Nationalisten, Rechte, Neoliberale

Aus: Ökolinx, Nr. 14, März/April 1994

14 Szenen über Gärtner und Mörder

1.
Hastig griff ich in den Korb und warf die Körner auf die Erde. Um mich herum tobte es. Das hektische Flattern der Flügel war mir unheimlich und bewirkte bei mir eine Abwehrhaltung. Ich hatte Hühner noch nie gemocht.

2.
Adolf durchwühlte mit seinen Händen die Erde. Dann hielt er uns den lockeren, dunklen Humus vor die Nase und sprach: "Dies ist nicht nur eine Handvoll Materie. Millionen von Organismen arbeiten für uns an einer höheren Aufgabe. Mit ihrer Hilfe bauen wir eine völlig neue Welt auf, in der es keinen Hunger mehr gibt, und in der alle Menschen einem großen, einzigartigen Ziel zustreben." Andächtig lauschend umstanden sechs junge Männer den Bauern und folgten seinen Ausführungen über die Bedeutung des Hügelbeetes.

Flugblatt von "Freisoziale Jugend", 70er Jahre3.
"Ich verstehe überhaupt nicht, warum die Politiker die Arbeitslosigkeit nicht effektiver bekämpfen. Arbeit gibt's doch genug. Da muß ich mir nur meinen Betrieb ansehen", seufzte er und sah sich kurz zu uns um. Wir saßen auf dem unbequemen Blechboden des alten Bullis und wurden von Adolf zum Feld gefahren, wo wir seit Tagen mit Kartoffelnaufsammeln beschäftigt waren. Für einen teuren Kartoffelsammelroder fehlte ihm das Geld. Da waren ein paar Zivildienstleistende billiger. Gut, daß uns unsere langen zotteligen Haare heute morgen besonders ins Gesicht hingen. Sonst hätte Adolf allzuschnell die leicht getöteten Augen der meisten von uns gesehen. Am Abend zuvor hatten wir die neue Ernte von unserem selbstangebauten Hanf ausprobiert. Von alledem wußte er nichts und fuhr unbekümmert mit seinen Belehrungen fort. "Wenn das so weitergeht, und die Dekadenz in den Städten immer mehr zunimmt, dann ... ja dann, ... wird die Rettung Deutschlands vom unverdorbenen Land kommen." Ich mußte wieder einmal grinsen und dachte: "Ganz sicher, wir werden Deutschland vor dem Untergang retten!"

4.
Sohn Arne hatte am Wochenende mit dem Trecker an der großen Demonstration gegen Atomanlagen teilgenommen und berichtete begeistert. Der Kampf vieler kleiner Gruppen gegen "das System", wie er es nannte, faszinierte ihn. "Die alten Großorganisationen sind viel zu träge und zu korrupt. Die kleinen Parteien wie die NPD, FSU, GLU und AUD sind viel konsequenter. Die müßten sich einigen und dann gemeinsam losschlagen."

Ja, ja, unter Mussolini war alles besser ... (FSU-Flugblatt 1975)5.
Adolf hatte es heute eilig. Morgen begann das Zeltlager der Wiking-Jugend und auf dem Hof lag noch alles mögliche unordentlich herum. Bei der großen Aufräumaktion kam er wieder ins Erzählen. Doch mittendrin fragte er mich unvermittelt, was ich denn für eine Weltanschauung hätte? Obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, sehr zurückhaltend zu sein, sagte ich mit gespielter Arglosigkeit und so, als ob es das Selbstverständlichste der Welt wäre: "Ich bin Anarchist!" Adolf hielt einen Moment mit der Arbeit inne und blickte mich irritiert an. Jetzt hatte ich mich verraten. Um zu retten, was zu retten war, ergänzte ich: "Ihr Silvio Gesell war ja auch Finanzminister während unserer bayrischen Räterepublik". Daß seine Anhänger sich später mit ihrer Zinsknechtschaftstheorie bei den Nazis anbiederten, sagte ich in dieser Situation lieber nicht.

6.
Seit Stunden jätete ich mit Tochter Volkhild auf dem Hügelbeet Unkraut, was in Wirklichkeit Wildkraut zu heißen hatte. Weil mir die Zeit zu lang wurde, erzählte ich, was ich in letzter Zeit gelesen hatte. Sie unterbrach mich an einer Stelle mit dem vorwurfsvollen Ausruf "Aber Brecht war doch Jude!" Während ich die Arbeit vergessend, wild gestikulierend auf sie einreredete, näherte sich Adolf und ahnte sogleich Schlimmes. Mit ungutem Gesichtsausdruck teilte er mir eine andere Arbeit zu.

7.
Mit den Hühnern sah es schlecht aus. Sie legten nur noch wenige Eier und zogen sich untereinander die Federn aus. Es hieß, sie hätten eine Unart. Ihre Tage waren gezählt. Es wurden schon Verhandlungen mit einer Waldorfschule geführt, um die dortigen Schüler mit dem Federvieh zu beköstigen.

8.
"Der Fluch der Zinsen: Nur ein Währungssystem nach altem germanischen Recht kann Deutschland retten! - Rohkostesser haben einen höheren lntelligenzquotient! - Nur Gletscherkraftwerke in Grönland können die Energiekrise verhindern! -- Die Wunderinsel von Barataria." - Ich blätterte im Büro in dem Haufen von Flugblättern und Broschüren. Fand dabei ein Heft:" Die Ausschwitzlüge". Wenn wir abends nichts besonderes zu tun hatten, nahmen wir diese Blättchen mit auf unser Zimmer und lasen sie.

Silvio Gesell9.
An einem der langen Winterabende saßen wir mal wieder zusammen, und Peter erzählte von der spirituellen Selbsverwaltungskommune im indischen Auroville, wo er einige Zeit gelebt hatte. Heiß begehrt waren auch die dort produzierten Hängematten, die er von dort mitbrachte. Peter war von allen Zivildienstleistenden am längsten auf dem Hof und hatte es mit seiner immerwährenden Ausgeglichenheit und Freundlichkeit zu hohem Ansehen gebracht. Er erzählte gerade das, was er von Adolf gehört hatte, nämlich, daß bei den Germanen die Frauen besondere Rechte gehabt hätten, und daß sie sogar einen Frauenberg verehrten. "Und die ganzen Nazipamphlete, die im Büro herumliegen und die den millionenfachen Mord an den Juden leugnen, findest du das auch toll?" platzte es aus mir heraus. "Nun ", meinte Peter, "da sind die Historiker geteilter Meinung. Ich habe soeben in der "Nationalzeitung" einen wissenschaftlichen Artikel gelesen, daß zum Beispiel das Anne Frank-Tagebuch eine Fälschung sein soll und die sogenannten KZ fast alle in der sowjetisch besetzten Zone lagen, seltsam, nicht?"

"Wie kann man nur als Kriegsdienstverweigerer auf so einen Blödsinn hereinfallen", erwiderte ich hitzig, "es gibt genug Augenzeugen, die die Wahrheit berichten können!"- "Wenn noch so viele Augenzeugen leben wie du sagst, sind wohl doch nicht so viele umgebracht worden. ln der Politik wird andauernd gelogen, vielleicht ist das nur ein riesiger Propagandatrick der Siegermächte, um uns Deutsche niederzuhalten?" Ich war außer mir vor Wut. Und was dachten die anderen? Ich sah mich um. "Die einen sagen dies, die anderen das, wer weiß, was stimmt. Auf jeden Fall solltest du dich nicht so aufregen und lieber mehr meditieren, denn immerhin bist du es, der hier herumschreit", tönte es mir entgegen. Völlig entnervt verließ ich den Raum. Wo bin ich hier hingeraten?

10.
Am nächsten Tag saß ich allein in Peters weit abgelegenen Häuschen und trommelte wild auf den an der Decke befestigten Metallklangkörpern und kleinen Bongos herum. Nachdem ich mich abreagiert hatte, setzte ich mich auf die primitive Matte und sah mir das Zimmer an. Ein Bild von Sri Aurobindo, Räucherstäbchen, eine Truhe für Kleidungsstücke, Sandalen, ein paar Bücher und Zeitungen fein säuberlich gestapelt, weiße Wände, ein Fenster. Ich schüttelte den Kopf. Nicht zu fassen. Wie ein kleiner Gandhi. Das darf doch nicht wahr sein.

11.
Prokurist Franz stand vor dem eingezäunten Hühnergehege und zischte sensationsgierig: "Morgen seid ihr dranl" Als am nächsten Tag die 300 Hühner von den Frauen aus dem Dorf geschlachtet wurden, konnte ich mich mit der Behauptung, daß ich inzwischen Vegetarier geworden wäre, auf ein weiter entlegenes Feld dem Geschehen entziehen. Abends kam ich wieder an dem Hühnergehege vorbei. "Euch geht es auch noch an den Kragen", grinste Franz und sah sich schadenfroh ein halbes Dutzend verstört umherirrende Hähne an, die aufgrund ihrer Schnelligkeit noch nicht gefaßt werden konnten. Die nächsten Tage waren die Hölle. Da es sehr kalt wurde, gab es nur noch in den Gewächshäusern Arbeit. Doch hier stank es bestialisch. Den geschlachteten Hühnern wurden hier die letzten Federn ausgerupft, um sie dann in großen, heißen Kübeln abzubrühen. Tagelang hatte ich keinen Appetit und bearbeitete mißmutig die Hügelbete.

Aus einer italienischen Zeitschrift12.
Ich hatte Dienst im Verkaufsraum, einem einfachen Bretterverschlag. Sogar von weit her kamen die Leute, um hier biologisches Gemüse zu kaufen. Ein schwarzer Mercedes der gehobenen Klasse fuhr vor. Eine ältere, stämmig gebaute Frau in einem eleganten schwarzen Kleid stieg aus und kam auf mich zu. Gesichtsausdruck verschlossen, Worte wie Anordnungen. Ich fühlte mich seltsam eingeschüchtert, versuchte Haltung zu bewahren. Als die Frau wieder ging, kam Franz vorbei und fragte sie unterwürfig: "Ach, guten Tag Frau Kappler, haben sie auch alles bekommen?" - Kappler? War das etwa die Frau des Massenmörders Kappler, der in Italien Tausende von Juden umbringen ließ? Und seine Frau hatte ihn später aus dem italienischen Gefängnishospital in einem großen Koffer heimlich herausgeschmuggelt und nach Deutschland gebracht, wo er unbehelligt blieb? - "War das wirklich die Frau vom Massenmörder Kappler?", fragte ich neugierig. Franz zischte mir unfreundlich zu: "Was Sie wieder denken!"

13.
Die Hühnerköpfe lagen seit Tagen auf dem gefrorenen Boden und jeder mied nach Möglichkeit diese Stelle. Adolf ordnete an: "Blume, vergraben sie die Köpfe, sie fangen sonst an zu stinken." lch biß die Zähne zusammen und vergrub sie.

14.
Arbeit im Gewächshaus. Es war kalt und hatte seit Tagen geschneit. Dick lag der Schnee auf dem Glas. Und es war dunkel. Plötzlich ein verdächtiges Knacken. Schnell zum Ausgang. Ein Krachen und Klirren. Alles brach zusammen. Adolf hatte an der Heizung gespart, der Schnee taute auf dem Glas nicht mehr auf und wurde mehr und mehr. Jetzt lag alles in Trümmern. Leider auch die gläserne Gewächshauswand, die unsere primitive Küche begrenzte. Jetzt wurde es kalt. Beim Abendessen kreisten wir in dicke Mäntel eingehüllt um den runden Tisch herum und nahmen uns mal dies mal jenes von dem reich gedeckten Tisch.

 

WörglNachbemerkung:

Wer ein weitergehendes Interesse am Thema "Silvio Gesell" hat, beachte auch den ausführlichen Artikel (mit zahlreichen Ergänzungen und Anmerkungen) aus dem Jahr 2013 "Inflation der Worte über Schwundgeld" in der "Graswurzelrevolution" Nr. 37:
http://www.machtvonunten.de/nationalisten-rechte-neoliberale/174-inflation-der-worte-ueber-schwundgeld.html

Ältere Artikel von mir zum Thema Silvio Gesell:

"Marktanarchie contra Sozialstaat? Zum anarchistischen Umgang mit zwei falschen Alternativen" aus "Schwarzer Faden" Nr. 17, 1/ 1985:
http://www.machtvonunten.de/nationalisten-rechte-neoliberale/98-marktanarchie-contra-sozialstaat.html

"Silvio Gesell - "der Marx der Anarchisten" - ein Faschist!" aus "Schwarzer Faden", Nr. 13, 1/1984:
http://www.machtvonunten.de/nationalisten-rechte-neoliberale/72-silvio-gesell-der-marx-der-anarchisten-ein-faschist.html

 

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