Aus: „Graswurzelrevolution“, Beilage „Libertäre Buchseiten“ Nr. 512, Oktober 2026
Der „neue McCarthyismus“?
Antisemitismus-Vorwürfe als Waffe gegen linke Bewegungen
Bereits 2021 hat der inzwischen verstorbene jüdische Erziehungswissenschaftler, Philosoph und Publizist Micha Brumlik die zunehmenden Angriffe auf Menschen, die den Staat Israel wegen seiner aktuellen Politik gegenüber den PalästinenserInnen kritisieren oder sich nicht von diesen KritikerInnen ausdrücklich distanzierten als „neuen McCarthyismus“ (1) charakterisiert. Er zog damit Parallelen zur KommunistInnenjagd in den USA der 1950er Jahre, benannt nach dem extrem rechten, republikanischen US-Senator Joseph McCarthy.
Nach dem Überfall der islamistischen Terrororganisation Hamas, der bestialischen Ermordung von über 1200 Juden und Jüdinnen und der Geiselnahme von 250 Menschen am 7. Oktober 2023 hat Israels Armee etwa einhunderttausend palästinensische ZivilistInnen im Gazastreifen getötet. Menschen, die dieses völkerrechtswidrige Vorgehen der extrem rechten Netanjahu-Regierung kritisieren, werden seitdem oft als Antisemiten diffamiert, aus Positionen gedrängt oder juristisch verfolgt.
In seinem Buch „Linker Anti-Semitismus“ analysiert Gerhard Hanloser detailreich, wie Antisemitismusvorwürfe als Waffe gegen Linke eingesetzt werden. Hierbei geht der Soziologe differenziert auf die zahlreichen von ihm genannten Beispiele ein. Gleichzeitig betont er, dass es mit Blick auf die keineswegs homogene Linke durchaus Anlass für Kritik gibt: „Wer wollte widersprechen, dass es unter Linken nationalisierendes, postkolonial-ethnisierendes, anti-universalistisches und antihumanitäres Denken gibt?“ (S. 34)
Definitionen
Ausführlich behandelt Hanloser die unterschiedlichen Antisemitismus-Definitionen. Die vom Bundestag seit 2017 verwendete Definition der „International Holocaust Remembrance Alliance“ (IHRA) kritisiert er zusammen mit Peter Ullrich als Einfallstor für politische Instrumentalisierung, um gegnerische Positionen zum Nahostkonflikt moralisch abzuwerten und gegebenenfalls zu kriminalisieren. Demgegenüber sieht er in der sogenannten „Jerusalemer Erklärung“ den Vorteil, „der Entgrenzung des Antisemitismusbegriffs und einem instrumentellen Antisemitismusvorwurf Paroli zu bieten“ (S.63).
Hanloser stellt fest, dass bei der Debatte über Antisemitismus die Koordinaten erheblich durcheinandergeraten sind. Denn seit über hundert Jahren sind antisemitische Verschwörungstheorien ein Wesensmerkmal der rechten und rechtsradikalen Bewegungen. Demgegenüber wurden insbesondere jüdische Protagonisten der Linken von den Rechten ins Visier genommen, weil sie die herrschenden kapitalistischen Zustände kritisierten oder sich für die Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums von oben nach unten einsetzten. Es waren linke Initiativen und Geschichtswerkstätten, die nach 1968 gegen heftige Widerstände von rechts in vielen Orten an die antisemitischen Greueltaten während der Zeit des Faschismus erinnerten und Kontinuitäten in der Gegenwart aufzeigten.
Heute erinnern vielfach linke Initiativen daran, dass im aktuellen Nahost-Konflikt die PalästinenserInnen als Opfergruppe zu wenig beachtet wird. Hanloser weist darauf hin, dass die ultrarechte Regierung Israels eine Desinformationskampagne gegen KritikerInnen betreibt, die besonders in der BRD von rechten Kreisen aber auch vom Zentralrat der Juden, proisraelischen Lobbygruppen und vom deutschen Staat aufgegriffen wird, um kritische Stellungnahmen zur Politik des Staates Israels zu diskreditieren. Das führte soweit, dass sogar WissenschaftlerInnen, die sich mit den Ursachen von Antisemitismus auseinandersetzten, mit der „moralischen Abrissbirne“ (S. 38) Antisemitismusvorwurf verunglimpft wurden und so der Raum für eine differenzierte sachliche Debatte deutlich eingeengt wurde.
Antikolonialismus
Hanloser geht auf die repressiven Maßnahmen des Trump-Regimes gegen die israelkritische Campusbewegung ebenso ein wie auf die Versuche, in Großbritannien den ehemaligen Labour-Vorsitzenden Corbyn mit immer wieder vorgetragenen Antisemitismusvorwürfen unter Druck zu setzen. Diese Vorwürfe wurden insbesondere dann sehr laut, als Corbyn eine kritische Aufarbeitung des britischen Kolonialismus forderte, die sich unter anderem auch im Schulunterricht niederschlagen sollte.
Kritisch beleuchtet Hanloser auch die Reaktionen auf die Documenta 15 in Kassel im Jahr 2022, bei der zwei Bildkomponenten eines Werkes indonesischer KünstlerInnen von insgesamt über zweitausend Documenta-Beiträgen tatsächlich antisemitisch waren und zu einem Generalverdacht gegenüber allen kolonialkritischen KünstlerInnen „gigantisch aufgeblasen“ (S. 105) wurden. In dem Buch wird ebenfalls darauf hingewiesen, dass Kolonialverbrechen auch als Vorgeschichte faschistischer Vernichtungspolitik gesehen werden sollten und erteilt den „Singularitätswächtern“ (S. 93) eine Abfuhr. Ritualisiertes Gedenken lediglich bei der „Einzigartigkeit“ des Holocausts verengt die Sichtweise auf die Hintergründe und Voraussetzungen von massiven Menschenrechtsverbrechen weltweit und bewirkt keinen Erkenntnisgewinn für die Gegenwart.
BDS
Die gewaltfreie Boykottinitiative BDS (Boycott, Divestment and Sanctions) betrachtet Hanloser differenziert: „Gegen BDS lässt sich vieles einwenden: die Verstiegenheit ihres Politaktivismus, die Perspektive des Totalboykotts, der im akademischen und künstlerischen Feld gerade notwendige Begegnungen und den Austausch behindert, ein Kaprizieren von politischem Engagement auf vehemente und ausschließliche ‚Israelkritik’. Sicherlich lassen sich auch bei einzelnen mehr oder weniger prominenten Vertreterinnen und Vertretern Aussagen finden, die die reale Situation in und rund um Israel völlig verzeichnen und tatsächlich antijüdischen Ressentiments entsprechen. Doch für die gesamte Bewegung und Organisation trifft eine solche Diagnose eben nicht zu.“ (S. 82)
In einem Kapitel widmet sich Hanloser den Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS) und wirft ihnen vor, mit dem dehnbaren Begriff „israelbezogener Antisemitismus“ fast jede grundlegende Kritik an der Politik Israels als Verdachtsfall zu zählen und somit eine verzerrte Realität zu produzieren, die politisch nach Belieben ausgeschlachtet werden kann. Er kritisiert: „Die sehr breite Erfassungspraxis von RIAS trägt dazu bei, Menschen oder Gruppen vorzuverurteilen, ehe eine differenzierte Prüfung erfolgt“ (S. 111) und konstatiert: „RIAS ist eine für jede ungeprüfte Denuziation offene Plattform.…“. Ich selbst würde allerdings ergänzen wollen, dass längst nicht alle antisemitischen Vorfälle auch wirklich gemeldet werden und deswegen die Dunkelziffer sicherlich recht hoch ist.
Bemerkenswert ist Hanlosers ausführliche Recherche zu den rechten Medien wie Bild, Welt und Nius, wie perfide sie den Antisemitismusvorwurf nutzen, um linke und emanzipatorische Bewegungen zu denunzieren und wie wenig dieses Vorgehen von anderen Presseorganen kritisch hinterfragt wird. Dutzende von Debattensträngen und Aufregerthemen aus den letzten Jahrzehnten werden von Hanloser neu aufgerollt und kenntnisreich analysiert. Auch der dreißigseitige Anmerkungsapparat ist für manche Überraschung gut und lädt dazu ein, sich mit dem Thema intensiver auseinanderzusetzen.
Anmerkung:
1) Micha Brumlik „Postkolonialer Antisemitismus?“, 2021, Seiten 34 bis 38
Gerhard Hanloser „’Linker Antisemitismus’. Zur Kritik eines Kampfbegriffs“, Mandelbaum Verlag, Wien 2026, 214 Seiten, 18 Euro, ISBN 978399136-525-9
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Hier ist mein nicht abgedruckter Leserbrief vom Oktober 2024 in "Jüdische Allgemeine" (Abbestellung) einzusehen:
https://www.machtvonunten.de/leserbriefe.html?view=article&id=407:abbestellung&catid=24:leserbriefe