Aus: "anti atom aktuell" (aaa) Nr. 187, Februar 2008

Auferstanden aus Ruinen

Die Schweiz beteiligt sich an der Entwicklung von Generation IV -Reaktoren

Es mehren sich die Anzeichen, dass die Schweiz verstärkt auf Hochtemperatur-Reaktoren setzt und sich auf internationaler Ebene an der Entwicklung von Generation IV-Reaktoren stärker beteiligt. Sie knüpft damit an ihr Engagement in den 70er und 80er Jahren für diesen Reaktortyp an.

anti atom aktuell, Nr. 187, 2008Lothar Hahn und Britta Nockenberg schrieben 1990 dazu in einem längeren Gutachten Folgendes:

"In der Schweiz gibt es ein eigenes HTR-Forschungsprogramm, in dessen Rahmen man sich an der Entwicklung des deutschen Kugelhaufenreaktors beteiligt hat. Durch Zusammenarbeit der bundesdeutschen Kernindustrie (ABB Mannheim bzw. HRB) mit der IGNT, der schweizerischen 'Interessengemeinschaft zur Wahrnehmung gemeinsamer Interessen an der Entwicklung nuklearer Technologien', sind so die Konzepte für den HTR-500 und den kleinen Heizreaktor GHR-10 entstanden. Die schweizer Industrie lieferte auch 20 % der Komponenten für den THTR-300, die im Rahmen des schweizerischen HTR-Forschungsprogramms entwickelt worden sind.

In der IGNT sind sowohl die schweizer Industrie (Sulzer, Elektrowatt, ABB Baden etc.) sowie das Eidgenössische Institut für Reaktorforschung(EIR), heute Paul-Scherrer-Institut (PSI) vertreten. Seit 1973 sind rund 100 Millionen Schweizer Franken in die HTR-Forschung geflossen, zuletzt 1986 noch einmal 27 Millionen für den HTR-500.“ (1)

Die Zeitschrift "Atomwirtschaft" (atw) schrieb damals: "Ein für die weitere Zusammenarbeit der Schweiz mit der BR Deutschland bei der Hochtemperaturreaktor-Entwicklung (HTR) vorgesehener Bundesbeschluß zur Bewilligung eines auf die Jahre 1986-1988 beschränkten Verpflichtungskredits von 15 Mio. sfr für Beiträge an die Forschungs- und Entwicklungsarbeiten der schweizerischen Industriepartner in der Planungsphase des Projekts 'HTR-500 MW' wurde am 19. 12. 85 vom Nationalrat mit 80 : 38 Stimmen verabschiedet und dem Ständerat zugeleitet." (2)

Doch schon wenige Wochen nach dem THTR-Störfall im Jahre 1986 sah die Welt in den Augen des Bundesamtes der schweizer Energiewirtschaft etwas anders aus. Sie jammerte in der Berner Zeitung: "Leidtragende wäre die schweizerische Industrie, die sich vom Bundesengagement und mit ihren eigenen finanziellen Beiträgen in der Aufbauphase bei einer Kommerzialisierung der HTR-Linie Marktchanchen ausrechnet." (3)

Aber selbst von dem THTR-Störfall hat die schweizer Atomindustrie dank der NRW-Landesregierung auch noch profitiert, wie die NRW-Grünen anmerkten: "Die Landesregierung habe mit dem Elektrowatt Ingenieurunternehmen (Schweiz) eine Firma mit der Sicherheitsüberprüfung beauftragt, die seit 1973 selbst an der Planung und Entwicklung der bundesdeutschen Hochtemperaturreaktorlinie beteiligt sei." (4) Die Atomindustrie "überprüfte" sich also selbst!

Noch 1988 schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung kurz vor der endgültigen THTR-Stilllegung verhalten optimistisch: "In der Schweiz entsteht derzeit in einer Kooperation zwischen BBC und Sulzer ein Vorprojekt für ein HTR-Heizkraftwerk." (5) Doch gravierende technische und finanzielle Probleme und der Widerstand gegen den THTR Hamm machten den Atomfreunden einen Strich durch die Rechnung, der auch auf die Schweiz Auswirkungen hatte:

"Das Projekt 'HTR-500' soll nach Angaben des 'Eidgenössischen Verkehrs- und Energiewirtschafts Departments EVED)' und des ihm unterstellten Bundesamtes für Energiewirtschaft Ende 1992 abgeschlossen werden. Die in Übereinstimmung mit der beteiligten Industrie beschlossene vorzeitige Beendigung des Projektes wurde durch den vorläufigen Verzicht der Fortsetzung der HTR-Entwicklung in der BRD sowie der Annahme der Moratoriumsinitiative in der Schweiz ausgelöst.

Für die Forschungsarbeiten im Rahmen des in der BRD mit Schweizer Beteiligung durchgeführten HTR-500 Projekts wurde den schweizerischen Industriepartnern ein Kredit von 15 Mio. sFr bewilligt. Bis Herbst 1990 wurden insgesamt 5,1 Mio. sFr genehmigt und von diesen rd. Die Hälfte beansprucht. Mit dem noch verbleibenden vertraglich zugesicherten Betrag von r. 2.5 Mio. sFr werden die Teilprojekte bis Ende 1992 so abgeschlossen, daß die Ergebnisse kerntechnisch genutzt werden können." (6)

Die Atomindustrie gab also noch nicht ganz auf und hoffte auf für sie bessere Zeiten. Wie stark auch in der Schweiz die Zuneigung der Industrie zum HTR war, konnte man daran ablesen, dass die schweizer Spezialfirma Colenco sich 1990 standhaft weigerte, den Auftrag für den Abbau des THTR in Hamm zu übernehmen, da dieser Reaktor angeblich so "umweltfreundlich" und "sicherheitstechnisch unbedenklich" (7) sei!

Der HTR in der aktuellen schweizer Diskussion

Diese Vorstellung hat sich offensichtlich nicht nur bei der schweizer Atomindustrie, sondern auch bei den politischen Entscheidungsträgern gehalten. Im Jahre 2002 trat die Schweiz dem "Generation IV International Forum" (GIF) bei. Hierin hatten sich bereits neun Länder (USA, Frankreich, Südafrika, China, Japan ...) zusammengeschlossen, um auf internationaler Ebene die Forschung und Entwicklung neuer, innovativer Reaktoren langfristig zu planen und voranzutreiben. Dies ist sehr kostspielig und auf Jahrzehnte hinaus angelegt. Eine völlig neue Generation von AKWs hat einen Vorlauf von mindestens 20 bis 30 Jahren. Es müssen zunächst nicht nur kleine Forschungsreaktoren gebaut, erprobt und ausgewertet werden, sondern auch ein großer Prototyp erfolgreich laufen. Das alles kostet dutzende von Milliarden Euro. Die Weiterexistenz der Nuklearindustrie und umfassender Nuklearforschungsprogramme wird auf diese Weise langfristig auf internationaler Ebene gesichert.

Verpflichtungskredit für HTR-500-EntwicklungIst ein solches milliardenschweres Atomprogramm erstmal gestartet worden, wird es sehr schwer, dies wieder zu stoppen. Wie langfristig die Atomindustrie strategisch denkt und plant, zeigt sich in ihren konkreten Überlegungen: "Die Generation IV Planung rechnet je nach System mit Prototypen zwischen 2020 und 2030 und mit Beginn der Kommerzialisierung zwischen 2030 und 2040. Wegen der langen Planungs- und Bauphasen beim Ersatz der bestehenden Kraftwerke, kommt die Generation IV für den Ersatz in Gösgen (2038) kaum in Frage. Für Leibstadt (2044) könnte ein solchen Werk in Betracht gezogen werden." (8) An anderer Stelle wird das nukleare Szenario noch etwas konkreter: "In Frage käme dafür beispielsweise ein Park von 6 – 8 VHTRs, mit einer Gesamtleistung von 2000 MW." (9)

Am 14. 4. 2005 teilte der Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE) auf ihrer Internetseite mit, wie die nächsten konkreten Schritte in Richtung Generation IV-Reaktoren aussehen werden: "Das Paul Scherrer Institut (PSI), das eine hochstehende Infrastruktur für Forschung und Entwicklung zur Verfügung stellt, ist bereits in der kerntechnologischen Forschung tätig. Sein Forschungsinteresse gilt insbesondere zwei (von sechs) neuen Reaktortechnologien: der gasgekühlte, schnelle Reaktor (GFR) und der Höchsttemperturreaktor (VHTR). Mit dem Beitritt der Schweiz zum Rahmenübereinkommen kann das PSI aktiv an dieser weltweit durch das GIF koordinierten Forschung teilnehmen. Darüber hinaus können mit dieser Spitzenforschung auch künftige Ingenieure und Forscher für Evaluation, Bau und Betrieb dieser neuartigen Reaktoren ausgebildet werden."

Konstantin Foskolos, stellvertretender Leiter des Bereichs Nukleare Energie und Sicherheit am Paul-Scherrer-Institut, gehörte zu dem Auswahlgremium, das innerhalb des GIF Kriterien für neue Reaktoren festlegte, Konstruktionsvorschläge bewertete und konkrete Empfehlungen für die nächsten Jahrzehnte abgab (10). Welch Geistes Kind dieser Mensch ist, konnte man in der Zeitschrift "Horizonte" lesen, wo er auf die Frage, wie lange der radioaktive Abfall gefährlich sei, allen Ernstes antwortete: "Nur noch einige hundert Jahre. Aber damit treten wir in eine vom Menschen gestaltbare historische Dimension ein. Selbst viele mittelalterliche Kathedralen sind älter." (11) – Hilft jetzt nur noch beten?? - Dieser Mann stellt also innerhalb eines exklusiven Gremiums die weltweit wichtigsten energiepolitischen Weichenstellungen der nächsten Jahrzehnte!

Am 28. Juli 2007 hielt Horst-Michael Prasser, Professor für Kernenergiesysteme, an der Zürcher Hochschule Winterthur den Vortrag "Die Zukunft der Kernenergie", indem er die Generation IV und Hochtemperaturreaktoren ausführlich darstellte und propagierte. Ganz praktisch in unmittelbarer Nachbarschaft der alten Firma Sulzer, die schon in den 70er Jahren Teile für den THTR gebaut hat. Einlader zu dieser öffentlichen Veranstaltung - ausgerechnet unter der Rubrik "Umwelt- und Gesundheitsschutz" - war ebenfalls noch das "Stadtwerk Winterthur". Inniger können sich die Beziehungen zwischen Politik, Wissenschaft und Atomindustrie wohl kaum darstellen.

Sulzer heute

Nach umfangreichen Umstrukturierungen ist Sulzer heute im Maschinen- und Anlagenbau sowie in der Oberflächentechnik tätig. Zehntausend Mitarbeiter an über 120 Standorten auf der ganzen Welt erwirtschafteten im Jahre 2006 2,8 Milliarden Schweizer Franken. Doch was bedeutet das für uns konkret? Sulzer ist in verschiedene Untergesellschaften aufgesplittet, die immer noch zum Teil am Bau von Atomanlagen beteiligt sind: Sulzer Pumps, Metco, Chemtech, Turbo Services, Innotec.

Sulzer: "Performance Throgh People"In dem Geschäftsbericht von Sulzer Pumbs des Jahres 2006 wird die Beteiligung an dem Bau des französischen EPR 1600 hervorgehoben. Ebenso die nuklearen Aktivitäten in China, Südafrika, USA, Indien, Russland und Deutschland. Insbesondere die beiden erstgenannten Länder machen uns natürlich hellhörig, weil dort aktuell Hochtemperaturreaktoren gebaut werden. In der BRD war Sulzer an dem Bau des Atomkrafwerkes in Grafenrheinfeld beteiligt.

Die Sulzer Unterabteilungen Metco in der Schweiz und den USA sind an der Entwicklung spezieller Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Systeme beteiligt (12). Diese Hochtemperatur-Brennstoffzellen SOFC (Solid Oxide Fuel Cell), das habe ich im THTR-Rundbrief Nr. 107 herausgestellt, dienen der Koppelung der Wasserstoff-Energieproduktion mit der HTR-Nuklear-energie und wird von der EU in speziellen Programmen zur Entwicklung der Generation IV-Generationen gefördert. Wir müssen also wachsam sein und genau anlysieren, wie sich die Aktivitäten von Sulzer entwickeln.

In der Stadt Winterthur hat der alles dominierende Konzern noch aus ganz anderen Gründen für Schlagzeilen gesorgt. Die großen Fabrikhallen der inzwischen untergegangenen Sulzer-Schwerindustrie standen bis zu 15 Jahre leer und sollten zu einem exklusiven, teuren Wohnraum für Reiche umgebaut werden. Hiergegen regte sich ein agiler Widerstand. Das Sulzer-Hochhaus, seinerzeit das höchste der Schweiz überhaupt und Wahrzeichen der Stadt, wurde im Zuge dieser Auseinandersetzungen im Februar 2004 tagelang von mehreren hundert Menschen besetzt und sorgte in der ganzen Schweiz für Aufsehen. Dem massiven Polizeiaufgebot konnten die Besetzer letztendlich ausweichen, indem sie sich bei ihrem Rückzug in einen vorbeiziehenden, teilweise ebenfalls maskierten Faschingsumzug einreihten – wirklich köstlich diese Geschichte!

Hier in Winterthur bei der Libertären Aktion Winterthur (LAW) im Rahmen der 4. Anarchietage einen Vortrag über die HTR-Linie und Sulzer zu halten (13), war ebenfalls ein schönes Erlebnis. Etliche neue Kontakte konnten geknüpft werden. Und vielleicht werden in Zukunft irgendwelche Professoren, die meinen, hier könnten sie unwidersprochen in Vorträgen Werbung für die HTR-Linie machen, auch etwas erleben?? - So ergeben sich immer wieder neue, ganz überraschende Anknüpfungspunkte für unsere Arbeit. - Und uns wird dabei nie langweilig!

Anmerkungen:

1. Beurteilung der in- und ausländischen Konzepte für kleine Hochtemperaturreaktoren. März 1990. Seite 2-22. Von Lothar Hahn und Britta Nockenberg

2. Atomwirtschaft (atw) 1986, Nr. 3

3. Berner Zeitung vom 12. 6. 1986

4. Frankfurter Rundschau 3. 10. 1987

5. FAZ vom 23. 1. 1988

6. atw 1991, Nr. 9 7. Bonner Energiereport, 18. 6. 1990

8. "Stand der Kernenergie und Ausblick", Swissnuclear.ch (2005), Seite 346

9. Siehe unter 8, Seite 320

10. Neue Züricher Zeitung vom 7. 3. 2007

11. Schweizerischer Nationalfonds, Horizonte, Juni 2007, Seite 5

12. Aus: Sulzer Technical Review 2/2005, Seite 8

13. Siehe: WOZ vom 24. 1. 2008, "Tages-Anzeiger" vom 28. 1. 2008 und "Der Landbote" vom 29. 1. 2008

 

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