Aus: "Graswurzelrevolution", Nr. 381, September 2013

Offen und schamlos

Indien-Gesellschaft und "Südasien"-Redaktion hofieren Ex-BND-Chef Wieck

Hans-Georg Wieck ist kein Unbekannter. Von 1985 bis 1990 war er Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND), außerdem Botschafter in Indien und Iran, sowie Leiter des Planungsstabes im Verteidigungsministerium. Auch noch als "Pensionär" machte er nicht nur in diversen CDU/CSU-nahen Medien mit seinen Beiträgen von sich reden, sondern betätigte sich ebenfalls als eifriger Propagandist für Atomkraft und als Interviewpartner und Autor in rechten und rechtsradikalen Zeitschriften (1).

Aus: "Südasien" Nr. 3-4/2012Das alles scheint die Deutsch-Indische Gesellschaft (DIG) in der BRD nicht nur nicht zu stören, sondern regelrecht anzuziehen. Sie machte Wieck von 1996 bis 2008 zu ihrem Vorsitzenden und neuerdings zu ihrem Ehrenvorsitzenden. Wer einflussreiche Machtmenschen in seine eigenen Strukturen aufnimmt, wird selber von Anderen als mächtig und wichtig wahrgenommen, so das offensichtliche Kalkül. Wenn also das 50jährige Jubiläum einer Ortsgruppe zu feiern war (2) oder der Tagore-Preis (!) vergeben wurde, durfte Wieck seinen Senf dazugeben. Ob es um die Wahrung bundesdeutscher Wirtschaftsinteressen bei "Indientagen", die Anbahnung von Auslandsgeschäften oder um schöngeistigen Kulturaustausch ging – Wieck war dabei.

Offensichtlich störte es bisher kaum jemanden, das mit dem ehemaligen BND-Chef ein führender Vertreter westlich-imperialer Herrschaftsinteressen seine ganz spezielle Sicht der Dinge in die öffentliche Diskussion implantierte und die Wahrnehmung, Betonung und Interpretation bestimmter Konfliktlinien in seinem Sinn beeinflusste.

Die Vierteljahreszeitschrift "Südasien" des Südasienbüros berichtet seit 32 Jahren engagiert und informativ über die Situation in Indien und über den Kampf von unterdrückten Basisbewegungen für ihre Rechte. Die beigehefteten Adivasi-Rundbriefe und das Dalit-Info tun dies ebenfalls. In den letzten drei Ausgaben stellte "Südasien" (nicht zum ersten Mal) neun Seiten dem ehemaligen Chef des Bundesnachrichtendienstes zur Verfügung (3), sodass Wieck über ein Dreivierteljahr dem Blatt seinen ganz eigenen Stempel aufdrücken konnte. In "Wirtschaftsmacht und soziales Elend" schrieb er: "Indien musste sich neu erfinden und tat es im Sommer 1991 mit der Liberalisierung der Wirtschaft, die das Land innerhalb kürzester Zeit aus dem Dornröschenschlaf erweckte, in der sich unternehmerische Initiative und Fantasie entfalteten und mit eindrucksvollen Zuwachsraten bis zu jährlich acht Prozent die indische Wirtschaft wieder in die Weltwirtschaft integrierte" (4). - Geht es noch unkritischer?

Geschickt jubelte Wieck die neualte geopolitische Frontstellung der herrschenden westlichen Interessengemeinschaft der LeserInnenschaft von "Südasien" unter: Pakistan, China und Russland gehörten demnach zum gegnerischen Lager. Der Westen und besonders die USA und BRD stünden demgegenüber für demokratische Werte und wirtschaftlichen Aufschwung. Das Pakistans Atombomben-Know how mitsamt Baukomponenten über Qadeer Khan von der deutsch-niederländischen Urenco, vom Forschungszentrum Jülich und BRD-Firmen gestellt wurde (5), erfährt man von dem Ex-BND-Mann Wieck natürlich nicht. Auch nicht, dass die BRD-Firma Montanhydraulik GmbH Komponenten genau jener AGNI-Atomraketen an Pakistans Konkurrenten Indien lieferte, die Wieck in seinem "Südasien"-Artikel erwähnte (6). Die von Wieck dargestellten Konflikte sind auch das Ergebnis der Politik eben jenes westlichen Machtsystems, in dessen Auftrag Wiecks ehemalige "Firma" tätig ist.

"Südasien" Nr. 1/2013In diesem Beitrag drängt sich dieser zweifelhafte Experte in "Südasien" zum wiederholten Male als allwissender Berater und Stratege auf. Doch er erklärt wenig und verschleiert viel. Macht also das, was Geheimdienste und Nachrichtendienste gewöhnlich tun. Ist wirklich jemand so naiv und fällt darauf rein? - Schade, dass sich die ansonsten recht gute Zeitschrift "Südasien" dazu hergibt, solche Beiträge zu publizieren. Gerade nach den neuesten Enthüllungen und öffentlichen Diskussionen über Bespitzelung, Datenklau und imperiale Anmaßungen wirken solche Kollaborationen noch peinlicher, als sie sowieso schon sind.

Anmerkungen:

1. Siehe: http://www.machtvonunten.de/indien-suedasien/181-nachrichten-dienste-fuer-die-atomindustrie.html

http://www.reaktorpleite.de/thtr-rundbrief-nr-134-januar-2011.html

2. "50 Jahre DIG", Ortsgruppe Essen. Festvortrag von Wieck am 20. 7. 2013

3. "Südasien", "Wirtschaftsmacht und soziales Elend", Hans-Georg Wieck, Ausgaben 3-4 (2012), 1 (2013) und 2 (2013)

4. Wieck in "Südasien" Ausgabe 1 (2013), Seite 88

5. "Das atomare Dreieck", siehe: http://www.reaktorpleite.de/nr.-95-dezember-04.html

6. "Atomraketenzubehör für Indien aus NRW" in: http://www.machtvonunten.de/indien-suedasien/107-atomraketenzubehoer-fuer-indien-aus-nrw.html

zurück zur Übersicht - Indien, Südasien


Seitenanfang


 

Aktuell sind 94 Gäste online

Afrikaans Arabic Basque Bulgarian Chinese (Simplified) Czech Danish English French Greek Hindi Indonesian Italian Japanese Korean Persian Portuguese Russian Spanish Turkish Vietnamese Yiddish