Aus: "Graswurzelrevolution", Nr. 503, November 2025

Lateinamerika-Magazin ila zur COP30 in Brasilien:

„Die ExpertInnen werden den Planeten nicht retten!“

Das Lateinamerika-Magazin ila (Informationsstelle Lateinamerika) hat in seiner Ausgabe 488 den Schwerpunkt auf Belém im brasilianischen Bundesstaat Para gelegt, wo im November 2025 die schon im Vorfeld viel beachtete internationale Klimakonferenz COP30 stattfindet. Belém wird als Tor zum Amazonas bezeichnet und wurde auch wegen der überragenden Bedeutung Amazoniens für das Weltklima als Veranstaltungsort ausgewählt.

Lateinamerika-Magazin ila, Ausgabe 488, September 2025Belém

In dieser Metropolregion leben 2,67 Millionen Menschen, darunter Indigene, Quilombolas (Nachfahren schwarzafrikanischer, entlaufener SklavInnen), Kleinbauern und -bäuerinnen sowie FischerInnen und MuschelsammlerInnen. Zusammen mit den anderen Menschen in den Slums neben den Hochhäusern müssen sie unter prekären Bedingungen um ihre Existenz kämpfen. In 13 Artikeln wird in dieser Ausgabe facettenreich berichtet, wie die Völker der Wälder und Gewässer sich gegen ihre Unterdrückung und Diskriminierung wehren, die Folgen des Klimawandels zu spüren bekommen und in ihrer „amazonischen Pluralität“ einen Gegenpart zu den zerstörerischen Kräften von Konzernen und rechten politischen Entscheidungsträgern darstellen.

Die COP30

Bei der COP30 handelt es sich um ein weltweites diplomatisches Forum, bei dem es nicht nur um Klimawandel, sondern ebenfalls um soziale Gerechtigkeit geht. Genauer gesagt, handelt es sich um drei verschiedene Konferenzen, die parallel stattfinden, da verschiedene Abkommen (CMP 20 und CMA 7 kommen noch hinzu) zu unterschiedlichen Zeitpunkten in Kraft getreten sind. Bedeutsam ist aber darüber hinaus, dass es nach den letzten COPs, die in Diktaturen (Aserbaidschan und Dubai) ohne Einflussmöglichkeiten von großen sozialen Bewegungen stattfanden, endlich in Brasilien zu einer massiven Mobilisierung von unten kommen wird.

Globaler Aktionstag am 15. November!

Uta Grunert von der Kooperation Brasilien (KoBra) Freiburg schreibt: „Wenn man genauer hinsieht, wird klar, dass in Brasilien aufgrund historischer Folgen ausbeuterischer Sklavenhaltung und unrechtmäßiger Landnahme im Zuge des Kolonisierungsprozesses und der bis heute regierenden Macht der Stärkeren besonders Schwarze Menschen und Indigene betroffen sind.“

Die Cúpula dos Povos bestehen aus 800 Basisgruppen und organisieren den Gegengipfel zur COP30 mit einer klaren Botschaft: „Wir können von oben keine Lösungen erwarten. Die ExpertInnen werden den Planeten nicht retten!“ An den Vorbereitungen sind 18 internationale und 25 brasilianische Organisationen beteiligt, darunter auch die Landlosenbewegung MST mit etwa 1,5 Millionen Mitgliedern. „Am 12. November werden verschiedene Karawanen der brasilianischen Bewegungen in Belém ankommen (...). Der 15. November ist als Globaler Aktionstag ausgerufen worden, hier finden Demonstrationen in Richtung der offiziellen COP statt“.

Auf der Pluriversum-Veranstaltung mit der Grupo Sal im Jahr 2024 in Lippstadt wurde eine Sprecherin der Waorani per Zoom zugeschaltet (Foto: Horst Blume)Neues Selbstbewußtsein

Im Editorial der 48seitigen Ausgabe wird von einem neuen Selbstbewusstsein der Menschen in Amazonien berichtet: „Unsere Arbeit und unsere Lebensweise erhalten das Klima, eure Entwicklungs- und Fortschrittsmodelle zerstören es!“ Sie wollen sich nicht mit der Rolle als „NebendarstellerInnen“ bei der COP30 zufrieden geben, sondern machen auf die ungleiche Verteilung von Umweltrisiken und Schäden aufmerksam, die rassifizierte und marginalisierte Gruppen viel häufiger treffen. Diese Problembereiche werden in mehreren Artikeln ausführlich vertieft.

Aber auch vermeintlich „exotische“ Themen wie die lokale Küche in Belém („Açaí, Maniok und Fisch“) werden im Kontext von Ernährungssouveränität und Widerstand gegen Fastfood und Agrobusiness auf originelle Weise von Thomas Fatheuer anschaulich dargestellt. In weiteren Artikeln geht es darum, wie schwarze AktivistInnen die Kunst der Kolonisatoren in einer Ausstellung amazonisch und schwarz machen oder mit der Carimbó-Musik einen Kontrapunkt zum musikalischen Mainstream setzen. Der Bericht über eine bayrische Prinzessin in Belem und der Hinweis auf die „Pomeranos“ (EinwanderInnen aus Pommern) zeigen die thematische Vielfalt dieser Ausgabe.

Abseits des Schwerpunkts wird über die aktuelle Entwicklung der anderen Lateinamerikanischen Staaten berichtet. Hier sticht besonders der Artikel „Gaza in Argentinien“, der differenziert auf die unterschiedlichen Sichtweisen innerhalb der Linken und der großen jüdischen Gemeinde darstellt und analysiert, hervor. – Die ila garantiert einen langandauernden Erkenntnisgewinn und kann nur empfohlen werden!

Übrigens: Die ila 354 (2012) beschäftigte sich ausführlich mit dem Anarchismus in Lateinamerika.

Weitere Infos:

https://www.ila-web.de/de

 

Siehe auch meinen Artikel über das Buch „Die Urwälder Amazoniens. Lebensräume, Kontaktzonen, Projektionsfelder“ vom Oktober 2025:

https://www.machtvonunten.de/?view=article&id=413:die-urwaelder-amazoniens&catid=13