Aus: "Laser", Nr. 21, Februar/März 1980

Einige Überlegungen zum Verhältnis der Nationalrevolutionäre in der BRD zum Regionalismus

In nationalrevolutionären Zeitungen befinden sich in letzter Zeit vermehrt Artikel und Bemerkungen über regionalistische Befreiungsbewegungen. Genannt werden beispielsweise das Baskenland, Katalonien, Okzitanien und die Bretagne. Es wird befriedigt festgestellt, daß sich dort eine nationale Identität entwickelt habe. Im Anschluß hieran wird jedoch beklagt, daß die "deutsche Identität" nur recht schwach entwickelt sei und, um dem abzuhelfen, als Ziel formuliert: "Für ein vereinigtes, sozialistisches Deutschland". Dieses Deutschland soll im Gegensatz zum "US- und Sowjetimperialismus" stehen.

Ich halte es für eine bemerkenswerte eingleisige Sicht, wenn der politische Standort einer Menschengruppe per Definition lediglich auf einen machtpolitischen Gegenpol zu bestimmten Regierungssystemen reduziert wird. Während in der Sowjetunion, in Frankreich und Spanien unterdrückte Regionen mit Leichtigkeit ausgemacht werden, ist bei regionalistischen Bestrebungen in der BRD ziemliche Zurückhaltung bei den Nationalrevolutionären zu bemerken. Dabei ist sie sicherlich nicht angebracht.

Neue ZeitFangen wir im Süden an. Hier im alemannischen Sprachraum Elsass/Baden hatte die Ökologiebewegung in Marckolsheim und in Wyhl ihren Ausgangspunkt. Hier nahmen bisher unpolitische Menschen ihre Interessen selber in die Hand und kämpften für die Erhaltung ihrer Existenzgrundlage, den Weinanbau und später auf verschiedene Weise für eine lebenswerte Umwelt.

Im Laufe der Zeit entwickelten sich Projekte wie die Volkshochschule Wyhlerwald, die Zeitschrift "Was Wir Wollen" (Nachrichten aus dem Dreyeckland) und Radio Verte Fessenheim, in denen die gemeinsamen Interessen durch gemeinsame Kommunikationsformen zum Ausdruck kamen. Auch in Franken besinnen sich die Genossenschaftler vom Bundschuh auf die freiheitlichen Traditionen ihrer Region, wenn sie sich gegen die geplanten Teststrecken der Daimler Benz AG wehren.

Ebenfalls im fränkischen Emmershausen wehrten sich die dortigen Menschen sehr energisch gegen die drohende Eingemeindung ihres Dorfes durch direkte Aktionen und Wahlboykott. Im Wendland wollen die Bauern die Atommülllagerung in Gorleben verhindern und haben den Kampf ausgedehnt auf die Erhaltung ihrer Region, wobei sie sich ganz langsam auch auf ihre eigene Geschichte zurückbesinnen (siehe "Traumstadt" Nr. 5: "Versuch einer regionalistischen Beschreibung des Wendlandes").

Beispiele in Südfrankreich, Italien und Spanien

SüdfrankreichAuf der regionalistischen Welle reiten auch einige recht zweifelhafte Unternehmungen: In Okzitanien (Südfrankreich) z. B. gibt es seit Jahren einige farblose und akademische "Kulturzeitschriften". Die occitanischen Alternativzeitungen machen sich über sie lustig: "Occitanische Luxusblätter für occitanische Snobs; die einzigen‚ die Werbung auf occitanisch machen." (siehe: "Südfrankreich/Occitanien"‚ Trikont 1978, S. 67).

In Okzitanien kämpfen die Bauern des Larzacs gegen den riesigen Truppenübungsplatz, der sie vertreiben wird. Und die Weinbauern gegen die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die sich aufgrund der EWG-Politik ergeben. Es ist bemerkenswert, daß sich das neuerliche Erwachen der okzitanischen Region nicht aus einer in tiefer Seele schlummernden "Identitat“ oder einem abstrakten "Volkstum" ableitet, sondern grundlegender wirtschaftlicher und persönlicher Betroffenheit der dortigen Bauern entspringt. Diese Betroffenheit ist von jedem, der dort lebt, artikulierbar.

Schon sehr frühzeitig zu Beginn des Konflikts haben sich gewaltfreie, größtenteils religiös motivierte Gandhianhänger in Okzitanien niedergelassen und arbeiten intensiv mit den einheimischen Larzac-Bauern zusammen. Diese Leute von der Kommune der "Arche" unterstützen mit großer Umsicht und beachtenswertem Durchhaltevermögen durch direkte Aktionen die Bauern und haben über viele Phasen des Kampfes hinweg die Entwicklung des Widerstandes maßgeblich mitgeprägt. Diese Menschen kamen auch aus den USA und aus England. Diese gute Zusammenarbeit von Gruppen sprachlich und räumlich sehr unterschiedlicher Herkunft läßt den Schluß zu, daß es noch etwas nachdrücklicher Verbindendes und Wichtigeres als eine "nationale Identität" gibt.

"Was in dem unbekannten Ort tatsächlich geschehen war, konnte ich an nächsten Tag nicht mehr in Erfahrung bringen; doch glaube ich, daß alle ungewöhnlichen Ereignisse dieser Art mit dem politischen Freiheitskampf dieses tapferen Volkes etwas zu tun haben." (Ein Reisebericht aus dem Baskenland in "Laser" Nr. 18)

Ich bin OkzitaneWer bestimmte soziale Bewegungen nur oberflächlich in ihren Erscheinungsformen beschreibt, sie glorifiziert und sie womöglich als Vorbild für ganz andere soziale Systeme sehen will‚ greift in seiner Betrachtungsweise zu kurz. Strategien, die die besonderen ökonomischen, geschichtlichen und politischen Merkmale einer Region ausklammern oder übersehen und jede Form des Widerstandes gegen den "bürgerlichen Staatsapparat" nur als ein "Aufflammen der Volkskämpfe" ansehen, müssen dahingehend hinterfragt werden, ob sie nicht duch ideologisch festgelegte, starre Revolutionsmodelle andere Bewegungen ihren eigenen Zielen unterordnen wollen.

Wir müssen uns weiter fragen, inwieweit in den Regionen politische Gruppen regionalistische Belange wirklich ernst nehmen und ihnen einen vorrangigen Stellenwert beimessen. Wenn wir dieser Frage genau nachgehen, werden wir sehr bald feststellen, daß man von dem Verhalten dieser politischen Gruppen in Regionalismusfragen auf ihre ideologischen Leitlinien schließen kann. Fangen wir mal mit zwei Gruppen an, die in den letzten zwei Jahren erst entstanden sind: Die Parti Socialiste Unifie (PSU) in Frankreich und die Partito Radicale (PR) in Italien.

Tintenfisch 10Wenn die föderalistisch-regionalistische PR in Sardinien in Anbetracht der dortigen regionalen Besonderheiten einen autonomen Zweig mit eigenem Namen unterhält so ist dies durchaus glaubwürdig, weil die Struktur und die Zielvorstellung der PR auf weitgehende Autonomie und Selbständigkeit von kleineren und überschaubaren Einheiten ausgerichtet ist. Auch die linkssozialistische PSU‚ die die Forderung nach Selbstverwaltung auf ihre Fahnen geschrieben hat, unterhält in der Bretagne eine eigene bretonische Föderation. Man kann mit Recht annehmen, daß dies nicht im fundamentalen Gegensatz zu ihren Bestrebungen nach Selbstverwaltung steht, auch wenn man sicherlich nicht mit allen Vorstellungen dieser Gruppe konform geht.

Ein anderes Beispiel ist in Spanien zu finden: Schon 1956 wurde die Partit Socialista Unificat de Catalunya (PSUC) als katalanischer Zweig der spanischen kommunistischen Partei gegründet und trat als unabhängige Organisation der Internationale bei. Damals wie heute haben sich die Kommunisten durch das Berücksichtigen des Sonderstatus von Katalonien Vorteile verschafft - aber sind sie hierbei über etwas folkloristisches Beiwerk hinausgegangen? Der Kern der dogmatischen marxistischen Lehre ist zentralistisch und verwirft jegliche Art von Sonderbindungen im Staat. Deswegen bringen die kommunistischen Parteien nur in dem Maße "Verständnis" für regionalistische Bestrebungen auf, wie ihnen dies für ihre eigene Machtpolitik nützlich erscheint.

BaskenNatürlich verhalten sich die Machteliten der unterschiedlichsten Staatsgebilde genauso eigennützig mit meistens noch verheerenderen Auswirkungen: Sie favorisieren und unterstützen in der Regel kleinere Völker, die in konkurrierenden Staatsgebilden unterdrückt werden. Zum Beispiel unterstützte England vor dem 1. Weltkrieg die kleineren Völker auf dem Festland nur deswegen, um seine eigene Vormachtstellung zu behaupten und dachte niemals daran, sich der Rechte der Iren anzunehmen.

Zum Beispiel weisen reaktionäre Kreise in der BRD mit Vorliebe nur auf die Unterdrückung der Ukrainer, Letten und Litauer in der Sowjetunion hin, ohne die Unterdrückung von Menschen in westlichen Staaten auch nur zu erwähnen. Wer diese Beispiele verfolgt hat, wird feststellen, daß Kollektivbegriffe von unterschiedlichen Gruppen sehr verschieden ausgelegt werden und auch sehr unterschiedliche Absichten mit der Beschwörung von Kollektivbegriffen verbunden sind.

Begriffe Nation und Staat hinterfragen

Es ist daher äußerst ratsam, sich zu vergegenwärtigen, was es mit den Begriffen Nation, Heimat, Volk und Staat auf sich hat und welche Interessen sich hinter der Verwendung solcher Begriffe verbergen. Dies soll im folgenden kurz geschehen.

Es gab eine Zeit, wo man sich damit begnügte, den Begriff Nation auf eine menschliche Gemeinschaft anzuwenden, deren Mitglieder am selben Ort geboren wurden, infolgedessen durch gewisse solidarische Beziehungen miteinander verbunden waren. Nach dieser Auffassung könnte nicht von Deutschen, Italienern oder Japanern die Rede sein, sondern höchstens von Hamburgern, Amsterdamern oder Venezianern. Ein Zustand, der in den föderalistischen Gemeinwesen des Mittelalters tatsächlich existierte. Heute legt man diesen Vorstellungen von Nation eher den Begriff "Heimat" zugrunde. Heimatliebe kennt keinen "Willen zur Macht", verfolgt keine staatserhaltenden Ziele, sondern ist lediglich Ausdruck der inneren Bindungen der Menschen an die gewohnte Umgebung.

Wir selbstDie heutigen nationalen Staaten sind alles andere als "natürliche Größen": Jede Nation umfaßt die verschiedensten Klassen, Stände und Parteien, die nicht nur ihre besonderen Interessen verfolgen, sondern sich häufig in ausgesprochener Feindschaft gegenüberstehen. Die Folge sind unzählige, nie endende Konflikte und Gegensätze.

Auch wenn es Ereignisse in nationalen Staaten gibt, die von allen Gliedern als ihr Schicksal empfunden werden, so ist die Art des Empfindens sehr verschieden und wird vielfach bestimmt durch die Rolle, welche die eine oder andere Partei oder Klasse in den Ereignissen spielt.

Daß eine Nation sich nicht organisch aus sich selbst entwickelt und sich selber erschafft, daß sie vielmehr das künstliche Erzeugnis des Staates ist, welches verschiedenen Menschengruppen aufgezwungen wird, zeigt sich daran, daß ohne jeden Skrupel aus Machtgier andere Volksgruppen in einen Staat einverleibt werden und dieses neu entstandene Gebilde dann als Nation bezeichnet wird.

Das Beispiel Elsass und Baden zeigt, daß die kulturellen Bindungen einer Region sich auch gegen die Interessen von zwei verschiedenen Staaten dauerhaft entwickeln können. Diese kulturellen Bindungen sind gerade deshalb so dauerhaft, weil sie den Menschen nicht durch äußeren Zwang auferlegt werden, sondern weil sie freiwillig sind und sich an dem zweckmäßigen und Nächstliegenden orientieren.

Die Identität wird hier auch nicht eine abstrakte abgehobene "nationale" sein, sondern sich auf das Wesentliche konzentrieren: Auf die wirtschaftlichen und zwischenmenschlichen Beziehungen. Wenn aber in Europa die Regionen föderalistisch aufgebaute Strukturen untereinander aufbauen würden, hätte dann die Losung "Für ein vereintes, sozialistisches Deutschland" noch einen Sinn??

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"Laser" versteht sich als freies Forum der politischen Auseinandersetzung. Der vorstehende Bericht folgt nach Aussage seines Autors anarchistischen Auffassungen. Wir bitten unsere Leser um Stellungnahme!

LaserNachbemerkung:

Von 1978 bis 1982 erschien "Laser" in einer Auflage von 500 Exemplaren mit 28 Ausgaben in Düsseldorf. Der Untertitel lautete: "Nationalrevolutionäre Perspektiven für eine sozialistische Demokratie". Auf insgesamt 11 Seiten antworteten verschiedene Autoren in den Ausgaben Nr. 22 und 23 von "Laser" auf meinen Artikel; auch die Vierteljahreszeitschrift "Conflict" Nr. 2/1980 ging auf diese Auseinandersetzung ein.

Zum Thema "Nationalrevolutionäre" schrieb ich 1982 einen ausführlichen Artikel in der Vierteljahreszeitschrift "Schwarzer Faden":

http://www.machtvonunten.de/nationalisten-rechte-neoliberale/76-nationalrevolutionaere-aus-anarchistischer-sicht.html

Über die im Artikel erwähnte PSU (Parti Sozialiste Unife) in Frankreich berichtete ich 1983 in dem Artikel "Linkssozialisten in Europa" in "Schwarzer Faden":

http://www.machtvonunten.de/linke-bewegung/202-linkssozialisten-in-europa.html

Über den Entwicklungsweg der italienischen PR (Partito Radikale) berichtete ich im Jahr 2000 in der Zeitung "Graswurzelrevolution":

http://www.machtvonunten.de/linke-bewegung/119-partito-radicale-eine-unpartei-treibt-ihr-unwesen.html

 

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