Indien, Südasien

"afrika süd" Zeitschrift zum südlichen Afrika. Nr. 6, Dezember 2009 / Januar 2010

Der Intimfeind

"Der Heilige hat unsere Küsten verlassen und ich hoffe instädig, für immer" schrieb der südafrikanische Premierminister Jan H. Smuts, als Gandhi 1916 nach 20 Jahren Aufenthalt in Südafrika zurück nach Indien fuhr. Warum irritierte Gandhi die Kolonisatoren so nachhaltig, warum faszinierte er manchmal sogar seine Gegner?

In der 60seitigen Einleitung zu dem Buch "Der Intimfeind" von dem politischen Psychologen und Soziologen Ashis Nandy stellt sein Übersetzer Lou Marin dar, welche Erfahrungen und geistigen Strömungen Gandhis libertären Antikolonialismus beeinflusst haben. Neben alternativen westlichen Minderheitenströmungen und den kulturellen und religiösen Traditionen Indiens gehörten seine Erfahrungen mit gewaltfreien Aktionen in Südafrika hierzu. Insbesondere der Newcastle-Marsch von 50.000 streikenden Bergarbeitern nach Transvaal wurde von Gandhi als beispielhaftes Vorbild des späteren Salzmarsches in Indien gesehen.

Schon in der Einführung des Buches wird deutlich gemacht, dass sich die bewaffneten Gegenspieler des Kolonialismus nicht außerhalb, sondern innerhalb kolonialer Bewusstseinsstrukturen bewegten, indem sie sich an männlichen, kriegerischen und fortschrittsgläubigen Verhaltensweisen und Werten orientierten. Verwiesen wird auf das Beispiel des Freiheitskämpfers und afrikanischen Theoretikers Frantz Fanon, der mit seiner Festlegung auf den bewaffneten Widerstand nicht nur Gewalttätigkeiten und Brutalisierung gegenüber den Kolonisatoren, sondern auch intern gegenüber andersdenkenden Widersachern gefördert hat.

Der 1920 gegründete West African Congress wurde zunächst ebenso vom Beispiel des Indian National Congress beeinflusst, wie beispielsweise die 1961 durchgeführte antikoloniale Kampagne in Sambia sich am zivilen Ungehorsam Gandhis orientierte. In den 60er Jahren ging der Einfluss gandhianischen Denkens in Afrika wieder zurück.

Im Gegensatz zu dem aggressiv-militaristischen, dem westlichen Imperialismus spiegelbildlich entsprechenden Hindunationalismus der "modernen" Mittel- und Oberklasse Indiens sieht Ashis Nandy im ländlichen Hinduismus eine eher komplexe, anarchische und offene Glaubensform -- eine sanftere Seite der menschlichen Kultur. Gandhis weichere, androgyne, staats- und patriachatskritische Konzeption des Antikolonialismus stand im Gegensatz zu denjenigen indischen Protestbewegungen, die mit einer starken Betonung maskuliner Werte und "harter Politik" gegen ihre als entehrend empfundene Niederlage gegenüber den Briten ankämpften.

In der zweiten Hälfte des Buches widmet sich der Verfasser exemplarisch der tragischen Figur und "gespaltenen Persönlichkeit" Rudyard Kipling (1865 -- 1936), vielen auch als Autor des Kinder- und Jugendbuches "Das Dschungelbuch" und als Literaturnobelpreisträger bekannt. Nandy diskutiert ausführlich die beiden Seiten von Kipling, der die ersten 6 Jahre seiner Kindheit (fasziniert) in Indien verbrachte, später als literarischer Verteidiger des Imperialismus am Westen angepasste Kolonisierte verachtete und gleichzeitig seine eigene Zerrissenheit als indisierter Westler betrauerte.

Ashis Nandy, Mitbegründer der "Post-Colonial Studies", hat einen anspruchsvollen, facetten- und lehrreichen Text über den Kampf zweier Intimfeinde, die beide im Rahmen des kolonialen Bewusstseins handeln, geschrieben und bereits praktizierte Alternativen zum kolonialen Wertkanon herausgearbeitet . Durch eine umfangreiche Einführung, ausführliche Anmerkungen, Glossar und Register ist er auch für Neulinge mit großem Gewinn lesbar.

Ashis Nandy: "Der Intimfeind. Verlust und Wiederaneignung der Persönlichkeit im Kolonialismus", Verlag Graswurzelrevolution, 248 Seiten, 19,80 EUR, ISBN 978-3-939045-06-9

 

Anmerkung:

In der "Graswurzelrevolution" Nr. 332 hat Wolfgang Zucht eine hervorragende und ausführliche Besprechung geschrieben:

http://www.graswurzel.net/332/nandy.shtml

 

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