Aus: "Ökologisch", Zeitung der Grünen Hamm, Nr. 1, 2001

Bürgeriniative Umweltschutz: 25 Jahre APO in Hamm

Vor 25 Jahren wurde die "Bürgerinitiative Umweltschutz Hamm" gegründet, um den geplanten Druckwasserreaktor in Hamm-Uentrop zu verhindern. Nach dem Aus für dieses Projekt richtete sich der Widerstand gegen den bereits im Bau befindlichen Thorium-Hochtemperatur-Reaktor (THTR). Damals waren noch alle Großparteien (SPD, CDU und FDP) vom Segen der Atomindustrie überzeugt. Offizielle Unterstützung war also nicht zu erwarten. Allerdings strikt überparteilich ausgerichtet, konnte die Bürgerinitiative den Widerstand über weltanschauliche Unterschiede hinweg bündeln und entwickeln.

Gesellschaftlich mehrheitsfähig war der Protest allerdings während der ersten Jahre nicht. Abseits der eingefahrenen Parteipolitik die eigenen Interessen selbst zu artikulieren war für viele Menschen eine völlig neue Erfahrung.

Es muss auch daran erinnert werden, dass das vollmundige Versprechen der sozial-liberalen Bundesregierung, "mehr Demokratie" wagen zu wollen, durch Berufsverbote, Grundrechtseinschränkungen im Zuge des RAF-Terrors und den sog. Nachrüstungsbeschluss konterkariert wurde.

Von Anfang an war die Bürgerinitiative gewaltfrei ausgerichtet. Die von Gandhi geprägten Methoden und Ideen der gewaltfreien direkten Aktion beeinflussten die BI. Die Erfahrungen der bewegten 68-er Jahre in Deutschland sowie der us-amerikanischen Anti-Vietnam- , die Bürgerrechts- und Anti-AKW-Bewegung wurden ebenfalls verarbeitet. Viel Kraft wurde in die Diskussion, Umsetzung und Übertragung dieser Methoden auf die Situation vor Ort gesteckt.

Entsprechende Aktionen wurden intensiv vorbereitet. Bei den über die Jahre stattfindenden Platz- oder Gebäudebesetzungen, Zeltlager, Fastenaktionen, Blockaden oder Straßenaktionen kam es aufgrund der guten Vorbereitungen nie zu gewalttätigen Ausschreitungen. Polizei, Behörden und THTR-Betreiber (VEW) wurden über Beweggründe, Ziele und Formen des gewaltfreien Handelns informiert. Auf diese Weise wurden Aggressionspotenziale reduziert. Es ist das Verdienst der BI, dass in Hamm keine bundesweit beachtete "Schlacht um den THTR" wie in Brokdorf, Grohnde etc. stattfand.

Doch die gewaltfreien Proteste stellten nur einen Bruchteil der Aktivitäten dar. In der Regel bedeuteten sie ausdauernde Öffentlichkeitsarbeit: Leserbriefe schreiben, Unterschriften sammeln, Resolutionen verfassen, Bildungsarbeit in Parteien und Verbänden organisieren. Auf dem Höhepunkt wurde dann in den 80er Jahren ein eigener "Umweltladen" in einem Ladenlokal an der Brüderstraße als Treffpunkt angemietet.

Juristisch und technisch interessierte Mitglieder versuchten mit einem jahrelang andauernden Rechtsstreit auch auf diesem Wege die Inbetriebnahme des THTRs zu verhindern. Für wenige Wochen erreichte die BI sogar einen Baustopp.

Mit der Gründung der kommunalen Wählergemeinschaft GRÜN-ALTERNATIVE-LISTE Hamm und dem Einzug in den Hammer Rat 1984 konnte auch dieser formale Rahmen als Forum genutzt werden. All diese vielfältigen Formen des Widerstandes ergänzten sich gegenseitig.

Die Katastrophe in Tschernobyl und der zeitgleiche Störfall in Hamm-Uentrop sorgten 1986 auch hier für einen enormen Zulauf. Viele Menschen mussten jetzt hautnah erfahren, wie "sicher" Atomkraftwerke sind. Neben den technischen und finanziellen Problemen der Betreiber war es auch der jahrzehntelange Widerstand, der 1989 zur Stillegung des THTR führte.

Seitdem begleitete die BI den THTR-Stilllegungsbetrieb kritisch. Unterstützt wurden und werden die Initiativen in Ahaus und Gorleben, wo ein Großteil des radioaktiven THTR-Mülls landete. Das Ziel, die Stilllegung aller Atomkraftwerke in Deutschland (und anderswo), ist auch unter der rotgrünen Bundesregierung nicht in Sicht. Grund genug‚ auch in Zukunft das erworbene Wissen um die Möglichkeiten und Methoden des gewaltfreien Protestes weiterzugeben.

Die BI Umweltschutz erhielt 1992 den Umweltpreis der Stadt Hamm. Dies war eine späte Würdigung der jahrelangen, ehrenamtlichen Arbeit. Dokumentiert wird die Arbeit der BI im THTR-Rundbrief, der mit bisher 68 Ausgaben innerhalb von 15 Jahren die älteste alternative Publikation in Hamm ist.

Anmerkung:

Die Zeitschrift "Ökologisch" hatte eine Auflage von 5.000 Exemplaren. – Ein weiterer, sehr ausführlicher Artikel über die ersten 15 Jahre der Geschichte der BI Umweltschutz Hamm ist hier einsehbar:

http://www.machtvonunten.de/lokales-hamm/192-rueckblick-15-jahre-buergerinitative-umweltschutz-hamm.html

 

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