Aus: "Schwarzer Faden", Nr. 6, 1981

Eine Reise ins Reich der ländlichen Utopie

Henri Mendras‚ führender Agrarsoziologe in Frankreich, schlüpft bei seiner Reise in die Haut des "Genossen Alexis"‚ der als Abgesandter der "Volksrepublik Khoragstan" Frankreich besucht. Er will seinem Land, das zwischen Rußland, China und lndien liegt und nach 30 Jahren Unabhängigkeit vor der Wahl seiner Gesellschaftsordnung steht, von den Erfahrungen des PUR berichten. PUR, das ist das Reich der Ländlichen Utopie (Pays de l'Utopie Rustique)‚ welches sich in Frankreich in den Chevennen‚ im Massif Central‚ im Südwesten und in Teilen der Großstädte entwickelt hat.

Da Alexis 1968 schon einmal in Frankreich war‚ wird er - inzwischen wegen seiner Verdienste mit dem Kropotkinorden erster Klasse ausgezeichnet – im Jahre 2007 vom Zentralkomitee der Arbeiter- und Bauernpartei Khoragstans beauftragt, über seinen Besuch einen Bericht zu schreiben.

 

In Paris angekommen, wird er in der Folgezeit mit einer solchen Fülle von verschiedenen Eindrücken konfrontiert, daß er nur mit Schwierigkeiten herausbekommt, wie das gesellschaftliche System funktioniert. Und dies nicht ohne Grund‚ denn das Wesen des PUR ist nur unzureichend mit herkömmlichen volkswirtschaftlichen Begriffen und ideologischen Einteilungen zu kennzeichnen.

Henri Mendras' ländliche Utopie unterscheidet sich von vielen anderen dadurch, daß Staat, Geld, Polizei und Parlamente nicht kurzum für abgeschafft erklärt werden und man sich folglich mit solchen Problemen einfacherweise gar nicht mehr zu befassen hat. Indem er geschickt an heute bereits existierende alternative Ansätze anknüpft, vermeidet er solche weitumspannenden Sprünge von der Gegenwart in die Zukunft‚ die bewirken könnten, daß der Leser mit einem Anflug von Resignation sagt: Ist ja doch nur eine Utopie...

1. Die Entwicklung des PUR

Mendras' Utopie baut auf zwei Entwicklungen auf, die bereits der Vergangenneit angehören:

Viele Jugendliche sind von der Stadt aufs Land gezogen ünd haben meist kurzlebige Gemeinschaften gebildet, die aber bewiesen‚ daß anders zu leben heute noch möglich ist. Die durch Industrialisierung hervorgerufene rapide Verschlechterung der Nahrungsmittel bewirkte ein Wiederaufleben der direkten Beziehungen zwischen Konsument und Produzent und damit verbunden, eine stärkere Verbreiterung des biologischen Landbaus.

Durch eine neue Agrarpolitik (NAP) wurde diese Entwicklung unterstützt, und es kam zu einer immer größeren Produktion und Nachfrage von landwirtschaftlichen Qualitätserzeugnissen. Immer mehr Städter besuchten an den samstäglichen Einkaufstagen die Bauern, und so entstanden schnell Beziehungen zwischen Städtern und Landbewohnern. Viele Leute wollten in der Folgezeit gar nicht mehr weg vom Land und blieben dort, um als landwirtschaftliche Selbstversorger, handwerklich Tätige, Lehrer oder Arbeiter in kleinen Fabriken ihr Auskommen zu finden.

Gleichzeitig fand ein Umdenkungsprozess in der Volkswirtschaft statt: Während man früher die Produktivität durch Investitionen steigerte und trotzdem durch Rationalisierung die Arbeitslosigkeit erhöhte, legte man nun den Schwerpunkt auf den Tertiärsektor. Durch Kultur, Unterricht und Dienstleistungen werden Phantasie und die Fähigkeit, sich selbst zu versorgen und zu bestimmen "produziert". Auf den Dörfern entstand ein enges Netz von Verwandtschafts- und Nachbarschaftsbeziehungen, welches das kulturelle Leben und den gegenseitigen wirtschaftlichen Austausch in starkem Maße begünstigte.

2. Duale Gesellschaft

Das PUR entwickelte sich aber nicht überall in Frankreich, sondern hauptsächlich im Süden und Westen, wo ein Teil der ursprünglichen Bauern das Land verlassen hatte und nun die Leute aus der Stadt leben. Die landwirtschaftliche Massenproduktion und die umweltverschmutzende Großindustrie in anderen Teilen des Landes gibt es ebenfalls noch, verlieren jedoch für viele Menschen an Attraktivität.

Den zentralistischen Strukturen und Auswüchsen der industriellen Massengesellschaft sind die schärfsten Zähne gezogen worden, aber trotzdem findet ein andauernder gewitzter und phantasievoller Kampf der PUR-Bevölkerung gegen sie statt: Paradies und Hölle liegen recht nahe beieinander.

3. Bäuerliche wirtschaftsweise

Die Gemeinden und kleinen Städte des PUR bemühen sich, Großindustrie fernzuhalten und ihren Eigenbedarf selber herzustellen. Das alte Prinzip der bäuerlichen Wirtschaftsweise wurde wiederentdeckt: Der Anbau von Nahrungsmitteln zusammen mit einer handwerklichen Tätigkeit, die Geld einbringt. Der Geldumlauf ist stark eingeschränkt und die Verkaufserlöse müssen lediglich für einige Steuern, Maschinenersatzteile und kleine Wünsche verwendet werden. Die Berufsstruktur für einen typischen PUR-Bezirk mit 28.000 Menschen stellt sich Mendras folgendermaßen vor:

- 10% der Haushalte leben von "produktiver" Landwirtschaft

- 25% von handwerklicher Landwirtschaft und Selbstversorgung

- 20% sind Handwerker und Kaufleute

- 15% Arbeiter

- 30% Rentner

Ferner sind

- 20% Beamte und Angestellte verschiedener Behörden.

Schließlich sind

- 30% der Wohnsitze Zweitwohnsitze.(S. 114)

Das sind zusammen 150%, denn viele Menschen üben neben ihrem Hauptberuf noch mehrere andere Tätigkeiten aus, was ein Gleichgewicht zwischen körperlicher und geistiger Arbeit begünstigt. So ist z. B. der Ziegenzüchter eines Dorfes gleichzeitig für einige Stunden in der Woche Lehrer in dem Fach Ethnologie. Durch gute persönliche Beziehungen werden das Auto des Lehrers, der Traktor des Bauern, das Werkzeug des Handwerkers untereinander ausgeliehen und sind letzten Endes Allgemeingut.

Die handwerklichen und landwirtschaftlichen Produkte gibt man an Verwandte und Nachbarn weiter, so daß ein Dorf den Großteil der materiellen Bedürfnisse selber befriedigt. Die Produktion entzieht sich auf diese Weise den Eingriffsmöglichkeiten von Verwaltungsbehörden: Die Landwirtschaft ist keine Industrie mehr, sondern zu einer Lebensweise geworden‚ der man staatlicherseits schlecht beikommen kann.

Die Segnungen der Zivilisation werden von den PURen jedoch geschickt genutzt und nicht verworfen. Geradezu euphorisch werden die Vorzüge der Gefriertruhe gelobt, weil sie die bäuerliche Wirtschaftsweise durch diese einfache Art der Haltbarmachung von Nahrungsmitteln überhaupt erst wieder möglich gemacht hat.

4. Das gesellschaftliche Leben

Zu seinem großen Erstaunen findet der Besucher Alexis nicht diese geistige Enge und den Zwang zur Konformität innerhalb des PUR, wie es bei vielen Gesellschaften auf dem Land der Fall ist. "Wissen Sie, wir haben hier die Stadt auf dem Land", wird ihm erklärt: Bibliotheken, Schallplattensammlungen‚ Kinos und Ausstellungen befinden sich in jeder Ansiedlung und bieten Gesprächsstoff für zahlreiche Dikussionskreise.

Durch die Abwanderung vieler Lehrer aus den Städten wurde ein unglaublicher intensiver pädagogischer Aufbruch begünstigt. Die Ethnologie hat den Geschichtsunterricht ersetzt und alle Menschen versuchen, von anderen Kulturen zu lernen.

Es entwickelt sich anlehnend an die Erfahungen der Kanadier und Rumänen eine Kultur des Waldes, in der neue Lebensdisziplinen - wie der Sinn für Zeit und ästhetische Ausgewogenheit - geprobt werden.

Kinder und Jugendliche leben in eigenen Gruppen ohne Reglementierung durch die Eltern zusammen. Das vorrangige Ziel schulischer Unterweisungen besteht in der Verbindung der traditionellen Wissenschaften mit der alten, der heutigen Zeit angepassten Volkskultur‚ während die berufliche Ausbildung in Form von Praktika an Ort und Stelle erfolgt. Bei der Übermittlung von Kultur und Erfahrungen spielen die Großeltern wieder eine besondere Rolle‚ so daß die angegebenen 30% Rentner keine passive Gruppe darstellen, sondern im Grunde aus nichthauptamtlichen Pädagogen und Ausbildern besteht.

5. Die Fabrik

Etwas zu einfach macht es sich der Agrarsoziologe Mendras, wenn er das Problem der Fabriken und der Arbeiter angeht: Während im kapitalistischen Frankreich die Lohnabhängigen noch industrielle Massenware herstellen und wegen der schlechten Arbeitsbedingungen oft streiken, gibt es im PUR nur kleine, wenig automatisierte Fabriken in Selbstverwaltung. Da sie hauptsächlich Ersatzteile für Maschinen und Geräte produzieren, die von den kapitalistischen Fabriken nicht mehr hergestellt werden, müssen sie sehr flexibel sein. So werden die alternativen Fabriken zwar durch die Wechselwirkung von Angebot und Nachfrage vom kapitalistischen System beherrscht, können aber innerhalb der Fabrik ihre Produktion in solidarischer Form organisieren.

Obwohl von Mendras zugestanden wird, daß es bei dieser Produktionsweise auch mal "Krach" gibt, so überträgt er doch allzu leichtfertig die Möglichkeiten einer idealtypisch ausgeglichenen ländlichen Gesellschaft auf eine Produktionsweise, die ganz anders ist: Für seine Arbeitskraft bekommt der Arbeiter Geld. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht, und diese Einspurigkeit macht die Arbeiter abhängig und führt schnell zu Ungerechtigkeiten. Mendras versucht in seiner Utopie dem Problem beizukommen, indem er die Fabrikarbeit in erster Linie als Nebenerwerbstätigkeit sieht, und so ihre negativen Auswirkungen abmildert.

6. Die politische Gliederung

Ursprünglich war die Präfektur des Departements für die öffentlichen Einrichtungen zuständig und wegen der relativen Größe des Gebietes schwerfällig. Deshalb haben die PURen die Machtbefugnisse der zentralen Präfektur abgebaut und an seiner Stelle den für eine kleinere räumliche Einheit zuständigen Verwaltungsknotenpunkt gesetzt. Die in ihm vertretenen Gemeinden fällen die Entscheidungen und werden durch jährliche Vollversammlungen, denen eine längere Diskussionsphase vorgeschaltet ist‚ kontrolliert. Orte, die mit ihrem Verwaltungsknotenpunkt unzufrieden sind, haben die Möglichkeit, sich einem anderen anzuschließen.

Vereine von Benutzern der Bibliotheken, Schulen, Krankenhäuser usw. treten an die Stelle von Verwaltungen und unterbreiten dem Gemeinderat oder Verwaltungsknotenpunkt ihre Finanzierungs- und sonstigen Vorschläge. Arbeiten die Vereine nicht verantwortungsbewußt, werden sie nicht anerkannt.

7. Ist eine beschauliche Entwicklung möglich?

In Mendras' Utopie läßt sich auskömmlich leben, obwohl Staat und Geld (vorläufig) nicht abgeschafft, sondern nur in ihre Schranken verwiesen worden sind. Dies ist eine realistische Annahme. Was ist aber mit so lebensbedrohlichen Dingen wie Atomkraftwerken oder Gefängnissen? Würde der unbedingt notwendige Kampf hiergegen die im Großen und Ganzen friedlich-beschauliche Entwicklung zu seiner Utopie nicht gefährden?

Vielleicht ist es von einer Utopie zuviel verlangt, daß sie auch darauf noch eine Antwort haben soll, besteht doch ihre tiefe Kraft darin, die Initiative der Menschen freizulegen und ihr eine Richtung zu geben. Die Gefahr, daß sich die Menschen in ihrer ländlichen Utopie zu sehr selbst genügen, sieht Mendras allerdings auch: "Ich fürchte, die Wärme, die sie im Gemeinschaftsleben erfahren, nimmt ihnen jegliche Kraft und Motivation, jegliche Fähigkeit, etwas Neues zu erfinden und zu kämpfen" (S. 175).

Henri Mendras: "Eine Reise ins Reich der ländlichen Utopie", 180 Seiten, 19 DM, Verlag Wolfgang Mersch, Freiburg, 1980.

Anmerkung:

Auszug aus dem Klappentext des Buches: "Henri Mendras, führender Agrarsoziologe in Frankreich, ist Forschungsdirektor am Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS) und verantwortlich für die Forschungsgruppe Agrarsoziologie des CNRS an der Uni Nanterre. Gleichzeitig unterrichtet er Soziologie an der Ecole des Siences Politiques in Paris. Seine richtungsweisenden Arbeiten über französische und andere europäische Bauerngesellschaften harren zumeist noch der Entdeckung im europäischen Sprachraum."

Weitere Informationen auf Französisch über Henri Mendras (1927 – 2003):

http://fr.wikipedia.org/wiki/Henri_Mendras

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