Aus: "Graswurzelrevolution", Nr. 198, Mai 1995

60 Jahre "Aufbau"

60 Jahre "Aufbau"Eine deutschsprachige Zeitschrift der Juden und Jüdinnen in den USA

Der "Aufbau" war eine der wichtigsten deutschsprachigen Exilzeitungen. Für viele Jüdinnen und Juden, die in die USA geflohen waren, um den Verfolgungen der Nazidiktatur zu entgehen, war die Zeitschrift von großer Bedeutung, da sie lebenspraktische Hinweise veröffentlichte, damit sich die Flüchtlinge in ihrem Exil besser zurechtfinden konnten.

Für zahlreiche emigrierte Schriftstellerinnen war der "Aufbau" zunächst die einzige Publikationsmöglichkeit. Zu ihnen gehörten Oskar Maria Graf und Hans Sahl. Der folgende Beitrag beschreibt die Geschichte und Bedeutung der Zeitung in den Jahren der Naziherrschaft und zeichnet die Entwicklung von der Zufluchtsstätte für deutsche SchriftstellerInnen zu einer kulturpolitischen Zeitung für deutsche Jüdinnen und Juden nach.

Am komplizierten Verhältnis zwischen der jüdischen Gemeinde und den Schwarzen in den USA, an der Haltung des "Aufbau" gegenüber dem israelisch-palästinensisehen "Versöhnungsprozeß" und anhand anderer Beispiele wird die gegenwärtige Berichterstattung des "Aufbau" beschrieben und kritisch hinterfragt. Die Lektüre des "Aufbau" bietet die Möglichkeit, in die vielfältigen Ausdrucksformen des jüdischen Lebens hineinzuspüren und ruft immer wieder die großen Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes ins Gedächtnis. Und dies ist heute offenbar notwendiger denn je.

Aufbau vom 14. Augaust 1992Kulinarische Einstimmung

"Die dünne und lange‚ ursprünglich nur mit Rindfleisch gefüllte Wurst soll von dem deutschen Einwanderer Anton Feuchtwanger aus Frankfurt zum ersten Mal vor etwa 100 Jahren in St. Louis angeboten worden sein. Innerhalb von zehn Jahren hatte sich der Ausdruck "Frankfurter" in ganz Amerika eingebürgert, 1920 wurde er zu "Frank" verkürzt und während des Ersten Weltkriegs wurde auch "hot dog" benützt. Der "Hamburger" ist etwa ebenso alt: Um 1884 erschien erstmals auf amerikanischen Speisekarten das "Hamburg Steak". Etwa 30 Jahre später wurde es in seiner heutigen Form, nämlich auf einer runden Semmel, serviert und seither "Hamburger" genannt. Während des Ersten Weltkriegs erfolgte die Umbenennung in Salisbury Steak nach dem Arzt Dr. J. H. Salisbury, der empfahl, dreimal täglich eine solche Boulette zu essen." (1)

Eine Kulinarisch-ethnologische Nachhilfestunde für Diejenigen, die immer noch meinen, alles Böse dieser Welt käme aus den USA. Geschrieben von Einem, der es Wissen mußte. Henry Marx, von 1985 bis zu seinem Tode 1994 Chefredakteur des "Aufbau" floh 1937 als Jude in die USA.

Zuvor hatte er in Deutschland für die Berliner Presse, u. a. den "Berliner Börsen-Courier" (2) gearbeitet. Von 1937 bis 1989 war er Korrespondent der "New Yorker Staats-Zeitung und Herold" und von 1965 bis 1984 bei Springers "Welt". In den letzten Jahrzehnten bekannten die Redakteure von Liberal (Die Zeit) bis Linksradikal (Junge Welt) ihre Betroffenheit, wenn sie im Anzeigenteil des "Aufbau" stöberten und sich ihnen die Auswirkungen des deutschen Faschismus in der Form von Todesanzeigen als dramatische Familiengeschichte darstellte: Mit "formely Berlin, Shanghai‚ Toronto" oder "Pforzheim, Cairo, New York City" ist der Lebensweg der Verstorbenen nachzulesen und zu erahnen, welches schwere Schicksal sich hinter der Aneinanderreihung einiger Ortschaften verbirgt.

Aufbau vom 18. März 1994Beginn als Vereinspostille

Die Geschichte des "Aufbau" begann im Grunde schon im Jahre 1924, als der "German-Jewish Club" in New York gegründet wurde, um einer kleinen Gruppe jüdischer EinwandererInnen Gelegenheit zur gemeinsamen Freizeitgestaltung zu geben. Bei den Gedenkartikeln zum 50. und 60. Jubiläumsjahr verschwieg das Feuilleton jeglicher Coleur geflissentlich den politischen Standort dieses Clubs. Er stand "dem Ideenkreis des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten" (3) nahe, war also eher deutschnational orientiert.

Als 1933 in Deutschland der Faschismus die Macht an sich riss, wuchs die Zahl der jüdischen Einwanderer in den USA. Die massive Verfolgung der Juden in Deutschland führte zu einer Veränderung des Selbstverständnisses dieser Gruppe. Als Proklamation des Lebenswillens der Flüchtlinge, die ihre Existenz im Asylland neu aufbauen wollten, wurde ein kleines monatlich erscheinendes Mitteilungblättchen mit dem Titel "Aufbau - Reconstruction" gegründet und an allen auffindbaren neuen EinwandererInnen kostenlos abgegeben. 1938 wurden Abonnementsgebühren und bezahlte Inserate eingeführt. Der Versuch mit dem Journalisten Rudolf Brandel die Zeitung durch politische Nachrichten und Kommentare attraktiver zu gestalten, blieb relativ erfolglos.

Aufbau vom 16. September 1994Ein Familienanzeiger und Weltblatt im Kampf gegen den Faschismus

Erst mit seinem Nachfolger Manfred George entwickelte sich der "Aufbau" zu einer Zeitung, die in der ganzen Welt unter deutschsprachigen Juden bekannt und zuerst vierzehntägig, dann wöchendlich begierig gelesen wurde. George hatte zu den Mitbegründern der Deutschen Demokratischen Partei (4) gehört und war ein engagierter antifaschistischer Schriftsteller, der seine Stellung als Redakteur bei Ullstein und Mosse in Berlin aufgeben mußte. Mit seiner Hilfe wurde der Aufbau zu einer thematisch breitgefächerten, allumfassenden Lektüre, die sich an folgenden drei Prinzipien orientierte: "Die Loyalität der amerikanischen Neubürger zu ihrer neuen Heimat, das treue Festhalten an jüdischem Glauben und Bewußtsein der (mehrheitlich jüdischen) Leser, und die nicht fortzuleugnende Verbindung mit dem kulturellen deutschen Erbgut von Sprache und Geschichte." (5)

Die jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland sahen sich mit einem riesigen Berg von Problemen konfrontiert, als sie in den USA ankamen. Ihnen zu helfen, sich in dieser fremden Umgebung zurechtzufinden‚war eines der Hauptanliegen des "Aufbau". Woher sollten sie auch sonst die Informationen erhalten, wie mensch eine Wohnung und Arbeit findet, Steuerformulare ausfüllt, sich in englischer Sprache verständigt und erfährt, wie das New Yorker Untergrundbahnsystem funktioniert und ob es in Amerika im Aufzug üblich ist, sich zu grüßen? Der Aufbau stellte nicht nur ein Stück neuer Heimat dar, sondern wurde auch zu einem Familienblatt, zu einer Drehscheibe für Informationen. Wer unter seinen Verwandten Opfer in Deutschland zu beklagen hatte, Freunde verzweifelt suchte oder sich retten konnte, sagte es hier.

Aufbau vom 22. Juli 1994 mit Oskar Maria Graf - Schwerpunkt1941 erhielt der "Aufbau" wöchendliche und zum Teil sogar tägliche Sendezeiten im US-Radio. 1942 und 1943 kamen unter der Leitung des Aufbau-Herausgebers Manfred George in der Sendereihe "We fight Back. German-American Loyalty Hour" zahlreiche deutsche Schriftsteller (u. a. Stefan Heym) zu Wort. (6)

Die "Aufbau"-RedakteurInnen ließen es nicht mit flammenden Aufrufen gegen den Faschismus bewenden, sondern bekämpften ihn ganz praktisch. Sie riefen ihre Leser auf, alles noch vorhandene Kartenmaterial von Deutschland zu sammeln und der US-Armee zu übergeben, damit sie in genauerer Kenntnis der geographischen Verhältnisse militärisch operieren konnte. Die Leserlnnenschaft sammelte sogar Geld für ein jüdisches Kampfflugzeug, das den Namen "Loyalty" erhielt: "Und Dir, Kampfflugzeug P-40, das in der Sonne vor uns glitzert, wünschen wir herrlichen Erfolg." (7)

Unter der Rubrik "Our boys in the army" wurden die Nachrichten von der Front gerne gelesen. Noch heute erinnerte sich ein jüdischer Soldat im "Aufbau" an den D-Day (Landung alliierter Truppen in der Normandie 1944): "... ich und andere GI's deutsch-jüdischer Abstammung, die an der Landung beteiligt waren, hatten das große Glück, den Nazis mit der Waffe in der Hand begegnen zu können. Das allein war alle Opfer Wert. Gesegnet sei das Land, das uns das erlaubt und ermöglicht hat." (8) Im Unterschied zu den oft untereinander verzankten deutschen ExilpolitikerInnen verstand sich der "Aufbau" als Bestandteil der US-amerikanischen Kampffront gegen das faschistische Deutschland.

Aufbau vom 4. März 1994Von der Zufluchtsstätte für deutsche SchriftstellerInnen zur kulturpolitischen Zeitung der deutschen Juden und Jüdinnen

Da in Nordamerika kein deutschsprachiges Verlagswesen existierte, hatten viele bekannte deutsche Schriftsteller keine Publikations- und Verdienstmöglichkeiten. Hier half der "Aufbau" , wo er konnte. Oskar Maria Grafs jüdische Frau wurde als Sekretärin eingestellt. Beiträge schrieben Lion Feuchtwanger, Thomas Mann, Franz Werfel, Carl Zuckmayer, Ludwig Marcuse‚ Hans Sahl. Die linksgerichteten deutschen LiteratInnen versuchten den NazisympatisantInnen unter den DeutschamerikanerInnen entgegenzutreten und Hilfe für ihre verfolgten oder geflüchteten KollegInnen zu organisieren. Besonders nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion bezogen sich viele SchriftstellerInnen positiv auf den kommunistischen Widerstand. Dies trug dem "Aufbau" die endgültige Feindschaft der rechtsgerichteten sozialdemokratischen "Neuen Volks-Zeitung" ein, die ihn als kommunistisch gesteuert diffamierte.

Im Unterschied zu vielen bürgerlichen und sozialdemokratischen ExilpolitikerInnen, die die Deutschen als armes von Hitler verführtes Volk ansahen, hatte der "Aufbau" keinerlei Illusionen. Er verwies auf die bis zum Kriegsende unveränderte Kampfbereitschaft der deutschen Soldaten und auf die geistige Haltung der deutschen Kriegsgefangenen, die zeigte, daß sie zu 85 % echte Nazis waren und blieben. (9)

Nach diesen ernüchternden Feststellungen ist es erstaunlich, wie sehr Redaktion und LeserInnenschaft an der deutschen Sprache festhielten. Sie trennten strikt zwischen der Nazibarbarei und dem hiervon unabhängigen deutschen "Kulturerbe". So verwundert es nicht, daß selbst nach 60 Jahren in der Redaktionsstube Amerikanismen in der deutschen Sprache verpönt sind.

Aufbau vom 13. Mai 1994Gegen Ende des 2. Weltkrieges erreichte die Auflage mit 30.500 Exemplaren ihren Höchststand. (10) Als "amerikanisch gemachte Zeitung in deutscher Sprache" (11) verstand sie es, volkstümlich und manchmal auch reißerisch auf die Bedürfnisse ihrer Leser einzugehen. Der "Aufbau" war und ist eine pluralistische Zeitung. Während sich ArbeiterInnen auf der Seite "Review of Labour" wiederfinden konnten, wurden für die Geschäftsleute das "WallStreet-Telegramm" eingeführt und unter der Rubrik "Wir bauen auf" erfolgreiche jüdische UnternehmerInnen vorgestellt. Eine Modeseite durfte ebenfalls nicht fehlen.

In einer speziellen, regelmäßig erscheinenden Kolumne behandelte Frederick B. Lachmann‚ in den 20er Jahren Filmkritiker der "Vossischen Zeitung" und ab 1951 zeitweilig Vertreter des israelischen Kultusministeriums in den USA, oft auf originelle Weise religiöse Fragen des Judentums. In den letzten Jahren benutzte er allerdings seine Rubrik auch dazu, um mit religiös-geschichtlichen Betrachtungen die offizielle israelische Politik gegenüber den AraberInnen zu rechtfertigen.

Ausführlich und dialogbereit wurde über Kontakte zu ChristInnen und MuslimInnen berichtet. Hierbei kamen allerdings auch dubiose BündnispartnerInnen ins Spiel, wenn beispielsweise über gute Beziehungen zwischen dem mitlerweile verstorbenen Leiter für zwischenreligiöse Angelegenheiten Tannebaum und dem unsäglichen Prediger Billy Graham die Rede war. (12)

Erfreulich offen ist die Berichterstattung zu sexuellen Themen geworden. Berichte über Synagogen für Homosexuelle und Lesben sind nichts anstößiges mehr und manchmal wurde sogar darüber diskutiert, ob "Gott geschlechtsneutral ausdrückbar" sei. (13)

Aufbau vom 24. September 1993Schwarze und Menschen jüdischen Glaubens – ein schwieriges Verhältnis

"All Men Are Created Equal": Mit diesem Zitat aus der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung überschrieb der "Aufbau" am 21. Mai 1954 einen Artikel, in dem der Chefredakteur Manfred George den Beschluß des obersten amerikanischen Gerichtshofs begrüßte, in Zukunft keine Trennung von schwarzen und weißen Kindern an öffentlichen Schulen mehr zuzulassen. Für ihn und die meisten LeserInnen des "Aufbau" war diese historische Entscheidung das siegreiche Ende "des Kampfes unserer farbigen Mitbürger, den sie mit Unterstützung aller liberalen Kräfte des Landes seit 58 Jahren" erkämpft haben, obwohl schon damals "einzelne extremistische Neger antisemitische Slogans zu verbreiten begannen." (14)

In den folgenden Jahren sollte es in den Augen des "Aufbau" noch manche herbe Rückschläge in dem gemeinsamen Kampf der beiden Minderheiten für Bürgerrechte geben. Als im Januar 1989 das renomierte "Metropolitan Museum of Art" eine Ausstellung über das schwarze Harlem veranstaltete, entdecke die "Aufbau"-Redaktion in dem einführenden Artikel des Ausstellungakatalogs antisemitische Vorurteile: "Vor allem der Mythos, dass "die" jüdischen Geschäftsleute in Harlem die Neger ausbeuten. Alle teuren Delikatessenläden und andere kleine Lebensmittelgeschäfte in Harlem, so heißt es, seien in den Händen von Juden ..." (15).

Nach Protesten weiterer jüdischer Organisationen distanzierten sich der Bürgermeister und der Museumsdirektor von dem Vorwort, das von einer sechzehnjährigen Schülerin geschrieben worden ist. Ihr Dementi, das dem Katalog beigelegt wurde ("Wenn man in einzelnen aus dem Zusammenhang herausgerissenen Passagen antisemitische Obertöne hört, ist das bedauerlich") hielt die Anti-Defamation League (16) für völlig unakzeptabel, da ihre Äußerungen nicht besagen würden, "daß die Autorin sich mit ihrer verleumderischen Generalisierung geirrt habe, sondern daß der Leser ihren Standpunkt falsch interpretiere." Nach weiteren Diskussionen und Entschuldigungen der Verantwortlichen wird ein zweites "richtiges" Dementi dem Ausstellungskatalog beigelegt, womit diese Auseinandersetzung ein Ende fand.

Aufbau vom 4. Februar 1994, Antisemitismus von Nation of Islam (NOI)Die Konfrontation mit der "Nation of Islam"

In den letzten Jahren sorgte im "Aufbau" eine Gruppierung für bestürzte Kommentare, die in den 30er Jahren entstanden ist und heute eng mit dem Namen Louis Farrakhan verknüpft ist: Die "Nation of Islam" (NOI) propagiert einen schwarzen Separatismus, aggressiven Antisemitismus und Frauen- und Schwulenfeindlichkeit. Farrakhan wurde von Malcolm X für NOI gewonnen und unterstützte 1984 Jesse Jacksons Bewerbung um die Präsidentschaftskandidatur für die Demokratische Partei. Armut, weißer Rassismus, Drogenprobleme und steigende Kriminalität sind ein idealer Nährboden für NOI, sodaß inzwischen Zehntausende zu Farrakhans Reden kommen.

Auch wenn sich die Führer der Schwarzen, wie Jesse Jackson, vom Antisemitismus der NOI distanzierten, erkannten viele Jüdinnen und Juden die Gefahr, daß es zum Bruch zwischen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung und den jüdischen Organisationen kommen könnte. Die Redaktion wies in diesem Zusammenhang auf das von der NOI herausgegebene Buch "Die verborgenen Beziehungen zwischen Schwarzen und Juden" hin, das in der Tradition der "Protokolle der Weisen von Zion" auf 334 Seiten mit 1275 Fußnoten den absurden Anspruch erhebt, die angebliche Unterdrückung der Schwarzen durch Jüdinnen und Juden wissenschaftlich zu beweisen. Die vom Simon Wiesenthal Center Los Angeles herausgegebene Richtigstellung wurde vom "Aufbau" kritisiert, da keine längeren Passagen aus dem antisemitischen Buch zitiert wurden und sich deswegen die LeserInnen kein objektives Bild von NOI machen konnten. Ebenfalls wurde das Fehlen von Hintergrundinformationen über diese Organisation beklagt.

Aufbau vom 14. April 1995Besonders diejenigen Jüdinnen und Juden, die vor dem deutschen Faschismus flüchten mußten, reagierten verständlicherweise äußerst empfindlich, als sie in den USA mit erneutem Antisemitismus konfrontiert wurden. Chefredakteur Henry Marx, selbst ehemaliger KZ-Häftling überprüfte den im November 1992 im US-Fernsehen gesendeten und später mit einem "Oscar" ausgezeichneten Dokumentarfilm "Liberators" auf seinen Wahrheitsgehalt. In dem Film wurde behauptet, daß die Konzentrationslager Buchenwald und Dachau durch schwarze Soldaten des 761. US-amerikanichen Tankbataillons befreit worden wären.

Marx vermißte ebenso wie andere JournalistInnen stichhaltige Beweise für diese These und schrieb am 24. 9. 1993 im "Aufbau": "Wie erinnerlich, diente der Film im Dezember (1992 d. A.) im Appollo Theater in Harlem als eine Art Versöhnungsfeier zwischen Schwarzen und Juden, an der 1200 Personen teilnahmen, nicht wenige davon zu Tränen gerührt, als afro-amerikanische ehemalige Soldaten und Überlebende der Konzentrationslager über ihre Erlebnisse im April 1945 berichteten. Sie kamen überein, daß der Film, insbesondere nach der durch die Ereignisse im Brooklyner Stadtteil Crow Heights verursachten Spannungen, ein dramatischer Versöhnungsaufruf war." Die Korrektur der im Film "Liberator aufgestellten Behauptungen nahm im "Aufbau" einen relativ breiten Raum ein. Dies zeigt, daß die von der NOI ausgehende Konfrontation ihre Spuren auch als Gegenreaktion im "Aufbau" hinterließ.

Wie in der internationalen Presse, so wurden auch im "Aufbau" die extrem antisemitischen Ausfälle des Farrakhan-Vertrauten Khalid Abdul Muhammad vor schwarzen StudentInnen an der Universitat in New Jersey am 29. 11. 1993 sehr beachtet, nachdem die Anti-Defamation League (ADL) Teile der Rede in einer Anzeige in der New York Times veröffentlichte. Im "Aufbau" vom 4. 2. 1994 dokumentierte Henry Marx einige längere Zitate dieser haarsträubenden Rede und lehnte - durchaus nachvollziehbar - einen Kommentar ab, weil "man sich selbst erniedrigt, sich damit auseinanderzusetzen." David Joel fragt im Leitartikel ziemlich hilflos: "Vielleicht haben sie (die NOI-AnhängerInnen, d. A.) im Schulunterricht gefehlt?"

Der Inhalt dieser Rede ist in der Tat haarsträubend: "Alle Leute sprechen über Hitler, der sechs Millionen Juden umgebracht hat. Ja, so ist's. Aber niemand fragt jemals, was sie Hitler angetan haben? (...) Sie kamen nach Deutschland, wie sie es überall machen, wohin sie kommen und sie verdrängten, sie rissen an sich, und ein Deutscher mußte in seinem eigenen Land fast zum Juden gehen, um Geld zu bekommen. Sie hatten das Gefüge der Gesellschaft untergraben. Jetzt war er ein arroganter, unbrauchbarer, teuflischer Bastard." (17)

Aufbau vom 17. Februar 1995. Bereits 1993 (!) versuchten radikale Islamisten, das World Trade Center in New York zu sprengen!In dieser Zeit berichtete der "Aufbau" von Diskussionen, ob Veranstaltungen, auf denen Mitglieder der NOI auftreten, zur Diskussion genutzt werden sollten oder ob Protest sinnvoller sei. Kurze Zeit später findet doch noch eine argumentative Auseinandersetzung statt, indem Henry Marx den Vorwurf widerlegt, daß der Sklavenhandel in Amerika von jüdischen Kaufleuten beherrscht worden wäre. Anschließend unterstellt er Farrakhan‚ abgesehen von seinem Antisemitismus sogar Positives, nämlich "eine Reihe sozialreformerischer Ideen, vor allem in bezug auf den Drogenmißbrauch der Schwarzen ..."(18).

Die NOI unterhält von Geschäftsleuten und HausbesitzerInnen bezahlte Sicherheits- und Ordnungsdienste, die zur Verbrechensbekämpfung und zur Vertreibung von Dealern eingesetzt werden. Diese von einigen Bürgermeistern bevorzugte Vorgehensweise ist wohl kaum dazu geeignet, die Ursachen der sozialen Probleme zu überwinden (19).

Nachdem NOI auch an den Universitäten Fuß fassen konnte, berichtete der "Aufbau" verstärkt über dortige Verständigungsbemühungen unter Hinzuziehung des "studentischen Rates für Rassen-Harmonie" und "Zentrums für Konfliktlösung". In diesem Zusammenhang wies die Zeitung am 19. 8. 1994 auf eine Zeit hin, in der "zwischen den von Hitler verfolgten Juden und den noch stärkster Diskriminierung ausgesetzten Schwarzen ein Gefühl gegenseitiger Sympathie herrschte." Der "Aufbau" erinnerte daran, daß viele emigrierte deutsch-jüdische Gelehrte (z. B. Ossip Flechtheim) ihre erste Anstellung an schwarzen Colleges gefunden hatten.

Diese Erinnerungsarbeit ist zwar gut gemeint und auch nicht falsch. Sie geht allerdings an der heutigen sozialen Realität vorbei, streift noch nicht einmal die Ursachen der Misere. Es werden keine Gedanken darüber verschwendet, wie die Armut der Schwarzen (und natürlich auch diejenige von Jüdinnen und Juden) bekämpft werden könnte und wie ein Gesellschaftssystem beschaffen sein müßte, um an diesem Problem etwas zu ändern. Die im "Aufbau" geforderten pädagogischen Belehrungen und ordnungspolitischen Maßnahmen greifen zu kurz. Das Problem soll nicht mit dem Ziel eines mögichst ausbeutungsfreien Wirtschaftens gelöst werden, sondern Wohlstand wird von Interessengruppen innerhalb des kapitalistischen Systems im Laufe der Jahre erkämpft: "Die meisten Juden haben ein Niveau finanzieller Sicherheit und politischen Einflusses erreicht, von dem die Mohammedaner noch weit entfernt sind. Die Juden hatten insofern einen gewaltigen Vorsprung, als sie in den Jahren 1840 bis 1920 hier einwanderten, während Anhänger des Islam in den beiden letzten Jahrzehnten in die USA kamen oder in dieser Zeitspanne konvertierten."(20)

Die sozialistischen Utopien‚ die immer dann anklingen, wenn im "Aufbau" an verstorbene deutsch-jüdische SozialistInnen anläßlich diverser Jahrestage erinnert wird, haben sich im Nichts aufgelöst, wenn es darum geht, sie als Lösungsansätze für die jetzige Situation fruchtbar werden zu lassen.

Aufbau vom 8. Juli 1994. Chefredakteur Henry Marx ist gestorben.Ressentiments auch bei US-amerikanischen Jüdinnen und Juden

Am 6. 1. 1995 erschien mit "Zauber der Karibik" ein Artikel über Puerto Rico, der ganz die Bedürfnisse von unkritischen Touristen bediente, indem er die bedrückende soziale Realität in diesem Land ausklammerte. Als Hunderttausende der Armen in die USA oder gar nach Brooklyn/New York kamen, um ein menschlichen Leben führen zu können, war über die Reaktion der Bürger folgendes zu lesen:" Die wohlhabenden und mittelständischen weißen Anwohner flohen Hals über Kopf vor zwölf Millionen schwarzen Zuwanderern aus den amerikanischen Südstaaten‚ Puerto Rico und der Karibik." (21 )

Auch der später erschienene Artikel "Washington Heights" breitete seitenlang die gesamte Palette rassistischer Ressentiments einiger jüdischer Bewohner Brooklyns aus, anstatt sie zu widerlegen: Die LateinamerikanerInnen seien kriminell, laut, würden "palavern"; die "unangenehmen Elemente" hätten einen "anderen Kulturgrad" usw. Zum Schluß des Artikels macht sich bei der Autorin Monika Gierig, die auch für die Frankfurter Rundschau und im "Freitag" schreibt, doch noch das schlechte Gewissen bemerkbar. Priester, Pfarrer und Rabbiner dürfen zur "Versöhnung" aufrufen, von der in dem langen Artikel keineswegs die Rede war. Sicherlich gibt es große Probleme im Zusammenleben zwischen LateinamerikanerInnen und Jüdinnen und Juden in New York. Den Umzug in eine schönere Wohngegend als "Flucht" zu bezeichnen, halte ich allerdings für unangemessen.

Auffälligerweise fehlt im "Aufbau" fast völlig eine kritische Reflexion über das Verhältnis zwischen sogenannter Erster und Dritter Welt. Die Tatsache, daß der Reichtum der Mittel- und Oberschicht Nordamerikas durch ökonomische und militärische Unterdrückungsmaßnahmen gegenüber den "Entwicklungsländern" ermöglicht wird, spielt im "Aufbau" keine Rolle. Ihrem Selbstverständnis nach haben sich die jüdischen Flüchtlinge seit ihrer Ankunft in den USA mehrheitlich langsam hochgearbeitet und in die herrschende amerikanische Mittelstandsgesellschaft und Oberschicht integriert. Elendsflüchtlingen aus den "unterentwickelten" Regionen, die nicht den gleichen Weg gehen konnten, weil die Voraussetzungen hierfür nicht gegeben waren, begegneten sie oft mit Verständnislosigkeit und Überheblichkeit.

Ein seltsamer "Versöhnungsprozeß"

"Eine Million Araber sind nicht soviel wert wie ein jüdischer Fingernagel" zitierte empört der 83jährige Chefredakteur Henry Marx einen orthodoxen Rabbi bei der Beisetzung des Massenmörders Baruch Goldstein. Dieser aus Brooklyn stammende und nach Israel eingewanderte Arzt hatte am 25. 2. 1994 vierzig Palästinenser beim Gebet in einer Moschee in Hebron getötet. Wenige Tage später erschoß in Broklyn ein Libanese einen orthodoxen Juden und verletzte Vierzehn. Die einsetzende Gewalt und Gegengewalt verunsicherten viele Menschen beider Bevölkerungsgruppen in Brooklyn. Manche fühlten sich in ihren Vorurteilen bestätigt. Der "Aufbau"-Chef stellte im Leitartikel die berechtigte Frage: "Wie kann sich ein Jude jetzt noch über Rassismus beklagen?"

Er beschuldigte extrem rechtsgerichtete und zum Teil orthodoxe Jüdinnen und Juden der geistigen Mittäterschaft. Der "Aufbau" wurde nicht müde, auch in späteren Ausgaben ihre haßerfüllten Gewaltphantasien als "Gitterstäbe eines Gedanken-Gefängnisses" zu kritisieren und entlarvte die konservative jüdische Presse, die einerseits mit der Schlagzeile "Der Vorfall von Hebron" bagatellisierte und andererseits durch die Überschrift "Terror auf der Brooklyn Bridge" zweierlei Maß nahm.

Eine typische Kleinanzeige im AufbauSo sehr das Bekenntnis des "Aufbau" zum Versöhnungsprozess in dieser Situation lobenswert war, so sehr ließ der geradezu berauschende Aufruf des "Aubau"-Chefredakteurs Manfred George im Jahr 1948 zur Gründung des Staates Israel Augenmaß und tatsächliche Verständigungsbemühungen mit den PalästinenserInnen vermissen. Georges "Wunsch nach Sammlung und nationalem Sein als etwas Selbstverständliches‚ als Voraussetzung und Grundlage normaler Existenz" (23) trug den Keim aller zukünftigen Konflikte zwischen beiden Seiten in sich.

Die "Entfaltung des Staates zu einem wirtschaftlich starken Vorposten im Vorderen Osten (...) in dem jüdischer Fleiß, jüdischer Erfindungsgeist und jüdische Organisationskraft (...) ein Zentrum schaffen können" schloß per Definition Andere aus. Wie "Gerechtigkeit, Humanismus in der Außenpolitik und arabisch-jüdische Verständigung" unter diesen Voraussetzungen noch möglich sein könnten, blieb sein Geheimnis. Nur wenige Tage später lehnte Martin Buber die unter jüdischen BürgerInnen in Palästina weitverbreitete "kollektive Selbstsucht" (24) ab: "Dieser ‚Zionismus’ entweiht den Namen Zion; er ist nichts mehr als einer der krassen Nationalismen unserer Zeit, die keine höhere Autorität als das - vermeintliche! - Interesse der Nation anerkennen."

Terror oder Gerechtigkeit für PalästinenserInnen?

Als sich nach dem "Sechs-Tage-Krieg" 1967 aufgrund der israelischen Landgewinne zahllose palästinensische Flüchtlinge im Hoheitsgebiet des jungen Staates befanden, forderte der damalige Chefredakteur des "Aufbau" Hans Steinitz (25) "Hilfe" und "gesicherte Rechtsstellung" für die arabischen Flüchtlinge, nicht ohne darauf hinzuweisen, daß auch Forderungen an "die arabischen Regierungen zu richten seien, die nun endlich einmal konkrete Brüderlichkeit zeigen und nicht mehr mit den Flüchtlingen Schindluder treiben sollten." (25)

Eine ähnliche Position tauchte 1994 im "Aufbau" bei den aktuellen Auseinandersetzungen um den sogenannten Friedensprozeß wieder auf, als jüdisches Geld für eine zu schaffende palästinensische Infrastruktur in den neuen autonomen Gebieten gefordert wurde. Sie hebt sich ohne Zweifel positiv von den rechten Hardlinern in Israel und den USA ab, die das Rad der Geschichte zurückdrehen wollen. In der großen Sondernummer zum 60jährigen Zeitungsjubiläum wird sogar Selbstkritik laut und zugestanden, daß die arabische Bevölkerung berechtigterweise die europäischen Jüdinnen und Juden in den vergangenen Jahrzehnten als Eindringlinge empfand (27). Doch auch im "Aufbau" klang es wie Hohn, wenn das Arafat überlassene "Monaco-ähnliche Gebiet" (28) als großartige Errungenschaft gefeiert wurde, weil es jetzt eigene Briefmarken, eine eigene Telefonvorwahlnummer und ein eigenes Reisebüro besitzen darf! In den restlichen Gebieten werden weiterhin Menschenrechte verletzt, finden Landraub und Übergriffe militanter jüdischer Siedler sowie der israelischen Armee statt.

Es ist nachvollziehbar, daß sich Redaktionsmitglieder und LeserInnen des "Aufbau" nach schlimmen Erfahrungen in ihrem Leben eine Art "Rückzugsgebiet" in Israel als letzte Sicherheit wünschen. Ein binationales Gemeinwesen aus beiden Bevölkerungsgruppen könnte Sicherheit bieten. Doch diese Möglichkeit wird vom Staat Israel nicht zugelassen. Die terroristischen Methoden, mit denen die Palästinenser bis heute niedergehalten werden, führen zu Gegengewalt. Von Sicherheit kann in einem solchen Zustand keine Rede sein.

Die "Aufbau"-Redaktion wagt wenig, indem sie sich lautstark von rechten und orthodoxen Jüdinnen und Juden distanziert, um sich dann der "gemäßigten" Politikvariante der regierenden Arbeiterpartei anzuschließen. Sie beschränkt sich lediglich darauf, Baldrian an die Hardliner verteilen zu wollen - den diese allerdings nicht annehmen. Etwas weniger Repression gegen die PalästinenserInnen und etwas mehr Verhandlungsbereitschaft sind etwas anderes als Gerechtigkeit für die PalästinenserInnen. Die Überlegungen des "Aufbau" beschränken sich auf Appelle und den Ruf nach finanziellen Hilfen, die das schlechte Gewissen beruhigen sollen. Als "internationale" Zeitschrift mit guten Verbindungen nach Israel hätte sie die Möglichkeit gehabt, weitergehende Diskussionen unter Einbeziehung pazifistischer Bewegungen zu initiieren.

In dieser Hinsicht wurde in den letzten Jahren nur über Abbie Nathan von der gemäßigten, nichtpazifistischen Organisation "Peace Now" berichtet. Obendrein bekam dieser in mehreren Ausgaben das etwas herabsetzende Etikett "Friedensapostel" aufgedrückt. Während verstorbene deutsch-jüdische PazifistInnen und SozialistInnen dutzendweise auf vielen Seiten den LeserInnen des "Aufbau" in Erinnerung gerufen werden, ignoriert die Berichterstattung die tatsächliche pazifistische Bewegung im heutigen Israel fast völlig.

Aufbau vom 21. Juni 2001. Das Layout und Format wurde geändert.Zwischen Nostalgie und Neuanfang

Das Erbe der linken ExilschriftstellerInnen spielt am ehesten noch in der Auseinandersetzung mit dem neu aufflammmenden Rechtsradikalismus und Antisemitismus im wiedervereinigten Deutschland eine Rolle, obwohl auch hier sogar Vertreterlnnen der CDU, zum Beispiel Rita Süßmut ausführlich zu Wort kommen. Der "Aufbau" kommentierte aus eigener leidvoller Erfahrung kritisch und sensibel die Behandlung von AsylbewerberInnen in Deutschland und die Praxis der Abschiebung.

Für empörte Schlagzeilen sorge das Verhalten der österreichischen Behörden, die 1994 von ehemals in die USA geflohenen Jüdinnen und Juden ein Leumundzeugnis, 30 Dollar und sogar Fingerabdrücke verlangten, als die früheren Flüchtlinge die österreichische Staatsbürgerschaft wiedererlangen wollten.

Es ist erstaunlich, wie der "Aufbau" einerseits die Nachlässigkeit deutscher Behörden und Politiker im Vorgehen gegenüber alten und neuen Nazis aufdeckt‚ aber andererseits stolz herausstellt, daß er von Leuten wie Helmut Kohl gelesen wird. Groteskerweise erhielt die gesamte deutsche PolitikerInnenkaste zum 60. Zeitschriftenjubiläum Gelegenheit zu umfangreichen Selbstdarstellungen und zur Verbreitung ihrer heuchlerischen Betroffenheit anlässlich der rechten Gewaltakte.

Trotz dieser Zumutungen ist die Lektüre des "Aufbau" auch für nichtjüdische Menschen zu empfehlen, weil sie es ermöglicht, in die vielfältigen Ausdrucksformen jüdischen Lebens hineinzuspüren und sie immer wieder die großen Verbrechen des deutschen Faschismus ins Gedächtnis zurückruft.

Doch kontroverse Diskussionen finden nicht mehr statt. Offenheit gegenüber zeitgeistkonträren Positionen wird im "Aufbau" nur noch dort kultiviert, wo sie rückwärtsgewandt ist: In der Darstellung der weitgehend untergegangenen Welt der linken jüdisch-deutschen Geistesgeschichte. Ein eher nostalgischer Blick ist für die durchschnittlich 70 bis 90 jährigen LeserInnen durchaus legitim. Allerdings gehören die Redaktion sowie die VolontärInnen mehrheitlich der mittleren und jüngeren Generation an, ohne daß sich der Blickwinkel allzusehr von den Älteren unterscheiden würde.

Aufbau vom November 2009. Jetzt auf farbigem DIN-A4-Format und monatlicher Erscheinungsweise mit Sitz in der Schweiz (!).Der "Aufbau", dessen Auflage heute entgegen offiziellen Verlautbarungen weit weniger unter 10.000 Exemplaren (29) liegt, wird nicht mehr lange von der Vergangenheit zehren können, wenn er sich nicht den Problemen der Gegenwart in einer zeitgemäßen diskursiven Form zuwendet. Zweifellos ist er aufgrund seiner "liberalen" Tendenz eher hierzu in der Lage und willens, als die orthodoxen LubavitcherInnen, die einen milionenschweren Medienkonzern mit Fernseh- und Rundfunksendern aufgebaut haben und zu den rückschrittlichsten Gruppen der US-amerikanischen Jüdinnen und Juden gehören.

Interne Auseinandersetzungen blieben im "Aufbau" in jüngster Zeit nicht aus. Als eine Mitarbeiterin im Oktober eine Entscheidung der Verleger intern kritisierte, da fehlte tags drauf zufällig das Geld für ihre weitere Beschäftigung (30). Zumindest die Chefredaktion ist seit einigen Monaten mit dem 42jährigen Uwe Westphahl (31) in jüngere Hände gegeben worden. In den neuesten Ausgaben sind erste Ansätze für eine Neukonzeption zu beobachten. Neben einem übersichtlicheren Lay-out‚ mehreren interessanten Kurzmeldungen befaßt sich zum ersten Mal seit Jahren der Leitartikel (32) mit inneramerikanischen sozialen Problemen, insbesondere der angestrebten Kürzung von Hilfsprogrammen für die Armen.

Ein kleines Luftpostbriefchen von "Aufbau"-Chefredakteur Henry Marx aus dem Jahre 1993 ...Anmerkungen:

(1) "Aufbau" vom 14. 10. 1994‚ S.25

(2) Im Berliner Börsen-Courier von Emil Faktor fanden interessante kulturpolitische Diskussionen statt, an der viele Linke und Linksradikale teilnahmen. Z. B. war Franz Jung Mitarbeiter dieser Zeitung.

(3) Lieselotte Maas in: Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch, Band 1, 1983, Edition Text+Kritk, München, S. 259 (4) Die liberal-bürgerliche DDP koalierte während der Weimarer Republik mit der SPD.

(5) Aufbau. Reconstruction. Dokumente einer Kultur im Exil. Herausgegeben von Will Schaber. Kiepenheuer & Witsch Köln, 1972, S. 13

(6) Ernst Loewy in: Exilforschung. Band 2, 1984, Edition Text+Kritik, München, S. 252

(7) siehe Anm. 5., S. 62

(8) "Aufbau" vom 10. 6. 1994, S. 20

(9) siehe Anm. 3., S. 272

(10) Liselotte Maas in: Handbuch der deutschen Exilpresse‚ 1977, S. 76

(11) siehe Anm. 3, S. 279

(12) "Aufbau" vom 17. 7. 1992, S. 16

(13) ebenda S. 21

(14) siehe 5, S. 45

(15) siehe Anm. 5, S. 91

(16) Die Anti-Defamation Leaguage (ADL) wurde 1913 gegründet, um der Diffamierung des jüdischen Volkes entgegenzutreten und unterhält zur Zeit in den USA 35 Büros. Sie sammelte allerdings nicht nur Informationen über Rechtsradikale und Antisemiten, sondern spionierte ebenfalls gezielt schwarze Organisationen, Greenpeace und die Gewerkschaft United Farmworkers aus und leitete ihre Erkenntnisse an FBI und Polizei weiter. Vgl. hierzu: Allgemeine Jüdische Wochenzeitung vom 29. 4. 1993: "James-Bond-Methoden gegen Antisemitismus?"

(17) "Aufbau" vom 4. 3. 1994

(18) "Aufbau" vom 4. 2. 1994, S. 2

(19) Michael Hahn und Günther Jacob in "Konkret" Nr. 9, 1994, S. 40

(20) "Aufbau" vom 17. 12. 1993, S.75

(21) "Aufbau" vom 10. 6. 1994, S. 16

(22) "Aufbau" vom 18. 3. 1994, S. 1

(23) "Zeitzeuge Aufbau. Texte aus sechs Jahrzehnten", Hrsg.: Will Schaber, Bleicher Verlag, Gerlingen, 1994, S. 94 (24) Martin Buber "Ein Land und zwei Völker", Insel Verlag, Frankfurt, 1983, S. 290 (25) Hans Steinitz schrieb für die Presse in der Schweiz und Deutschland (darunter auch "Die Welt"), bevor er von 1966 bis 1984 Chefredakteur des "Aufbau" wurde.

(26) siehe 5. , S. 255

(27) "Aufbau" vom 28. 10. 1994, S. 1

(28) "Aufbau" vom 13. 5. 1994, S. 1

(29) Nach Angaben von Thomas Schuler beträgt die Auflage inoffiziell 4.500 Exemplare. Vgl. Süddeutsche Zeitung vom 26. 11. 1994.

(30) siehe Anm. 28

(31) Uwe Westphahl hat zuletzt aus London für BBC und die Sächsische Zeitung berichtet. Vgl. TAZ vom 25. 1. 1995, S. 11.

(32) "Aufbau" vom 3. 3. 1995, S. 1

Abo: Ein "Aufbau"-Abonnement kostet in Deutschland pro Jahr 125 DM. Probeheft und Bestellungen: Aufbau, c/o Leopold Spiegel, Goetheplatz 9, 60313 Frankfurt.

Buchhinweis:

Will Schaber (Hrsg.) "Zeitzeuge Aufbau. Texte aus sechs Jahrzenten"‚ Bleicher Verlag, Gerlingen, 240 Seiten, 38 DM. Das Buch enthält zahlreiche Artikel aus den verschiedenen Phasen der Existenz dieser Zeitschrift. Sie bieten Politik und Kultur hauptsächlich auf Deutschland und die USA bezogen. Nur wenige Artikel beschäftigen sich mit Israel. Keine Analyse der Zeitschrift, sondern ein Sammelsurium von Originalbeiträgen. Vorteilhaft und hilfreich sind die den Artikeln vorangestellten Erläuterungen, in denen die Autoren vorgestellt und Hintergrundinformationen vermittelt werden.

Nachwort:

Der "Aufbau" wird seit 2005 als Monatszeitung in der Schweiz herausgegeben. Weitere Infos sind hier zu finden:

http://www.aufbau.eu/

Mein Leserbrief "Zum Antisemitismus von ‚Nation of Islam’ in den USA" in Jazzthetik (1995) greift ebenfalls auf meinen obenstehenden Artkel zurück:

http://www.machtvonunten.de/leserbriefe-von-horst-blume/145-zum-antisemitismus-von-nation-of-islam.html

Im "Aufbau" selbst wurde 1995 mein Leserbrief "Zynische Einmischung der Waffenexporteure" abgedruckt: http://www.machtvonunten.de/leserbriefe-von-horst-blume/146-zynische-einmischung-der-waffenexporteure.html

 

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