Aus: "Graswurzelrevolution", Nr. 181, Oktober 1993

Schuhplattler auf dem Vulkan

Oskar Maria Graf und die Sowjetunion

Bedingt durch die Ereignisse in der Sowjetunion und der DDR nach 1989 wurde verstärkt das Verhältnis der antifaschistischen SchriftstellerInnen zum Stalinismus und zur Sowjetunion diskutiert und teilweise neu bewertet. Nachdem Oskar Maria Grafs Buch "Reise in die Sowjetunion 1934" in seiner unvollendeten Rohfassung 1974 erstmals aufgelegt worden war, wurde es vom Luchterhand Verlag 1992 erneut herausgebracht.

Durch Zufall fiel mir zu diesem Thema die Ausgabe von "Sinn und Form" Nr. 3 (1987) aus der DDR in die Hände. Hier wurden anläßlich seines 20. Todestages Grafs Briefe an Isabella Grünberg veröffentlicht, die seine Romane "Der harte Handel", "Einer gegen alle" und "Anton Sittinger" für den Sowjetischen Staatsverlag ins Russische übersetzt hatte. Ich bekam einen Schreck, als ich seine Zeilen vom 3. 1. 1937 las:

"Als ich endlich in Ruhe dazu kam, den Entwurf der Stalinschen Verfassung zu lesen, war ich tief erschüttert. Es ist ein Dokument, das erst spätere Jahrhunderte unserer überkultivierten Welt erkennen werden. Ich bin keiner von jenen Menschen, die gleich in allzugroße und unechte Töne verfallen, wenn sie wahrhaft ergriffen werden, aber der Mann, der diese Verfassung geschaffen hat, ist unzweifelhaft eine ganz große überragende Erscheinung. (...) Was seid ihr Sowjetmenschen doch für glückliche Leute! Wirklich, man kann Euch beneiden."

Am 5. 9. 1937 fügte er hinzu: "Man fühlt sich immer mehr, immer mehr mit der Sowjetunion verbunden, weil man weiß, dort ist der richtige Weg zur Befreiung beschritten worden, weil man die glänzenden Resultate eines sozialistischen Aufbaus tagtäglich verfolgen kann – Resultate, die ein kapitalistisches Land niemals erzielen wird."

Zu allem Überfluss entdeckte ich in der prokommunistischen Wochenzeitung "die tat" vom 6. 1. 1978 folgende Aussage: "Noch gibt es das Arbeitszimmer in der New Yorker Hillside Avenue, an dessen Wänden das Bild von Lenin neben dem des bayrischen Königs Ludwig II. hängt. Eine vielleicht einmalige Kombination." Nun wunderte ich mich nicht mehr, daß sich in den achtziger Jahren eine DKP-nahe Münchener Bildungsgemeinschaft (1) seines Namens bemächtigte. Bisher hatte ich Oskar Maria Graf für einen freiheitlichen Sozialisten gehalten. Sollte ich mich so sehr getäuscht haben? Ist mir beim Lesen seiner Romane und Geschichten etwas entgangen oder hatte ich bestimmte Äußerungen von ihm einfach verdrängt? Ich begann, Graf erneut zu lesen.

Der bayrische Gorki

In dem Dörfchen Berg am Starnberger See, wo der bayrische König Ludwig II. unter mysteriösen Umständen sein Ende gefunden hatte, wurde Oskar Maria Graf 1896 geboren. Schon in frühester Kindheit mußte er in der elterlichen Bäckerei mithelfen und hart arbeiten. Als nach dem Tode des Vaters sein älterer, vom Militärdienst heimgekehrter Bruder im Hause das Sagen hatte, ihn tyrannisierte und ihm das Lesen seiner geliebten Bücher verbieten wollte, verließ er siebzehnjährig sein Dorf und ging nach München, um Schriftsteller zu werden. Dort ließ er sogleich Visitenkarten drucken, auf denen stand: "Provinzschriftsteller – Spezialität Ländliche Sachen".

Mühsam verdiente Graf mit allerlei Gelegenheitsarbeiten seinen Lebensunterhalt, denn niemand wollte seine Gedichte und Geschichten abdrucken. Erst allmählich gelang ihm der Einstieg in die Münchener Boheme-Szene. Seine ersten Gedichte wurden 1914 in Pfempferts "Aktion" veröffentlicht (2).

Oskar war ein begabter Stegreiferzähler und wurde in der Münchener Gesellschaft als bayrischer Naturbursche und Original herumgereicht. Als er im Ersten Weltkrieg zum Militär eingezogen werden sollte, täuschte er eine Geisteskrankheit vor und wurde vorübergehend in eine Anstalt eingewiesen.

Da Oskar der ländlichen Enge seines Heimatdorfes entflohen war und Militarismus und Autorität ablehnte, interessierten ihn die Ideen der Münener KünstlerInnen, LebensreformerInnen, SozialistInnen und AnarchistInnen. Er lernte Rainer Maria Rilke, Erich Mühsam, Gustav Landauer und Kurt Eisner kennen.

Graf erlebte 1919 die Münchener Räterepublik mit und versuchte sich nützlich zu machen. Es wollte ihm nicht recht gelingen. Er hatte ein schlechtes Gewissen, weiler inmitten großer Not als Schieber gute Geschäfte machte und das Geld verprasste, um danach wieder völlig blank dazustehen. "Sein tätiger Beitrag zur Revolution hielt sich in Grenzen" (3) merkt Gerhard Bauer, der Biograph Oskar Maria Grafs, recht unschmeichelhaft an.

In der Folgezeit wurde Graf in München als "Dramaturg" an einem genossenschaftlich organisierten 'Arbeitertheater' eingestellt. An der "Neuen Bühne" sollte er Manuskripte beurteilen, ob sie sich für eine Aufführung eigneten. Eines Tage kam der damals noch unbekannte Bertold Brecht zu ihm, um sich nach seinem Manuskript zu erkundigen. Graf hatte es noch nicht gelesen und holte das ungeöffnete Päckchen, blickte kurz hinein und beschied dem völlig verdutzten Brecht schon nach wenigen Sekunden: "Das können wir nicht brauchen, leider." (4) Erst dann rückte Graf mit der umwerfenden Begründung heraus, daß aus feuerpolizeilichen Gründen nicht mehr als acht SchauspielerInnen auf der Bühne spielen durften. Brecht hatte dieses Limit in seinem Stück überschritten.

In den folgenden Jahren schrieb Graf eine ganze Reihe von Geschichten und Romanen und festigte seinen Ruf als "Provinzschriftsteller". Urwüchsig und naturverbungen spielt bei ihm das einfache bayrische Volk die Hauptrolle. Graf kommt ohne komplizierte Erzähltechniken aus und lehnt modische Experimente mit literarischen Formen ab. Er erweist sich als sorgfältiger Beobachter des Dorflebens und gesellschaftlicher Ereignisse. Respektlos werden in seinen Geschichten die Autoritäten bloßgestellt: Der reaktionäre Dorflehrer landet beim Fensterln in der Jauchegrube oder der kleine Oskar kippt seine Tinte in das Weihwasserbecken des Dorfpfarrers.

Auftritte als trinkfester Provinzler in Lederhosen

Grafs Auftritte als trinkfester Provinzler in Lederhosen haben viele dazu verleitet, in ihm nur das "Urvieh aus Bayern" zu sehen. Dies war eine Täuschung. Er liebte die Maskerade. Seine hemdsärmelige bierkrugstemmende Deftigkeit war Ausdruck einer bäuerlichen Respektlosigkeit gegenüber der Welt der Intellektuellen und scheinbar Gebildeten und sollte provozieren!

1927 veröffentlichte er seinen Roman "Wir sind Gefangene" und schaffte damit international den Durchbruch. Gorki, Rolland, Einstein, Lessing und die Gebrüder Mann spendeten Beifall. Graf schrieb in diesem Buch autobiographisch über sein Leben zwischen den Jahren 1905 und 1919. Er berichtete nicht nur über die Schrecken des Ersten Weltkrieges und den mißlungenen Versuch, in Bayern die Räterepublick zu verteidigen, sondern bekannte sich zu seinen eigenen Schwächen. Denn bei aller Sympathie für die pazifistische und revolutionäre Bewegung dachte Graf oft genug nur an seine Vorteile, an sein eigenes Überleben.

In der Zeitschrift "Linkskurve", die der "Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller Deutschlands" herausgab, wurden ihm deswegen bittere Vorwürfe gemacht. Hier wird ein Metallarbeiter der Fabrik "Sichel und Hammer" aus der Nähe von Moskau zitiert: "Komische Kritik bei euch, wo so ein Buch von Oskar Maria Graf "Wir sind Gefangene" als links bezeichnet wird. Ein schöner Revolutionsheld! Der geht mit einem Liebchen Sekt saufen und läßt andere für sich kämpfen..." (5).

Graf antwortete in der "Linkskurve": "Ich war ein unentschiedener, leicht angerebellter, kopfloser Bohemetyp, weiter nichts. Eine völlig undiskutable, bürgerliche Erscheinung also. (...) Gerade weil ich das Buch in Ichform schrieb, forderte ich euch und forderte ich alle heraus, denn mir kam und kommt es immer beim Schreiben darauf an, den Menschen so darzustellen, wie er in Wirklichkeit ist, mit seinen Schwächen, seinem Dreck, seiner Verlogenheit und seinen inneren und äußeren Hemmnissen. (...) Mit Versen, mit Lobliedern und Romanen, die immer darauf hinauslaufen, daß die Genossen recht haben und gut sind, zu Unrecht unterliegen oder mit Begeisterung siegen, ist wenig getan. Tendenz hin, Tendenz her. Literatur ist: Das Wissen um alle Hintergründe der Welt vermehren". (6)

In seinen 1929 erschienenen Kalendergeschichten beschreibt er in einer bildreichen Sprache Begebenheiten, Beobachtungen und Anekdoten von reichen geizigen Bauern und von "Notschnappern". Rebellen wehren sich auf völlig unterschiedliche Weise gegen ihr Schicksal. Mit seinen enormen sozialpsychologischen Kenntnissen vermittelt er ein ungeschöntes Bild aus den ersten Jahren des Freistaates. Stoff war das Gewöhnliche und Alltägliche im Leben der kleinen Leute. Da war die Arbeit und das Sterben. Dazwischen lag das, was die Bauern und Bäuerinnen "das bißerl Leben" nannten. Besonders Originale und Sonderlinge hatten es Graf angetan. Im dörflichen Leben waren sie am meisten der sozialen Kontrolle ausgesetzt und mußten mit Sanktionen und Anfeindungen rechnen.

In vielen Romanen erweist sich Graf als sorgfältiger Chronist von Famielienschicksalen. Politische und ökonomische Umbrüche, die das ursprüngliche Leben in der Provinz verändern, werden geschickt in die Handlung eingeflochten. Minuziös registriert Graf Veränderungen, den Fremdenverkehr, Inflation und der verstärkt sich herausbildende deutsche Nationalstaat verursachen. Das Alte zerrinnt unwiederbringlich. Unaufhaltsame Ereignisse brechen in die Dörfer ein und bewirken bei den Menschen eine Abwehrhaltung. "Hm, jetzt Krieg. So mitten im Sommer, wo die meiste Arbeit ist?" (7) Provinzialität erweist sich in seinen Geschichten als Gegenkraft zum zentralistischen und nationalistischen Deutschland. "Frühersszeiten hat man das ganze Jahr nie was von der Regierung gehört! Und das ist’s auch gegangen! Jetzt kommen auf einmal lauter so neumodische Sachen auf!" (8)

"Verbrennt mich!"

Als 1933 der Faschismus die Macht an sich riß, reiste Graf gerade durch Österreich. Wie andere pollitisch engagierte SchriftstellerInnen auch, hatte er sich in den vergangenen Jahren mutig den Nazis entgegengestellt – vergeblich. Nun musste Graf von Österreich mit ansehen, wie so ziemlich alle Bücher der demokratischen und linksgerichteten SchriftstellerInnen verbrannt wurden.

Jedoch wurden mit Ausnahme seines Hauptwerkes "Wir sind Gefangene" alle seine Bücher verschont! Die Faschisten glaubten tatsächlich, Grafs Dorfgeschichten für ihre Blut- und Bodenideologie vereinnahmen zu können. Außer sich vor Wut schrieb Graf aus dem Exil seinen bekannten Brief "Verbrennt mich!": "Nach meinem ganzen Leben und nach meinem ganzen Schreiben habe ich das Recht, zu verlangen, daß meine Bücher der reinen Flamme des Scheiterhaufens überantwortet werden und nicht in die blutigen Hände und verdorbenen Hirne der braunen Mordbanden gelangen. Verbrennt die Werke deutschen Geistes! Er selber wird unauslöschlich sein wie eure Schmach!" (9) Nachdem seine Münchener Wohnung von den Nazis bereits während seiner Abwesenheit verwüstet worden war, gehörte nun auch Graf zu den "verbrannten" Schriftstellern.

1934 mußte er nach Brünn in die Tschechoslowakei fliehen, weil sich in Österreich eine ähnliche Entwicklung anbahnte wie in Deutschland. Graf setzte sich in vielen Werken mit den Entstehungsbedingungen des Faschismus auseinander. Der Roman "Anton Sittinger" schildert die Zeit zwischen 1918 und 1933 aus der Sicht eines spießigen Mittelstandsbürgers, der sich durch vorauseilenden Gehorsam rechtzeitig den jeweiligen linken, bürgerlichen oder rechten Machthabern anbiedert, um seine Privilegien zu sichern.

In seinem großartigen Dorfroman "Unruhe um einen Friedfertigen" hält sich ein zugereister Schuster jahrelang aus allen möglichen Konflikten heraus, um seine jüdische Herkunft zu verbergen und Unannehmlichkeiten zu vermeiden. Seine Anpassung und sein Verstecken helfen ihm nicht. Eine unerwartete Erbschaft lenkt die Aufmerksamkeit auf ihn. Seine wahre Identität wird entdeckt und der arme Schuster wird von den Nazis getötet. An seinem Beispiel zeigt Graf, daß Anpassung keine Lösung des Problems ist. Wer nicht zum Widerstand fähig ist. wird Opfer.

1940 erscheint mit 900 Seiten Grafs Roman "Das Leben meiner Mutter", mitdem sich der Autor am meisten identifiziert. Eingebettet in ein kulturgeschichtliches Bild des Dorfes, schildert er die harte Wirklichkeit bäuerlichen Lebens. Duldend‚ passiv und gütig im Umgang mit anderen Menschen, aber auch als rückständig und abergläubisch beschreibt er seine Mutter und zieht Parallelen zum einfachen Volk auf dem Lande.

Unter dem Eindruck der Schrecken des Zweiten Weltkrieges schreibt er seinen utopischen Roman "Die Erben des Untergangs". Nach der weitgehenden Zerstörung der Erde durch einen Atomkrieg, versucht ein Teil der überlebenden eine humane Gesellschaft aufzubauen. Die Gruppe der "Stillen" ändert nicht durch autoritäre Krisenlösungen von oben die Welt, sondern durch ihr vorbildliches gewaltfreies Handeln.

Erfahrungen im gelobten Land

In seiner vorläufigen Heimat Brünn beteiligte sich Graf energisch an den Anstrengungen, dem Faschismus auf literarischer und politischer Ebene eine demokratische Alternative entgegenzusetzen. Für ihn waren die Streitigkeiten der SPD- und KPD-Funktionärlnnen ein Greuel, denn er trat für die Einheitsfront aller Antifaschistlnnen ein. Als einziger Nichtkommunist arbeitete er als Redakteur mit Wieland Herzfelde und Anna Seghers an der Monatszeitschrift "Neue Deutsche Blätter" mit.

Nicht als "Zivilist", wie Graf seine Bedeutung in der Einleitung seines Buches "Reise in die Sowjetunion 1934" herunterspielte‚ sondern als Abgesandter dieser Zeitschrift wurde er 1934 zum ‘Unionskongreß der Sowjetschriftsteller‘ nach Moskau eingeladen. Anschließend fand noch eine mehrwöchige Rundreise bis zum Kaukasus statt.

Zunächst gab es für Graf bei seiner Ankunft ein großes Wiedersehen mit seinen antifaschistischen Schriftstellerkolleglnnen. Mit seinem Blick für die Schwächen und Vorlieben "der Abenteurer im Geist und heimlichen Spießbürger im Leben" (10), beschreibt Graf das Verhalten von Bredel‚ Olden, Becher‚ Weiskopf‚ Ehrenburg‚ Herzfelde und Scharrer. Die Eitelkeiten von Plievier und Toller werden an einigen Stellen etwas breit dargestellt. Aber es ist für die LeserInnen nicht ganz uninteressant, bei dieser Gelegenheit hinter die Kulissen des Literaturbetriebes zu blicken.

Graf erregte durch seine Kleidung (kurze Lederhosen, Janker‚ Kniestrümpfe und Hütel) viel Aufsehen, was bei seinen Ausflügen schon mal zu leichten Turbulenzen führte, weil einige Sowjetbürgerlnnen unbedingt die Festigkeit seiner bayrischen Lederhose prüfen wollten. "Und je mehr ich schrie, desto wilder wurden die Menschen um mich. Sie sprangen, tanzten, sangen und zupften an mir, als wär’ ich ein fremdes Tier. Ich schrie noch mehr. Sie schrien auch noch mehr und lachten toll durcheinander. Ich spürte einen leichten Nadelstich in meinem Hintern und zuckte ein ganz klein wenig. (...) Ein Stich, mehrere, viele Nadelstiche. Ich stampfte ärgerlich und fing bayrisch zu fluchen an. Das löste erst recht Lustigkeit aus." (11)

Graf war bei den einfachen Sowjetbürgerlnnen beliebt. Nicht zuletzt deswegen, weil er die leichtverdienten Rubel, die sowieso nur in der Sowjetunion einen Wert hatten, oft als Trinkgeld ausgab. Schon hier eckte er unkonventionelle Graf bei seinen schwerfäiligen deutschen Kolleginnen an. Sie waren knauserig und beschlossen erst nach langen Diskussionen, auch ein paar Rubel zu geben.

Noch vor Beginn des Kongresses besuchte Graf mit der Reisegruppe das Lenin-Mausoleum. Der Kult um den einbalsamierten Lenin stieß ihn ab und erinnerte ihn an den bayrischen Wallfahrtsort Altötting. "Unwillkürlich überkam mich die Vorstellung, daß sie sich im nächsten Augenblick bekreuzigen und auf die Knie sinken würden. Das ärgerte mich. (...) Lenin? Lenin!! Eine Welt für Millionen! Und herabgewürdigt zum pfäffischen Kult (...) lhn! (...) Nein‚ das ist nicht mein Lenin!" (12)

Der sowjetische "Schriftstellerkongreß" hatte die europäischen Intellektuellen stark beeinflußt, sodaß in der Folgezeit eine ganze Anzahl von Berichten über ihn geschrieben wurden. Grafs Buch gibt die dort herrschende Aufbruchstimmung sicherlich am unmittelbarsten und authentischsten wieder. Hierbei konnte Graf auf seine außergewöhnlich gute Kenntnis der russischen Klassiker und der neueren sowjetischen Literatur zurückgreifen. Er schildert, wie nach 1917 das schriftstellerische Schaffen unter der "Russischen Asoziation proletarischer Schriftsteller" (RAPP) einer "parteimäßigen Diktatur unterstellt" (13) wurde und die sowjetischen SchriftstellerInnen auf "jede psychologische Durchdringung des Individuums innerhalb der Handlung" (14) verzichten mußten. Doch nun, in der Zeit der Öffnung (1934), wollte die Sowjetunion wieder Anschluß an die Weltliteratur gewinnen. Diese in Ansätzen vollzogene Kursänderung, über die während des Kongresses immer wieder heftig diskutiert wurde, war natürlich eingebettet in die neue Volksfrontstrategie", bei der auch linksbürgerliche Kräfte in den Kampf gegen den Faschismus einbezogen werden sollten. Im literarischen Bereich wurden gewisse Spielräume zugelassen und der unmittelbare Zwang gelockert.

Nachdem sich Karl Radek in einem Vortrag negativ über James Joyce und sogar die deutsche Antikriegsliteratur geäußert hatte, bereiteten Herzfelde und Plievier eine scharfe Erwiderung vor. Nach einer "Besprechung" mit ihren Genossinnen von der KPD waren nur noch Harmlosigkelten zu hören und Graf schlußfolgerte: "Die Parteiinstanzen hatten das letzte Wort gesprochen." (15)

Geradezu begeistert war Graf von dem überwältigenden interesse des Volkes an dem Kongreß. Täglich diskutierten Arbeiterlnnen und BäuerInnen mit den Schriftstellerinnen über literarische Fragen. "Skeptiker oder wie ich sie nannte ‚Schattenseitler’ hätten dabei freilich immer noch sagen können, man habe solche Veranstaltungen von oben her befohlen, um bei uns Ausländern Eindruck zu machen. Gewiß können unablässige Propaganda und derartige Befehle viel "machen" – eins aber nicht: Eine solche besessene Interessiertheit, so ein rührend ruheloses Fragen, einen derartig natürlichen Bildungshunger aller Schichten." (16) Eine ganze Nacht diskutierte er mit einigen Arbeiterinnen über seinen Roman "Bolwieser".

Fasziniert war Graf von seiner Begegnung mit Gorki, dessen Werke er schon in frühester Jugend begeistert gelesen hatte. Trotzdem war Graf in seinem Denken unabhängig genug, um gegenüber seinem "Vorbild" Gorki den Dialekt als literarische Ausdrucksform zu verteidigen. ln einem Exkurs rechnete Graf auf bemerkenswerte Weise mit den intellektuellen seiner Generation ab, die sich seiner Meinung nach nur an der Literatur, die in ihrer Zeit gerade modern war, weiterbildeten. Er warf ihnen vor, die deutsche klassische Literatur selbstgefällig ignoriert und letztendlich der Reaktion und einigen Dilettantenvereinen überlassen zu haben.

Wer die Geschichte vom jungen Graf kennt, die/der kann die folgenden Zeilen auch als eine nachträgliche Selbstkritik an seinem Verhalten während der Münchener Bohemezeit lesen: "lhre Erzeugnisse las das breite Publikum nicht. Sie führten gleichsam ein absonderlich-abstraktes Eigenleben. Mit Schaudern erinnere ich mich der Zeiten, da die dichterischen Ergüsse und expressionistischen Holzschnitte während der Münchner Räterepublik im amtlichen Mitteilungsblatt des Zentralrates erschienen. Noch klingt mir das berechtigte Schimpfen über einen solchen Unfug in den Ohren. Es kam von den Arbeitem. Und die sagten beim Lesen oder beim Anblick solcher Kunstäußerungen: 'Ja, wir lassen uns doch nicht von Irrenhäuslern was vormachen!' Eine derartige zwiespältige Erscheinung war der deutsche Intellektuelle, der junge Literat während der Revolution. (...) Die Schriftsteller, die damals in die Arbeiterbewegung gingen, waren niemandem fremder als dem Arbeiter. (...) Das ist vielleicht eine Ursache, warum die deutsche Revolution zusammenbrach." (17)

Die Sowjetunion – das Beispiel für Millionen Verzagter?

Während seiner Rußlandreise machte sich Graf über einige übereifrige deutschsprachige Propagandistlnnen des sozialistischen Aufbaus lustig. Als sie ihm weismachen wollten, daß sowjetische Kühe gegenüber denen in seiner bayrischen Heimat besondere Vorzüge hätten, erwiederte er grob: "Solche Kühe gibt's doch auf der ganzen Welt (...) Quatsch doch nicht so einen aufgelegten Blödsinn daher." (16)

Trotzdem hatte Graf Respekt vor der Aufbauleistung des sowjetischen Volkes. "Von der muffigen Barbarei des Zarismus über die Revolution, den Bürgerkrieg bis heute" (19) hatten die Menschen einen weiten und widerspruchsvollen Weg zu gehen. Stalin war seiner Meinung nach “der Inbegriff des greifbaren Fortschrittes" (20), der hart erkämpft werden mußte. Aus diesem historischen Verständnis heraus ordnete er den Stolz der SowjetrussInnen auf ihre Errungenschaften ein: "Zuviel Not und Blut hatte sie jeder Quadratmeter Boden, jeder Ziegelstein gekostet - in (West-) Europa kosteten solche Dinge nur Geld." (21)

Graf hatte großes Verständnis für die Schwierigkeiten beim Aufbau des Landes. Er verschwieg jedoch nicht, daß er während seiner Reise immer wieder die unterschiedlichsten Entwicklungsstufen innerhalb des Sowietstaates vorfand. "In einem Sektor des Zivilisatorischen und Technischen hatte dieses Riesenland Europa oft überflügelt, im anderen Sektor wiederum wies es noch primitivste Zurückgebliebenheit auf." (22)

Als Graf nach dem Kongreß in einer kleinen Reisegruppe unter Führung von Sergej Tretjakow für sechs Wochen die Sowjetunion bereiste, beobachtete er fasziniert, wie in ländlichen Gebieten Gegenwart und Vergangenheit nebeneinander weiterexistierten: "Einige schwärzliche Heiligenbilder hingen in der Ecke und daneben Lenin." (23)

Besonders fielen ihm bei seinen Reisen verwahrloste Vagabunden‚ sogenannte ‘Besprisornis' auf, die die ausländischen Kongreßteilnehmerlnnen hemmungslos anbettelten. Graf, der sich bei ihrem Anblick an seine eigene Jugend erinnerte, gab ihnen gerne Zigaretten und Geld, während andere die heruntergekommenen Gestalten mieden. Besprisornis waren rebellisch und frech. Wurden sie in Lehr- und Erziehungsanstalten gesteckt, brachen sie oft wieder aus. Graf bewunderte einen jungen Außenseiter so sehr, daß er sich die Frage stellte, ob dieser "am Ende gar einmal mithelfen würde, den bis dahin vielleicht schon starr und unfruchtbar gewordenen Sowjetstaat zu erneuern?" (24)

lm Gegensatz zu seinen KPD-orientierten Schriftstellerkolleglnnen verdrängte er die Probleme des jungen Staates nicht, schlachtete sie allerdings auch nicht für eine bestimmte politische Linie aus. Er widerstand der Versuchung, die allgegenwärtige Bürokratie auf der rein theoretischen Ebene zu erklären und abzuhandeln. Er veranschaulichte sie an einem Beispiel aus dem alltäglichen Leben. An der umständlichen Reparatur der defekten Dusche in seinem Hotelzimmer. Anschließend kam er zu der verallgemeinernden Feststellung: "Sie waren unsicher geworden, hatten die Initiative und den richtigen Blick verloren, weil sie mit derartig verzwickten Instanzenwegen und Anordnungen niemals zurechtkamen und dadurch - teils aus Angst etwas falsch zu machen teils aus einem kindlichen Respekt vor diesem geheimnisvoll Neuen - erst recht alles komplizierten." (25)

Graf beobachtete trotz der einsetzenden gewaltigen Modernisierung bei vielen Menschen einen provinziellen Zug und verglich deswegen Georgien mit seiner Heimat. Das einfache Volk auf dem Lande hatte auch hier viele Ähnlichkeiten mit seiner duldenden, konservativen Mutter zu Hause. Obwohl ihn die riesigen Fabriken und zahlreichen Neuerungen stark beeindruckten, stellte er ungemein weitsichtig fest: "(...) aber sowas, das ändert kein Lenin, kein Stalin, kein Hitler‚ das bleibt immer gleich (...)" (26) .

Er beurteilte das politische System der Sowjetunion nicht aus dem Blickwinkel einer Ideologie, sondern läßt Erlebnisse für sich selbst sprechen. Hans-Albert Walter warf ihm 1974 im Nachwort des Buches "Reise in die Sowjetunion 1934" Theoriefeindlichkeit vor: "Bei aller Lebenserfahrung (...) hätte Graf eine größere Vertrautheit mit der Theorie sicher nicht geschadet." (27) Jedoch in dem kurz vor seiner Sowjetunionreise fertiggestellten politischen Familienroman "Der Abgrund" hatte Graf die ideologischen Grundströmungen der ArbeiterInnenbewegung kurz vor der Machtergreifung der Faschisten äußerst lebendig nachgezeichnet. Seine Darstellung war so treffend, daß SPD- wie KPD-Funktionärlnnen im Exil das Erscheinen und die Verbreitung des für sie so unbequemen Romans zu verhindern suchten.

Bereits im Ersten Weltkrieg hatte Graf schlechte Erfahrungen mit jenen Theoretikern gemacht, die zunächst gegen Krieg und Untertanengeist polemisierten, aber dann "in der Stunde der Not" zu den Waffen liefen, um das Vaterland zu verteidigen. Dieses Erlebnis machte ihn für sein Leben lang skeptisch genüber den hochtrabenden Ergüssen der Theoretikerlnnen. Er weigerte sich, seine schriftsteIlerische Arbeit in eine Zwangsjacke zu stecken.

Die im Anhang des Buches abgedruckten Briefe des sowjetischen "Reiseführers" und Schriftstellers Sergej Tretjakow an Graf zeigen, daß eine tiefe Verbundenheit zwischen beiden bestanden haben muß. Um so betrüblicher war es für Graf, als Mitte 1937 die Verbindung abriß‚ weil Tretjakow im Zuge der stalinistischen Säuberungswelle verhaftet und später umgebracht wurde.

Graf und der Stalinismus

Im Nachwort der 1992 erschienenen Ausgabe seines Reiseberichtes versucht Klaus Siblewski Grafs positive Haltung zur Sowjetunion mit den Worten zu rechtfertigen: "1935, ein Jahr nach Grais Besuch, begannen erst die Massenverhaftungen. Sein Reiseeindruck war ein anderer als der, den er durch die Nachrichten von den millionenfachen Morden später erhielt." (28)

Die eingangs zitierten Lobeshymnen in seinem Brief vom 5. 9. 1937 widersprechen diesem Rechtfertigungsversuch, denn die "Trotzkistenprozesse" fanden in der Sowjetunion im August 1936 und im Januar 1937 statt. Warum sah Graf selbst nach diesen Prozessen die Sowjetunion noch so positiv? Immerhin verkehrte er auch in anarchistischen Kreisen und erwähnte sogar 1936 in seiner Rede anläßlich des Todes von Maxim Gorki den "Aufruhr der revolutionären Kronstädter Matrosen gegen Lenin." (29)

Als tödlich bedrohter Emigrant mußte er vor den Nazis durch halb Europa fliehen. Von Wien, Brünn und New York aus organisierte er unermüdlich Hilfe für die Flüchtenden und trat oft als Redner gegen den Faschismus auf. Da die sogenannten demokratischen Staaten England und Frankreich dem faschistischen Deutschland keinen energischen Widerstand entgegensetzten, blieb aus seiner Sicht nur noch die Sowjetunion als "das Beispiel für Millionen Verzagter" (30) übrig. In dieser extremen Notsituation hoffte er auf Verbündete, die letztendlich eine ebenso gefährliche Diktatur errichtet hatten wie die deutschen Nationalsozialisten.

Die Beziehung in die Enge getriebener emigrierter Antifaschistlnnen zur KPD charakterisierte er folgendermaßen: "Die Partei war für all diese Heimatlosen der letzte Rest von Heimat, das Geborgensein in einer Genossenschaft Gleichgesinnter, die (...) noch immer irgendwie schützte." (31) Mit den wenigen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln versuchte er den Gang der Ereignisse zu beeinflussen. Die von Detlev Claussen so benannte "Gewalt der geschichtlichen Umstände" (32) ließ ihm bei der Wahl seiner Bündnispartnerlnnen keine allzugroße Auswahl. Was blieb dem parteilosen Graf anderes übrig, als sich an dem vorhandenen Widerstand zu beteiligen und im Rahmen seiner Möglichkeiten eigene Akzente zu setzen?

Nachdem Andre Gide von seinem Sowjetunionbesuch enttäuscht zurückkam‚ schrieb er 1936 seine Abrechnung "Retour de L’URSS". Kurze Zeit später antwortete Lion Feuchtwanger mit seinem Reisebericht "Moskau 1937". Hierin verteidigte er nicht nur völlig unkritisch das Gesellschaftssystem der Sowjetunion, sondern auch die "Moskauer Prozesse", die er zeitweilig als Zuschauer verfolgt hatte.

Im Gegensatz zu Feuchtwanger, der sogar die Ermordung von Dissidentlnnen hinnahm, kam es Graf in seinem Reisebericht auf die wahrheitsgetreue und ungeschminkte Wiedergabe seiner Eriebnisse an. Hier reihte er Nebensächliches und Gewichtiges kunterbunt nebeneinander und überläßt der Leserin und dem Leser die Gewichtung und Beurteilung des Geschriebenen. Er verzichtete auf den erhobenen Zeigefinger des allwissenden kommunistischen Dogmatikers und ließ Widersprüche zu.

Auch den abrupten Bruch vieler intellektueller mit der einstmals hochverehrten Sowjetunion kritisierte Graf: "Ihre bisherige Entwicklung trieb sie in die einseitigste Prinzipienreiterei, und ihr Renegatentum bekam etwas fanatisch Konvertitisches. Ihrem ganzen Gehabe und Urteilen nach nämlich blieben sie genauso rasant unduldsam wie der sturste Stalinist. Von nun an erschien und erscheint ihnen alles‚ was Kommunisten machen und erreichen, als verdächtig, verlogen und absichtlich irreführend, ganz gleichgültig, ob es richtig und menschlich oder sozial ehrlich ist!" (33)

Die Begeisterung für Stalins Sowjetunion in seinen Briefen wird durch seine differenzierten Beobachtungen in "Reise in die Sowjetunion 1934" relativiert. Es lag in der Natur der Sache, daß Graf in internen Briefen viel unmittelbarer und direkter seinen Hoffnungen und Erwartungen Ausdruck verlieh, als in seinen nach langer Vorbereitungszeit gereiften Romanen und Erzählungen.

Auch nach 1937 setzte sich Graf weiterhin für eine Volksfront gegen den Faschismus ein, aber er wurde zunehmend nachdenklicher. ln dem Reisebericht der vermutlich 1937/38 als Rohfassung vorlag‚ veränderte Graf nachträglich einige Passagen, um allzu sowietunionfreudliche Bemerkungen abzuschwächen. Trotzdem veröffentlichte Graf seinen Text nie. Lediglich in seinem bedeutenden Werk "Das Leben meiner Mutter", das er 1938 bis 1940 schrieb, ging er im Schlußkapitel auf seine Erlebnisse in Georgien ein.

Noch während seiner letzten Lebensjahre versuchte Graf seine früher geäußerte Sympathie für Stalin unter den Teppich zu kehren. Am 30. 9. 1963 schrieb er in einem Brief: "(...) obgleich ich nie Kommunist war und Stalin von Anfang an ablehnte." (34) Ein nachträgliches Zurechtbiegen der Lebensgeschichte hätte Graf eigentlich nicht nötig gehabt. Er gehörte zu den wenigen SchriftstellerInnen, die in schonungsloser Offenheit eigene Fehler oder Unzulänglichkeiten zugaben und literarisch verarbeiteten. Je mehr die Verbrechen Stalins im Laufe der Jahre aufgedeckt wurden, umso Peinlicher wurden Graf seine früheren Äußerungen.

In seinem hundertseitigen Essay "Der Moralist als Wurzel der Diktatur" aus dem Jahre 1951 bewies Graf, daß er durchaus in der Lage war, auf theoretischer Ebene Gesellschaftssysteme zu analysieren. Hier faßte er seine Kritik am Stalinismus folgendermaßen zusammen: "In ihrer Überbürokratisierung, in ihrer Tendenz durch Partei, Polizei- und Militärapparate neue privilegierte, rein opportunistische Kasten zu schaffen und vor allem durch ihre schauerlich-stupide Menschen-Ökonomie, die durch nichts zu rechtfertigen ist und in keinem Verhältnis zu den heute erreichten technischen Errungenschaften steht, entpuppt sich die stalinistische Diktatur immer mehr als ausgesprochen rückschrittlich und lebensfeindlich." (35)

Trotz seiner unmißverständlichen Kritik am Stalinismus mußte er sich während der antikommunistisch geprägten Nachkriegszeit in den USA mancherlei unberechtigte Vorwürfe gefallen lassen. Sogar der amerikanische Geheimdienst beobachtete ihn mißtrauisch. 1949 schrieb er an Thomas Mann: "Auf Grund sehr lächerlicher Denunziationen aus dem Jahre 1938 bin ich hier noch immer suspekter 'Staatenloser' und gelte überall als wilder Kommunist. Gegen solche Kindereien mag ich mich nicht einmal verteidigen." (36)

In der Nachkriegszeit besann sich Graf immer mehr auf diejenigen Ideen zurück, die ihn während seiner Jugend beeinflußten. Als Anhänger von Tolstois Pazifismus und Landauers freiem Sozialismus saß er in der Zeit des Kalten Krieges zwischen allen Stühlen. Als Graf 1958 amerikanischer Staatsbürger wurde, weigerte er sich, die im Eid enthaltene Bereitschaft zur "Landesverteidigung" zu sprechen. Auf der anderen Seite kommentierte Graf unverblümt die Glückwünsche seines alten Kameraden Wieland Herztelde anläßlich des in der DDR begangenen 70. Geburtstages von Walter Ulbricht: "(...) aber die Art wie in diesen Glückwünschen von ihm daherfabuliert wird, ist tief verlogen und ekelhaft kriecherisch (...). Mann, Wieland, haben wir deswegen gegen Hitler gestanden und dessen Verhimmelung durch seine üblen Trabanten stets gebrandmarkt, um genau dasselbe unter Ulbricht zu betreiben?!" (37)

Graf hat in der Sowjetunion zeitweise einen unterstützenswerten Gegenpol zur faschistischen Barbarei gesehen. Erst später hat er seine Haltung angesichts der stalinistischen Verbrechen geändert. Dies kann kritisiert werden. Für mich ist sein Verhalten zumindest nachvollziehbar. Immerhin erweist er sich in seinen Reiseerinnerungen als unabhängiger und wahrheitsgetreuer Beobachter. Andere Schriftstellerlnnen waren längst nicht so frei von Einseitigkeiten und Borniertheiten wie Graf.Deswegen stimme ich dem Urteil von Ludwig Marcuse zu, daß Graf "angesichts dieses rasend blöden Jahrhunderts mit einem Minimum von Dummheiten" (38) ausgekommen ist.

Anmerkungen:

(1) Marxistische Bildungsgemeinschaft Oskar Maria Graf e.V.‚ München. Programm 10/88 - 4/89

(2) Die Aktion Nr. 16, 1914: "Knaben"‚ "Mädchen"

(3) Gerhard Bauer: "Gefangenschaft und Lebenslust Oskar Maria Graf in seiner Zeit", München 1987, S. 93

(4) Oskar Maria Graf "Mein Ärger mit dem jungen Brecht" in Kultur und Gesellschaft, 1962, Nr. 7

(5) Linkskurve, 1929 Nr. 5, S. 8

(6) Linkskurve, 1930, Nr. 1, S. 18

(7) Oskar Maria Graf, "Das Leben meiner Mutter", Büchergilde Gutenberg, Frankfurt, 1982, S. 678

(8) Oskar Maria Graf, "Er nannte sich Banscho", Büchergilde Gutenberg Frankfurt/M., 1982, S. 106

(9) OskarMaria Graf, "An manchen Tagen", Büchergilde Gutenberg, Frankfurt/M., 1989, S. 16

(10) Oskar Maria Graf, "Reise in die Sowjetunion" 1934, Luchterhand Verlag, Hamburg, Zürich, 1992, S. 26

(11) Oskar Maria Graf, a. a. O, S. 70

(12) ebd., S. 36

(13) ebd., S. 48

(14) ebd.‚ S. 49

(15) ebd., S. 43

(16) ebd., S. 55

(17) ebd., S. 87

(18) ebd., S. 68

(19) ebd., S. 81

(20) ebd., S. 81

(21) ebd., S. 104

(22) ebd., S. 113

(23) ebd., S. 108

(24) ebd., S. 76

(25) ebd., S. 82

(26) ebd., S. 107

(27) Oskar Maria Graf, "Reise in die Sowjetunion 1934" Darmstadt 1974, S. 214

(28) Oskar Maria Graf. "Reise in die Sowjetunion" 1934, Luchterhand Verlag, Hamburg, Zürich, 1992, S. 222

(29) Oskar Maria Graf, "An manchen Tagen", S. 144

(30) Titel der Ansprache, die Graf auf einer Kundgebung in Prag gehalten hat. Abgedruckt in "Das Wort", Moskau, März 1937. Zitiert nach Helmut F. Pfanner: "Oskar Maria Graf, Eine kritische Bibliographie", Bern, Münchern 1976, S. 165

(31) Oskar Maria Graf, "Die Flucht ins Mittelmäßige", Büchergilde Gutenberg, Frankfurt, 1985, S. 25

(32) Listen, Nr. 28, 1992, S. 35

(33) Oskar Maria Graf, "Reden und Aufsätze aus dem Exil", München, 1989, S. 310

(34) Gerhard Bauer, Helmut F. Pfanner (HG), "Oskar Maria Graf in seinen Briefen" München 1984, S. 314

(35) Oskar Maria Graf, "Reden und Aufsätze aus dem Exil", München 1989, S. 318

(36) Gerhard Bauer, Helmut F. Pfanner (HG), a. a. O., S. 219

(37) ebd., S. 318

(38) ebd., S. 247. Die Überschrift "Schuhplattler auf dem Vulkan" wurde dem Artikel von Albrecht Knaus in "Welt der Literatur", 24. 11. 1966 entnommen.

Anmerkung Nr. 2:

Insgesamt habe ich fünf Artikel über Oskar Maria Graf geschrieben. Hier sind drei Weitere einzusehen:

"Oskar Maria Graf zum 100. Geburtstag" (Aus: "Naturfreunde", Nr. 4, 1994):
http://www.machtvonunten.de/literatur/153-oskar-maria-graf-zum-100-geburtstag.html

"(Nicht nur) Geschichten aus Backstube und Bauernhaus" (Aus: "Mahlzeit!", Juli 1992):

http://www.machtvonunten.de/literatur/232-nicht-nur-geschichten-aus-backstube-und-bauernhaus.html

"Der ewige Kalender" von Oskar Maria Graf. (Aus: "Unabhängige Bauernstimme", Januar 1994):
http://www.machtvonunten.de/literatur/251-der-ewige-kalender-von-oskar-maria-graf.html

 

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