Aus: "Graswurzelrevolution", Nr. 263, November 2001

Dalai Lama: Der Schein trügt!

(Buchbesprechung und eine wichtige Anmerkung)

Ja, ich gebe es zu: Als Jugendlicher habe auch ich Sven Hedins exotisch klingende Berichte über Tibet sowie Harrers Bücher über den Dalai Lama verschlungen und war einige Jahre fasziniert von den seltsamen Erzählungen über das "Dach der Welt". Ich sammelte Zeitungsartikel hierüber und Mitte der 70er Jahre entdeckte ich in einem (maoistisch orientierten) KBW-Buchladen eine Broschüre mit dem Titel "Große Veränderungen in Tibet", welches heroische Aufbau-Berichte aus chinisischer Sicht zum Besten gab.

Gut zehn Jahre später las ich 1987 in der "Sozialistischen Zeitung" (SoZ) einen kritischen Artikel über den Dalai Lama und seine Hintermänner und war irritiert. Konnte ich den Berichten über despotische und menschenunwürdige Zustände im alten Tibet Glauben schenken? Ich wußte, daß die eine Hälfte der SoZ- Herausgeber aus der stalinistischen Politsekte KPD/ML kam. Und ausgerechnet die sollten mit ihrer Ablehnung des alten "Mönchregimes" Recht haben?

In den folgenden Jahren beachtete ich die Berichte über den Dalai Lama und Tibet nur noch nebenbei und fragte mich gelegentlich, wie denn die abstrakten und oberflächlichen Bekenntnisse des Dalai Lamas für Gewaltlosigkeit und Gerechtigkeit konkret zu verstehen seien und ob der vielzitierte Vergleich mit dem radikalen Kampf Gandhis im benachbarten Indien zulässig sei. Das unkritische Hinterherlaufen hinter einem Guru und seine medienwirksamen Auftritte mit diversen Politikern deuteten in eine andere Richtung. Aber ich hatte wenig Konkretes und eindeutig belegbares in der Hand. Mit dem Buch von Colin Goldner hat sich das geändert.

Theokratische Diktatur

Der Autor führt kompetent und detailliert in die Geschichte des Buddhismus ein. Er berichtet über seine Entstehung im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung und über die Gründung der buddhistischen Klöster in Tibet ab dem 11. Jahrhundert. Etwa ein Drittel der männlichen Bevölkerung waren Mönche. Er zeigt, wie in dieser Zeit durch den Aufstieg einer speziellen Sekte und die durch sie betriebene Vereinnahmung der adeligen Großgrundbesitzer ein despotischer Priesterstaat entstand, innerhalb dessen es jahrhundertelang erbitterte Machtkämpfe zur Sicherung der Pfründe und des Rechtes auf Ausbeutung und Versklavung der armen Bevölkerungsschichten stattfanden.

Diese repressive Unterdrückung hielt bis zum Jahre 1950 an, als China Tibet besetzte. Bis Ende der 40er Jahre waren widerliche Menschenrechtsverletzungen, wie z. B. Bestrafungen durch Hände abhacken, durchaus üblich. Der Autor Goldner, der auf mehreren Reisen in Tibet, China und Indien vor Ort recherchierte, belegt eindrucksvoll und erschütternd, wie die offiziell von der exiltibetischen Regierung angegebenen 500.000 Mönche aus ihren 6.000 Klöstern heraus das Leben in Tibet bis ins Kleinste reglementierten und diktierten.

Religiöser Wahnwitz

In dem hervorragend gegliederten Buch geht Goldner in einem der zahlreichen Exkurse auch ausführlich auf die verschiedenen Strömungen und Ausformungen des tibetischen Buddhismus ein. Immer wieder kommt er auf haarsträubendes Halbwissen, Oberflächlichkeiten und offensichtliche Falschmeldungen in den Büchern der unkritischen Dalai Lama-Anhänger zu sprechen. Er legt an Hand von vielfältigen Originalzitaten den unmenschlichen Kern der buddhistischen Praxis frei.

Zwei- bis dreijährige Kinder wurden und werden ihrer Eltern beraubt, um sie als Klosternachwuchs zu rekrutieren. Der Dalai Lama hält auch heute noch Prügel und körperliche Strafen für sehr hilfreich - Hauptsache es geschieht "aus Liebe". Im Laufe der folgenden Jahrzehnte werden die Mönchsschüler durch stundenlanges tägliches rezitieren vorgegebener Texte so konditioniert und gedrillt, daß sie zum willenlosen Objekt der Autoritäten in den Klöstern verkommen. "Die vielgerühmte 'Disputation' tibetischer Mönche ist alles andere als eine diskursive Auseinandersetzung um strittige Fragen; sie besteht schlicht darin, einander in streng ritualisiertem Wettstreit mittels auswendiggelernten Zitatenmaterials zu übertrumpfen. Kritisches Denken, Fragen und Argumentieren wird gerade dadurch kategorisch unterbunden."

Goldner weist in seiner Analyse der buddhistischen Karma- und Wiedergeburtslehre nach, daß diese als Begründung dafür herhalten muß, daß Menschen heute im sozialen Elend oder mit großen Problemen leben müssen. Sie haben sich angeblich in einem ihrer früheren Leben etwas zu Schulden kommen lassen und müssen im Jetzigen dafür auf eine Art büßen, daß es einem die Sprache verschlägt. Die sadistisch-bestialischen Höllenqualen, die die buddhistischen Lamas für Sünden aller Art genüsslich androhen und detailliert ausmalen, sind meiner Meinung nach Ausdruck hochgradiger Perversionen.

In dem Kapitel "Phallokratie der Lamas" geht Goldner auf die sexuelle Ausbeutung von Mädchen und Frauen durch die Lamas ein und bezeichnet sie als "religiös zurechtdrapierte Sexualriten". Er zitiert Tantratexte, in denen der Mißbrauch von acht- oder zwölfjährigen Mädchen propagiert wird und geht auf verschiedene Skandale ein, bei denen sich Frauen an die Öffentlichkeit wandten und sich wehrten.

Heinrich Harrer und die Nazis

Die Lebensgeschichte des Dalai Lamas wird von Goldner chronologisch wiedergegeben, wobei immer wieder Korrekturen gegenüber "offiziellen" Darstellungen aus dem Umkreis des Gottkönigs notwendig wurden. Das Buch beginnt folglich in seinem Geburtsjahr 1935 und geht im Folgenden auf Absonderlichkeiten und Absurditäten bei der "Erwählung" des Dalai Lamas im Jahre 1937/38 durch einen speziellen Suchtrupp ein.

Der seit 1933 als SA-Mann agierende spätere SS-Oberscharführer Heinrich Harrer suggerierte in seinem - inzwischen verfilmten - Bestseller „Sieben Jahre in Tibet“, er habe jahrelang als Lehrer und Vertrauter des jugendlichen Dalai Lamas in Lhasa gelebt. Nach Recherchen Goldners dauerte diese Lehrtätigkeit zwar nur ein halbes Jahr, aber es ist trotzdem sehr aufschlußreich in diesem Zusammenhang auf das Wirken des überzeugten Nazis Harrer einzugehen.

Goldner weist auf zahlreiche rassistische Äußerungen in seinem bis heute weitverbreiteten Werk hin. Schon kurz nach der Machtergreifung der Nazis versuchten diverse "Wissenschaftler", Obskuranten und Runenforscher in der von Himmler ins Leben gerufenen "Forschungsstätte Ahnenerbe" in Tibet das untergegangene Atlantis zu sehen. Es gab mehrere Tibet-Expeditionen der Nazis, bei denen beispielsweise 1939 eine SS-Delegation offiziell im Potala in Lhasa empfangen wurde. Es bestanden deutsche Pläne, durch militärische Intervention in Tibet die Briten zurückzudrängen und in der Nachfolge des Rußlandfeldzuges weiter bis Zentralasien zu marschieren.

"Es wurden in den Kinos sämtliche verfügbaren Tibet-Filme gezeigt (vor allem und immer wieder die Bergsteigerfilme), es gab zahllose Ausstellungen und Veröffentlichungen zum 'Dach der Welt', die Tagespresse war voller Berichte und Photos - alles mit dem Ziel, das politische Anliegen Deutschlands in Zentralasien zu dokumentieren. Zugleich diente eine bewußte Mystifizierung der tibetischen Kultur dazu, die Menschen in Deutschland, die man dafür zu begeistern suchte, vom Kriegsalltag abzulenken. Das heutige große Interesse an Tibet hat (wenn auch mit anderen Vorzeichen) seine Wurzeln mithin in der flächendeckenden Tibet-Propaganda der Nazis."

Die alten Verbindungen scheinen auch heute noch ihre Wirkung nicht zu verfehlen, wenn der Dalai Lama mit folgenden unglaublich dummen Worten dieses Thema im Jahre 1997 im "Playboy" (!) anspricht: "Natürlich wußte ich, daß Heinrich Harrer deutscher Abstammung war - und zwar zu einer Zeit, als die Deutschen wegen des Zweiten Weltkrieges weltweit als Buhmänner dastanden. Aber wir Tibeter haben traditionsgemäß schon immer für Underdogs Partei ergriffen und meinten deshalb auch, daß die Deutschen gegen Ende der vierziger Jahre von den Alliierten genügend bestraft und gedemütigt worden waren. Wir fanden, man sollte sie in Ruhe lassen und ihnen helfen."

Verbindungen zur Aum-Sekte

Ein besonderes Kapitel des Buches ist den direkten Verbindungen des Dalai Lamas zu der buddhistischen Aum-Sekte in Japan gewidmet. 1994 hatten Mitglieder dieser Sekte in der Stadt Matsumoto das Nervengift Sarin freigesetzt und damit sieben Menschen getötet und über zweihundert Menschen bleibende Schäden zugefügt. Ein Jahr später wurden bei einem Giftgasanschlag weit über fünftausend Menschen schwerst verletzt.

Die Sekte, die auf ihren Grundstücken mit biologischen Kampfstoffen experimentierte und auf einer Farm in Australien nach Uran schürfen wollte, wurde erst durch die in diesem Buch dokumentierten Empfehlungsschreiben und Intervertionen des Dalai Lamas im Jahre 1989 in Japan als Religionsgemeinschaft anerkannt und steuerlich begünstigt. Ein spezielles Aktionsfeld dieser Sekte lag in Rußland, in der sich zahlreiche arbeitslose Spezialisten für Massenvernichtungsmittel bedenkenlos für den Aum-Führer Shoko Asahara einspannen ließen. Die Machenschaften der "mit Abstand gefährlichsten und mörderischsten Sekte der Welt" waren im nordindischen Exilort des Dalai Lamas schon 1989 bekannt. Selbst Wochen nach den Terroranschlägen ergriff der tibetische Gottkönig ausdrücklich Partei für seinen spirituellen Freund Shoko Asahara.

China und Tibet

Vorab stellt der Autor klar, dass er für die soziale Befreiung und individuelle Selbstbestimmung der Menschen in Tibet eintritt: "frei vom gewalttätigen religiösen Feudalismus der tibetischen Lamas und frei von der chinesischen Militärdiktatur." Umfassend und differenziert stellt er die völkerrechtlichen Aspekte des chinesischen Einmarsches von 1950 dar und erläutert die unterschiedliche Sichtweise der Exiltibeter und Chinas.

Er weist Ansprüche der exiltibetischen Regierung auf das "ethnographische Tibet", das heißt auf den großtibetischen Siedlungsraum einschließlich der Provinzen Amdo und Kham, zurück, da diese bereits seit 1720 mandschurischer und ab 1912 nationalchinesischer Kontrolle unterstanden. Insofern ist auch die Landkarte in "Graswurzelrevolution" Nr. 166 (1992) unrichtig, da sie diese riesigen östlichen Gebiete (2,5 Mill. qkm), die vom Dalai Lama beansprucht werden, umstandslos mit dem politischen Tibet (1,23 Mill. qkm), das zwischen 1913 und 1950 bestand, in Zusammenhang bringt. Niemand käme beispielsweise auf die Idee, Rumänien für deutsches Staatsgebiet zu erklären, nur weil dort einige Tausend Rumäniendeutsche leben.

Dem Argument der Pro-Tibet-Szene, daß die tibetischen Bevölkerung die Unterdrückung durch die Lamas nicht als allzu schlimm empfunden habe, hält Goldner entgegen: "Es spricht auch nicht von tieferer Kenntnis psycho- und soziodynamischer Prozesse, die dazu führen, daß unterdrückte, das heißt: systematisch in Angst, Abhängigkeit und Unwissenheit gehaltene Menschen ihre Unterdrückung gar nicht als solche erleben, schon allein deshalb, weil sie nichts anderes kennen."

Dass der Dalai Lama durchaus ernstgemeinte chinesische Verhandlungsangebote trotz seiner Gewaltlosigkeitrhetorik und angeblicher Dialogbereitschaft allesamt jahrzehntelang ausschlug, kann nur vordergründig erstaunen. Der Gottkönig und seine Gefolgsleute haben sich im indischen Exil so sehr auf Kosten Anderer eingerichtet, dass sie bei einer Änderung der politischen Situation ihre gespielte Märtyrerrolle und damit weltweite Spenden- und Subventionsmillionen sowie publicityträchtige Audienzen bei Staatsmännern und Religionsführern verlieren würden.

Für die 1.207.387 Menschen, die angeblich bei Invasion und Besetzung Tibets gewaltsam zu Tode gekommen sein sollen, gibt es nach Goldner keinerlei tragfähigen Beleg. "Wie die Exilregierung auf diese Zahlen kommt - in einem mittelalterlich strukturierten Land, in dem es eine erste einigermaßen verläßliche Volkszählung erst im Jahre 1978 gegeben hat und davor jede Angabe über die Gesamtpopulation auf höchst ungefähren Schätzungen basierte - bleibt unergründlich. Die angegebenen Zahlen sind durch nichts belegt, sie erscheinen nicht zuletzt gerade ihrer aufgesetzten 'Exaktheit' wegen äußerst zweifelhaft." Goldner nimmt systematisch das von der Exilregierung in die Welt gesetzte Zahlenmaterial auseinander, was angebliche Folter-KZ´s, Polit-Häftlinge usw. angeht und setzt belegbare Fakten dagegen. Die angebliche "Überflutung" Tibets mit Han-Chinesen in Tibet stellt er in den Rahmen, in den sie gehört: „Der han-chinesische Bevölkerungsanteil in der Autonomen Region Tibet liegt einschließlich militärischen Personals bei maximal 14 %; rechnet man die rund 100.000 zivilen chinesischen Siedler alleine, liegt er bei 5 %."

Dharamsala

Goldner hat sich die Zustände im nordindischen Exilort Dharamsala genauer angesehen und machte haarsträubende Entdeckungen. Die Region, die seit fast 40 Jahren weitgehend autonom vom Dalai Lama und seiner Exilregierung verwaltet wird, ist ein ökologisches Katastrophengebiet mit riesigen Müllhalden und einem biologisch toten See. Das Gerede vom Leben im Einklang mit der Natur soll die Spendenfreudigkeit alternativ angehauchter Menschen der westlichen Welt anregen. Inzwischen ist es zu sozialen Spannungen zwischen den von zahllosen internationalen Hilforganisationen bestens versorgten Tibetern und den Hindus gekommen, die in Dharamsala fast ausschließlich nur niedere Arbeiten für ihre tibetischen Herren verrichten müssen.

Gewaltfreiheit?

Nach den bis jetzt geschilderten Fakten stellt sich die Frage nach der moralischen Glaubwürdigkeit und der "Gewaltfreiheit" eines Dalai Lamas nicht mehr ernsthaft, obwohl dieser ja 1989 wie zum Hohn auch noch den Friedensnobelpreis erhalten hat. Bei der Durchsicht des Buches erleben die Leser immer wieder ungeahnte Überraschungen, wenn sie erfahren, dass der Gottkönig in seinen Jugendjahren schon ein besonderes Interesse an der Waffentechnik hatte, folglich den Besuch an Bord eines Kriegsschiffes in China in den 50er Jahren für das herausragendste Ereignis während dieser Reise hielt und mit Vorliebe in seinem Privatpark in Dharamsala mit Pistolen und Luftgewehren herumballert.

Aber abgesehen von solchen eher nebensächlichen, aber sehr bezeichnenden Anekdoten entlarvt der Autor dieses Buches die angebliche Gewaltfreiheit des tibetischen Kampfes und des Dalai Lamas als groteskes Lügengebäude: "Passagen aus seiner Autobiographie von 1962, in denen er den tibetischen Guerillakampf ausdrücklich gutgeheißen hatte, wurden in deren Neufassung von 1990 - inzwischen war er Friedensnobelpreisträger geworden - ersatzlos entfernt."

Doch noch 1990 konnte der Dalai Lama in dem "Buch der Freiheit" seine Begeisterung für militärische "Hurra-Kommandos" in Kham und Ando während der 50er Jahre, bei denen es viele Tote gab, nicht zurückhalten. Er scheute sich auch nicht, während dieser Zeit intensive Kontakte zum CIA herzustellen. Unter seinem Beifall kämpften 400 in den USA ausgebildete Soldaten von Uper Mustang (Nepal) aus bis in die 70er Jahre im Untergrund gegen die chinesischen Besatzer.

Auch die Äußerung des ehemaligen Vorsitzenden des Tibetan Youth Congress (TYC) vor dem Deutschen Bundestag im Jahre 1998 ist an Deutlichkeit nicht zu überbieten: "Wenn wir jemanden finden, der uns Stingerraketen gibt, schlagen wir los." Fast überflüssig zu erwähnen, daß der Friedensnobelpreisträger Indiens Atomtests 1998 befürwortete! Die reale Aggressivität der tibetischen Theokratie gegen die chinesischen Besatzer ist durchaus eine Spiegelung der inneren Verfaßtheit der tibetischen Exilgemeinde. Goldner dokumentiert die Rivalitäten zwischen den verschiedenen Fraktionen des tibetischen Buddhismus, an deren Höhepunkt bestialische Morde stattfanden. Er zeigt an vielen Beispielen, dass sich der egoistische Rückzug auf die eigene Befindlichkeit und die eigenen Interessen wie ein roter Faden durch das Leben des Gottkönigs zieht.

Wer wissen will, wieviel Ahnungslosigkeit, Dummheit und politische Engstirnigkeit in Deutschland jene Gruppe kennzeichnet, die meist als Personen des öffentlichen Lebens bezeichnet werden, der lese das letzte Drittel des Buches oder suche sich im Register die entsprechenden Stellen heraus! Der Großteil der Exiltibeter und besonders ihre Repräsentanten erinnern mich in ihrem Verhalten sehr an die verstockten revanchistischen Vertriebenenverbände in Deutschland, die auch nach vier Jahrzehnten zu einem Überdenken ihrer eingefahrenen Positionen nicht fähig sind.

Schützenhilfe bekommen die tibetischen Exilanten allerdings aus einer pseudoalternativen New-Age-Szene, die jedem erdenklichen Obskurantismus hinterherläuft und den eigenen Verstand offensichtlich verloren hat. Es gibt in der BRD rund 40.000 deutsche Buddhisten, aber auch angeblich zwischen 300.000 und 500.000 Menschen, die dieser Religion - mehr oder weniger sachkundig - nahestehen oder mit ihr sympathisieren.

Die "Tibet-Initiative Deutschland", von der GWR-Redaktion nach ihrer Meinung zu dem hier besprochenen Buch befragt, schickte lediglich ein Fax über eine geplante Demonstration zum Tag der Menschenrechte zu. Die dort zu sehenden Logos von Menschenrechtsorganisationen sollen offensichtlich die eigene Opferrolle und die Richtigkeit des eigenen Anliegens unterstreichen ohne dabei auf den Inhalt des Buches einzugehen. Was sich allerdings hinter der Fassade von wohlklingenden Begriffen wie Gewaltlosigkeit, Frieden und Freiheit für eine Realität verbirgt, das deckt Goldner in seinem fulminanten Buch schonungslos und ernüchternd auf!

Colin Goldner: "Dalai Lama - Fall eines Gottkönigs", 455 Seiten, 40 Fotos, 39,- DM, Alibri Verlag, Aschaffenburg

Anmerkung:

Es ist sicher nicht ungewöhnlich, dass man einen vor Jahrzehnten geschriebenen Artikel heute ganz anders formulieren und konzipieren würde oder sogar seine Meinung in der Zwischenzeit geändert hat. Zu diesem Artikel tendierte meine Meinung innerhalb von nur 14 Jahren mehrmals in ganz unterschiedliche Richtungen bis hin zu der Überlegung, ihn gar nicht ins Netz zu stellen.
Aus einer grundsätzlichen religionskritischen Sicht hat er sicherlich eine gewisse Berechtigung, allerdings habe ich mich aus heutiger Sicht bei dieser Buchbesprechung zu sehr auf die Angaben von dem Autor Colin Goldner verlassen. Erst später, als ich sein Buch "Die Psycho-Szene" gelesen habe, wurde mir klar, dass er grundsätzlich alles, was nicht in sein Weltbild passt, rigoros abkanzelt. Ich selbst hatte beispielsweise mit der klassischen Homöopathie sehr gute Erfahrungen gemacht. Goldner bezeichnete diese Verfahren als "schlicht Humbug".
Natürlich kann man zum Dalai Lama seine ganz eigene Meinung haben. Ebenso sollte man zwischen verschiedenen budhistischen Strömungen und zwischen den unterschiedlichen Menschen differenzieren, die sich auf den Buddhismus berufen.        
Bedauerlicherweise wusste ich 2001 von einer "neueren" buddhistischen Strömung nichts, obwohl sie mich aufgrund ihrer positiven sozialen Intentionen sehr hätte interessieren müssen:
Es geht um die ca. 388.000 Dalits (Unberührbaren) in Indien, die unter Führung von dem Politiker und Sozialreformer Bimrao Ambedkar vom Hinduismus zum Buddhismus konvertierten, um dem unmenschlichen  und ungerechten Kastensystem zu entgehen. Ambedkar (1891 – 1956) war kein Geringerer als der Vater der indischen Verfassung von 1947. Zum Abschluss möchte ich also darum bitten, diesem wichtigen Aspekt der buddhistischen Wirklichkeit Aufmerksamkeit zu schenken und sich weiter zu informieren:
http://de.wikipedia.org/wiki/Bhimrao_Ramji_Ambedkar

Zusätzlich möchte ich darauf hinweisen, dass in den Jahren 2008 und 2009 eine längere Diskussion über Tibet in der Zeitung "Graswurzelrevolution" geführt wurde. Insbesondere den sehr fundierten und differenzierten Beitrag von Sal Macis "Tibet und der chinesische Kolonialismus" aus dem Jahr 2009 möchte ich nachdrücklich empfehlen:
http://www.graswurzel.net/338/tibet.shtml

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