Aus: "Westfälischer Anzeiger" (WA), 6. Juli 2016

Weltweite THTR-Renaissance dank Störfall-Vertuschung in NRW!

Ein Telefonanruf und ein allzu oberflächlicher Blick in den 95seitigen Untersuchungsbericht der damaligen NRW-Landesregierung über den THTR-Störfall von 1986 – das ist alles, was die rotgrüne Landesregierung zur Aufklärung beitragen will (1). Dabei war der THTR zwei Jahrzehnte lang der NRW-Vorzeigereaktor und energiepolitische Hoffnungsträger und hätte angesichts der neuen Erkenntnisse über eine möglicherweise absichtlich herbeigeführte Ableitung radioaktiver Stoffe im Windschatten von Tschernobyl mehr Aufmerksamkeit verdient.

Burkhard Lüer als Vertreter der Atomaufsicht aus dem Wirtschaftsministerium spricht von einer angeblich "außerordentlich geringen" und "unschädlichen" Wirkung der Radioaktivitätsabgaben des THTR, während der Untersuchungsbericht explizit aussagt, dass genau hierzu im Rahmen dieses Berichtes keine (!) Aussagen gemacht werden konnten(2)!

Ausgerechnet der umweltpolitische Sprecher der Grünen im Landtag, Hans Christian Markert, gibt sich in dieser Sitzung des Umweltausschusses dafür her, die Bemühungen um Aufklärung dieses skandalösen Störfalls als "rückwärtsgewandte Diskussion" zu bezeichnen und will sich lieber "der Zukunft zuwenden".

Also reden wir über die Zukunft: Die jahrzehntelange Förderung der Forschung und Weiterentwicklung der HTR-Linie im Forschungszentrum Jülich durch rotgrüne Bundes- und Landesregierungen mit mit Hunderten von Millionen Euro bewirkte, dass mit diesem offensiv exportierten Know how der THTR nicht endgültig beerdigt wurde, sondern innerhalb der EU, in China, Südafrika und den USA gebaut und weiterentwickelt wird! Nur wenige Kilometer von NRW entfernt ergriff vor wenigen Wochen die niederländische Regierungspartei VVD die Initiative für einen HTR-Bau in der Region Overijssel (3). In China soll nach dem bereits existierenden Versuchsreaktor in Peking im Dezember 2017 ein 200 MW HTR in Shandong fertiggestellt worden sein (4).

Das Forschungszentrum Jülich (an dem NRW beteiligt ist) unterstützte offensiv den Bau des HTR in Südafrika, der TÜV Rheinland fügte ein Qualitätszertifikat hinzu. Nachdem das teure Experiment 2009 gescheitert war, will eine chinesisch-südafrikanische Kooperation 2016 einen weiteren Versuch starten. Während die EU-weiten Forschungen weitergehen, hat ein US-amerikanisches Startup-Unternehmen 50 Millionen Dollar erhalten und wenn die Brennelementekugeln aus dem kleinen Jülicher HTR tatsächlich in die USA (und nicht nach Ahaus) gebracht werden, kann es gleich damit weiterexperimentieren.

Die von der Bundesregierung zu benennenden Berichterstatter an die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) zeichnen selbst heute noch durchweg ein völlig unkritisches und positives Bild über die HTR-Technologie aus der BRD und verstärken damit die Renaissance dieses Reaktortyps weltweit. Die deutsche THTR-Realität ist im Ausland fast unbekannt. Umso wichtiger wäre in solch einer Situation ein kritisches Statement aus NRW.

Wir sehen also: Unaufgearbeitete und vertuschte Störfälle aus der Vergangenheit haben sehr erhebliche Auswirkungen auf die Zukunft. Die rotgrüne Landesregierung will an ihre eigene unrühmliche Rolle bei der THTR-Forschungsförderung nicht erinnert werden und die ganze Angelegenheit zu den Akten legen.

Der Grüne NRW-Parlamentarier Markert will lieber über Belgische Atomkraftwerke, für die er nicht zuständig ist, reden. Dem erheblichen Ausbau der Urananreicherungsanlage (UAA) Gronau in NRW, die den belgischen Reaktoren den nuklearen Brennstoff liefert, haben die Grünen 2005 zugestimmt. Laut aktuellem rotgrünen Koalitionsvertrag soll die UAA bis 2017 (NRW-Landtagswahl) stillgelegt werden. Bisher ist allerdings nichts dergleichen in die Wege geleitet worden (5).

Anmerkung

Im Original habe ich diesen Leserbrief ohne Anmerkungen geschrieben. Hier füge ich ein paar Erklärungen und Quellen hinzu:

(1) Siehe Westfälischer Anzeiger (WA) vom 16. Juni 2016. Auf diesen Artikel bezieht sich dieser Leserbrief: https://www.wa.de/hamm/thtr-hamm-fragen-freisetzung-radioaktivitaet-bleiben-unbeantwortet-6493340.html

(2) Siehe Seite 13 in "Information zur Emission radioaktiver Aerosole aus dem THTR 300 in Hamm-Uentrop am 4. Mai 1986" (August 1986). Ein weiterer Leserbrief hierzu vom mir: http://www.machtvonunten.de/leserbriefe-von-horst-blume/293-neues-zum-stoerfall-im-thtr.html

(3) Siehe: http://overijssel.vvd.nl/nieuws/14303/voor-in-uw-agenda-informatiebijeenkomst-over-thorium-als-bron-van-schone-energie

(4) Siehe THTR-Rundbrief Nr. 146: http://www.reaktorpleite.de/57-sp-590/rundbriefe-2015/523-thtr-rundbrief-nr-146-dez-2015.html

(5) Stattdessen spricht NRW-Umweltminister Johannes Remmel davon, dass er den Vorschlag machen will, die UAA erst mittelfristig – also in 5 bis 10 Jahren – stillzulegen. Das ist nichts anderes als die Rücknahme der Stilllegungszusage für die nächsten Jahre! Siehe hier die Stellungnahme des BBU vom 15. 6. 2016 hierzu: http://www.bbu-online.de/presseerklaerungen/prmitteilungen/PR%202016/15.06.16.pdf

 

Seitenanfang