Aus: "Distel. Das Hammer Stadtblatt" , Nr. 12, 1984

Vorsicht Anarchist! (Erinnerung an Augustin Souchy)

Auf den Tisch des Trotzdem-Verlags flatterte eines Tages folgende Bestellung einer Buchhandlung: "Einmal Souchy: Achtung Terrorist!" - Im ersten Moment sprachlos, war klar, das Buch "Vorsicht Anarchist!" war gemeint.

Wieder mal hatte sich ein Opfer medialer Desinformation unfreiwillig geoutet. Denn heutzutage besteht gar nicht mehr die Notwendikeit‚ anarchistische Literatur zu verbieten - die Marginalisierung und Ausgrenzung läuft viel subtiler. In der Regel ist sie gekennzeichnet durch Doppelmoral. Sie äußert sich z. B. bei einer Tageszeitung darin‚ daß im Feuilletonteil der Anarchismus einerseits als eine bedeutende freiheitliche kulturelle Strömung gewürdigt wird. So geschehen im "Westfälischen Anzeiger" durch ein wohlwollendes Portrait des Schriftstellers Erich Mühsam.

Andererseits wird im tagespolitischen Teil mit um so stärkeren Geschützen aufgefahren, falls ein Anarchist in der politischen Auseinandersetzung eine Rolle spielen sollte. In dem künstlerischen Ghetto soll er sich selbstverwirklichen dürfen. Macht er sich jedoch daran, seine Vorstellungen in die Realität umzusetzen, wird er zur Zielscheibe blindwütiger Attacken. – Zuckerbrot und Peitsche sind hier kein Gegesatz mehr, sondern ergänzen sich wunderbar: Eine Presse, die ihrem Eigentümer und nicht der Wahrheit verpflichtet ist, kann sich auf diese Weise auch noch den Mantel besonderer Liberalität umhängen. Das wenige, was an Wahrheit in den Massenmedien zu finden ist‚ geht in einem Meer von Belanglosigkeiten und in der Darstellung oberflächlicher Geschäftigkeit unter.

Nicht in Vergessenheit geraten sollte die Erinnerung an Augustin Souchy. Er war ein Mann, der an Revolutionen und Revolutionsversuchen in vielen Teilen der Erde lebendigen Anteil genommen hat und dessen Erfahrungen als Chronist und Zeitzeuge wir für die Zukunft nutzen sollten. Augustin Souchy war ein Verfechter eines Politik- und Kulturverständnisses‚ daß in Deutschland gesamtgesellschaftlich schon immer in einer Außenseiterrolle befand und nicht selten im Widerspruch zur herrschenden Lehrmeinung der Linken stand.

Selbstverwaltung und dezentraler Organisationsaufbau, Ablehnung von autoritären Vorstellungen und jeglicher Herrschaft, Befürwortung direkter Aktionen als Mittel der politischen Auseinandersetzung - diese anarchistischen Ideen fließen heute in einer erstaunlichen Breite in die Arbeit von Bürgerinitiativen und Selbsthilfegruppen ein. Nur zu gerne wird dabei vergessen, daß ein solches Politikverständnis seine historischen Wurzeln im Anarchismus hat.

Vor 120 Jahren war die Arbeiterbewegung in Europa in ihrer Mehrheit noch "bakunistisch" geprägt; der marxistische Flügel war in der Minderheit. Nach dem 1. Weltkrieg schließt sich Souchy der anarchosyndikalistischen Gewerksschaft "Freie Arbeiter Union" (FAUD) an, die zu diesem Zeitpunkt mit 200.000 Mitgliedern und der Beteiligung an zahlreichen Betriebskämpfen den Höhepunkt ihrer politischen Bedeutung erreicht.

Kommunistische Konterrevolution

1920 fährt Souchy als deutscher Delegierter der 3. Internationale in die Sowjetunion, führt eine Unterredung mit Lenin und trifft Kropotkin. Souchy verschaffte sich bei dieser Reise einen Einblick in die politische Situation des Landes. Mit Schrecken sieht er, daß seine freiheitlichen Ideale hier nicht verwirklicht wurden. Die von den Arbeitern übernommenen Fabriken wurden der Kontrolle der Räte entzogen und der staatlichen Zentralverwaltung unterstellt.

In seinem Buch "Wie lebt der Arbeiter und Bauer in Rußland" kritisierte Souchy diese Zustände. Alle sozialistischen und freiheitlichen Gruppen, die sich der Diktatur der bolschewistischen Partei nicht beugten, wurden zerschlagen und Zehntausende ihrer Anhänger ermordet. Der Kronstädter Matrosenaufstand zur Verteidigung der freien Räte wurde von der kommunistischen Regierung 1921 blutig niedergeschlagen, der anarchistschen Bauernbewegung in der Ukraine erging es nicht anders.

Libertäres Spanien

Nach dem Sieg des Faschismus in Deutschland konzentrierten sich die Hoffnungen vieler Sozialisten und Anarchisten auf Spanien. 1936 wurde dort von den Linken der Putschversuch Francos gegen die Republick vereitelt und in zwei Dritteln des Landes eine soziale Revolution in Gang gesetzt, wie sie bisher nirgendwo stattgefunden hat. Augustin Souchy verkündet als Rundfunkreporter in mehreren Sprachen den Sieg über Franco und übernahm die Informationsarbeit für das Ausland.

In seinem Buch "Nacht über Spanien" hat er die Erfahrungen mit den Kollektivierungen in der Industrie und auf dem Land in allen Einzelheiten beschrieben. Während an der Front gegen die Faschisten gekämpft werden mußte‚ übernahmen Arbeiter und Bauern alle Aufgaben, die bisher der unternehmerischen oder staatlichen Kontrolle unterworfen waren, in eigener Verantwortung.

Die Kollektivierungen wurden nicht einheitlich durchgeführt, sondern richteten sich nach den örtlichen Bedingungen und den Wünschen der Menschen. Es wurde niemand gezwungen, einem Kollektiv beizutreten. Die landwirtschaftlichen und industriellen Kollektive vernetzten sich miteinander und regelten überörtliche Probleme auf Kongressen und Versammlungen.

Die von der Sowjetunion mit Geld, Waffen und "Beratern" unterstützte kommunistische Partei Spaniens versuchte die Kollektivierungen rückgängig zu machen, übernahm schrittweise die republikanische Staatsmacht und ließ andersdenkende Sozialisten und Anarchisten ermorden. Der von Italien und Deutschland unterstützte Faschismus besiegte nach über drei Jahren Kampf die soziale Revolution dann endgültig.

Mexiko, Cuba und Israel

Über Frankreich kann Souchy fliehen und wandert nach Mexiko aus. Dort fand er als Journalist und Bildungsexperte für die Gewerkschaften ein Betätigungsfeld, denn von der revolutionären Umwälzung der Jahre 1911 bis 1917 waren noch einige Reste übriggeblieben. 1948 bereist er das erste Mal Cuba. Als 1960 die reaktionäre Diktatur gestürzt wurde und sich bald eine neue "Kommunistische" etablierte, widmete er seine Arbeit auch den politisch Verfolgten des Regimes.

Neben ausgedehnten Reisen in Lateinamerika besuchte er mehrmals die Kibbuzim in Israel. Er traf dort seinen Geistesverwandten Martin Buber und forschte nach und schrieb auf, was aus den sozialistisch/anarchistisch inspirierten Gemeinschaften geworden ist.

Vorbehalte gegenüber 68er Rebellen

1966 ließ er sich in München nieder und führte seine Vortragstätigkeiten trotz seines hohen Alters weiter. Mit der aufkommenden Studentenbewegung und ihrer antiautären Revolte in den 60er Jahren verband ihn nicht nur die Hoffnung auf einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Umbruch in der BRD - er hatte mit ihr auch Schwierigkeiten. Er sollte mit seinen Vorbehalten Recht behalten, denn die spontane Rebellion der 68er zerlief sich: Ein Teil ging in die Institutionen, ein anderer zog sich in die Privatsphäre zurück oder suchte ihr Heil in autoritär-zentralistischen kommunistischen Splittergrüppchen‚ die sehr schnell scheiterten.

Augustint Souchy versuchte damals oft vergebens, der neuen Linken klarzumachen, daß die antiautoritären Grundstimmungen nur dadurch sinnvoll umgesetzt werden können, indem sie in funktionsfähige dezentrale Organisationsstrukturen eingebettet sind. Souchy bemühte sich ebenfalls, die in der Öffentlichkeit forciert in Umlauf gebrachte Gleichsetzung von Anarchismus = Terrorismus richtigzustellen.

Es war die Absicht der Herrschenden, daß neben den Vertretern eines aussichtslosen und abenteuerlichen bewaffneten Kampfes auch die sozialen Bewegungen und Bürgerinitiativen als kriminell abgestempelt und zum Abschuß freigegeben werden sollten. Dies ist nichts Neues. In dem Kampf zwischen Anpassung und Auflehnung gegen ungerechte Zustände wird von Seiten des Staates und seiner publizistischen Helfershelfer mit Gewalt und Demagogie eingegriffen.

Trotzdem hat Augustin Souchy bis zu seinem Tode am 1. Januar 1984 unbeirrbar für einen Sozialismus in Freiheit gekämpft. Er wußte, dass nur Teilziele auf dem Weg dorthin zu erreichen sind. Auch in Zukunft werden antiautoritäre Bewegungen durch ihre bloße Existenz die Selbstgefälligkeit und Arroganz der Feinde der Freiheit empfindlich stören.

Bücher Augustin Souchys im Trotzdem Verlag:

- "Vorsicht Anarchist!" Politische Erinnerungen

- "Nacht über Spanien" Ein Tatsachenbericht

- "Reise durch die Kibbuzim"

- "Erich Mühsam" Sein Leben, sein Werk

Anmerkung:

Das Bild oben entstammt einer vom Schwarzen Faden Anfang der 80er Jahre herausgegebenen Postkartenserie und zeigt eine Gruppe von Anarchosyndikalisten in den 20er Jahren. Ganz vorne sitzt Augustin Souchy auf dem Fußboden.

 

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