreszeitschrift) Nr. 9, 4/1982)Da ich in dem Buch "Die Angstmacher" im Kapitel "Tipps in Basisdemokratie: Der Anarchist und die 'Sache des Volkes'" vorkomme, weise ich hier auf meine alten Artikel hin. 1982 und 1980 habe ich über die sogenannten Nationalrevolutionäre, die als Vorläufer der Neuen Rechten und der Identitären zu sehen sind, zwei längere Artikel veröffentlicht, die damals für viele Diskussionen sorgten:

"Nationalrevolutionäre aus anarchistischer Sicht" in "Schwarzer Faden" (Anarchistische Vierteljahreszeitschrift), Nr. 9, 4/1982. Im Anhang und Nachwort wird der Gang der damaligen Diskussionen nachgezeichnet und ebenso ein aktueller Überblick über die Rezeption des Buches "Die Angstmacher" in zahlreichen Medien gegeben:

http://www.machtvonunten.de/nationalisten-rechte-neoliberale/76-nationalrevolutionaere-aus-anarchistischer-sicht.html

"Einige Überlegungen zum Verhältnis der Nationalrevolutionäre in der BRD zum Regionalismus" in "Laser", Nr. 21, Februar/März 1980:

http://www.machtvonunten.de/nationalisten-rechte-neoliberale/227-einige-ueberlegungen-zum-verhaeltnis-der-nationalrevolutionaere.html

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