Aus: Graswurzelrevolution Nr. 334, Dezember 2008

Bakunin im Zentralabitur!

Die letzten übriggebliebenen Vertreter der 68er Generation in der Zentralabiturprüfungs-Kommission haben noch einmal zugeschlagen und die Brandfackel der Revolte in die Hände debattierfreudiger GymnasiastInnen gegeben: Textauszüge von Michael Bakunins "Das Knutogermanische Kaiserreich und die soziale Revolution" fanden ihren Weg in das Zentralabitur (Grundkurs Philosophie) und sollten bearbeitet werden: "Stellen Sie die Fragestellung und die zentrale These Bakunins dar und erarbeiten Sie den Argumentationsgang des Textes."

Dafür gab es 26 Punkte. -- Nun gut, für den gleichen Arbeitsgang mit der Hobbeschen Staatstheorie spendierte Vater Staat 30 Punkte. Gewisse Unterschiede in der Gewichtung waren bei der Punktvergabe wahrscheinlich nicht zu vermeiden, solange die Mitglieder der Abiturprüfungskommission ihr Gehalt von der Nachfolgeorganisation des Knutogermanischen Kaiserreichs erhalten.

Punkte hin, Punkte her, ergötzen wir uns daran, welch bemerkenswerte Worte das Ministerium für Schule und Weiterbildung der Jugend mit auf den Weg gab: "Ich bin ein leidenschaftlicher Vertreter der Freiheit, die ich für das einzige Milieu halte, in welchem die Intelligenz, die Würde und das Glück der Menschen sich entwickeln und wachsen können; -- nicht jener ganz formellen, vom Staat aufgezwungenen, zugemessenen und reglementierten Freiheit, vom Staat der ewigen Lüge, die in Wirklichkeit nie etwas anderes vertritt, als das Vorrecht einzelner, gegründet auf die Sklaverei aller [...]."

Und was machten die GymnasiastInnen nach Kenntnisnahme des aufrührerischen Textes? -- Sie wickelten Lehrerautos mit Klopapier ein. Oder überreichten Futterpatenschaften für Hängebauchschweine an "verdiente" LehrerInnen. Von einer Häufung von Aufstandsversuchen und direkten Aktionen nach den Abiturprüfungen 2008 ist jedenfalls nichts bekannt geworden.

Vielleicht lag diese Zurückhaltung auch daran, dass die Verfasser der an sich wegweisenden Abituraufgabe mit folgender Anmerkung eine doppelte Prüfung ihrer Zöglinge verbanden, indem sie in der allerletzten Anmerkung für potentielle Nachahmer das Schicksal Bakunins warnend hervorhoben: "Er beteiligte sich intensiv an den revolutionären Bewegungen seiner Zeit, was ihm etliche Verurteilungen in mehreren Staaten Europas und eine Zeit in sibirischer Verbannung einbrachte." Sowas wirkt anscheinend auch heute noch sehr abschreckend.

 

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