Aus: "Graswurzelrevolution", Nr. 302, Oktober 2005

Wie wählten Anarchisten?

Wählen gehen? Eigentlich macht ein richtiger Anarchist sowas nicht. Doch diesmal kam alles anders. Am Wahltag verließen zahlreiche Anarchisten ihre Wohngemeinschaften und sonstigen Unterkünfte zum Beispiel mit der fadenscheinigen Ausrede, nur einmal etwas spazieren gehen zu wollen, um sich dann klammheimlich in das Halbdunkel diverser Wahlkabinen zu verdrücken. Mit unschuldiger Mine verließen sie den Ort des Geschehens.

Wählt !Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Wie ein aufgescheuchter, orientierungloser Hühnerhaufen irrten tagelang die PolitikerInnen durch die Talkshows und konnten wenigstens während dieser Zeit keinen größeren Schaden anrichten. Dem Volk wurde schlagartig klar, dass es trotz unterschiedlicher parteipolitischer Präferenzen durch gemeinsames Handeln in der Lage ist, die Staatsmaschinerie zumindest zeitweise lahmzulegen. Ein gewisses Gleichgewicht der Kräfte hielt sich nach der Wahl gegenseitig in Schach, sodass sich in dieser unklaren Situation bisher ungeahnte Freiräume des Denkens und Handelns entwickeln konnten. Immerhin hielt diese Phase mehrere Tage länger an, als die regional begrenzte anarchistische Phase der Bayrischen Räterepublik!

Der Haupttrend bei dem Wahlverhalten der Anarchistinnen und Anarchisten ging eindeutig weg von den sektierischen Kleinparteien (APPD und "Die Partei" erhielten zusammen 0,0 Prozent) und hin zu bestimmten größeren anarchoiden Volksparteien.

Was ist eigentlich Anarchie?Eine gewisse Außenseiterrolle nahm hierbei nicht ohne Erfolg "Die Linke.PDS" ein. Ihre Wählerinnen und Wähler wollten - relativ bescheiden - mit ihrem Votum sich selbst und den Armen bereits im jetzigen Leben zu einer auskömmlichen Grundsicherung verhelfen. Andere, wie die "Anarchokapitalisten" von der Zeitung "Eigentümlich blöd", wollten das genaue Gegenteil und alle sozialen Entwicklungen der Anarchie des Marktes überlassen. Sie wählten erwartungsgemäß ihre Sponsoren von der FDP. Eine andere, inzwischen stark überalterte Partei ("Bündnis 90") hat ihre weitreichenden Utopien aus ihrer Jugendzeit über Bord geworfen und will Reichtum und Wohlstand für Alle. Da das aber so einfach nicht geht, zuersteinmal für sich selbst und die eigene Klientel. Eine Gruppe von unverbesserlichen Masochisten wählte die eindeutig größte Partei Deutschlands, weil sie tief im Unterbewußtsein der vielen Diskussionen überdrüssig ist und nach der durchgreifenden, ordnenden Hand des Kanzlers verlangt. – Sie alle haben aber dazu beigetragen, Deutschland ein kleines bischen unregierbarer zu machen als vor der Wahl.

Diese Einfalt in der Vielfalt eröffnet jetzt ungeahnte Perspektiven und wirft völlig neue Fragen auf. Ist Anarchie nicht mehr durch Wahlboykott, sondern im Gegenteil durch Beteiligung an Parlamentswahlen erreichbar? Muss Bakunin vom Kopf auf die Füsse gestellt werden? Was sagt die anarchistische Grundwertekommission dazu? Eines ist klar: Auch bei den Anarchistinnen und Anarchisten wird es in Zukunft spannende Debatten mit völlig ungewissem Ausgang geben.

Anmerkung:

Zur Erinnerung: Vom 18. September bis 22. November dauerte 2005 die Regierungsbildung nach der Bundestagswahl. Für bundesdeutsche Verhältnisse war das relativ lange. Die Zeitschrift "Eigentümlich blöd" heißt in der Realität "eigentümlich frei".

 

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