Aus: "FUgE-News", 2011, Nr. 2

Urananreicherung in NRW: Der Ursprung des Bösen

Gronau 2011Was haben der Iran und NRW gemeinsam? - Richtig: Eine Urananreicherungsanlage (UAA). In so einem Werk wird aus hochgiftigem Uranhexafluorid in mehreren Zwischenschritten nuklearer Brennstoff für Atomkraftwerke produziert. Oder aber das Material für eine Atombombe.

So wie es der pakistanische Gast-Wissenschaftler Abdul Quadeer Khan bei der URENCO Gronau/Almelo und beim Kernforschungszentrum Jülich ab den 70er Jahren vorgemacht hat: Unterlagen heimlich kopiert, Zulieferfirmen sondiert und anschließend von Pakistan aus einen florierenden „nuklearen Supermarkt“ mit Bauanleitungen für Uranzentrifugen eröffnet. Dubiose Diktatoren standen beim "Vater der pakistanischen Atombombe" Schlange. Khan, obwohl ursprünglich Zögling des Westens, gilt jetzt als "böse". Der Iran ebenfalls. Die Urananreicherungsanlage Gronau, an der RWE und E.On beteiligt sind, gilt selbstverständlich als "gut".

Dabei bereitet die seit 1985 betriebene UAA zahlreiche Probleme. Etwa 30.000 Tonnen radioaktiven Mülls (abgereichertes Uranhexafluorid) transportierte der Urenco-Konzern, der die Gronauer Urananreicherungsanlage betreibt, seit etwa Mitte der 90er Jahre über Tausende von Kilomentern hinweg von Gronau nach Russland. Dort lagert das Material in verschiedenen Atomzentren auf großen Flächen unter freiem Himmel und gefährdet die Gesundheit der Bevölkerung.

Gronau 2011Dass die dortige Bevölkerung über "unseren" Atommüll nicht glücklich ist, ist verständlich. Die mit dem TÜV vergleichbare russische Aufsichtsbehörde "Rostechnadsor" hat in ihren Jahresberichten mehrmals betont, dass die Lagerung des abgereicherten Urans aus Gronau nicht den Sicherheitsvorschriften entspreche. In mehreren Fernsehsendungen wurde darüber berichtet. Russische und deutsche Umweltschützer arbeiten seit vielen Jahren zusammen, um die gefährlichen Transporte und die Lagerung von radioaktiven Stoffen zu verhindern.

Die Anlage in Gronau ist nicht gegen Flugzeugabstürze gesichert und neben den Gebäuden befindet sich auch hier ein "Freilager" für Atommüll. Die nukleare Produktions- und Verwertungskette, die von Gronau aus bedient wird, birgt weitere unverantwortliche Gefahren, indem der Uranabbau insbesondere in den Ländern der sogenannten 3. Welt die Lebensgrundlagen der indigenen Bevölkerung zerstört und die Gesundheit der dort arbeitenden Menschen ruiniert. Wer "ja" sagt zur Urananreicherung, der riskiert Unfälle bei gefährlichen Urantransporten in der ganzen Welt, exportiert Rohstoffe für Atomwaffentechnologie und Uranmunition und geht das Risiko eines atomaren Super-GAUs ein.

Massiver Ausbau der UAA unter Rotgrün

Und was machte die rotgrüne NRW-Landesregierung in dieser Situation im Jahre 2005? - Sie stimmte dem massiven Ausbau der Urananreicherungsanlage in Gronau zu, sodass die zu verarbeitende Kapazität verdreifacht wird! Schade. Wer hätte das für möglich gehalten?

Als Folge dieser rotgrünen Entscheidung wird zur Zeit in Gronau mit dem Bau einer Halle für 60.000 Tonnen Uranmüll begonnen. Zukünftig können von Gronau aus rund 35 Atomkraftwerke in aller Welt mit angereichertem Uran versorgt werden.

Gronau 2011Damit verbunden sind zwangsläufig immer mehr Urantransporte. Diese erfolgen mit LKW-Konvois oder mit Sonderzügen. So wurde beispielsweise am 2. Mai 2011 ein Sonderzug mit Uranhexafluorid im Bereich des Gronauer Bahnhofs beobachtet. Der Sonderzug bestand aus 11 Waggons. Erfahrungsgemäß hat jeder Waggon 50 Tonnen Uranhexafluorid geladen, demnach enthielt der Transport vermutlich 550 Tonnen Uranhexafluorid. Diese Uran-Fluor-Verbindung ist radioaktiv und reagiert bei Freisetzungen zu Flusssäure. Umweltschützer fordern das Verbot dieser Transporte, weil im Ernstfall die Bevölkerung nicht geschützt werden kann. Die Transporte erfolgen ohne Ankündigung und ohne Polizeischutz. Das hochgefährliche Material durchquert ungesichert Dörfer und Kleinstädte, aber auch Großstädte wie Köln und Düsseldorf. Die Seeverladung erfolgt in Hafenstädten wie Hamburg und Rotterdam.

Uranhexafluorid-Transporte durch Hamm

Auf dem Weg nach Gronau wurden in den letzten Jahren zahllose Züge mit Uranhexafluorid auf dem weitläufigen Gelände des Hammer Verschiebebahnhofs abgestellt und umgekoppelt. Wir als Bürgerinitiative Umweltschutz Hamm haben in Flugblättern die Anwohner auf die damit verbundenen Gefahren aufmerksam gemacht, die Züge auch des Nachts beobachtet und ihre Weiterfahrt nach Gronau den münsterländer Initiativen gemeldet, damit gewarnt und demonstriert werden konnte. Da es in Deutschland kein sicheres Endlager gibt, werden riesige Mengen von Atommüll in Gronau gelagert werden müssen.

Nach der Katastrophe in Fukoshima haben sich die Proteste gegen Atomkraftwerke massiv ausgeweitet und die Bundesregierung gezwungen, langfristig aus dieser gefährlichen Energieform auszusteigen. Die UAA in Gronau ist allerdings nicht Bestandteil dieses begrenzten, zeitlich auf 10 Jahre gestreckten "Ausstiegs", obwohl diese Anlage die allererste die Grundvoraussetzung für die weitere Atomkraftnutzung darstellt.

15.000 Menschen demonstrierten gegen die UAA!

Durch eine große Kraftanstrengung gelang es der Umweltschutzbewegung, die bisher wenig beachtete UAA Gronau für kurze Zeit in das Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. Am 25. April (Tschernobyljahrestag) 2011 demonstrierten nicht sieben oder 27 Demonstranten wie in früheren Jahrzehnten, sondern 15.000 Menschen gegen diese Anlage!

Gronau 2011Inzwischen wird ein Teil des entstehenden Atommülls nach Frankreich transportiert. Mehrere Störfälle u. a. mit einem verstrahlten Arbeiter lassen aufhorchen. RWE und E.On bekommen kalte Füsse und wollen ihre Anteile an der UAA möglicherweise verkaufen. Im NRW-Koalitionsvertrag hatte Rot-Grün noch 2010 versprochen, die erteilte Betriebsgenehmigung für die UAA-Gronau wieder zurückzunehmen. Jetzt passiert das genaue Gegenteil: Die Kapazität der Anlage wird verdreifacht. Die rotgrüne Landesregierung zog im Juli 2011 ihren Antrag im Bundesrat, alle Anlagen der Kernbrennstoffspirale stillzulegen, still und leise zurück!

Gleichzeitig warnte in diesem Sommer NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft in "Der Westen" vor einem angeblich übereilten "Hauruck-Ausstieg" aus der Atomkraft und suchte den Schulterschluss mit der FDP. Bereits im Jahre 2004 hatte Kraft als NRW-Ministerin für Wissenschaft und Forschung in einem Brief an die BI Umweltschutz Hamm klargestellt, dass sie die millionenteure Forschung und Weiterentwicklung der THTR-Linie ausdrücklich befürwortete.

Eines zeigt die Erfahrung deutlich: Industrienahe PolitikerInnen wie Kraft "überzeugt" man nicht durch gute Argumente, sondern durch Massenmobilisierung, gewaltfreie, direkte Aktionen und zivilen Ungehorsam. Lässt dieser Druck auch nur für drei Wochen nach, erhält man sofort die Quittung. - Es hilft alles nichts: Der Kampf gegen Atomanlagen muss konsequent weitergehen!

Anmerkung:

FUgE-News erscheint in einer Auflage von 3.000 Exemplaren in Hamm. FUgE bedeutet "Forum für Umwelt und gerechte Entwicklung e. V." Die Bürgerinitiative Umweltschutz Hamm ist, wie etwa 30 andere Gruppen auch, Mitglied bei FugE.

 

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