Aus: Schwarzer Faden, Nr. 11, 1983

M. K. Gandhi (Filmbesprechung)

Der Film weckt in mir zwiespältige Gefühle. Zweifellos beeindruckt er, greift auch wichtige Dinge auf und weckt vor allem Interesse in breiteren Bevölkerungskreisen, die politischen Auseinandersetzungen bisher gleichgültig und unparteilich gegenübergestanden haben.

GandhiBezeichnend und ärgerlich ist das Verhalten vom Regisseur Attenborough nach der Fertigstellung des Films. Er nahm eine Einladung zur Premiere nach Südafrika vor ausschließlich weißem Publikum an, um erst nach Protesten seine Zusage zurückzuziehen. Die positiven Auswirkungen des Films sollte man also selbst bei seinem Produzenten nicht überschätzen.

Einige Gruppen glauben in dem Film ihr politisches Streben verkörpert zu finden und registrieren ihn zufrieden als Bestätigung und Unterstützung für ihre Art, die Dinge zu sehen. Da freuen sich die Befreiungsnationalisten über den breit dargestellten antiimperialistischen Befreiungskampf, wie sie es nennen. Aktionsgruppen bemühen sich, bei Zuschauern aufkommende Betroffenheit in Widerstand gegen Raketenstationierungen umzumünzen. Nur das Letztere finde ich berechtigt und angebracht.

Die Darstellung des indischen Unabhängigkeitskampfes gegen England wurde in dem Film dermaßen in den Vordergrund gerückt, daß alle anderen Inhalte, die Gandhi mindestens genauso wichtig waren, zu kurz kamen. Er unterwarf die von ihm angestrebte Wohlfahrt für alle Menschen weder einer politischen Ideologie, noch machte er besondere religiöse oder nationale Teilaspekte der indischen Wirklichkeit zum Dreh- und Angelpunkt seines Handelns, obwohl es gerade in Indien durch religiöse und nationale Gegensätze Grund genug dafür gegeben hat, dieser Versuchung zu erliegen.

Seine große Wirkung begründet sich gerade darauf, daß er sich nicht von an der Oberfläche ausgetragenen religiösen und nationalen Konflikten beeinflussen ließ, sondern diese Erscheinungen auf die Ursachen zurückführte, welche die gewaltigen Spannungen und Unzufriedenheiten der Inder tatsächlich auslösten: Es waren die sozialen Zustände, in denen die oberen Klassen die Unteren niederdrückten und unselbstständig machten. Gandhi prangerte soziale Not nicht bloß an, wie ein Großteil seiner Zeitgenossen mit einer Vorliebe für erregendes Tun, sondern änderte schlechte Zustände durch ruhige, konstruktive Bemühungen, die leider in dem Film zu am Rande liegenden kurosen Gags eines Sonderlings verkommen.

Die ersten Anstöße für sein Wirken als sozialer Kämpfer erhielt er nicht nur aus der Bhagavadgita der Hindus; aus dem westlichen Kulturkreis beeinflußten ihn der Amerikaner Thoreau und der englische Sozialreformer John Ruskin maßgeblich.

Eine tiefe Religiosität durchdrang sein Leben und aus ihr leitete er seine Erkenntnisse und Lebensregeln ab. Grundlage seines Handelns war die Toleranz gegenüber Andersglaubenden und -denkenden. Folgerichtig kämpfte er in seiner Suche nach der Wahrheit mehr mit sich selbst, als er versucht hätte, andere zu bedrängen und zu bekehren.

Als ungeheure Schande hat Gandhi das auf religiöse Vorstellungen mitberuhende indische Kastensystem empfunden, welches die Unberührbaren aus der Gesellschaft ausstößt und sie zwingt, auf der untersten sozialen Stufe zu leben. In unzähligen Aktionen und symbolischen Handlungen hat er versucht, die Unglücklichen in alle gesellschaftlichen Prozesse einzubeziehen und ihre Selbstachtung zu heben. Obwohl dieses ureigene indische Problem Gandhi mehr beschäftigte als jedes andere – in dem Film spielte es angesichts des vielbeachteten Konfliktes zwischen der Kolonialmacht England und dem nach Selbstständigkeit strebenden Indien nur noch eine Nebenrolle. Gandhi konnte bei seiner Bemühung um die soziale Einheit seines Volkes nur einige verknöcherte Strukturen der indischen Gesellschaft aufweichen.

Angesichts der Tatsache, daß sich die breite Masse der Inder heute nicht einmal das Eintrittsgeld für diesen Film leisten kann (FR, 14. 4. 1983) ist sein Untertitel "Sein Triumph veränderte die Welt für immer!" blanker Hohn. Gandhi war nie der nationale Freiheitskämpfer, als der er gerne hingestellt wird. Zu Beginn des 2. Weltkrieges führte er selbst gegen den Willen vieler Anhänger der Unabhängigkeit Indiens eine Rekrutierungskampagne für Soldaten durch, um England militärisch gegen Deutschland zu stärken. Wer Vorteile aus der Verbindung zu England gerne annehmen würde, ohne selber den Engländern helfen zu wollen, handle unaufrichtig, lautete Gandhis eigenwillige Argumentation. An diesem Beispiel wird auch klar, daß er nicht nur der Gewaltfreie war, als der er von der Öffentlichkeit gerne gesehen worden wäre. Gandhi hat keinen Zweifel daran gelassen, daß wenn er nur die Wahl zwischen Gewaltanwendung und Feigheit habe, er sich für die Gewalt entscheiden würde.

Gandhi-Bilder, Gandhi-T-Shirts und Bücher über ihn lassen sich nach dem Film gut vermarkten. Wer diesen Menschen in seiner ganzen Tiefe und Vielfalt erfassen will, sollte lieber seine eigenen Schriften lesen. Seine Autobiographie und seine Aufsätze "Wohlfahrt für alle" werden seit vielen Jahren von einem kleineren Verlag abseits des Publicity-Rummels, aber in direktem Kontakt mit Gandhis Nachfolgern in Indien herausgegeben.

* "Eine Autobiographie". 454 Seiten. 42,- DM

* "Sarvodaya (Wohlfahrt für alle)", 215 Seiten. 18.- DM

Bezug: Hinder + Deelmann. PF 1206, 3554 Gladenbach. Homepage: http://www.hinderunddeelmann.de/

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