Aus: "Graswurzelrevolution" Nr. 396, Februar 2015

1914 – 1918: Deutsche Dschihad-Strategie gescheitert

"Der Erste Weltkrieg war ein multikulturelles Ereignis". - Dieser erste Satz in einem der Beiträge des Buches klingt zunächst etwas erstaunlich, trifft aber den Nagel auf den Kopf. Denn nicht nur das Osmanische Reich, sondern auch England mobilisierte in diesem Krieg "farbige" Kolonialsoldaten. In diesem Fall etwa 1,5 Millionen Inder, von denen 150.000 in Europa stationiert waren.

Der Einsatz von Kolonialsoldaten in Europa hatte erhebliche kulturelle Rückwirkungen in Deutschland. Ihre Wahrnehmung und ihre Darstellung in der Öffentlichkeit wird in diesem Buch ausführlich beschrieben und analysiert. Bis 1914 wurden farbige Menschen im Rahmen von "Völkerschauen" entwürdigend ausgestellt und in rassistischen Stereotypen beschrieben. Im Ersten Weltkrieg verwandelten sich diese "exotischen Wilden" in militärische Gegner.

Die deutschen Medien bezeichneten den Einsatz von "unzivilisierten" farbigen Truppen durch England gegen Weiße als "rassisches Kriegsverbrechen". 1915 publizierte das Auswärtige Amt ein Memorandum mit dem bezeichnenden Titel "Völkerrechtswidrige Verwendung farbiger Truppen auf dem europäischen Kriegsschauplatz durch England und Frankreich".

Das Buch zeigt aber auch, wie paralell zu dieser üblen Darstellung der Kolonialtruppen ein weiteres Kalkül der deutschen militärischen Führung hinzukam: Durch die Förderung antikolonialer Bestrebungen in Indien könnte gegen England eine weitere Front eröffnet werden.

Deserteure und gefangengenommene indische Kolonialsoldaten sollten in speziellen Lagern propagandistisch bearbeitet und anschließend in ihre Heimat zurückkehren, um Unruhen und Aufstände gegen die Briten anzuzetteln. Damit es dazu kommen konnte, mussten die deutschen Truppen zunächst ermahnt werden, verwundete Gefangene nicht mehr zu töten. Ein Offizier lies nach dieser Direktive an der Front sogar ein Schild auf Englisch mit der Aufschrift aufstellen: "Inder werden gebeten, bei Tage überzulaufen".

Etwa 60 Kilometer südlich von Berlin entfernt wurden in Zossen und in Wünsdorf Lager für asiatische und afrikanische Kolonialsoldaten errichtet. Im größeren "Halbmondlager" in Wünsdorf entstand ein spezielles "Inderlager". Hier wurde versucht, die mehr oder weniger kooperationswilligen Hindus, Sikhs und Moslems mit antikolonialer Rhetorik gegen die Briten für deutsche Kriegsziele zu gewinnen. Hierfür schuf das Deutsche Reich eine finanziell gut ausgestattete "Nachrichtenstelle für den Orient" (NfO), die dem Auswärtigen Amt unterstand und gleichzeitig mit dem Generalstab verbunden war. Ehemalige Missionare, Koran-Wissenschaftler und Professoren übernahmen dort wichtige Aufgaben.

1915: Die erste Moschee in Deutschland

Ausführlich stellen die AutorInnen des Buches die überaus komplexe Situation in dem Propagandalager dar. Zur Befriedigung der religiösen Bedürfnisse der Gefangenen erlaubte ihnen die Lagerleitung nicht nur, religiöse Feste zu feiern, sondern es wurde 1915 die erste Moschee auf deutschem Boden in Wünstorf errichtet. Große Feierlichkeiten etwa beim Fastenbrechen mit Hunderten von TeilnehmerInnen waren ein idealer Anlass, das innige Verhältnis mit dem verbündeten Osmanischen Reich propagandistisch auszuschlachten. Tausende von Kolonialpostkarten mit Moschee-Motiv sollten "beweisen", wie vorbildlich und liberal das Deutsche Reich Gefangene behandele.

In vielen Gefangenenlagern entstanden Lagerzeitungen, die von und für Gefangene in den jeweiligen Sprachen über kulturelle oder sportliche Ereignisse berichteten und somit eine Abwechslung von dem tristen Dasein darstellten.

Im Gegensatz hierzu waren die Zeitungen für hinduistische und muslimische Gefangene reine Propagandazeitungen, an denen die Gefangenen selbst kaum beteiligt waren. Sie sollten die Internierten von ihrer neuen, ihnen zugedachten Rolle als Kämpfer gegen den britischen Imperialismus überzeugen. Neben der Zeitung "Hindustan" erschien für die zahlreichen Muslime "El Dschihad". Die "Nachrichtenstelle für den Orient" betrieb in Zusammenarbeit mit deutschen Wissenschaftlern, in Berlin ansässigen indischen und arabischen Nationalisten und Politikern einen beträchtlichen Aufwand, diese Zeitungen in sechs verschiedenen Sprachen erscheinen zu lassen.

Nur 49 Dschihadisten konnten gewonnen werden

Trotz einiger Erleichterungen im Vergleich zu anderen Insassen ging es den Gefangenen im "Inderlager" nicht gut. Schwere psychische Belastungen, Tuberkulose und klimatische Unverträglichkeiten führten dazu, dass von eintausend Kombattanten im "Inderlager" ein Viertel innerhalb von drei Jahren starben. Ihre Grabsteine sind heute noch zu sehen. Obwohl die Zeitungen interessiert gelesen wurden, waren nur wenige Gefangene bereit, sich dem von deutscher Seite propagierten Jihad anzuschließen. Ganze 49 indische Muslime konnten als Jihadisten in die verbündete Türkei geschickt werden. Der große Aufwand hatte sich nicht "gelohnt".

Sehr interessant sind zwei Kapitel des Buches, in denen es um die Benutzung der gefangenen Kolonialsoldaten durch die Unterhaltungsindustrie und die Wissenschaft geht. Die Internierten mussten sich an der Herstellung von sieben Inlandpropagandafilmen beteiligen und zusätzlich für etliche kürzere klischeehafte Filminszenierungen herhalten. Dies führte auch dazu, dass viele BürgerInnen aus dem nahegelegenen Berlin mit dem Zug anreisten, um die "exotischen" Gefangenen wie im Zoo zu besichtigen.

Wissenschaftler nutzten Gefangene aus

Auch Ethnologen, Anthropologen und Rassenkundler interessierten sich für die Internierten und führten umfangreiche Körpervermessungen an den Gefangenen durch, um an Hand biologistischer Erklärungsmuster zweifelhafte "Rassendiagnosen" zu bestimmen. Einige Gefangene versuchten, diese entwürdigende Behandlung zu umgehen. In dem Buch wird an mehreren Stellen darauf hingewiesen, dass viele Wissenschaftler, die aus einer rassistischen Grundhaltung heraus die Gefangenen beforschten, später jahrzehntelang das vorherrschende Orient- und Indienbild in Deutschland mitprägten.

Etwa 30 Sprach- und Musikwissenschaftler von der "Königlich Preußischen Phonographischen Kommission" hatten das Ziel, die etwa 250 Sprachen und die traditionelle Musik der Internierten aufzunehmen und auszuwerten. Die Gefangenen mussten 2.672 Grammophon-Platten und Wachswalzen besingen und besprechen. Nur in sehr seltenen Fällen konnten die Insassen ihre eigene Sichtweise auf die Lebensumstände im Lager zum Thema machen. Sie wurden von den Wissenschaftlern reglementiert. Trotzdem werden diese Tondokumente auch heute noch als bedeutender Teil eines "kulturellen Erbes" der Menschheit angesehen und wurden bis 2005 komplett für die Lautbibliothek der Humboldt-Universität Berlin digitalisiert.

In insgesamt acht verschiedenen Beiträgen ist es den AutorInnen hervorragend gelungen, durch eine Verzahnung einer Vielzahl von methodischen Ansätzen und die Erforschung unterschiedlicher historischer Quellen ein bisher sehr vernachlässigtes Kapitel der Geschichte des Ersten Weltkrieges näher zu beleuchten.

"Soldat Ram Singh und der Kaiser. Indische Kriegsgefangene in deutschen Propagandalagern 1914 – 1918". HerausgeberInnen: Franziska Roy, Heike Liebau, Ravi Ahuja. Draupadi Verlag, Heidelberg 2014. ISBN 978-3-937603-84-1, 342 Seiten mit 27 Abbildungen, 24,80 Euro.

Informationen des Draupadi Verlags: http://www.draupadi-verlag.de/Buecher/Buchinfo_Weltkrieg.pdf

 

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