Aus: "Westfälischer Anzeiger" (WA) vom 25. März 1987

Verwilderung und Verrohung der Sprache

Die von Dr. Friedhelm Kieserling genannte Demonstration gegen den THTR war zum einen nicht die Erste, zum anderen fand sie nicht am 17. 9. 1984, sondern 1983 statt. Auch sonst ist in der Darstellung dieses Doktors einiges durcheinandergeraten. Die Demonstration von ca. 3.000 Menschen, an der ich damals auch teilgenommen habe, lief friedlich ab.

Offensichtlich hat Dr. Kieserling ein großes Interesse daran, eine kleine Gruppe von 50 bis 100 "Autonomen" dreieinhalb Jahre später in das Zentrum der Diskussion zu rücken, um von den Störfällen des THTR abzulenken.

Er behauptet: "Obwohl die sogenannten friedlichen Alternativen weit in der Überzahl waren und obwohl ihre Einsatzleitung über Megaphone verfügte, gab es keinen Versuch der Alternativen, diese militanten Chaoten zurückzuhalten und zu isolieren" (WA vom 18. 3. 1987).

Die Wahrheit stand am 19. 9. 1983 im WA: "Eine kleine Gruppe von Vermummten schien zur handfesten Eskalation bereit. Doch der besagte 'schwarze Block' zog sich zurück, als Unterstützung aus der Demonstrantenmenge ausblieb. (...) Mit dem anschließenden Aufruf der Organisationsleitung, friedlich zurückzumarschieren, 'sich nicht provozieren zu lassen', endete die Kundgebung."

Da die Ereignisse von Dr. Kieserling nachweislich falsch dargestellt worden sind, können auch seine Schlußfolgerungen nicht mehr überzeugend wirken. Dabei hätte es doch so schön ins einfältige Weltbild gepaßt: "Schwarzgekleidete militant ausgerüstete Chaoten" sitzen mit Grünen und Alternativen in einem Boot und greifen natürlich völlig "erwartungsgemäß" harmlose Polizisten an.

Die Realität sieht anders aus. Bei den Demonstrationen seit Tschernobyl/Uentrop hatte die Polizei weiträumig den Kundgebungsort für Pkw abgesperrt, damit es die friedlichen Demonstranten auch richtig schwer hatten, ihr Ziel zu erreichen.

Beim letzten Sonntagsspaziergang wurden zunächst einmal von der Polizei aggressive Schäferhunde gegenüber harmlosen Sonntagsspaziergängern in Position gebracht. Anschließend wurden die Demonstranten von der Polizei aus nächster Nähe fotografiert. Und was in diesem Staat mit solchen Fotos gemacht wird, dürfte hinlänglich bekannt sein. Erst nachdem der fotografierende Polizeiwagen auch noch zwei Spaziergänger angefahren hatte, kam es zu den Steinwürfen einiger "Autonomer".

Meiner Meinung nach ist die Empörung über das Verhalten der Polizei durchaus berechtigt. Aber wir sollten es nicht nötig haben, die primitiven und moralisch verwerflichen Mittel unserer Gegner zu benutzen. Mit Steinwürfen und Ähnlichem würden wir allenfalls Gewaltphantasien und Hoffnungen einiger Ewiggestriger entsprechen, die uns am liebsten mit all den bekannten Folgen in die Terroristenecke stellen würden, damit endlich über die ungeheuerlichen Vorfälle, die im THTR geschehen, geschwiegen wird.

Noch zur Sprache des Dr. Kieserling. Er versucht eine unglaubliche Menge von Kampfbegriffen und stigmatisierenden Adjektiven in Verbindung mit den Alternativen zu bringen. In der Reihenfolge:

Gewaltakte, Alternative, militant ausgerüstete Chaoten, alternative militante Chaoten isolieren, alternative militante Störer absondern, militante Elemente, alternative militante Chaoten, Gewaltakte.

Kurz: Eine Verwilderung und Verrohung des Sprachgebrauchs, wie man sie sich schlimmer nicht vorstellen kann und die für sich spricht.

Anmerkung

Dieser Leserbrief bezieht sich auf den Leserbrief von Rechtsanwalt Dr. Friedhelm Kieserling vom 18. März 1987 im WA und zeigt deutlich, auf welche Anwürfe wir damals reagieren mussten, obwohl wir am THTR gewaltfreie Aktionen durchführten.

Rechtsanwalt Dr. Friedhelm Kieserling wurde übrigens für sein Engagement mit zahlreichen Auszeichnungen belohnt: Er ist Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande, Träger der Ehrenmedaille der Rechtsanwaltskammer für den Oberlandesgerichtsbezirk Hamm und Ehrenvorsitzender des Anwaltsvereins Hamm.

Mein Bericht über die Demonstration gegen die drohende Inbetriebnahme des THTR im Jahre 1983 ist hier einzusehen:

http://www.machtvonunten.de/atomkraft-und-oekologie/152-thtr-demo.html

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