Aus: "Informations-Dienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten", 29. Mai 1976

Aktiv gegen den Bau von Atomkraftwerken: Schmehausen

In Schmehausen bei Hamm wird zur Zeit ein Atomkraftwerk (300 Megawatt) gebaut. Darüberhinaus soll in Kürze der Bau eines weiteren Atomkraftwerks mit der vierfachen Leistung in Angriff genommen werden. Langfristig ist geplant, bei Hamm eine der größten Atomkraftwerksansammlungen Europas zu errichten.

Um sich gegen den Bau der Atomkraftwerke und die damit verbundenen Gefahren zur Wehr zu setzen, gründete sich im Februar 1976 die Bürgerinitiative Umweltschutz Hamm. Es wurden Informationsstände aufgebaut und Flugblätter verteilt. Es erschienen zahlreiche Leserbriefe und Berichte in der lokalen Presse. Man begann, mit den ebenfalls gegründeten Bürgerinitiativen in Bönen, Welver, Norddinker, Münster und Arnsberg zusammenzuarbeiten.

Auf dem Lande gab es vier größere Veranstaltungen, zu denen bis zu 200 Bauern gekommen sind. Die Bauern befürchten hauptsächlich negative Auswirkungen der Atomkraftwerke auf die Landwirtschaft durch Klimaveränderung und Anreicherung von radioaktiven Stoffen in Pflanzen und Tieren.

Auf dem viertägigen Erörterungstermin am 11. 3. 1976 wurden die Bedenken der Bürgerinitiativen nicht ausgeräumt, sondern bestätigt. Auf zahlreichen Parteiveranstaltungen konnten die Mitglieder der Bürgerinitiativen der Öffentlichkeit beweisen, daß die Politiker sich entweder mit dem Thema nicht genügend beschäftigt haben, oder Atomkraftwerke kritiklos bejahten.

Daß der Bau von Atomkraftwerken auch den Verlust von Arbeitsplätzen bedeuten kann, wurde vielen Bürgern im Raum Hamm schnell klar. Nachdem die 1.300 Bergleute die Schließung der Zeche Sachsen fast kampflos hingenommen hatten, müssen jetzt die Bergleute der Zeche Monopol in Bergkamen um ihre Arbeitsplätze bangen. Doch schon 1973 hat die Belegschaft von Monopol die Schließung verhindern können. Der Stilllegungsbeschluß wurde allerdings damals nur mit der Auflage zurückgenommen, daß ein Kohlekraftwerk in Bergkamen errichtet wird. Das Kohlekraftwerk kann jedoch nur gebaut werden, wenn die Vereinigten Elektrizitätswerke (VEW) als zuständiges Versorgungsunternehmen langfristige Abnahmeverträge abschließt. Doch dazu sind sie nicht bereit.

Offensichtlich bringt ein Atomkraftwerk der VEW mehr Gewinn ein als ein Kohlekraftwerk. Die Bürgerinitiativen werden sich mit den Arbeitern der Zeche Monopol verstärkt für den Erhalt der Arbeitsplätze und gegen den Bau des Atomkraftwerkes einsetzen.

Am Samstag, dem 29. Mai veranstalteten die Bürgerinitiativen von Hamm, Welver, Bönen, Klotingen, Norddinker, Arnsberg und Münster in der Nähe von Norddinker ein Volksfest mit Kundgebung.

Nachbemerkung:

Die Bürgerinitiative als Arbeitsgruppe entstand bereits 1975. Als eingetragener Verein mit Vorstand und Satzung wurde sie allerdings erst im Februar 1976 gegründet.

Der "Informations-Dienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten" (ID) war in den 70er Jahren die wichtigste basisorientierte und linksradikale "Wochenzeitung" in der BRD. Wenn bei Wikipedia geschrieben wird, der ID würde als "Vorläufer" der (heutigen liberal-grünen) "TAZ" gelten, dann kann damit natürlich nur die 1978 gegründete "Die Tageszeitung" gemeint sein, die in ihrer ursprünglichen Ausrichtung nur wenige Jahre lang existierte:

http://de.wikipedia.org/wiki/Informations-Dienst_zur_Verbreitung_unterbliebener_Nachrichten

Fast wortgleich erschien dieser Artikel ebenfalls am 11. 6. 1976 in der Wochenzeitung "die Tat", herausgegeben von der "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes" (VVN).

 

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