Aus: "FugE-news", Forum für Umwelt und gerechte Entwicklung, Heft 1, Mai 2014

Zapatistas in Mexiko: Emanzipation und konstruktive Alternativen

Viele europäische Medien hatten im Vorfeld des 21. Dezember 2012 den Weltuntergang oder zumindest eine Katastrophe für die im uralten Maya-Kalender markierte Zeitenwende herbeiphantasiert. Doch es kam ganz anders. Die Mayas selbst meldeten sich an diesem Tag im mexikanischen Bundesland Chiapas völlig überraschend mit einer eindrucksvollen Manifestation für Land und Freiheit in der Weltöffentlichkeit zurück.

40.000 Zapatistas strömten aus den Dörfern des Lakandonischen Urwaldes in fünf Provinzstädte. Mit verhülltem Gesicht, um gesehen zu werden. Schweigend, um sich Gehör zu verschaffen. Einige Stunden später erschien das bisher kürzeste Kommuniqué in der Geschichte der zapatistischen Befreiungsbewegung: "Habt ihr das gehört? Das ist der Klang ihrer Welt, die zusammenbricht. Es ist die unsere, die wiederkehrt". Der Name der Zapatistas geht zurück auf Emiliano Zapata (1879-1919), den bekannten Führer der lange zurückliegenden mexikanischen Revolution im Süden Mexikos.

In Chiapas haben sich seit dem Aufstand im Jahre 1994 hunderttausende Menschen zusammengeschlossen, um gegen Ausbeutung, Armut, Rassismus der weißen Dominanzgesellschaft, Frauenfeindlichkeit und Umweltzerstörung zu kämpfen. Ihr Ziel: Ein selbstverwaltes Leben in Würde und Freiheit.

Seit zwanzig Jahren erkämpften sich die Zapatistas etwa 250.000 Hektar von Großgrundbesitzern und Staat geraubtes indigenes Land zurück und nutzen es seitdem für die kleinbäuerliche Selbstversorgung. Zwölf Tage nach dem zwar bewaffneten, aber schusslos erfolgten Aufstand gegen den hochkorrupten mexikanischen Staat legte die Befreiungsorganisation EZLN 1994 die Waffen ab und widmete sich seitdem dem Aufbau unabhängiger Paralellstrukturen in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Verwaltung, Rechtsprechung, Kommunikation, Produktion und einer autonomen Bank.

Organisationsform: Selbstverwaltung

Es ist ein Novum in der Geschichte, dass eine bewaffnete Befreiungsorganisation sich bewusst und freiwillig in eine zivile Bewegung umwandelt, dabei Hierachien abbaut und selbst unter prekären Bedingungen und massiver Bedrohung von Militär und bewaffneten Banden Basisdemokratie praktiziert.

Seitdem bilden mehrere Dutzend zapatistische Dörfer einen autonomen Landkreis, mehrere Kreise eine "rebellische Zone", von denen es in Chiapas fünf gibt. Dort arbeiten die fünf "Räte der Guten Regierung", die alle drei Jahre neu gewählt werden. Zapatistische Funktionsträger können jederzeit abgesetzt werden, wenn sie nicht den Willen der Bevölkerung umsetzen.

Selbst das Gesicht des bekannten "Subcomandante Marcos" bleibt durch eine verhüllende Mütze bedeckt. Seine poetischen Manifeste und Bücher begeistern weltweit Kulturinteressierte und Intelektuelle. Doch auch er meidet konsequent das Rampenlicht und gibt inzwischen nur noch alle paar Jahre öffentliche Erklärungen ab. Die innere Konsolidierung des Projektes ist ihm wichtiger, als jeden Monat in den Medien präsent zu sein.

Musikalischer Lautsprecher der zapatistischen Bewegung ist der bekannte Künstler Manu Chau. Hunderte Bands eifern ihm nach, sodass der Sound der Revolte die Aktionen und Massenmeetings der internationalen globalisierungskritischen Bewegungen seit zwei Jahrzehnten begleitet.

Der Alltag der selbstverwalteten zapatistischen Gemeinden gestaltet sich allerdings weniger spektakulär. Denn zuerst muss das Überleben der Menschen gesichert werden. Die landwirtschaftlichen Produkte aus den kleinbäuerlich geprägten Gebieten konkurrieren mit subventionierten Einfuhren der Agrarindustrie aus Nordamerika oder Nordmexiko.

Nachhaltige und kleinbäuerliche Landwirtschaft

Das kleinbäuerliches Netzwerk La Via Campesina produziert erschwingliche, umweltfreundlich hergestellte Nahrungsmittel für den lokalen Markt. Die offizielle Politik der mexikanischen Regierung stellt diese angepasste Produktionsweise als rückständig und unmodern dar, um Agrarkonzernen mit hohem Flächen-, Gift- und Energieverbrauch die Möglichkeit zu geben, Riesengewinne einzufahren. Die Ernährungssouveränität der einheimischen Bevölkerung würde damit zerstört. Es ist wichtig, dass zuerst die lokalen Bedürfnisse der Menschen befriedigt werden, bevor für den Weltmarkt produziert wird.

Als besonders gefährlich erweist sich die Regierungsförderung für den großflächigen Anbau der Ölpalm-Monokulturen. Mit diesen "grünen Wüsten" lassen sich auf Kosten der Umwelt und lokalen Bevölkerung schnelle Gewinne machen. Die biologische Vielfalt wird zerstört, die Niederschlagsmenge nimmt ab und das Klima wandelt sich. Die Bauern werden zunächst mit kostenlosen Setzlingen und Düngemitteln geködert und müssen in den nachfolgenden Jahren mit den schwankenden Weltmarktpreisen zurechtkommen. Sie haben keine gesicherten Einkünfte mehr.

Eine weitere Bedrohung stellen touristische Großprojekte dar, die in Chiapas massiv und mit viel propagandistischen Aufwand gefördert werden. Vorbild ist das berüchtigte Cancun an der Karibik, das für seine miserablen Arbeitsbedingungen, Sex-Tourismus und massive Umweltschäden bekannt ist. Bereits jetzt besuchen jährlich 3,5 Millionen Urlauber Chiapas. Mit Luxus-Herbergen, Restaurants, Supermärkten und Hubschrauberlandeplätzen inmitten des Regenwaldes soll ein angeblicher Öko- und Abenteuertourismus entstehen. Heute schon überfallen und zerstören von der Tourismusindustrie organisierte bewaffnete Banden ganze Dörfer, um Indigene zu vertreiben.

"Krieg niederer Intensität"

Mit erzwungenen Umsiedlungen versucht die mexikanische Regierung die Kleinbauern in enge Ghettos einzupferchen und ihre bisherige Lebensweise zu zerstören. Durch diese territoriale Neuordnung soll der Einfluss der zapatistischen Gemeinden eingedämmt werden.

Der münsteraner Chiapas-Experte Dr. Luz Kerkeling charakterisiert diese Entwicklung folgendermaßen: "Darüber hinaus geht der »Krieg niederer Intensität« weiter, eine Strategie aus Repression, Desinformation und Korruption, um die zapatistischen Gemeinden im Widerstand einzuschüchtern, zu spalten und Menschen aus dem Widerstand herauszukaufen. Noch immer sind Tausende Soldaten in Chiapas stationiert".

Es ist eine außerordentlich große Leistung, dass unter diesen widrigen Bedingungen über zwei Jahrzehnte hinweg die zapatistischen Parallelstrukturen aufrecht erhalten werden konnten. Besonders bemerkenswert ist, dass sich dieses emanzipatorische Projekt grundsätzlich von den westlich-karikativen "Fürsorge"-Konzepten unterscheidet, mit denen angeblich in ihrer Entwicklung Zurückgebliebene mit den Segnungen der "Zivilisation" beglückt werden sollen.

Das Vorbild

Die rund eintausend Gemeinden initiierten im August 2013 selbstbewußt die "Kleine zapatistische Schule", in der 1500 geladene Gäste aus aller Welt vor Ort von ihnen lernen konnten, wie ihre Selbstverwaltung und ihr Widerstand funktioniert. Durch ihr Beispiel sind sie ein Vorbild für viele andere Bewegungen in anderen Ländern.

Auf zwei großen "Intergalaktischen Treffen gegen Neoliberalismus und für Menschlichkeit" diskutierten die am Zapatismus orientierten Netzwerke aus insgesamt 54 Staaten miteinander und vereinbarten gegenseitige Unterstützung. Im krisengeschüttelten Mexiko fanden zusätzlich Rundreisen von zapatistischen Delegierten statt, um sich mit ähnlichen Basisbewegungen in den anderen Bundesstaaten zu verständigen und zu koordinieren. Allerdings gehen die Zapatistas auf deutliche Distanz zu angeblich revolutionären, sozialistischen oder sozialdemokratischen Parteien, die in der Vergangenheit an der Regierung die basisdemokratisch organisierten Landgemeinden bekämpft und alle geschlossenen Verträge gebrochen haben.

Die zapatistische Form der Entscheidungsfindung von unten nach oben unter Einbeziehung aller Beteiligten ist eine konsequente Absage an elitäre und autoritäre Machtstrukturen, die in Mexiko vielen Menschen das Leben schwer machen. Denn das diskursive Motto der Zapatistas lautet: "Fragend schreiten wir voran".

In der BRD gibt es zahlreiche lokale Gruppen, die Solidaritätsarbeit leisten, öfters nach Chiapas fahren und zapatistische Kooperativen ganz konkret unterstützen, indem sie ihren Kaffee "Aroma Zapatista" und andere Produkte verkaufen.

Infos:

Unterstützungsgruppe "Basta" in Münster:

http://www.gruppe-basta.de/

Zeitschrift in deutscher Sprache:

http://www.tierra-y-libertad.de/

Kaffee-Vertrieb:

https://www.aroma-zapatista.de/start

Leseempfehlung:

Luz Kerkeling: "¡RESISTENCIA! Südmexiko: Umweltzerstörung, Marginalisierung und indigener Widerstand", Unrast Verlag Münster 2013, 576 Seiten, 26,80 Euro

https://www.unrast-verlag.de/neuerscheinungen/resistencia-369-detail

Film:

"Wenn das Land zur Ware wird. Die Zerstörung der Lebensgrundlagen der indigenen Bevölkerung in Südmexiko". 71 Minuten. Produktion: Dorit Siemers und Luz Kerkeling: http://www.zwischenzeit-muenster.de/land-film.html

Anmerkung:

Die "FugE-news" erscheinen in der Regel zwei- oder dreimal im Jahr in einer Auflage von 3.000 Exemplaren und sind in Hamm und Umgebung an vielen "seriösen" Auslagestellen erhältlich. Für mich war es sehr wichtig, hier in Hamm die BürgerInnen über den Kampf und die Ziele der Zapatisten in Chiapas zu informieren.

Da zwei schöne Fotos den Text auflockern sollten, musste leider ein kleiner Abschnitt über die Vertragsbrüche der nur so genannten "sozialistischen und revolutionären" Regierungen in Mexiko gegenüber den Zapatistas gekürzt werden. Da ich diese Kehrseite der Medaille nicht so gerne unterschlage, ist diese kleine Passage an dieser Stelle natürlich zu lesen.

Wer das wirklich sehr gelungene Heft mit dem Schwerpunktthema "Flucht und Migration – Menschenwege nach Hamm – Kein Mensch ist Illegal!" (36 Seiten) einsehen will, kann es hier tun:

http://www.fuge-hamm.de/FUgE-News-2014_01.pdf

Das sehr gelungene Buch von Luz Kerkeling: "¡RESISTENCIA!" wurde ausführlich in der Monatszeitung "Graswurzelrevolution" besprochen:

http://www.graswurzel.net/387/resistencia.php

 

zurück zur Übersicht - Linke Bewegung


Seitenanfang