Aus: "Schwarzer Faden", Nr. 12, 3/1983

THTR-Demo:

Ökologische Kohletechnologie statt Atomkraft in NRW

THTR-Demo 1983Am 17. 9. 1983 beteiligten sich 3.000 Bürger an der Demonstration gegen den THTR. Die Bürgerinitiativen werteten diesen Tag als Erfolg, wenngleich die überregionale Beteiligung aus NRW äußerst gering ausfiel. Bemerkenswert war das rege interesse der Hammer Bürger.

Normalerweise bekommt man in Hamm allerhöchstens 300 bis 400 Leute auf die Beine - diesmal waren es schätzungsweise Tausend aus Hamm. Eine Störung der Hammer Ratssitzung wegen dem nicht offengelegten Katastrophenschutzplan und besonders die Besetzung des "lnformationszentrums" der VEW (Verinigte Elektrizitätswerke Westfalen) haben in der Vorbereitungsphase für Aufmerksamkeit gesorgt. Zwar wurden seit 1976 Dutzende von Aktionen gegen Atomanlagen durchgeführt, doch das alles konnte regional wie überregional keine gesteigerte Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit bewirken. Erst die Probeläufe im Herbst dieses Jahres und die drohende Inbetriebnahme Ende 1984 ließen die Medien und große Teile der GRÜNEN einmal kurz aufhorchen.

Bereits seit 1978 wird laufend gegen Teilerrichtungsgenehmigungen geklagt und Verfassungsbeschwerde eingelegt. Nach dem Anfangserfolg eines mehrwöchigen Baustopps verschleppen die Gerichte die anstehenden Verfahren. Unter den Mitgliedern der Bürgerinitiativen setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch, daß allein auf dem juristischen Wege der THTR nicht mehr zu stoppen sein wird und man schreitet zur Tat: Für 10 Stunden wurde am 7. 9. 1983 das direkt neben dem Atomkraftwerk gelegene „Informationszentrum“ der VEW von 16 Mitgliedern der Bürgerinitiative besetzt.

THTR-Demo 1983Die VEW und die Polizei reagierten völlig überrascht, sind sie doch bisher mit einer mehr als zahmen Umweltschutzbewegung konfrontiert worden. Die Aktion lief zur vollen Zufriedenheit der Besetzer ab: Das überregionale Presseecho war unerwartet groß. die Aktiven wurden ermutigt und setzten mit Eifer die Demonstrationsvorbereitungen fort.

Das Motto des Demonstrationsaufrufes hieß "Für ökologische Kohletechnologie statt Atomkraft in NRW!” Vor den Zechen in Hamm, Ahlen und Dortmund wurden Flugblätter verteilt, die besonders die Bergleute ansprachen. Wir haben Kontakte hergestellt zur „Initiative Bergbaubeschäftigte gegen Atomkraft" und auch zur "Revier - Zeitung für das Ruhrgebiet". Trotzdem steht die von uns angestrebte Verbindung zwischen ökologischen Forderungen und den Interessen der Bergleute auf einen menschenwürdigen Arbeitsplatz erst am Anfang, obwohl sie angesichts drohender Zechenstillegungen und ökonomischer Krise in NRW dringend notwendig ist.

Während der Demo-Vorbereitung merkten wir recht deutlich, daß der 17. 9. als Termin nicht unproblematisch war. Die Sommerpause und die von uns ungewollte Konkurrenz zu den friedensbewegten Herbstaktionen machten uns erheblich zu schaffen - aber den Termin der Probeläufe haben wir uns nicht aussuchen können und eine Demonstration nach einer vollständigen Inbetriebnahme ist sicherlich nicht so sinnvoll.

Besonders viel Kraft verwendeten wir auf die überregionale Mobilisierungsarbeit. Dabei machte sich der Rückgang der Antiatomkraftbewegung recht schmerzhaft bemerkbar. Selbst in den Städten in der Nähe von Hamm gab es in den seltensten Fallen organisatorische Strukturen‚ an die man sich hätte wenden können! Als einzige Hoffnung blieben die GRÜNEN übrig. Auch hier erlebten wir manch böse Überraschung. Zwar gab es sie in jeder kleineren Stadt, doch oft stimmten die Adressen nicht mehr oder niemand fuhlte sich dafür zuständig, ausgerechnet zum THTR etwas zu organisieren.

Flugi: THTR-Demo 1983Und wie es bei den GRÜNEN "unten" aussah, so war es "oben" im Landesverband erst recht. Bei unseren Bemühungen um Pressekonferenzen und Lautsprecherwagen gingen wir gänzlich Leer aus. Auf lächerliche 2 000 DM Unterstützungskredit mußten wir Wochen warten und erhielten das Geld erst nach der Demonstration. Bedenkt man, daß die GRÜNEN sich noch vor wenigen Jahren gerade aus dem Widerstand gegen Atomanlagen heraus gebildet haben, so ist ihr heutiges chronisches Desinteresse am Widerstand gegen Atomanlagen recht verwunderlich. Haben sie nicht begriffen, daß es einen Zusammenhang zwischen militärischer und scheinbar ziviler Nutzung der Atomtechnologie gibt?

Nun, wenigstens einige Gruppen in NRW - darunter auch grüne - haben fur die THTR-Demo mobilisiert. Aber trotz ihrer Werbung wurden in der Regel nur wenige Busfahrkarten verkauft, sodaß sie es vorzogen‚ die Busse abzubestellen und mit ein oder zwei Autos zu kommen.

Nachdem zu Beginn der Auftaktkundgebung der Platz bedenklich leer erschien, füllten sich die Reihen des Demonstrationszuges doch auf die stattliche Anzahl von 3 000 Demonstranten. Der Zug ging zuerst durch eine Bergleutesiedlung. Die Anwohner waren reichlich verblüfft und nahmen, recht bereitwillig unsere Flugblätter an - eine so große Demonstration hat es in Hamm noch nicht gegeben! Ein Stückchen weiter kamen wir an einem Fußballplatz vorbei, wo wir Fußballspieler und Zuschauer auf uns aufmerksam machen konnten. Es war ein bunter Zug mit 5 Treckern und einigen hundert Radfahrern und die Bläsergruppe "Atemgold 09" aus Dortmund sorgte auf der Demostrecke für gute Stimmung. Eine kleine Gruppe mit einem "schwarzen Block" tat sich besonders am Kraftwerksgelände durch ihre Aggressivität und ihre zur Schau gestellte Militanz hervor. Die Mehrheit der Demonstranten empfand dieses Verhalten nicht angemessen und mißbilligte es.

In den Reden auf der Abschlußkundgebung wurde die Möglichkeit eines unbeherrschten Dampferzeuger-Unfalls vor Augen geführt, die zu einer Gefährdung des gesamten östlichen Reviers fuhren kann. Die Redner kritisierten weiterhin, daß eine zweite Sicherheitshülle beim Reaktor fehlt, um die bei Leckagen freiwerdende Radioaktivität zurückzuhalten und kein zweites unabhängiges System zur Nachwärmeabfuhr vorhanden ist.

Zum Abschluß der Kundgebung wurden vor dem Kraftwerk 80 Holzkreuze mit Radioaktiv-Zeichen und Eichenbäumchen gepflanzt. Auf dem Rückweg (wiedermal!) kam es noch zu einem unerfreulichen Zwischenfall‚ als von einem Treckeranhänger ein harmloses Ei auf ein Polizeiauto fiel. Auf die Demonstranten wurden Hunde gehetzt, einer im Graben verprügelt und verletzt, drei vorläufig festgenommen!

Flugi für die Bergleute 1983Am gleichen Tag fand übrigens in Hamm der CDU-Sonderparteitag "Energiepolitk und Umweltqualität" statt. Zur großen Überraschung wurden von einigen Delegierten die Strahlenberechnungen der Atomwirtschaft angezweifelt und ein Delegierter bekannte freimütig, daß seine beiden Kinder gerade auf der Demonstration gegen den THTR seien und es auch ihm angesichts eines fehlenden Katastrophenschutzplanes allmählich mulmig wird. Die energiepolitischen Sprecher der CDU reagierten daraufhin beleidigt.

Für die Hammer Umweltschützer war die Demo ein Schritt nach vorne mit dem gezeigt wurde, daß es gerade in dieser Region eine allmählich stärker werdende Opposition gegen den Atomkurs gibt. Der relative Erfolg wird aber zum Teil dadurch getrübt, daß wir nun wissen, daß wir trotz erheblichen Aufwandes unsererseits nur von wenigen und kleinen Gruppen außerhalb Harnms unterstützt werden.

Auf schnelle inhaltliche Klärungsprozesse bei großen Teilen der GRÜNEN und des BBU zu warten und zu hoffen, scheint mir nicht ratsam zu sein. Denn bis diese ein wirksames Resultat zeigen, wird der THTR längst vollendet und in Betrieb gehen. Unsere einzige Chance besteht darin, Hamm noch viel stärker als bisher durch direkte Aktionen zu einem Kristalisationspunkt des Widerstandes zu machen. Die gute Zusammenarbeit mit einigen Dortmunder Umweltschützern während der letzten Aktionen zeigt, daß nur eigenes selbstbewußtes und zielgerichtetes Handeln uns mit Menschen zusammenbringen wird, die ihrerseits in der Lage sein werden, uns auf eine ebensolche Art und Weise zu unterstützen. Unser gemeinsamer direkter Widerstand, unsere Prozesse und auch die finanziellen und technischen Schwierigkeiten der Betreiber beim Bau des THTR stellen eine Anhäufung von Problemen dar, die den THTR letztendlich doch noch zu Fall bringen können!

Anmerkung:

Dieser Artikel erschien ebenfalls in folgenden Zeitungen:

+ "Grünes NRW Info", Nr. 10, 1983

+ "Umweltmagazin" (Zeitschrift des BBU), Nr. 5 (34), 1983

+ "AK - Arbeiterkampf", Nr. 238, 3. 10. 1983

+ "Distel - Das Hammer Stadtblatt", Nr. 5, Oktober 1983

 

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