Aus: "afrika süd", Zeitschrift zum südlichen Afrika, Nr. 6, 2006

Goldgräberstimmung (Uranabbau in Namibia)

"Hurra Huran!" jubelt das Internetportal "Börsenwelt" enthemmt. In den kommenden 15 Jahren erwartet sie, dass weltweit 140 neue Atomkraftwerke ans Netz gehen und der Uranpreis in schwindelerregende Höhen steigt, da die langjährigen Verträge zwischen Minengesellschaften und Atomkraftbetreibern auslaufen und es zu erheblichen Preissprüngen kommt.

In Namibia befinden sich zahlreiche Uranlagerstätten, von denen bisher nur die Rössing-Mine seit 1970 abgebaut wird und auf diese Weise sieben Prozent des Weltbedarfs gedeckt wurde. Seitdem der Uranpreis steigt und Minen mit einer geringeren Uranausbeute rentabel arbeiten können, wird die Oberfläche Namibias regelrecht durchsiebt durch Probebohrungen profitgieriger internationaler Konzerne.

Die Errichtung vieler weiterer Uranminen wird zur Zeit konkret vorbereitet. Schon nach der Inbetriebnahme der zweiten Uranmine wird Namibia nach Australien und Kanada zum drittgrößten Lieferanten der Welt aufsteigen. Und das ist erst der Anfang. Es herrscht Goldgräberstimmung in Namibia.

Rössing: angeprangert und verhätschelt

Die Geschichte der ersten Uranmine kann durchaus als wechselhaft bezeichnet werden. Die etwa 65 Kilometer vom Küstenort Swakopmund liegende Mine baut im Tagebau ab und stand von Anfang an unter heftiger Kritik. UmweltschützerInnen monierten die gefährliche Staubentwicklung, verseuchtes Sickerwasser und gigantische Gesteinsbewegungen. Allein die wöchentliche Förderung von 1,75 Millionen t, auf Güterwaggons verladen, würde einen Zug von der Länge Hamburg - München füllen.

Die schlechte Behandlung der namibischen ArbeiterInnen und ihre mangelnde gesundheitliche Betreuung während des südafrikanischen Apartheidregimes sorgte für Kritik aus dem Lager der Befreiungsbewegungen. Durch den niedrigen Urangehalt der Rössing-Mine war es schon damals äußerst schwierig, die tatsächlich geförderten Uranmengen nachzuvollziehen und eine Abzweigungskontrolle durchzuführen.

Seit 1970 beteiligte sich die deutsche Bundesregierung mit 6 Millionen DM an den Erschließungskosten der Mine. 30 % der bundesdeutschen Atomreaktoren wurden mit Namibia-Uran beliefert. Die deutsche "Urangesellschaft", die zu 66 % den staatlichen Firmen Steag (Essen) und Veba (Bonn/Berlin) gehörte, besaß größere Anteile an der Mine. Der britisch-australische Konzern Rio Tinto Zinc (RTZ) ist Hauptbetreiber von Rössing. RTZ selbst gehörten 18 % der deutschen Skandalfirma NUKEM in Hanau.

Das seit über 100 Jahren bestehende Unternehmen bedient sich bei der Durchsetzung seiner Interessen vorzugsweise der Unterstützung von Diktatoren. Spaniens Diktator Franco ließ streikende Bergarbeiter von Rio Tinto erschießen, und in Chile stieg der Konzern erst ein, nachdem Allende beiseite geräumt war. Pikanterweise besitzt der Iran seit 1976 ebenfalls größere Anteile an der Rössing-Mine.

Während Rössing noch vor knapp drei Jahren wegen der damals niedrigen Uranpreise und der geringen Urangehalte im Gestein vor dem Aus stand, wird nun durch die veränderte Situation bis zum Jahr 2020 gefördert. Die Betreiber verweisen selbstbewusst auf die Schaffung von insgesamt 918 Arbeitsplätzen und auf ca. 500 Lieferanten der Mine. Während vor der Unabhängigkeit die Befreiungsorganisation Swapo wortreich Missstände bei Rössing anprangerte, ist die Uranindustrie inzwischen zum Hätschelkind der ehemaligen RevolutionärInnen geworden. Der heutige Arbeitsminister sowie der Vorsitzende des namibischen Nationalrates gehören zu den bekanntesten ehemaligen Angestellten der Uranmine.

Uranmine "Langer Heinrich"

"Was soll da noch anbrennen, wenn Ruhe im Land herrscht?", fragt rhetorisch ein Spekulant-Blogger in der Debatte "Wie wär's denn mit nem bisschen Uran?" auf der Ariva-Homepage. Die australische Minengesellschaft Paladin Resources Ltd hat sich bereits im Jahre 2002 die Abbaurechte beim Gebirgszug "Langer Heinrich" gesichert.

Die offene Mine, die im Tagebau Uran fördern wird, liegt mitten in dem Naturschutzgebiet Naukluftpark. Earthlife Africa Namibia und die Menschenrechtsorganisation NSHR hatten gegen dieses Vorhaben protestiert, weil es das Naturschutzgebiet gefährdet. Um die immense Staubentwicklung beim Gesteinsbruch in Grenzen zu halten, sind 1,5 Mio. Kubikmeter Wasser allein für diese Mine notwendig, das in einer 83 km langen Wasserleitung mit mehreren Pumpstationen herbeigeführt werden muss. Paladin Resources ist damit in dem trockensten Land südlich der Sahara der viertgrößte Wasserverbraucher!

Da die namibischen UmweltschützerInnen der im März 2005 offiziellen Umweltverträglichkeitsprüfung wenig Vertrauen schenkten, wurde von ihnen eine weitere in Auftrag gegeben und veröffentlicht. Namibias Bergbauminister Nghimtira diffamierte sie mit dem Vorwurf "Extern finanzierte Zivilgesellschaft vergiftet Atmosphäre" (Allgemeine Zeitung, 28. 10. 2005). Denn die Studie wurde vom Öko-Institut durchgeführt und von der Heinrich-Böll-Stiftung finanziert. Wie tief kann eine ehemalige Befreiungsorganisation denn noch sinken, dass sie zu solchen Methoden greift?

Am 22. September 2006 begannen die Testläufe der Erzbrecher im Naturschutzgebiet. Im Dezember wird hier das erste Uran gewonnen. Die Mine soll 17 Jahre in Betrieb bleiben. Schon jetzt hat sich der Aktienwert von Paladin Recourses verneunfacht.

"Vielleicht bringt ja nen Regierungswechsel nochmal ein paar Cent für die Uran-Euphorie!!", schwärmte letztes Jahr ein besonders gieriger bundesdeutscher Uranspekulant auf einer Bloggerseite. In Namibia herrscht ein großes Gedränge um die letzten Fleckchen Erde, die es nach Uran zu durchwühlen gilt. Nach dem historischen Kolonialzeitalter wird jetzt die Welt von den Bergbaukonzernen ein zweites Mal aufgeteilt.

Trekkopje

Die UranMin Namibia, eine Tochter von Gulf Western Trading, erwarb das 30.000 Hektar große Gelände in dem Gebiet Trekkopje, etwa 70 Kilometer nord-östlich von Swakopmund. Bereits in den 70er Jahren wurde hier das Urangestein untersucht. Im Mai 2006 wurden 96 Bohrlöcher geschlagen und Proben entnommen. Das Uran liegt direkt unter der Erdoberfläche. Die südafrikanische Firma Turgis Consulting führt zur Zeit eine Machbarkeitsstudie durch. Die öffentlichen Informationsversammlungen zu dem Projekt sind verschoben worden. Auch hier gibt es gravierende Probleme mit der Wasserversorgung, die geklärt werden müssen, um eine Genehmigung bei den Behörden zu erhalten. UranMin möchte am liebsten schon 2008 mit dem Uranabbau beginnen.

Marinica

Der australische Konzern West Australian Metals (WME) hat im April 2005 in der Nähe der bestehenden Rössingmine vom namibischen Bergbauministerium die Genehmigung für eine Anteilsmehrheit am Marinica-Projekt erhalten. Es handelt sich hier um einen 17 Kilometer langen und bis zu 800 Meter breiten Mineralgesteinskanal. Wenn das Umweltministerium zugestimmt hat, wird mit der Machbarkeitsstudie begonnen.

Bannermann

Die auch im benachbarten Botswana aktive Firma Bannermann Mining Resources Namibia mit Sitz in Australien will ebenfalls im Naturschutzpark Naukluftpark bei Goanikontes eine Uranmine ausbeuten. Das betroffene Gebiet liegt an einer Haupttouristenroute durch den Park und hat deswegen für Unruhe unter den Touristikunternehmen gesorgt. Bereits im Mai 2005 hat Bannermann das Gebiet erworben. Das Umweltministerium hat bereits im Juli 2006 die Zulassung für die Machbarkeitsstudie erteilt.

Cape Cross, Aus, Warmbad

Die sich neu auf dem Markt positionierende kanadische Firma Xemplar Energy führt seit Anfang 2006 umfangreiche Explorationsprogramme in den Gebieten Cape Cross (385.000 Hektar, übrigens eine Robbenkolonie), Aus (327.600 Hektar) und Warmbad (470.000 Hektar) durch, die laut Eigenwerbung bisher sehr erfolgreich waren. Reißerisch ködert der Newcomer auf dem namibischen Uranmarkt potentielle Aktionäre mit "explosiven Potentialen", einem "explosiven Umfeld" und will die Entwicklung "aggressiv vorantreiben" ("Performance"-Werbung in Spam-Mail vom 6.6.2006). Was der Firma nicht schwer fallen dürfte, schreibt sie doch in ihrer Werbung: "Namibia ist der Uranindustrie extrem positiv gestimmt und bietet die besten Rahmenbedingungen für Uranbergbau weltweit." Mit der britischen RAB Capital ist eine der größten Rohstofffondsgesellschaften der Welt bei Xemplar Energy eingestiegen. Ein untrügliches Zeichen, wohin die Reise geht.

Valencia

Durch einen geschickten Schachzug ist es dem kanadischen Konzern Forsys Metals gelungen, Zugriff auf zahlreiche geologische Daten Namibias zu erhalten, die für den Uranabbau wichtig sind. Das Unternehmen ist eine strategische Partnerschaft mit Ongopolo, dem Rechtsnachfolger von Gold Fields Namibia, eingegangen. Ongopolo ist seit Jahrzehnten ein bedeutender Betreiber von Minen und Bergbauanlagen in Namibia. Forsys hat einen 90 %-Anteil an der Lizenz für das Abbaugebiet Valencia erworben, Ongopolo bleiben noch 10 %. Auf diese Weise kann der kanadische Konzern auf historische Untersuchungen der Jahre 1977 bis 1989 zurückgreifen. Die Lagerstätte Valencia befindet sich nur 35 Kilometer vom großen Vorbild Rössing und 40 Kilometer von Langer Heinrich entfernt. Öfter als monatlich werden die Ergebnisse der aktuellen Uranbohrungen im Minengebiet von Valencia auf der Forsy-Homepage euphorisch abgefeiert. Das Projekt befindet sich in der Vorstufe zur Machbarkeits- und Wirtschaftlichkeitsstudie.

Strahlende Zukunft

Der große Andrang auf die potentiellen Uranminen-Gebiete führt zu Problemen bei der Bearbeitung der Vergabe von Abbaulizenzen im Ministerium für Bergbau und Energie. Immer mehr Ministeriumsmitarbeiter, insbesondere diejenigen, die für ihre Ausbildung öffentliche Stipendien erhalten haben, wandern als Geologie/Uran-Spezialisten in den lukrativen Privatsektor ab.

Inzwischen geben sich auch russische und chinesische Wirtschaftsdelegationen in Namibia die Klinke in die Hand, um sich einen Teil der Uranausbeute für die einheimische Nuklearindustrie zu sichern. Rössing liefert bereits für chinesische Atomkraftwerke und knüpft damit an alte "antikolonialistische" Freundschaften zu Zeiten des Befreiungskampfes an. Dies führt zu Ängsten bei den Nachfahren der deutschen Kolonialherren. Die Uranindustrie wird aber vom Grundsatz her nicht kritisch hinterfragt. Russland bietet als Tausch für das begehrte Uran den Bau eines neuen Atomkraftwerkes in Namibia an.

Seit dem Störfall und den Schlampereien im südafrikanischen Atomkraftwerk Koeberg im Herbst 2005 kommt es immer wieder zu Stromlieferungsproblemen nach Namibia und folglich zu Stromabschaltungen.

Plötzlich steht Stromsparen hoch im Kurs, und einige Menschen denken sogar laut über Alternativenergie nach. Die erste Windkraftanlage wurde inzwischen fertiggestellt. Vielleicht liefert sie ja bald den Strom für eine Pumpanlage, die Wasser zu den Uranminen leitet?

Anmerkung:

Ausführliche Infos zum Uranabbau in Namibia befinden sich ebenfalls in den THTR-Rundbriefen Nr. 100, 101, 103, 106 und 107. Sie sind einsehbar unter www.reaktorpleite.de

 

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