Aus: "Jazzthetik. Zeitschrift für Jazz und Anderes", Nr. 4, 1995

Zum Antisemitismus von "Nation of Islam" in den USA

Meiner Meinung nach hätte Christian Broecking als Interviewer von Eddie Harris (in Jazzthetik 2/1995) dessen antisemitischen Ausfällen nachdrücklicher widersprechen oder die Redaktion hätte in einem Nachwort Stellung nehmen müssen.

Der von Harris angeführte tatsächliche oder vermeintliche Erfolg einiger jüdischer Manager im Musikbusiness ist ein Baustein innerhalb eines immer mehr um sich greifenden Antisemitismus bei einigen Schwarzen. Nicht mehr kapitalistische Verwertungsinteressen bestimmen die Welt, Sündenböcke müssen her. Hat der Antisemitismus jemals anders funktioniert?

Die bestehende jüdische Armut in den USA wird in dem Interview unterschlagen. Ebenso, daß z.B. Al DiMeola in der TAZ vom 12. 11. 1994 negative Erfahrungen mit dem schwarzen Jazz-Management gemacht haben soll. Es ist immer problematisch, wenn Konflikte im Geschäftsleben nur nach ethnischen oder religiösen Kategorien beurteilt werden.

Die Redner der von Harris verteidigten autoritären Sekte "Nation of Islam" (NOI) verbreiten eine rassistische Raserei, daß mir die Haare zu Berge stehen: "Alle Leute sprechen über Hitler, der sechs Millionen Juden umgebracht hat. Ja, so ist's. Aber niemand fragt jemals, was sie Hitler angetan haben? (...) Sie kamen nach Deutschland, wie sie es überall machen, wohin sie kommen und sie verdrängten, sie rissen an sich, und ein Deutscher mußte in seinem eigenen Land fast zum Juden gehen, um Geld zu bekommen. Sie hatten das Gefüge der Gesellschaft untergraben. Jetzt war er ein arroganter, unbrauchbarer, teuflischer Bastard. (...) Ich sage, tötet die Blinden, tötet die Krüppel, tötet die Geisteskranken. Gottverdammt, wenn ihr mit dem Töten fertig seid, geht zu dem gottverdammten Friedhof, und tötet sie gott- verdammt noch einmal. Weil sie nicht schlimm genug starben" (Zitiert nach der deutsch-jüdischen Zeitschrift "Aufbau" aus New York vom 4. 2. 1994).

Für Harris sind dies nur "rhetorische Übertreibungen". Daß den Reden der geistigen Brandstifter Taten folgen werden, ist bekannt und schlägt sich in einem deutlichen Anstieg antisemitischer Gewaltakte in den USA im Jahre 1994 nieder.

Harris behauptet, NOI und Louis Farrakhan würden in den schwarzen Neighborhoods viel Gutes tun und die Drogenkriminalität bekämpfen. Ihre Law-and-Order-Politik, die sich ebenfalls gegen Feminismus und Homosexualität richtet, sieht folgendermaßen aus: " Geschäftsleute und Hauseigentümer bezahlen seit Jahren die Sicherheitsdienste der NOI für die Vertreibung von Dealern, und mehrere Bürgermeister haben in den letzten Jahren Farrakhan den Schlüssel ihrer Stadt überreicht, weil sich die NOI dort im Kampf gegen Drogen und Verbrechen hervorgetan hatte" (Michael Hahn und Günther Jacob in Konkret 9/94, S.40).

Die Ursachen der sozialen Probleme werden mit dieser Blockwartpolitik natürlich nicht beseitigt. Im Rahmen der Bürgerrechtsbewegung der 50er und 60er Jahre haben sich besonders viele Juden für die Rechte der Schwarzen eigesetzt. Dieses emanzipatorische Bündnis wird zur Zeit von Nation of Islam und Leuten wie Eddie Harris zu Grabe getragen.

Nachbemerkung:

Eddie Harris ist ein schwarzer Jazzmusiker. In der "Graswurzelrevolution" Nr. 198 (1995) habe ich einen sehr langen Artikel über die deutschsprachige jüdische Zeitschrift "Aufbau" in den USA geschrieben: "60 Jahre Aufbau". Dort gehe ich ausführlich auch auf NOI ein:

http://www.machtvonunten.de/medienkritik/177-60-jahre-aufbau.html

 

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