Aus: "junge Welt", 21. 12. 1994

Aufbau: Grusel-Liste von Gratulanten

AufbauDie Darstellung der Geschichte des "Aufbau" ist im Großen und Ganzen recht gut gelungen, wenn auch seine höchste Auflage vor 50 Jahren nicht – wie im Artikel genannt - 850.000, sondern 30.500 Exemplare betrug. Allerdings vermisse ich eine kritische Würdigung der gegenwärtigen Entwicklung des "Aufbau".

Aus Anlaß des 60. Geburtstages hat sich auf etlichen Seiten in Form vom Anzeigen oder Grußbotschaften ein Gruselkabinett der Herrschenden in Deutschland eingefunden: Von Generalkonsulen, Oberbürgermeistern, Botschaftern über die Konrad-Adenauer-Stiftung bis hin zu Edmund Stoiber reicht die Liste.

Die geistigen Brandstifter gratulieren den alten und inzwischen neuen Opfern, heucheln Mitgefühl und Betroffenheit. Die "Aufbau"-Leute sind auf diesen Zuspruch auch noch stolz, wohlwissend, daß ihnen ein Haufen versprengter Linker keinen ausreichenden Schutz vor Übergriffen bieten kann.

Am offensichtlichsten wird die Anpassung an die Rechtsentwicklung in der Bewertung des Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944. Da wird von den "Aufbau"-Redakteuren mehrfach bedauert, daß viele Deutsche mit diesem Datum nichts mehr anfangen können und schüchtern gerade noch der Hinweis gewagt, daß bei den Generälen das Schicksal der Juden nur eine untergeordnete Rolle spielte.

Vor 50 Jahren sprach Hanna Arendt im "Aufbau" noch eine deutlichere Sprache: "Unsere Feide, von allen Seiten umringt, haben begonnen, sich gegenseitig den Garaus zu machen".

Der "Aufbau" ist eine pluralistische Zeitschrift, in der sich gegensätzliche politische Richtungen darstellen können. Besonders wichtig sind die Bemühungen von Will Schaber, die Geschichte des Exils selbstkritisch aufzuarbeiten und mit dem Heute in Beziehung zu setzen. - Und daß Juden eine Zeitung benötigen, in der sie ihre eigenen Belange besprechen können, ist ohnehin klar.

AufbauAnmerkung der jw-Redaktion:

Sie haben recht. Auch uns erschien die Auflagenhöhe des Aufbau zu hoch. Sie war jedoch so in einem Standardwerk zum Exil, Manfred Durzak (Hg.), "Die deutsche Exilliteratur 1933-45", Stuttgart 1973, angegeben.

Anmerkung

Mein Leserbrief bezog sich auf den Artikel "Aufbau in Amerika" vom 12. 12. 1994 in "junge Welt".

Weitere sehr ausführliche Informationen sind in meinem Artikel "60 Jahre Aufbau" zu finden: http://www.machtvonunten.de/medienkritik/177-60-jahre-aufbau.html

 

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