Aus: "Graswurzelrevolution", Nr. 344, Dezember 2009

Der Anarchosyndikalismus kann wichtige Impulse geben

Direkte Aktion, Nr. 2, 1977Nach der überwältigenden Resonanz von 66 Beiträgen auf der Syndikalismus-Homepage freue ich mich sehr, jetzt auf die beiden Leserbriefe in der letzten GWR antworten zu können. Vorauszuschicken ist, dass ich nicht wie gemutmasst wurde, gegenüber der FAU "voreingenommen" bin. Im Gegenteil.

Der Anarchosyndikalismus kann gerade in Zeiten des verstärkten Sozialraubes sehr wichtige Impulse für die Praxis geben. Darauf habe ich in meinem Vortrag "Von Unten auf" bei der Erich-Mühsam-Gesellschaft Lübeck hingewiesen, was heftiges Kopfschütteln und widerstrebendes Gemurmel bei einigen "Anarchisten" mit sozialdemokratischen Parteibuch (!) zur Folge hatte (1). Eine Kritik an der FAU wäre hier oder in bürgerlichen Medien sicher gut angekommen. Aber nach meinem Selbstverständnis wäre das der falsche Ort gewesen.

Mein Plädoyer für die Assoziationsfreiheit bei der Organisation von Widerstand bereitet einigen Anarchosyndikalisten Unbehagen. Warum nur? – Eine den jeweiligen Bedürfnissen der Akteure angepasste freiwillige Organisationsform kann sich sehr positiv auf die zu führenden Kämpfe auswirken. Welcher Anarchist könnte ernsthaft etwas dagegen haben und sich in kleinlich-organisatorische Eifersüchteleien ergehen?

Wenn sich die kämpfenden Frauen bei den Schlecker-Drogeriemärkten beispielsweise heftig gegen ihre Drangsalierungen wehren und sie dies als Gruppen innerhalb von ver.di tun, dann sollte das von uns nicht geringgeschätzt werden mit allerlei abwertendem Vokabular: "Spielwiese, passiv, ADAC, Stammtisch ...." Es wäre auch kontraproduktiv, wenn man dieser Gruppe vorschnell vorhalten würde, dass sie sich auf dem falschen (Organisations-)Dampfer befinden würde. Wichtig ist zunächst einmal, dass das richtige getan wird und nicht, in welchem Namen etwas geschieht.

In meinem Beitrag "DGB-Masochismus – nein danke!" (GWR Nr. 296) habe ich ausgeführt, wie in Frankreich unterschiedlich organisierte Basisgewerkschaften und Betriebsgruppen sich solidarisch in der SUD zusammengeschlossen haben, erfolgreich arbeiten und bereits ein Viertel der französischen Gewerkschaftsorganisationen ausmachen.

BroschüreIm Unterschied zu ideologisch festgelegten Organisationen mit in sich geschlossenem Weltbild haben in der BRD offen strukturierte Bürgerinitiativen wichtige Teilerfolge errungen und können mittlerweile auf eine jahrzehntelange Kontinuität zurückblicken. Hier werden viele unterschiedliche Menschen einbezogen und es finden wichtige kollektive und selbstkritische Lernprozesse statt. An diese Erfahrungen könnte auch im Betriebsbereich angeknüpft werden. Wenn die Anti-AKW-Bewgung nach 30 Jahren bundesweit bei 250 MitgliederInnen stagnieren würde, hätte sie sich schon längst überlegt, ob etwas falsch läuft.

Das Buch "FAU. Die ersten 30 Jahre" ist wichtig als vorläufige Selbstvergewisserung, wo die FAU nach 30 Jahren steht. Und deswegen habe ich es in der ersten Hälfte meiner Besprechung positiv gewürdigt, was seltsamerweise kaum zur Kenntnis genommen wurde. Wenn ich auf den Umgang der FAU-MitgliederInnen untereinander zu sprechen komme, greife ich auch auf leicht überprüfbare Quellen im Buch zurück.

Eines ist allerdings schon sehr auffällig: Dafür, dass besonders wichtige Kritikpunkte von mir lediglich in Frageform (!) formuliert wurden, sind die grösstenteils unzitierbaren Internetreaktionen auf meine Besprechung mitunter ein klein wenig heftig ausgefallen und zeigen deutlich, dass die von mir nur vorsichtig angedeuteten Probleme in Wirklichkeit noch weitaus gravierender sind.

Ich gebe diesen SchreiberInnen den durchaus pazifistisch gemeinten Rat, sich öfters auf einen "Feldherrnhügel" zu setzen und mit einer gewissen inneren Distanz zu beobachten, wie sich das eigene Verhalten auf andere Menschen auswirkt, die sich nicht in einer linksradikalen Szene bewegen. Ich schreibe das jetzt nicht, um einige FAUler zu ärgern, sondern weil ich es schade finde, wenn sie durch ihr eigenes Verhalten einen Teil ihrer Möglichkeiten selbst verbauen.

BroschüreAn einer Verhaltensänderung kann man konkret und zielgerichtet arbeiten: Wir haben als Graswurzler zum Beispiel in den 80er Jahren über die Kurve Wustrow das Seminar "Konstruktive Aggressionsbewältigung" angeboten. Eine Neuauflage könnte sicherlich zu einer fruchtbaren Kooperation FAU/GWR führen.

Nun habe auch ich die DGB-Gewerkschaften in den letzten Jahren ziemlich deutlich kritisiert: "Der DGB will den Sozialraub mitgestalten" (GWR 283), "DGB: Gewerkschaft mit beschränkter Hoffnung" (GWR 294), "ver.di für Atomkraft" (GWR 304), "Die ver.di-Kulinaris Card" (GWR 329).

All diese Artikel kursierten als Kopie oder Mail in den Gewerkschaftskreisen und WASG Hamm. Fast alle sind erstaunlich souverän und nachdenklich mit dieser Kritik umgegangen, einigen Punkten wurde zugestimmt oder laut über eine Satire gelacht. Das alles mag teilweise eine regionale Ausnahmeerscheinung und nicht die bundesweite Regel gewesen sein. Zeigt aber, wie wichtig Differenzierungen auch bei DGB-KollegInnen sind. - Es gibt auch Alternativen zur klassischen beleidigten Leberwurst.

Anmerkung:

(1) "Von unten auf" (2005):http://www.machtvonunten.de/parteien-und-parlament/228-von-unten-auf.html

Dies ist eine Antwort auf die Leserbriefe von Ralf Burnicki und Heiko Grau-Maiwald in "Graswurzelrevolution" Nr. 343, November 2009. Der Artikel, um den es hier geht ("Seit 30 Jahren: Für ArbeiterInnen Uninteressant (FAU)?"), erschien in GWR Nr. 342 (2009) und ist hier einsehbar:

http://www.machtvonunten.de/gewerkschaften/133-seit-30-jahren-fuer-arbeiterinnen-uninteressant-fau.html

 

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