Aus: "Graswurzelrevolution" Nr. 413, November 2016

अंग

Adivasis in Indien: Poesie und Protest

Auf der zehnten Jahrestagung des Literaturforums Indien (1) im Mai 2016 in Villigst ging es nicht nur um das "Schöngeistige", mit dem Poesie oft in Verbindung gebracht wird. Bei dieser Veranstaltung waren die junge Adivasi-Dichterin Jacinta Kerketta und ihre Verlegerin Ruby Hembrom vom Verlag Adivaani zu Gast und berichteten in ihren Lesungen und Vorträgen über den Überlebenskampf und die kulturelle Unterdrückung von etwa 90 Millionen UreinwohnerInnen Indiens.

Jacinta Kerketta, Foto: Johannes LapingDie Adivasis sind seit langer Zeit durch die indische Mehrheitsgesellschaft vielfacher Diskriminierung ausgesetzt, ihr Land wird ihnen geraubt, um dort Bodenschätze abzubauen, um Staudämme zu errichten und industrielle Großprojekte anzusiedeln. Ihre naturverbundene Lebensweise wird durch die Regierung sowie die aufstrebende Mittel- und Oberschicht der Hindus als rückständig diffamiert, ihre Kultur als minderwertig und ihr Widerstand gegen Enteignungen als illegal bezeichnet. Die in unzählige Sprachen und Dialekte unterteilte mündliche Erzähltradition der Adivasis nahm das "offizielle" Indien bisher nicht zur Kenntnis. Authentische schriftliche Zeugnisse waren äußerst rar, Publikationsmöglichkeiten gab es kaum.

Erst im Jahr 2012 wurde mit Adivaani (2) der erste Adivasi-Verlag gegründet. Hier konnte Jacinta Kerketta zu Wort kommen und wird seitdem verstärkt in Indien wahrgenommen. Sie versteht es, die gesamte Bandbreite der modernen Medien (3) zu nutzen und entfaltet auf diese Weise enorme zusätzliche Wirkungspotentiale. Inzwischen treten die beiden Frauen mutig bei diversen oft männerdominierten Veranstaltungen in Universitäten und literarischen Gesellschaften auf, sorgen für Diskussionen und dafür, dass die Interessen der Adivasis vor einem neuen Publikum zur Sprache gebracht werden.

Jacinta Kerketta und Ruby Hembrom , Foto: Johannes LapingIn der Umgebung des riesigen Waldgebietes von Saranda in dem im Jahre 2000 neugegründeten Bundesstaat Jharkhand ist Jacinta aufgewachsen. Von dort handeln ihre Gedichte. Der Wald als Lebensraum und Nahrungsquelle wird von ihr zwar in seinen Vorzügen geschildert, aber in ihren Gedichten nicht zu einem idyllischen Raum poetischer Entrückung verklärt. Denn hier wird seit Jahrzehnten im Tagebau Eisenerz gefördert. Es kommt zu Sprengungen, großen Zerstörungen und Vertreibungen der Adivasis. Die unerbittliche Wucht der Eingriffe stellt sie in ihren Gedichten in berührenden Worten dar. Sie verleiht der Natur ihre Stimme, wenn das Unglück hereinbricht:

"Arglos im Schlaf

verstömt sich

der Blüten Duft.

Da schreckt sie auf, empört,

und die Poren füllen sich

mit dem Gestank von Maschinen,

in den Ohren dröhnen Explosionen."

In den Zeilen "Schritte finden keine Felder mehr. Füße haben sich daran gewöhnt, Lastwagen hinterher zu rennen" werden die unmittelbaren Folgen des zweifelhaften indischen "Entwicklungs"weges für die Adivasis benannt. Letztendlich droht mit "Lebenszeit und Herzschlag kurz geworden" noch Schlimmeres.

Indem "die gierige, durstige Zunge der immer weiter wachsenden Siedlung" den lebenswichtigen Bach teilweise austrocknet und vergiftet, wird deutlich, dass diese Taten von Menschen verursacht werden. So eine Bedrohung mobilisiert aber auch Gegenkräfte, die ein entschiedenes 'bis hier hin und nicht weiter' signalisieren. Direkt drückt das Kerketta in kunstvoll-knappen Worten aus: "Hier auf dem Boden zieh ich diese Linie. Für dich ein Teil, ein Teil für mich". Die Auswirkungen der entgegengesetzten Wege werden mit "hier gedieh die Erde, dort sah er sie verglühen" deutlich beschrieben.

Historische Aufstände

Eine wichtige Rolle in dem Gedichtband nehmen die historischen Aufstände der Adivasi ein. In Jharkhand erinnert als Gedenkstätte ein uralter Baum an den blutig niedergeschlagenen Hul-Aufstand der Santal von 1855. Der an diesem Baum erhängte Anführer Sidô ist auch heute noch als Symbol des Widerstands in ihrem Gedicht präsent:

"Der Duft vom Schweiß

seines letzten Augenblicks steigt auf

in den Adern des Waldes,

Duft des geschlagenen Aufstands

und wie die Quecksilbersäule steigt er bis heute."

Aus: Jacinta Kerketta (Facebook)Bemerkenswert ist, dass sich diese Erhebung der Santal gegen Landbesitzer, Geldverleiher und die Ostindien-Gesellschaft als Vorhut des Britischen Empire richtete. Ein Zeichen, dass die Unterdrückung nicht erst durch das 1877 offiziell installierte Kolonialregime begann, sondern zum Teil schon viel früher auf Auseinandersetzungen mit der hinduistischen Mehrheitsgesellschaft beruhte.

In ihrem Gedicht über den Munda-Ho-Aufstand von 1898 bis 1900 gegen die britische Kolonialmacht wünscht sich Kerketta für die heutige Zeit "nichts mehr als eine Handvoll Glut". Bei ihrer Aufforderung "ein neuer Aufbruch soll beginnen!" bleibt etwas unklar, wie eine Erhebung der Adivasis unter heutigen Bedingungen aussehen kann. Die erwähnten "Pfeil und Bogen", mit der ihre Mutter in den Kampf zog, können in ihrem Gedicht auch als Jagdgerät und damit als Symbole der eigenen Identität interpretiert werden.

Die innere Zerrissenheit, in der sich viele jüngere Adivasis befinden, wird deutlich, indem sie die schwierige Frage verhandelt, wie ihr Leben heute aussehen könnte: "Jetzt hast du studiert. Wo willst du hin? Gehst du wieder in die Stadt oder bleibst du im Dorf?"

Solidarität

Der Gedichtband trägt den Titel "Glut" als Sinnbild von brennender Hoffnung und als Symbol von zu erweckendem Widerstandsgeist. Im ersten und letzten Gedicht beschreibt Kerketta den Weg des mühsam im Wald gesammelten Feuerholzes vom heißen Lehmherd bis hin zum Erkalten der Asche. Die Reste der Glut werden bei den Adivasis von einem Nachbarn zum Anderen solidarisch weitergereicht und als optimistische Zukunftsvision heißt es bei ihr: "Am Ende flammt in allen Herden Feuer auf".

Jacinta Kerketta und Ruby Hembrom; Foto: Johannes LapingDie Gefahr, dass der Ofen sprichwörtlich aus und die Glut erloschen ist, sieht Kerketta zum Teil in dem "Opium des Fußballspiels" bei den Dorfjungen, die durch diese Zerstreuung ihre ureigenen Interessen und ihre Bildung aus den Augen verlieren und deswegen als Tagelöhner bei Bergbaukonzernen ein armseliges Leben fristen müssen:

"Dann bekommen sie

die Hacke in die Hand gedrückt,

und müssen ihre Träume, jemals ein

Pelé, Maradona, Neymar oder Messi

zu werden, fahren lassen,

verraten selbst ihre eigene Mutter Erde,

zerhacken ihren Leib, verdammt zu schuften."

Selbst bei unscheinbaren Alltagsbegebenheiten schafft es Kerketta, durch ihre genaue und emphatische Beobachtungsgabe die Essenz des Lebens der Adivasis in all ihren Facetten so abzubilden, dass sich bei den LeserInnen ein weitgefächerter Erkenntnisgewinn einstellt. Der Wald, die Pflanzen, die Früchte, die Tiere: "Das ist alles so reich!" und würde ein auskömmliches Leben ermöglichen. – Und ist massiv bedroht. Auch Kerkettas Verwandte wurden ermordet, weil sie sich gegen den Landraub wehrten.

Kerketta verfremdet in ihrem Gedicht "Der Bach, der Berg und der Markt" eine alltägliche Situation auf unerwartete Weise und macht damit den Kern des Problems sichtbar. Beim Einkauf auf dem Markt vermischt sie kunstvoll den poetischen und realen Raum und offenbart, wie im Leben der Adivasis die Natur zur Ware wird:

"Bruder! Ein wenig Regen, etwas feuchte Erde

eine Flasche Bach, da das Paket Berg,

und da von der Wand – einmal Natur.

Und der Regen, wieso kostet er soviel?"

"Dieses Nass ist nicht von hier.

Es kommt von einem anderen Planeten."

Da vielen Adivasis bei den Auseinandersetzungen um ihr Land Urkunden fehlen, um ihr gemeinschaftlich bewirtschaftetes Land als ihr Eigenes auszuweisen, verlieren sie ihre Selbständigkeit und werden gedemütigt: "Und jetzt bettelst du an ihrer Haustür".

Jacinta Kerketta; Foto: Johannes LapingNeben der ohnmächtigen Wut über die entwürdigenden Zustände ist in einigen Gedichten Bitterkeit zu spüren, dass die Adivasis allein durch ihre verletzbare Existenz in eine grausame Welt geworfen wurden. Doch klingt ihr "ich allein in meinem ganzen verlorenen Dasein ..." in diesem Kontext nicht wie die abstrakte Seelennot einiger westlicher schöngeistiger DichterInnen, sondern sie benennt eine reale und bekämpfbare Unterdrückung. Sie setzt der Resignation ein entschiedenes "dennoch" entgegen und formt hierbei aus der Wut als Rohstoff des Gefühls eine politische Aussage, die nicht ins Oberflächlich-bekenntnishafte abgleitet, sondern auf die Verantwortung und Möglichkeiten jedes einzelnen Menschen verweist.

Kerkettas Gedichte sind ein beeindruckendes Zeugnis der erwachenden Adivasiliteratur, von der wir sicher noch viel hören werden. In dem geschmackvoll gestalteten Band sind auf den linken Seiten die Texte in Hindi-Schrift zu lesen, rechts befindet sich die einfühlsame Übersetzung von Brigitte Komarek-Chhabra und Johannes Laping.

Literaturforum Indien im Mai 2016 in VilligstKerketta schreibt diese 41 Gedichte in Hindi, das von den meisten Adivasis in ihrer Region verstanden wird, da es auch in den Schulen gelehrt wird. Ausführliche Anmerkungen und Erläuterungen runden den sehr gelungenen Gedichtband ab. Das Buch ist allen zu empfehlen, die nicht nur mehr über den Kampf und die Lebenswirklichkeit der Adivasis erfahren, sondern hierbei auch noch anspruchsvolle Literatur aus Indien kennenlernen wollen.

Jacinta Kerketta: "Glut"Anmerkungen

1) www.literaturforum-indien.de

2) https://adivaani.org/

3) http://jacintakerketta.blogspot.de/

 

Jacinta Kerketta: Glut. Gedichte Hindi und Deutsch. Aus dem Hindi ins Deutsche übertragen und nachgedichtet von Brigitte Komarek-Chhabra und Johannes Laping. Draupadi Verlag, Heidelberg, 2016, 160 Seiten, 12 Euro, ISBN 978-3-945191-09-5

 

Anhang

In der Ausgabe 58 vom Adivasi-Rundbrief (Dezember 2016) befindet sich auf der Seite C ein interessantes Interview mit Ruby Hembrom, der Gründerin und Inhaberin des Verlages "adivaani":

http://www.adivasi-koordination.de/dokumente/Rundbriefe/AKD_rundbrief58.pdf

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