Aus: "Der Igel", Eine-Welt- und Umweltmagazin für Hamm, Nr. 1, 1999

THTR: 30 Jahre "Erhaltungsbetrieb"

Selbst der bekannte Romanschriftsteller und Semiotikprofessor Umberto Eco ("Der Name der Rose") konnte es im fernen Italien den Lesern seiner wöchentlichen Kolumne im "L’ Expresso" nicht vorenthalten, daß 1986 neben der Katastrophe in Tschernobyl zeitgleich noch ein "kleinerer Unfall im westdeutschen Hamm passiert ist" ("Die Zeit" vom 18. 7. 1986).

Der Igel, 1999Damals ist Radioaktivität im Thorium-Hochtemperatur-Reaktor in Hamm-Uentrop entwichen und die Betreiber versuchten zu vertuschen, was zu vertuschen war. Die Meßstreifen der Meßgeräte waren plötzlich nicht mehr auffindbar. Dafür liefen kritische Wissenschaftler und Umweltschützer mit wild tickenden Geigerzählern in der Umgebung des THTR herum und rauften sich die Haare.

Aber das war nicht alles. Ein Bündnis aus "Bauern und Verbrauchern" blockierte mehrmals tagelang die Zufahrtsstraßen zum THTR und 7.000 Menschen demonstrierten vor dem VEW-Gelände. Der NRW-Landesregierung in Düsseldorf wurde per Treckertreck durchs Ruhrgebiet zu Leibe gerückt, der Kühlturm und die VEW-Verwaltungsgebäude in Uentrop und Dortmund besetzt.

Weiterbetrieb?

Trotz zusätzlicher Liquiditätsprobleme der Betreiber und Ausstiegsbeschluß der SPD kämpfte der zuständige SPD-Minister in NRW bis zuletzt für den Weiterbetrieb des THTR. Nach einem drei jährigen Wiederein- und Wiederabschalte-Wechselbad, sowie zahllosen Reparaturen und Überprüfungen mußten NRW-Regierung und Betreiber die Realitäten anerkennen und den Reaktor im Jahre 1989 endgültig stilllegen. Seitdem befindet er sich im sogenannten Erhaltungsbetrieb, was nicht heißt, daß alle Teile der Atomanlage auch erhalten blieben. Ruckzuck, schnell alles weg ... 1991 wurde der weithin sichtbare Kühlturm gesprengt und Hamm war um ein Wahrzeichen ärmer.

Castor-Transporte

Mitte 1992 brachte die Deutsche Bundesbahn die ersten radioaktiven Brennelemente aus dem Reaktorkern nach Ahaus, wo für einen Zeitraum von 30 - 40 Jahren ein sogenanntes Zwischenlager errichtet wurde. Der Castorzug überquerte zahlreiche unbeschrankte Bahnübergänge in Hammer Wohngebieten und fuhr über Münster weiter. Schon lange vorher hatte die Bürgerinitiative Umweltschutz Hamm ein förmliches Genehmigungsverfahren mit öffentlicher Anhörung gefordert, um möglichst viele gesellschaftliche Gruppen in den Entscheidungsprozeß einzubeziehen, wie es mit der atomaren Hinterlassenschaft weitergehen soll.

Runder Tisch

Zum Jahreswechsel 1992/93 wurde bekannt, daß aus den Kellern des THTR, die seit vier Jahren nicht mehr kontrolliert wurden, radioaktives Wasser ausfloß und in die Umgebung gelangte. Als "Mitbestimmungsmöglichkeit" zugestanden wurden in dieser Zeit nur unverbindliche Gesprächsrunden aller Beteiligten - eine Art Agenda für den THTR - auch Runder Tisch genannt.

Da aber während dieser Plauderrunden Fakten in Form von permanenten Castortransporten geschaffen wurden und Umweltschützer keinerlei Einfluß auf Entscheidungen hatten, nahm die Bürgerinitiative an dieser Farce nicht mehr teil. Anfang 1995 fanden die letzten von insgesamt 60 Transporten nach Ahaus statt. Verschiedene radioaktive Abfälle kamen nach Studsvik (Schweden), Gorleben und Morsleben. 1,5 kg Plutonium verblieben im Reaktor, während die sechs Riesenschalldämpfer mit Spezialkränen abmontiert und anschließend eingeschmolzen wurden. 1996 hob der Innenminister für NRW den Katastrophenschutzplan auf, da angeblich Störfälle "nicht mehr zu erwarten sind".

Keine Störfälle an Wochenenden bitte!

Doch schon der umfangreiche Genehmigungsbescheid für die nächsten 30 Jahre "Erhaltungsbetrieb" offenbarte, daß der THTR auf tönernen Füßen steht. Sorgenkind ist auch in diesem Bescheid das offensichtlich marode Drainagesystem für radioaktive Abwässer. Da berichtet das NRW-Ministerium freimütig von einem "durch unterschiedliche Gebäudesetzungen verursachten Bruch der in den Fundamenten der Reaktorhalle verlegten Rohrleitung": Der Reaktor sinkt an verschiedenen Stellen unterschiedlich tief in das Erdreich ein, was schon zu einem "glatten Scherbruch des Stahlrohres im Bereich des Übergangs zwischen zwei Fundamentplatten" geführt hat.

Wir erfahren weiterhin, daß die gesamte atomare Anlage in Zukunft lediglich von einem schaltberechtigten Elektriker und einem Schlosser aus dem benachbarten Kohlekraftwerk betreut wird – und auch das nur an Werktagen (keine Störfälle am Wochenende bitte!).

Der Genehmigungsbescheid, der für 30 Jahre gelten sollte und schon nach einem Jahr wieder geändert werden mußte, sieht ebenfalls die Vernichtung der Zweitdokumentation der aufzubewahrenden Unterlagen vor. Sie dokumentieren auch die Meßwerte, die beim THTR ohnehin allzuschnell "abhanden" kommen können.

Westfälischer Anzeiger vom 24. 7. 1991(K)eine Warnung an eine ferne Zukunft

Ganz gleich, ob sich die Verantwortlichen der höchst zweifelhaften Illusion hingeben, der THTR könnte eines fernen Tages vollständig abgebaut werden oder aber im Betonmantel verbleiben: Eine genaue Zustandsbeschreibung ist für kommende Generationen unabdingbar, um beurteilen zu können, welche Gefahren auch von der stillgelegten Anlage ausgehen. Doch die Betreiber hielten es für unnötig, einen "Nuklidatlas" zu erstellen, in dem eine detaillierte Beschreibung des radioaktiven Inventars erfolgen würde.

Schon jetzt wissen wir also wenig genug über das Innenleben des Reaktors, aber wie wenig Informationen werden die Menschen in ein paar hundert Jahren haben?

Werden sie überhaupt noch unsere heutige Sprache sprechen, die sich bisher alle 400 Jahre grundlegend verändert hat? Werden Völkerwanderungen, Seuchen, Kriege, Atom- und andere Katastrophen zukünftige Generationen von dem Wissen, daß hier in Hamm-Uentrop einmal ein Atomkraftwerk stand, abschneiden? Wird es warnende Hinweise und Zeichen geben oder werden Wissenschaftler und womöglich Semiotikprofessoren - wenn es solche Leute in der fernen Zukunft noch geben sollte – vor nahezu unlösbare Aufgaben gestellt?

 

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