Aus: "Anti Atom Aktuell", Nr.242, Juni 2014

THTR: Der Pleite-Reaktor verschlingt 73 Jahre lang Unsummen!

Der Thorium-Hochtemperaturreaktor (THTR) in Hamm ist ein sogenannter Kugelhaufenreaktor und wird von der Atomindustrie der neuen, angeblich inhärent sicheren Generation IV zugerechnet. 1971 wurde mit seinem Bau begonnen. Aufgrund verschiedener Komplikationen verzögerte sich die Inbetriebnahme bis zum Jahr 1985. Wenige Tage nach der Katastrophe in Tschernobyl kam es im THTR zu einem größeren Störfall, bei dem Radioaktivität entwich.

Aufgrund der Proteste und Blockaden von Bauern und Verbrauchern, zahlreichen weiteren Pannen und finanziellen Problemen mußte er 1989 stillgelegt werden. Bis zum Jahr 2044 soll der Rückbau des THTR beendet sein. Das bedeuten insgesamt 73 Jahre lang immense Kosten für ein fehlgeschlagenes und gefährliches nukleares Experiment!

Forschung seit den 50er Jahren

Seit den 50er Jahren wurde im Forschungszentrum Jülich (FZJ) an diesem Reaktor geforscht. Die Atomindustrie bezifferte diese Vorlaufkosten mit 2,390 Milliarden Euro (1). Hinzu kommen noch die Forschungskosten in der Schweiz, die ebenfalls an der Entwicklung des Hochtemperaturreaktors arbeitete. Während der 14jährigen Bauzeit in Hamm wurden 2,045 Milliarden Euro ausgegeben.

Zeichnung von Fritz Brümmer: Geld her oder es strahlt!Betreiberin des Reaktors ist die "Hochtemperatur-Kernkraftwerk GmbH (HKG), Gemeinsames Europäisches Unternehmen". Neben den Vereinigten Elektrizitätswerken (VEW, später ein Teil der RWE) sind etliche Stadtwerke hauptsächlich aus NRW Gesellschafter der HKG. Diese Stadtwerke mussten mehrmals in den 80er Jahren etliche Millionen Euro zusätzlich nachschiessen, um die aus dem Ruder gelaufenen Reparatur- und Stillstandkosten beim THTR mitzufinanzieren. Was als Beteiligung an einer neuen, aufstrebenden Reaktorlinie gedacht war, endete im finanziellen Desaster für diese Kommunen.

THTR-Betreiber zahlen keine Steuern!

Seit 1974 erhält die HKG als "gemeinsames europäisches Unternehmen" aufgrund des Euratomvertrages erhebliche Steuervergünstigungen, zum Beispiel bei der Grundsteuer, der Grunderwerbsteuer und der Gewerbeertragsteuer auf Zinsen. Bis heute werden alle elf Jahre die Anträge für diese finanziellen Vergünstigungen von der EU-Kommission bestätigt. Zur Begründung der Steuerprivilegien heißt es in der Vorlage der EU-Kommission im Jahre 2010 inter anderem:

"Nach Auffassung der HKG werden die aus der Aufrechterhaltung des sicheren Einschlusses (Einschlusszeit) und dem späteren Rückbau gewonnenen Erkenntnisse für die Kerntechnik in Europa und weltweit von großer Bedeutung sein. Dies umso mehr, als mit den Arbeiten zur Generation IV auch die Hochtemperaturreaktortechnik wieder aufgegriffen werde und zu einem Gesamtbild (Lifecycle-Cost) auch die verschiedenen Phasen der Stilllegung gehörten."

Für 423 Tage Stromlieferung waren 59 Atommülltransporte notwendig ...

Der THTR hat in der Zeit von 1985 bis 1989 lediglich an 423 Volllasttagen Strom geliefert. Nachdem in den 90er Jahren durch 59 Atommülltransporte die 612.000 radionaktiven Brennelementkugeln des THTR in das sogenannte Brennelemente-Zwischenlager (BEZ) Ahaus transportiert wurden, begann für den Reaktor der 30jährige Zeitraum des sogenannten "Stilllegungsbetriebs" von 1997 bis 2027.

Bis zum Jahr 2027 fallen jährlich ca. 5 Millionen Euro Betriebskosten für Bewachung, Kontrollen und Endlagervorrauskosten an. NRW und der Bund zahlen jeweils die Hälfte. Die HKG beteiligte sich lediglich zu einem Drittel an den Endlagervorauskosten.

Kosten müssen SteuerzahlerInnen übernehmen

Diese früheren Vereinbarungen liefen jedoch 2009 aus. Vier Jahre lang wurde hinter verschlossenen Türen über die Neuaufteilung der Kostenübernahme für die folgenden Jahre verhandelt, ohne dass man etwas von den geheimen Konsultationen erfahren konnte. Die Öffentlichkeit wurde bei dem peinlichen Gezerre um Millionen bewußt außen vor gelassen, weil auch die beteiligten Regierungen kein Interesse daran hatten, dass ihre eigene jahrzehntelange Beiteiligung an der THTR-Mißwirtschaft allzu offenbar würde. In der Vergangenheit wurden auf diese Weise die ohnehin geringen Eigenmittel der HKG geschont.

Die verstrahlte THTR-Ruine, in der sich noch ca. 1,5 kg Putonium befindet, soll nach Angaben der Betreiber ab 2027 zurückgebaut und der Atommüll "entsorgt" werden.

In der Bundestagsdrucksache 17/14588 geht die Bundesregierung in ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen am 20. 8. 2013 auf die Rückbau- und Finanzierungsproblematik ein.

Zentraler Punkt ist die Aussage, dass die HKG als THTR-Betreiber nur 41,5 Millionen Euro Eigenmittel hat und damit unfähig ist, die vielen hundert Millionen Euro für Rückbau und "Entsorgung" zu bezahlen. Das allein ist schon ein Skandal. Denn durch die Existenz der "Pleitegesellschaft" HKG als Betreiberin fällt der große Energiekonzern RWE aus der Haftung für den Pleitereaktor weitgehend heraus und kann fast alle Kosten dem Steuerzahler aufbürden.

Kosten für Rückbau unklar

Im Businessplan der HKG werden die zukünftigen Gesamtkosten mit insgesamt 735 Millionen Euro angegeben. Das wären im Einzelnen:

404 Millionen Euro für den Rückbau von 2023 bis 2044

41 Millionen Euro für den sicheren Einschluss von 2013 bis 2030

78 Millionen Euro für die Zwischenlagerung der radioaktiven Abfälle von 2013 bis 2055

210 Millionen Euro für Endlagervorausleistungen von 2013 bis 2080

Wer das alles finanziert und was nach 2080 kommt, ist noch unklar! Die Zahl von 404 Millionen Euro für den Rückbau ist zudem sehr umstritten und dürfte um ein Mehrfaches der angegebenen Summe höher sein:

"’Traumtänzerei’ seien die genannten Rückbaukosten von 400 Millionen Euro, sagt der Chemiker Rainer Moormann (...). Schon 1989 wurden die Rückbaukosten von unabhängigen Experten auf bis zu 2 Milliarden Mark beziffert. Moormann hält deshalb eine Größenordnung von mindestens einer Milliarde Euro für "nicht unrealistisch" (...). Er verweist dazu auf Erfahrungen mit dem Jülicher Forschungsreaktor AVR als Vorläufer des THTR: ‚1990 wurden die AVR-Rückbaukosten auf 39 Millionen Mark beziffert. Heute liegen wir bei 700 Millionen Euro – und das wird nicht reichen’, sagt er." (TAZ vom 27. 8. 2013)

Was allerdings ziemlich genau zu beziffern ist, sagt die oben genannte Bundestagsdrucksache aus: "Laut Angaben der HKG beläuft sich der jährliche Stromverbrauch der sicher eingeschlossenen Anlage THTR 300 im Schnitt auf 670.000 jWh." Das entspricht etwa dem jährlichen Verbrauch von 150 Vier-Personen-Haushalten ("Westfälischer Anzeiger" vom 28. 8. 2013).

Für den relativ überschaubaren Zeitraum bis 2044 liegen die von den Betreibern angegebenen und mit Sicherheit zu niedrig angesetzten Kosten für den THTR schon jetzt bei insgesamt 5,3 Milliarden Euro.

Unsere Forderung lautet: Landes- und Bundesregierung dürfen sich nicht zum Zahlmeister für die gescheiterten Wunschträume der Atomindustrie machen lassen, sondern müssen die zu bezahlenden Rechnungen an die Verursacher weiterreichen!

Anmerkung:

1. Siehe "atw", 1/2004, Seite 10

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