Aus: "Graswurzelrevolution", Nr. 361, September 2011

Störfall im Forschungszentrum Jülich

Der Aachener Wissenschaftler Rainer Moormann erhielt am 1. Juli den alle zwei Jahre vergebenen Whistleblowerpreis 2011. Er arbeitete seit 35 Jahren im Forschungszentrum Jülich über Hochtemperatur-Reaktoren (HTR).

Whistleblower BuchMoormann war an den komplizierten und aufgrund der extrem hohen radioaktiven Strahlung bisher erfolglosen Rückbauversuchen des kleinen 1988 stillgelegten HTR in Jülich beteiligt, die bis jetzt eine halbe Milliarde Euro gekostet haben. Mit seinen wissenschaftlichen Publikationen und Vorträgen hat er maßgeblich dazu beigetragen, dass das mit den Kugelhaufen-Reaktoren verbundene Risikopotenzial heute in einem neuen Licht erscheint. Der Mythos der "inhärenten Sicherheit" dieses Reaktor-Typs wurde durch seine wissenschaftlichen Erkenntnisse maßgeblich erschüttert.

Mit dem "Whistleblower-Preis" werden von der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) und der Deutschen Sektion der Juristenvereinigung IALANA ("Juristinnen und Juristen gegen atomare, biologische und chemischen Waffen") Persönlichkeiten ausgezeichnet, die als Insider schwer wiegende Missstände, Risiken oder Fehlentwicklungen aus ihrem beruflichen Umfeld im öffentlichen Interesse aufgedeckt haben.

Die VDW wurde 1959 in Berlin von einer Gruppe prominenter Atomwissenschaftler gegründet, unter ihnen Carl Friedrich von Weizsäcker und die Nobelpreisträger Max Born, Otto Hahn, Werner Heisenberg und Max von Laue. Zwei Jahre zuvor war dieser Kreis einer breiten Öffentlichkeit als "Die Göttinger 18" bekannt geworden: Diese Atomwissenschaftler hatten sich öffentlich gegen eine atomare Bewaffnung der Bundeswehr ausgesprochen.

Der Verleihung des Whistleblowerpreises für Rainer Moormann kommt in der jetzigen Situation eine besondere Bedeutung zu. Obwohl der Kugelhaufenreaktor trotz des Einsatzes von insgesamt 1,5 Milliarden Euro in Südafrika fulminant gescheitert ist, soll dieser Reaktortyp wieder gebaut werden! Beispielsweise in der Nähe der deutsch-polnischen Grenze.

Im Forschungszentrum Jülich wurden allein im Jahre 2010 unter einer rot-grünen Landesregierung in NRW immer noch über ein Dutzend Projekte und wissenschaftliche Arbeiten zur Weiterentwicklung (!) des Kugelhaufenreaktors durchgeführt und durch den Steuerzahler bezahlt. Selbst in Zeiten des "Atomausstiegs" bekommen ehrliche und kritische WissenschaftlerInnen große Schwierigkeiten, wenn sie den Interessen der Nuklearindustrie entgegenstehen. Moormann wurde innerhalb des Forschungszentrums mehrmals versetzt, öffentlich als als Nestbeschmutzer diffamiert und als "verrückt" verleumdet.

Es ist ein Skandal, dass die Forschung in bundesdeutschen Institutionen selbst jetzt noch den Mehrheitswillen der Bevölkerung zugunsten von Konzerninteressen ignoriert!

Anmerkung

Weitere Infos im "THTR-Rundbrief" Nr. 136:

http://www.reaktorpleite.de/nr-136-juli-2011.html

Infos über das Buch "Whistleblower im nuklear-industriellen Komplex":
http://www.reaktorpleite.de/wichtige-buecher.html

 

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