Aus: "Graswurzelrevolution", Nr. 350, Sommer 2010

Noch nicht ganz Mayers Day

Der Dortmunder Euromayday als Gegengewicht zum ritualisierten DGB-Bratwurstessen und Schöne-Reden-halten-und doch- nicht-viel-tun

Mayday Dortmund 2010Zorro, der Rächer der Armen und Entrechteten, schwenkte während der Auftaktkundgebung noch etwas behäbig seinen stattlichen Umhang und versuchte dabei ein würdevolles Gesicht aufzusetzen. Das schwarze Männchen in der Nähe eines Lautsprecherwagens lüftete vorsichtig seine Autonomen-Burka, aus der dann tatsächlich ein Lächeln hervorlugte. Aber würde das Männchen wie gewünscht auch tanzen?

Passend neben dem fotogenen Cine-Star-Filmpalast-Turm in der Dortmunder Innenstadt fand die Uraufführung der Euromayday-Parade des Ruhrgebiets statt. Was in Berlin in diesem Jahr schon wieder abgesagt wurde, sollte hier kreative neue Kräfte mobilisieren. Ein Gegengewicht zum ritualisierten DGB-Bratwurstessen und Schöne-Reden-halten-und-doch-nicht-viel-tun schaffen.

In unmittelbarer Nachbarschaft im Hauptbahnhof tummelten sich etliche hundert Fußballfans zweier konkurrierender Mannschaften und brachten sich mit Alkohol und Sprechchören in Stimmung. Eintreffende MaydaybesucherInnen und Fans ignorierten sich gegenseitig völlig. Vielleicht hätte man sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen sollen. Da laufen tausende Ausgebeutete und Prekarisierte an uns vorbei, Gelegenheiten für Spontantheater gabs reichlich und niemand würdigte die aus unserem geistigen Horizont Ausgestossenen auch nur eines Blickes.

Westerwelle-Masken wurden ausgegeben, Sprechblasen aus Pappe hochgehalten, aluminiumpapierbeklebte Kisten machten als Roboter ihre ersten Schritte. Auf der Auftaktkundgebung erfolgten mehrere Interviews. Dieses Jahr ist das Ruhrgebiet bundesweite Kulturhauptstadt mit vielen Invents, für deren Gelingen die prekarisierten KulturarbeiterInnen per Zeitarbeitsverträge beitragen und anschließend wieder fallengelassen werden.

Mayday Dortmund 2010Dann gings los mit der Parade. Das tragbare Flüchtlingsboot schipperte symbolisch von Afrika nach Europa, die drei Lautsprecherwagen schmissen die Boxen an. Das Jobcenter wurde mit Schaumstoffsteinen beworfen und die Polizei guckte dabei aufmerksam zu. Ein Wagen spielte die altbekannten kämpferischen zapatistischen Ska-Hits. In dieser Situation wirkten sie mir jedoch zu sehr wie etwas verbissene Kampflieder, zu wenig einladend für andere Menschen.

Mayday Dortmund 2010Wir zogen durch den dortmunder Norden, wo viele MigrantInnen wohnen. Die etwas ratlosen ZuschauerInnen blieben am Fenster oder fragten mich tatsächlich mehrmals: Seid ihr links oder rechts? Oder vorsichtig zögernd: Seid ihr etwa Nazis? Die Demo erklärte sich für Außenstehende vielfach noch nicht aus sich selbst heraus.

Mayday Dortmund 2010Ein paar vereinzelte Perücken und bunte Kleidungsstücke sind sicherlich noch nicht die letzte Maßnahme, die die prekarisierte "Kreativwirtschaft" entwickeln könnte. Glücklicherweise hatte die FAU schöne Flugis "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit! Leiharbeit abschaffen!" an die AnwohnerInnen verteilt, sonst wäre die Maydayparade für viele ZuschauerInnen unverständlich geblieben. Es gab leider keine Clown-Armee, die mit neckischen Aufmunterungen auf das passive Publikum zuging und es aus der Reserve lockte. Oder Live-MusikantInnen.

Am besten gefiel mir der Hauptwagen mit der Techno-Musik, die für viele ausgelassene und fröhliche TänzerInnen sorgte und auf diese Weise anderen Menschen demonstrierte, wie unsere Art zu leben und Politik zu machen auch aussieht.

Die Idee, eine Euromaydayparade in Dortmund durchzuführen, ist erst wenige Monate vor dem 1. Mai aufgetaucht. Ohne eingespielte Großorganisationen im Rücken in so einer kurzen Zeit eine Veranstaltung mit eintausend TeilnehmerInnen aus dem Boden zu stampfen, ist allerdings eine aussergewöhnliche Leistung. Das bei diesem ersten Mal einige Dinge noch nicht berücksichtigt werden konnten, sollte niemanden entmutigen oder ärgern. Also ein Lob an die VeranstalterInnen: Ihr wart großartig! Und beim nächsten Mal kommen wir wieder!

 

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