"Info3 – Anthroposophie im Dialog", Nr. 1, 1982

Siemens, Atomkraft und Konzernwillkür

SiemensboykottJahrelang konnte in anthroposophischen Publikationen kaum Kritik an der Atomkraft gedruckt werden, da der Siemenskonzern als Förderer vieler anthroposophischer Institutionen selbst Atomkraftwerke entwickelte und baute. "Info 3" gehörte mit zu den ersten Zeitungen, in denen vorsichtig erste Kritik an Atomkraftwerken geäußert werden konnte. Hierauf bezog sich mein Leserbrief:

Meiner Meinung nach sollten wir bei unseren Überlegungen viel früher als bei den Atomkraftwerken ansetzen. Siemens ist Mitglied eines Imperiums, das schon viel Unheil angerichtet hat. Schon in "Konkret" Nr. 4, 1976 stand ein Artikel , wie menschenverachtend die Arbeiter in diesem Konzern behandelt worden sind. Gegen das Buch von F. C. Delius "Unsere Siemens-Welt", in dem diese Praktiken ebenfalls beschrieben wurden, klagte der Konzern jahrelang, um die wirtschaftliche Existenzgrundlage des herausgebenden "Rotbuch Verlages" zu zerstören. In den verschiedenen Ausgaben von "Diagnosen" kann man nachlesen, wie Siemens auch die 3. Welt mit Hilfe von Kartellen und Freundschaften zu Diktatoren ausplündert.

Ich finde es von der sicherlich gutwilligen Redaktion naiv, durch Interviews und komplizierte Artikel allein zu einer Klärung der Atomfrage bei Siemens zu kommen, weil dies letztenendes folgenlos sein wird.

DeliusDeswegen finde ich den Vorschlag von Theo Hengesbach im "Umweltmagazin" (November 1981) des Bundesverbands Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) gut, den Dialog auf eine "höhere Ebene" zu heben. Dies soll durch eine langfristig angelegte Boykottaktion der Umweltschützer gegen Siemensprodukte geschehen. Denn nicht nur Argumente sollten auf gleicher Ebene in einer Diskussion geäußert werden können, sondern die Macht darf zwischen den Diskussionspartnern nicht ein solches Gefälle aufweisen, daß die Gefahr besteht, daß die eine Seite durch die "Arroganz der Macht" von vorne herein es gar nicht nötig hat (und dies in der Regel auch nicht tut) auf die andere Seite zu hören.

Erst ein solcher Boykott würde erreichen, daß beide Seiten (Umweltschützer und Siemens) auf gleicher Ebene einen Dialog führen könnten, in dessen Folge eine begründete Aussicht für uns Umweltschützer bestehen würde, daß unsere Einwände gegen Atomkraft wirklich ernsthaft geprüft werden.

Zu der neuen Konzeption von "Info 3" möchte ich noch zum Schluß noch bemerken, daß sie sich meiner Meinung nach nicht mehr so sehr an Alternativen zu sozialen Mißständen orientiert wie dies bei der alten Konzeption der Fall war. Und das finde ich schade.

Anmerkung

SiemensboykottbildDie Zeitschrift "Info3" hat heute eine Auflage von 12.000 Exemplaren. In der ersten Zeit nach der Gründung im Jahr 1976 war sie sicherlich kleiner. "Info3" ist der sogenannten "Sozialen Dreigliederung" verpflichtet. Vorsichtig ausgedrückt also einer eher "linksliberalen" politischen Strömung innerhalb der Athroposophie.

Der Siemens-Boykott wurde erst 10 bis 20 Jahre später nach diesem Leserbrief von größeren Verbänden (z. B. IPPNW) und in größerem Ausmaß propagiert. Im Jahr 2013 ist Siemens tatsächlich aus der Atomkraft ausgestiegen, tut sich aber immer noch schwer mit der "Alternativenergie". Infos:

https://www.ippnw.de/atomenergie/artikel/de/siemens-aus-dem-atomgeschaeft-ausges.html

http://www.kritischeaktionaere.de/Archiv/Konzernkritik/Siemens/Siemens-Boykott/siemens-boykott.html

 

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