Aus: "Schwarzer Faden", Nr. 15, 3/1984

Migros – Opposition am Ende?

Migros ist die größte Lebensmittel-Ladenkette der Schweiz. Trotz ihrer Monopolstellung will sie aber eine demokratische Genossenschaft sein! (vgl. Artikel in SF-Nr. 4). Aus diesen beiden Gegensätzen resultiert ihr Doppelgesicht.

Einerseits ist sie mitverantwortlich für soziale und ökologische Fehlentwicklungen, andererseits will sie "Partner" des Konsumenten sein, den sie mit billigen, aber qualitativ guten Produkten versorgt. 1980 machte sich innerhalb der Migros eine Opposition auf, all die schönen Worte der Genossenschaftsführung Wirklichkeit werden zu lassen.

M-Frühling vom Aug. 1985: Teilerfolg: "David schlägt Goliath"Dieser "M-Frühling" erhielt bei den Genossenschaftswahlen trotz massiver Behinderungen landesweit 20% der Stimmen. Nach dem vielbeachteten Erfolg arbeitete die Opposition an ihrem Ziel weiter, eine umfassende Demokratisierung der Wirtschaft und eine auf gegenseitige Hilfe beruhende Erzeuger-Verbraucher-Beziehung innerhalb der Migros durchzusetzen. Dabei blieb ihr eine herbe Enttäuschung nach der anderen nicht erspart.

Die Initiative für eine "bäuerliche, tierfreundliche und umweltgerechte Landwirtschaft" lag nach Abzug der ungültigen Genossenstimmen unter der notwendigen Zahl von 5000 Unterschriften. Die Initiative zur Einführung eines beschränkten Proporzwahlrechts wurde vom M-Frühling erst gar nicht eingereicht. Die Migros-Geschäftsführung hat durch eine Änderung der Statuten die Unterschriftensammlung drastisch erschwert, weil die jetzt notwendig gewordene Angabe der Anteilscheinnummer von den wenigsten Genossenschaftlern vor den Geschäften gegeben werden konnte.

Der seit 1980 abzutragende Schuldenberg von 90.000 Franken zwang den M-Frühling von nun an, kleine Brötchen zu backen. Die zweite eingreifende Statutenänderung, die u. a. eine Verdoppelung der für Initiativen notwendigen Unterschriftenzahl vorsah, mußte er im Herbst 1983 zähneknirschend über sich ergehen lassen. Von den 80.000 oppositionellen Genossenschaftsfamilien (20%) im Jahre 1980 sind nur noch 15. 000 (5%) übriggeblieben. Der anschließende Versuch, an der regionalen Genossenschaftswahl in Basel teilzunehmen, scheiterte ebenfalls. Durch die erschwerten Bedingungen war es unmöglich, in zwei Wochen die 1900 notwendigen Genossenschaftler-Unterschriften zusammenzubekommen.

Die "totale-Einparteien-Migros" ist Realität geworden. Der M-Frühling hat sich von Anfang an nicht nur auf migrosinterne Wahlkämpfe konzentriert, sondern stets in lebendiger Verbindung zu anderen sozialen Bewegungen (Umweltschützer, Kleinbauern) gearbeitet. Angesichts der reichlich verfahrenen Situation im Migros-Konzern könnte es der Rettungsanker sein, mit dem sich der M-Frühling mit seinen 4.500 Mitgliedern auch weiterhin über Wasser halten wird.

Nachbemerkung:

Der erste, ausführliche Artikel von mir über Migros ist in "Schwarzer Faden" Nr. 4 (1981) erschienen und ebenfalls auf dieser Homepage einsehbar:

http://www.machtvonunten.de/landwirtschaft/109-migros-genossenschaft-wie-lange-waehrt-der-fruehling.html

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