Aus: "Solarzeitalter. Politik, Kultur und Ökonomie Erneuerbarer Energien", Nr. 2, 2007

Die Renaissance eines Pleitereaktors

Als 1989 der Thorium Hochtemperatur Reaktor (THTR) in Hamm-Uentrop nach nur vier Betriebsjahren stillgelegt wurde, hatte kaum jemand erwartet, dass diesem Reaktortyp als Bestandteil der IV. Generation neuer Atomkraftwerke heute eine weltweite Renaissance wiederfahren würde.

Die schier endlose Kette von Störfällen, nur insgesamt 423 Volllasttage Laufzeit, technische und finanzielle Probleme und nicht zuletzt die rustikal-gewaltfreien Zufahrtsblockaden der örtlichen "Bauern und Verbrauer" in den Jahren 1986 bis 1988 haben zur Stilllegung des Pleitereaktors geführt. - Und in der nachfolgenden Zeit eine neue Generation von Umweltschützern zu der trügerischen Annahme verleitet, sich in Zukunft nie wieder um dieses Thema kümmern zu müssen.

Heute bestehen mehrere internationale Netzwerke zur Entwicklung der Hochtemperaturreaktor (HTR) -Linie. Sogar im ursprünglichen Herkunftsland NRW wird fleißig weitergeforscht und viele Firmen im Ruhrgebiet verdienen Millionen Euro an Export und Weiterentwicklung dieser Technologie. Auch unter rotgrünen Regierungszeiten im Bund und im Land NRW arbeiteten BRD-Forscher eifrig weiter, verkauften Lizenzen und Know how aus dem "Ausstiegsland" ins Ausland und sorgten für prall gefüllte Auftragsbücher bundesdeutscher Unternehmen.

Internationale Geschäfte

In China wurde im Jahre 2001 ein kleiner HTR-Versuchsreaktor im militärischen Sperrgebiet bei Peking unter reger Anteilnahme von deutschen Förderern und Entwicklern eingeweiht. In diesem Jahr wird mit dem Bau eines HTR-Leistungsreaktors auf der Halbinsel Shandong begonnen. Das war bis 1914 altes deutsches Kolonialgebiet. Am deutschen Reaktor-Wesen soll die Welt genesen!

Schon zu Apartheidszeiten machte Klaus Knizia von den VEW Dortmund dem diktatorischen Regime in Südafrika den THTR schmackhaft, der hier Pebble Bed Modular Reactor (PBMR) heisst. Die ehemalige Befreiungsbewegung ANC hatte als spätere Regierungspartei nichts besseres zu tun, als die nuklearen Ambitionen ihrer Vorgänger weiterzuführen. Die Dortmunder Firma Uhde baut an der nuklearen Brennelementefabrik für den PBMR mit. RWE NUKEM (inzwischen übernommen von dem Finanzinvestor Advent) produziert Teile der Brennelemente. Und SLG Carbon aus Wiesbaden das Graphit hierfür. Die Essener Hochdruck Röhrenwerke (EHR), Zweigwerk Dortmund, liefern die Rohre für den Reaktor. -

Atomkraft "Made in Germany"!

Nach 1945 flüchteten viele Nazi-Wissenschaftler über die "Ratten-Linie" nach Argentinien und Brasilien. Sie halfen dort mit, die Nuklearforschung aufzubauen. Nach dieser "Übergangsstation" kehrten Einige zehn Jahre später nach Deutschland in das Kernforschungszentrum Jülich zurück, das die HTR-Linie entwickelte. Die Verbindungen zu den beiden Ländern wurden gehalten. Heute sind Argentinien und Brasilien an einer internationalen Kooperation zur HTR-Forschung beteiligt. In Argentinien befinden sich große Monazitvorkommen, aus denen Thorium gewonnen werden kann. - Die Vergangenheit ist nicht vergangen, sondern wirkt weiter.

Die EU setzt auf Generation IV

Außer in den USA, Japan und einer Reihe anderer Länder, ist das Interesse innerhalb der EU an der HTR-Linie groß. Das 6. Europäische Rahmenprogramm von 2003 bis 2007 hat diese Sparte gefördert. Nutzniesser waren die Forschungszentren Jülich und Karlsruhe, die mit EU-Geld im "Ausstiegsland" BRD an der Atomkraft weiterforschen konnten. Bei der Beschlussfassung hätte die deutsche Regierung ein Veto einlegen können. Hat es aber nicht, informierte die Europäische Kommission.

Vielleicht liegt das auch an der gar nicht so verdeckten Lobbyarbeit der Atomfreunde in Brüssel. Der Bochumer Professor Franz-Joseph Wodopia sprach sich als ehemaliger umweltpolitischer Sprecher der Gewerkschaft IGBCE in seiner Rede auf der Wintertagung des Deutschen Atomforums 2005 für den THTR aus. Alles ist nachzulesen in der Zeitschrift "atomwirtschaft" (atw). Der rührige Professor ist Mitglied des Generalsekretariats der Europäischen Union, das den Beschlussfassungsprozess der EU-Institutionen "begleitet"! Das Ergebnis kennen wir.

Im Jahre 2006 hat Frankreich wichtige Vorentscheidungen zum Ersatz des veralteten Reaktorparks durch Reaktoren der IV. Generation getroffen. Der international agierende Konzern AREVA, zu dem auch 6.000 deutsche Mitarbeiter von Siemens und KWU gehören, wird diese Entscheidung zufrieden aufgenommen haben.

NRW setzt auf nuklearen Wasserstoff

Wer so nah an den Brüsseler Fleischtöpfen sitzt und in so naher Nachbarschaft zum Nuklearland Frankreich liegt, der möchte daraus auch Kapital schlagen. Immerhin liegt mit Jülich in NRW das größte europäische, interdisziplinäre Forschungszentrum Europas. Und das hat den THTR entwickelt. Mit einer nuklearfreundlichen CDU/FDP-Koalition in NRW müsste doch etwas zu machen sein - trotz "Ausstieg". Gibt es eine Möglichkeit, die sensible Öffentlichkeit in einer energiepolitischen Umbruchsituation im Unklaren über den tatsächlichen Kurs zu lassen, den Atomausstieg formal beizubehalten und trotzdem seine nuklearen Ziele weiterzuverfolgen?

Der findige Innovationsminister Pinkwart und die Wirtschaftsministerin Thoben haben einen Weg gefunden, der sogar hervorragend mit der Politik der EU übereinstimmt. Das neue Zauberwort heißt Wasserstoff und hat in den letzten Jahren bereits unzählige EU-Millionen verschlungen. Wasserstoff kann als Sekundärenergieträger in konventionellen Kraftwerken, durch Alternativenergie oder aber durch Atomkraftwerke hergestellt werden. Seit mehreren Jahren arbeitet das Forschungszentrum Karlsruhe durch die EU hochsubventioniert an einer engen Verzahnung von Nuklear- und Wasserstofftechnologie.

Institute mit und ohne kerntechnische Wurzeln werden vom FZ Karlsruhe im Rahmen des Europäischen Exzellenz-Netzwerkes "Hysafe" koordiniert. Innerhalb ihrer wissenschaftlichen Publikationen wird unumwunden die nukleare Option gleichberechtigt neben allen Anderen berücksichtigt. Die an diesem Projekt beteiligten Wissenschaftler entscheiden in einem Koordinations-Komitee und einem Beratergremium selbst, ob sie mehr in Richtung Nuklear- oder Alternativenergie forschen werden. Der Ausstiegsbeschluss spielt offenbar keine Rolle mehr.

Mit den Ministern Pinkwart und Thoben hat die nukleare Wasserstofftechnologie in der NRW-Landesregierung zwei wichtige unermüdliche Förderer. Gerade in diesem Bundesland wird versucht, die in Hamm gescheiterte HTR-Technologie mit der Wasserstoffproduktion zu koppeln. Die nuklear produzierte Energie soll in einem Paralellkreislauf zusätzlich noch ein Edelgas aufheizen und Wasserstoff produzieren. Dieses gekoppelte nuklear-chemische System greift prozessbedingt ineinander und birgt zusätzliche Gefahren in sich. Die hohe Explosionsgefahr im chemischen Teil wirkt sich auch auf den nuklearen aus. Die eingesetzten Produktgase könnten radioaktiv verseucht werden. Die effektive Speicherung von Wasserstoff ist nach Aussagen von vielen Wissenschaftlern noch weitgehend ungelöst. Die extrem kleine Zündenergie von Wasserstoff (20 mal geringer als Benzin oder Erdgas!) führt zu gravierenden Sicherheitsproblemen und Explosionsgefahr bei Wasserstoffautos, Garagen und Depots. Doch trotz dieser Probleme muss diese Energieform propagandistisch dazu herhalten, die Atomkraft als CO2-frei und umweltverträglich darzustellen. Außerdem werden Fördergelder aus dem Bereich erneuerbarer Energien geschickt zur Atomkraft zurückgeleitet.

NRW spielt nukleare Vorreiterrolle In NRW wurden bereits viele NRW-Mittelstandsbetriebe im Rahmen dieser Wasserstoffinitiative gefördert. Nur ein Problem mussten die wackeren NRW-Atomfreunde noch lösen. In dem Forschungszentrum Jülich und an der RWTH Aachen drohte die Forschung an der HTR-Linie wegen Überalterung und Pensionierung der zuständigen Professoren auszulaufen. Im letzten Jahr wurden deswegen mit der Hilfe von RWE Power und ThyssenKrupp (wozu Uhde gehört) 4 Professuren neu eingerichtet, um an der Atomenergie weiterzuforschen. Kostenpunkt: 3, 5 Millionen Euro. Die historische Chance, die AKW-Entwicklung in NRW zu beenden, wurde vertan.

Statt dessen hat Pinkwart entgegen den Beschlüssen der Bundesregierung eine beispiellose Propagandaoffensive für den Neubau von Generation IV-Generatoren gestartet. Eine speziell eingesetzte Atom-Arbeitsgruppe sondiert jetzt zusammen mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung neue Einsatzmöglichkeiten und Vorstöße, wie man die lästige Beschlusslage der Großen Koalition umgehen kann. Denn der Bund muss natürlich mit ins Atom-Boot geholt werden, weil er 90 Prozent der Anteile am Forschungszentrum Jülich besitzt.

Die militärische Dimension

Die Weiterentwicklung der HTR-Technologie impliziert noch eine weitere Dimension, die auch von vielen Kritikern der Atomenergie wenig beachtet wird. Seit 1990 sind in der Elbmarsch 16 Kinder an Leukämie erkrankt; vier von ihnen sind bereits verstorben. Es ist die weltweit größte Häufung von Blutkrebs an einem Ort.

Die in Geesthacht ansässige Gesellschaft zur Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schifffahrt (GKSS) geriet in den Verdacht, geheime kerntechnische Experimente zur Herstellung von Miniatombomben durchgeführt zu haben, bei denen es 1986 zu einem folgenschweren Unfall gekommen sei. Verschiedene in der Umgebung anwesende Zeugen haben die Explosion gesehen.

Seit 1992 wurden in der Umgebung von Geesthacht Kleinstkügelchen von etwa einem halben Millimeter Durchmesser gefunden. Sie enthalten Uran, Thorium und Plutonium. Diese Inhaltstoffe geben wichtige Hinweise auf den eingesetzten Brennstoff und den Forschungsgegenstand. Die zuständigen Landesregierungen in Niedersachsen und Schleswig-Holstein versuchten 15 Jahre lang, den Skandal zu vertuschen und verwiesen auf Tschernobyl-Radioaktivität und "Flugasche" von weltweiten überirdischen Atombombenversuchen.

Unabhängige Gutachter fanden jedoch heraus, dass die Kügelchen schon einmal in der Nähe der nuklearen Brennelementefabrik Hanau gefunden wurden, wo es ebenfalls im Jahre 1987 zu einer Explosion gekommen ist. Hier wurden die Kugelbrennelemente für den 1989 stillgelegten THTR in Hamm-Uentrop hergestellt. Die Kügelchen sind Bestandteil seines nuklearen Brennstoffes gewesen. Mehrere Wissenschaftler vermuten, dass in Geesthacht an einer Weiterentwicklung von Hochtemperatur- und Hybridreaktoren in Verbindung mit Wasserstoffbomben geforscht wurde. Durch Laserbeschuss dieser Kügelchen wollte die GKSS - so die Vermutung - nukleare Miniexplosionen auslösen.

Bereits in den 80er Jahren hatte der spätere Leiter der bundesdeutschen Reaktorsicherheitskommission, Lothar Hahn, auf die Gefahr einer militärischen Nutzung der HTR-Technologie hingewiesen. Zehntausende von den bereits oben genannten radioaktiven Kleinstkügelchen befinden sich in der sechs Zentimeter Durchmesser umfassenden Brennelementekugel des THTR, die seinen nuklearen Brennstoff darstellt. Hunderttausende dieser Kugeln sind für den Betrieb notwendig. Lothar Hahn beschrieb schon damals, dass es ohne Probleme technisch möglich wäre, ein Teil der unmarkierten Kugeln abzuzweigen und durch Blindelemente auszutauschen. Auf diese Weise könnte innerhalb einer kurzen Zeit das Material für eine Atombombe zusammenkommen.

Wenn im Jahre 2010 der PBMR mit deutscher Hilfe fertiggestellt sein wird, ist es das oberste Ziel der südafrikanischen Regierung, diese Reaktorlinie in sogenannte Schwellenländer zu exportieren. Entsprechende Kontakte zu Interessenten bestehen seit langem. Immer mehr Länder erhalten auf diese Weise die Möglichkeit, Atombomben zu bauen. Ich hoffe nicht, dass das ausgeprägte Dessinteresse an dieser brisanten Problematik eines Tages zu einer Katastrophe führen wird.

 

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