Aus: "Folk-Michel", Nr. 100, 1995

Zur Sängerin Oum Kalsum (Ägypten)

Umm KulthumSelbstverständlich ist Oum Kalsum (andere Schreibweise: Umm Kulthum) eine große Sängerin. Aber Suleman Taufiq sollte sich auch fragen, ob sie nicht zu sehr ein Instrument der Innen- und Außenpolitik des ägyptischen Staates und des Nasser-Regimes war.

Er sollte ebenfalls darüber nachdenken, ob der erwachende nationale Stolz der Araber, den Oum Kalsum in ihren Liedern artikulierte, nicht auch unannehmbare Aspekte mit sich brachte – wie jeder Nationalismus. Das sollte nach dem unermeßlichen Blutvergießen der letzten großen Welle nationalistischer Kriege nicht zuviel verlangt sein.

Wenn auch der Kampf gegen die britische Kolonialmacht in Ägypten gerechtfertigt war, so richtete sich der arabische Nationalismus anschließend gegen Israel, deren Bewohner teilweise ein paar Jahre vorher den deutschen Gaskammern entkommen waren. Daß auch der israelische Staat schlimme Ungerechtigkeiten begangen hat, berechtigt noch lange nicht Oum Kalsums Kampflied "Bei Gott, es ist Zeit, meine Waffe" anzustimmen, welches später zur ägyptischen Nationalhymne erklärt wurde.

Gabriele Braune schrieb in ihrem Buch "Die Qusida im Gesang der Umm Kultum" (1987, Verlag der Musikalienhandlung Karl Dieter Wagner, S. 35): "Nach dem Junikrieg mit Israel im Jahre 1967, der auch das Ende der glanzvollen Periode Nasirs sein sollte, sammelte Umm Kultum Gold und Geld für Ägypten. Sie soll aus dem Erlös ihrer Konzerte in Tunesien, dem Libanon, Kuweit, dem Sudan und Libyen zur Unterstützung des ägyptischen Militärs beigetragen haben und eine Summe von 1 Million und 200.000 Pfund gespendet haben".

Umm Kulthum zusammen mit Nasser Als Liebhaber von "Weltmusik" ist es mir nicht gleichgültig, in welchem politischen Zusammenhang die von mir gerne gehörten MusikerInnen agieren. Da gibt es Vieles kritisch zu hinterfragen. Ich persönlich finde es interessanter, wenn sich MusikerInnen verschiedener Länder zusammentun, um in musikalischen Fusionen das zu praktizieren, was in der Politik allzuoft nicht gewollt ist: konstruktive Zusammenarbeit und Völkerverständigung anstatt ethnozentrischer Nabelschau.

Nachbemerkung:

Der "Folk-Michel" heisst heute "Folker". Zum Thema Ägypten siehe auch unter der Rubrik "Literatur und Politik" den Artikel: "'Hausboot am Nil' in stürmischen Gewässern. Über die Schwierigkeit, in Ägypten ein 'Revolutionär' zu sein":

http://www.machtvonunten.de/literatur/82-hausboot-am-nil-in-stuermischen-gewaessern.html

 

zurück zur Übersicht - Leserbriefe


Seitenanfang


 

Aktuell sind 35 Gäste online

Afrikaans Arabic Basque Bulgarian Chinese (Simplified) Czech Danish English French Greek Hindi Indonesian Italian Japanese Korean Persian Portuguese Russian Spanish Turkish Vietnamese Yiddish