Aus: "AK – Arbeiterkampf", Nr. 90, 4. Oktober 1976

Zeltlager gegen KKW

Zeltlager 1976Der Beginn des Widerstandes gegen den THTR Hamm

ln Schmehausen bei Hamm wird zur Zeit ein Atomkraftwerk (300 Megawatt) gebaut. Darüberhinaus soll in Kürze der Bau eines weiteren Atomkraftwerkes mit der vierfachen Leistung in Angriff genommen werden. Um sich gegen den Bau der Atomkraftwerke und den damit verbundenen Gefahren zur Wehr zu setzen, gründeten sich im Februar/März dieses Jahres Bürgerinitiativen in Welver‚ Hamm, Norddinker, Bönen, Kamen, Münster und Arnsberg.

Die Bürgerinitiativen (BI’s) machten am Anfang ihrer Arbeit Informationsstände, Flugblätter, Leserbriefe für die Presse usw... . Dann wurden Podiumsdiskussionen und Informationsveranstaltungen organisiert, zu denen teilweise bis zu 200 Leute gekommen sind.

Auf dem viertägigen Erörterungstermin wurden die Illusionen vieler Mitglieder der BI’s‚ man könne das Atomkraftwerk durch Anrufung irgendwelcher "neutraler" Instanzen verhindem, weitgehend zerstört. Auch der Besuch von Veranstaltungen der bürgerlichen Parteien brachte nur die Erkenntnis, daß sich diese feinen Herren einen Dreck um das Wohl der Bevölkerung kümmern.

Zeltlager 1976Am 1. Mai demonstrierten die Bürgerinitiativen zusammen mit den Arbeitern der Schachtanlange Monopol bei Kamen für die Erhaltung der Arbeitsplätze und gegen das Atomkraftwerk bei Hamm. Nach der Schließung der Zeche Sachsen (1.300 Arbeitsplätze!) müssen jetzt die Bergleute der Zeche Monopol um ihre Arbeitsplätze bangen. 1973 hatte die Belegschaft von Monopol die Schließsung verhindern können. Der Stilllegungsbescnluß wurde allerdings nur mit der Auflage zurückgenommen, daß ein Kohlekraftwerk bei Kamen errichtet würde‚ Doch das Kohlekraftwerk kann nur gebaut werden wenn die VEW als zuständiges Energieversorgungsunternehmen langfristige Abnahmeverträge abschließt. Doch dazu ist die VEW nicht bereit. Offensichtlich bringt ein Atomkraftwerk der VEW mehr Gewinn ein, als ein Kohlekraftwerk.

Am 29. 5. 1976 wurde ein Volksfest mit Kundgebung in der Nähe des Kraftwerksgeländes veranstaltet. Es kamen fast 1.000 Leute. Damit wurde gezeigt, daß sich ein starker Widerstand gegen die geplanten Atomkraftwerke formiert hat.

Zeltlager 1976In der folgenden Zeit wurden Verbindungen zwischen dem Staats- und Parteiapparatund der VEW enthüllt. So wurde der Oberbürgermeister Rinsche (CDU) von Hamm offiziell "Verbindungsmann" zwischen Stadtverwaltung und VEW und bekommt dafür 5.000 DM im Jahr. Als die Bürgerinitiativen dagegen energisch protestierten, versuchte Rinsche, ein Mitglied der BI durch Androhung einer Strafanzeige zur Rücknahme der "Beleidigungen" zu zwingen.

Anfang August wurde von Mitgliedern der BI’s das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales in Düsseldorf für sieben Stunden besetzt. Zur gleichen Zeit gab es vier Informationsstände in verschiedenen Städten in der Nähe des Baugeländes. Auf diese Weise wurde gegen die Verweigerung der kostenlosen, sofortigen Herausgabe des 600-Seiten-Protokolls des Erörterungstermins protestiert.

Bei dieser Aktion wurde versucht, die einseitige Informationspolitik der Bundesregierung aufzuzeigen. Ab dem 8. August 1976 organisierten wir für sechs Wochen ein "KKW-Nein-Zeltlager" in der Nähe der VEW. Es gibt verschiedene Gründe, warum wir das gemacht haben.

Zeltlager 1976Zum Einen waren da die Gerüchte, die VEW würde noch im Sommer anfangen, zu bauen. Zum Anderen war die einheimische Bevölkerung in der Nähe des Baugeländes bei weitem nicht so informiert und mobilisiert, wie wir es uns gewünscht haben. Wir konnten davon ausgehen, daß der Großteil der Bevölkerung wohl gegen das KKW war, aber von slbst nichts gegen das KKW unternahm.

Das Zeltlager hat in den Medien ziemliches Aufsehen erregt. Zeitungen, Radio und Fernsehen berichteten über uns. Einige von uns arbeiteten bei den Bauern. Auch wurde bei den Bauern eingekauft. Da bei dem Zeltlager fast nur Jugendliche mitmachten, war die Reaktion zunächst abwartend. Wir haben bald gemerkt, daß wir zur Bevölkerung hingehen mußten. Von selbst kamen recht wenige, zumal das Zeltlager nicht an einer Hauptstraße lag. Die Aktionen, die vom Zeltlager ausgingen, waren recht vielfältig: Fackelzug, Hausbesuche, Plakate kleben, auf der Kirmes Anti-KKW-Lieder singen, Fußballspiele mit der Landjugend, Informationsveranstaltungen usw... . Da fast alle Teilnehmer des Zeltlagers studieren oder arbeiten mußten, haben wir das Zeltlager nach sechs Wochen abgebrochen.

... auch die Polizei bekommt eine Bratwurst ab.Zum Abschluß besetzten wir noch das Gelände des VEW-"Informationszentrums". Dieses kostet 2. Mio. DM und wird in wenigen Wochen eröffnet. Da die VEW uns schon immer mit ihrem Partnerschaftsgerede einlullen wollte (z. B.: "Kämpfen Sie mit uns für einen guten Reaktor"), haben wir uns ganz partnerschaftlich das Recht genommen, auf VEW-Gelände neben dem fast fertigen "lnformationszentrum" über die Gefahren der Atomenergie zu informieren. Die VEW verstand allerdings unter Partnerschaft etwas ganz anderes als die Bürgerinitiativen. Das zeigte auch das recht beachtliche Polizeiaufgebot.

Nach dieser Aktion wurde die - sowieso zweifelhafte - "Partnerschaft" von Seiten der VEW öffentlich aufgekündigt. Diese Aktion war ein Erfolg, zumal diesmal auch zurückhaltende Mitglieder der BI’s voll mitmachten. Bei der offiziellen Einweihung des "lnformationszentrums" in wenigen Wochen wird die VEW mit uns rechnen müssen.

Im Winter wird wahrscheinlich die Genehmigung für das KKW erteilt und mit dem Bau begonnen. Es gibt noch keinen gemeinsamen Plan, was als Nächstes zu tun ist. Für einige BI-Mitglieder ist es wichtiger, sich für einen eingetragenen Verein, eine Satzung oder die Gemeinnützigkeit des Vereins einzusetzen, als zu überlegen, mit welcher Stoßrichtung weitergekämpft werden soll. Trotz alledem: Das KKW wird nicht gebaut!

Bei einer gut vorbereiteten Aktion darf ein detailliertes Infoblatt mit Handlungsempfehlungen für die TeilnehmerInnen nicht fehlen!Bei einer gut vorbereiteten Aktion darf ein detailliertes Infoblatt mit Handlungsempfehlungen für die TeilnehmerInnen nicht fehlen!Nachwort

Das geplante zweite Atomkraftwerk neben dem damals im Bau befindlichen Thorium-Hochtemperatur-Reaktor (THTR) in Hamm wurde später doch nicht gebaut. 1976 sagten wir zu "Kernkraftwerken" (KKW’s) noch nicht Atomkraftwerke (AKW’s). Diese Bezeichnung hat sich in der Anti-Atom-Bewegung erst später durchgesetzt.

Ich war damals in der BI Umweltschutz Hamm auch für die Öffentlichkeitsarbeit "zuständig" und belieferte nicht nur die "bürgerlichen" Zeitungen, sondern auch die damals noch recht vielfältigen linksradikalen Medien mit Presseerklärungen und Artikeln. Hunderte davon sind im Laufe der Jahrzehnte abgedruckt worden. Der oben dokumentierte Artikel gehört mit zu den Ersten und ist noch ein bischen holperig geschrieben worden. Von der Redaktion des "Arbeiterkampf" wurde er ohne Absprache mit mir an mehreren Stellen "verbalradikalisiert". Zum Beispiel " ... daß sich diese feinen Herren einen Dreck um das Wohl der Bevölkerung kümmern" hätte ich so plump nicht geschrieben.

Mit dem AK und dem herausgebenden "Kommunistischen Bund" (KB) hatten wir als Bürgerinitiative ohnehin in den Jahren darauf massive Probleme. Ich habe sie im Jahr 2003 in dem Artikel "Die Heimsuchung" beschrieben:

Teil 2: Bei einer gut vorbereiteten Aktion darf ein detailliertes Infoblatt mit Handlungsempfehlungen für die TeilnehmerInnen nicht fehlen!http://www.machtvonunten.de/linke-bewegung/84-die-heimsuchung.html

Ein paar Jahrzehnte später gibt es den KB nicht mehr. Der AK hat sich inzwischen vom „Arbeiterkampf“ in "Analyse & Kritik" umbenannt und sich zu einer wirklich guten, basisorientierten und linken Monatszeitung gewandelt. - Ein Lichtblick! Es lohnt sich, mal reinzuschauen:

http://www.akweb.de/

 

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